Archiv für Januar 2010

The Vaders + Driftwood Fairytales + Salty Cheeks + Paraquat + Narcolaptic + weitere

23.1.10 – JZ Essen
Alleine auf Konzert ist ungefähr so spannend, wie bei Columbo mitzufiebern, wer der Täter ist. Dazu noch, wenn man von sieben angekündigten Bands nur eine wirklich sehen möchte. Als ich dann um acht (!!!) viel zu früh am JZ Papestraße ankam, hatten wohl schon zwei Bands musiziert und Narcolaptic quälten gerade die Instrumente. Recht langweiliger Punkrock mit rotzbesoffenen Mitstreitern. Im Publikum Leute mit Schalke Schals. Ekelig! Kommunikation über Fußball. Einzig die Information, dass St. Pauli Aachen besiegt hatte, war an dem Set erbauend. Also wieder raus, vorbei an den Ordnern, die … die was eigentlich? Bei ca. fünfzig zahlenden Gästen zwei oder drei Ordner abzustellen kann doch nicht mehr als eine Arbeitsbeschaffungs- oder Resozialisierungsmaßnahme sein! Oder rechnete hier wirklich jemand mit Ausschreitungen? Vielleicht aber auch Angst vor mitgebrachtem Bier, was ja ganz gefährlich beißen kann! „Hast Du Flaschen dabei?“ – „Nein, aber Dein Chef hat welche am Eingang abgestellt.“ Darf man aber auch nicht mehr sagen, bloß noch denken.
Driftwood Fairytales, mit dem Gitarristen von Francesco und Leuten von F-Three, waren dann ganz netter Punkrock, der mich ein wenig an die NoIdea Bands erinnerte. Den Jungs sollten auf jeden Fall Bands wie Against Me!, The Gaslight Anthem, Off With Their Heads etc. ein Begriff sein. Im Nachhinein definitiv Highlight des Abends, weil überraschend gut.
Paraquat dann direkt von draußen verfolgt, langweilige Rockmusik. Den letzten Song noch von Innen betrachtet und festgestellt, dass – von den Bands die ich gesehen habe – in dieser immerhin die einzige Frau musizierte, am Schlagzeug. „It’s not just boys fun!“ … naja, oder vielleicht doch? Salty Cheeks fingen dann mit äußerst tanzbarem Indierock an, da aber die Band aus Essen, weil sie vor dreißig Freunden spielte, einen auf Rockstar machen musste, bin ich direkt wieder raus. Bevor ich jemandem noch mein Plastikbecher Malzbier an die Hirse donnere und dann von Ordnern vermöbelt werde, lieber den Weg des geringeren Widerstands gehen. Im Anschluss Vaders waren dann gut, aber um meine Laune aufzuhellen, reicht dieser hymnische Streetpunk leider auch nicht. Scheinbar nette Junge, netter Musik, not more. Danach sofort nach Hause, noch eine Band brauchte ich nicht.

Feuchtgebiete Trockenlegen

Feuchtgebiete trockenlegen

Irgendwie bin ich in der Domstadt gestrandet. Zugverspaetung, dann Totalausfall, den Termin verpasst, Wochenende im Arsch. Zu Fuss durch die Nacht und auf eigene Kosten nach einem billigen Hotel suchend, werde ich nicht fuendig. Egal, Sommer! denke ich und miete ein Schliessfach fuer meine Habseligkeiten, taetige alle wichtigen Telefonate und mache mich auf zum Sonic Ballroom. Vielleicht findet dort ein Konzert statt, hoffe ich, erwische aber den einzigen Abend ohne Unterhaltungsprogramm. Dafuer wird Koelsch gekippt.

Dünne Reagenzgläser gefüllt mit Inhalt, der an der eigenen Lethargie kratzt. Wie ein Jucken auf der Seele. Ein Typ mittleren Alters sitzt neben mir, stürzt betrübt Schnäpse und wir kommen ins Gespräch. Er sei Philosoph, sagt er mir und ich entgegne, dass ich auch häufig beim Saufen philosophiere. Er seufzt und säuft. Das höre er öfter, vor allem in Kneipen, murmelte er in Richtung der drei Reagenzgläser vor ihm.
Ich entschuldige mich, bemerke eher als Kompliment gemeint, dass er mich an jemanden aus dem Fernsehen erinnert. Wieder ein tiefes Seufzen. Dann zieht er einen Schnaps und das letzte Glas Kölsch leer. „Das höre ich auch häufiger“, murmelt er. Sollte ich ihm jetzt sagen, dass er mich an Roger Willemsen erinnert?
Mein Bier braucht eine letzte Widmung, dann ist es leer. Bier ist nicht die Aufmerksamkeit wert, die man es ihm häufig schenkt. Kölsch noch weniger. Also entscheide ich mich, zu zahlen, mir ein sommerliches Plätzchen am Rhein zu suchen und auf einer Parkbank ein paar Stunden Schlaf zu finden, um mich am nächsten Tag in Richtung Heimat aufzumachen. Beim Rausgehen spüre ich den Alkohol und denke mir: „Scheiße, jetzt biste angefixt.“ Also auf dem Weg zur U-Bahn noch ein Zwischenstopp am nächsten Kiosk, wo ich zwei große Bier bestelle. Dann weiter in Richtung U-Bahn, wo der Roger Willemsen-Verschnitt schon steht und sich mit einer zierlichen Emo-Tussie mittleren Alters unterhält. Sie ist eine Mischung aus Klischee-Betty, 80er Heroin-Victim und Emily the Strange. Die Bahn kommt und ich steige ein, setze mich auf einen freien Vierer und die beiden sich mir gegenüber.
Bevor die Türen schließen springt noch jemand in die Bahn. HipHop dröhnt aus seinem Stereo-Handy. Ich blicke mich wütend um, doch er scheint zu breit zu sein. Im Schlepptau zwei Blondinen, die er wohl gerade erst abgeschleppt hat. Roger und Emily the Strange unterhalten sich derweil über deutsche Fernsehproduktionen. Ich nippe an meinem Bier.
„Hier ist Alkohol trinken verboten“, meint die Tussie.
„Mir egal!“ entgegne ich.
Roger schaut mich an. „Kenn ich dich nicht? Machst du Fernsehen?“ Er scheint breit zu sein und unsere Begegnung im Sonic Ballroom vergessen zu haben. Ich schüttele den Kopf.
Dann biete ich ihm aber eines meiner Biere an, da ich sehe, wie drei Türsteher-Typen reinkommen und Leute mit Bierflaschen rauswerfen. Ich verstecke meine. Roger bedankt sich noch, als einer der Kontrolettis ihm auf die Schulter haut.
„Hier ist Endstation, Du Penner.“ Roger winselt erschrocken. Ich grinse und innerlich berste ich fast vor Lachen. Meine Zunge bekommt Abdrücke von meinen Zähnen, die sich hineinbohren.
„Und Du, Punk“, einer der Kontrollettis zeigt auf mich, „Du fliegst auch raus. Dein Bier haben wir auch gesehen. Hier ist nix mit Saufen.“
Bevor ich mich beschweren kann, spricht Emily the Strange: „Das macht nichts. Wir sind eh da.“ Wir?
Die Kontrolettis schmeißen uns mit samt dem Bier raus ohne auch nur einmal nach den nicht vorhandenen Tickets zu fragen. Ich realisiere, billig weggekommen zu sein und trinke mein Bier draußen genüsslich weiter. Der Hip Hopper fliegt samt Blondinen wegen der Lautstärke seiner Musik auch noch raus. Nicht einmal wegen seinem Musikgeschmack. Die Welt ist ungerecht.
„Was geht?“ will er plötzlich von mir wissen. „Was weiß ich“, entgegne ich. Emily sagt: „Wir können alle zu mir, ich habe noch Bier.“
Das lässt sich niemand von dieser bunt zusammen gewürfelten Truppe angefixter Alkoholiker zweimal sagen. „Ich heiße übrigens Charly“, sagt Emily, und ich nenne ihr einen falschen Namen. „Bist Du beim Fernsehen?“, fragt der Typ, der sich als Ferris vorstellt. Am liebsten würde ich ihn blau hauen. Stattdessen stapfe ich hinter Emily oder Charly oder wie sie heißt hinterher in ihre Wohnung. Verdammt viele Stufen, bei denen ihr Hintern unappetitlich vor mir her wackelt. Noch bevor sie aufgeschlossen hat, höre ich mich fragen: „Wo ist denn der Kühlschrank?“
Eine der Blondinen schlägt sich die Hände vor den Kopf und meint: „Das sieht ja aus hier, boah, wie schön. Fast wie bei Charlotte Roche!“
Charly lächelt etwas wohlwollend. „Naja, nicht wirklich, oder?“
Ich finde den Kühlschrank, hole vier Pullen für mich und sehe, wie sich der Typ, der wie Roger Willemsen oder irgendein anderer intellektueller B-Promi aussieht, auf den Boden setzt. „Wenn das hier schon so aussieht“, sagt er, „dann können wir ja auch gleich noch Flaschendrehen spielen.“ Zu meiner Überraschung gibt es allgemeine Zustimmung, symbolisiert durch verschüchtertes Nicken.
„Sind wir nicht hier, um noch ein paar Bier zu zischen?“ werfe ich ein und sehe mich schon langsam nüchtern werdend in einer Runde mit Menschen, die ich nicht mag oder mögen werde. Da können sie mir noch so viele peinliche Details aus ihrem abgefuckten Liebesleben erzählen.
„Wollen wir uns nicht erstmal vorstellen?“ fragt eine Blondine und fängt an. „Kim“, sagt sie, „ich bin Sängerin.“ „Mieze, auch Sängerin.“ „Ferris, bin auch krasser Sänger.“ „Charly, ich arbeite beim Fernsehen.“ „Roger, auch beim Fernsehen. Aber hinter der Kamera.“ „Mika, Diktatorsohn einer südostasiatischen Kleptokratenrepublik.“ Allgemeines Raunen.
„Dann kann es ja losgehen“, freut sich Charly und aller außer mir stimmen ihr zu. Die leere Flasche Edelvodka dreht sich und ich schütte eine Flasche Bier runter. Abwesend betrachte ich Poster und Platten. Cellophane Suckers, Backwood Creatures, Jet Bumpers, Turbonegro, hätte schlimmer sein können. Es läuft leider was von den Babyshambles, wie die Wohnungsbesitzerin mir sagt, als sie mein Interesse bemerkt.
Das Flaschendrehen geht derweil an mir vorüber. Alle anderen erzählen vielleicht pikante, aber wohl doch eher langweilige Details aus ihrem Liebesleben. Analsex und Stellungskriege höre ich heraus. Die Flasche meidet mich. Ich dezimiere das Bier und widme mich der Plattensammlung, bis Charly mich in ein Gespräch über eine überbewertete Rockband zieht. Dadurch verpassen wir beide, wie der nach wenigen Minuten arg genervte Roger Willemsen Verschnitt der blonden Kim eine Pflichtaufgabe gibt. „Spring aus dem Fenster!“
Kim öffnet ein Fenster und steigt auf die Fensterbank. Alle Aufmerksamkeit ist auf sie gerichtet. Wird vielleicht doch noch mal spannend, denke ich mir. Die Wohnungsbesitzerin kann nur noch rufen, dass dies hier der sechste Stock sei, dann verlässt Kim unkonventionell den Raum. Roger lacht gehässig. Der Hip Hopper wird dadurch böse, zieht eine Knarre und ruft: „Die Alte war mein Fick!“ Dann schießt er ihm in den Kopf. „Ich hasse diese Intellektualen. Diese Denker.“ Ich überlege, ob ich ihn „Intellektuelle“ verbessern sollte, sehe aber die rauchende Waffe und lasse es.
„Dann machen wir doch weiter“, ruft Mieze, klatscht in die Hände und dreht die Flasche. Roger sinkt in sich zusammen. Charly zuckt mit den Schultern. „Prominente!“ denke ich.
Die Flasche bleibt auf Ferris stehen. „Wahrheit oder … was war das andere noch?“ fragte Mieze. „Blasen“, raunze ich gelangweilt. Ferris zieht wieder seine Waffe, doch Charly legt ihre Hand auf seine und sagt ruhig: „Nein, nicht Blasen, Mieze. Es heißt Wahrheit oder Pflicht!“
„Ach so, hahaha, da weiß ich schon was. Ich nehme Wahrheit.“ Mieze jubelt und kreischt.
„Nein, Du musst die Frage stellen und Ferris darf sich was aussuchen.“ Charly erklärt ihr erneut die Regeln. „Ach so“, Mieze macht einen Schmollmund und ich sehe, wie Ferris ihr in Gedanken dort seinen dreckigen Penis reinschiebt. „Pflicht“, sagt er gönnerhaft und leckt sich über die Zähne.
Mieze kreischt, völlig grundlos. „Da du vorhin so viel Bohnensalat und Zwiebeln gegessen hast, möchte ich, dass du dir einen deiner Fürze anzündest.“ Sie springt auf, klatscht in die Hände und lacht laut, während sie sich im Kreis dreht. Ferris mault kurz, bekommt einen bösen Blick von Charly, zieht blank, ich lache, dann bückt er sich und furzt.
„Anzünden, anzünden!“ ruft Mieze. Ferris bückt sich erneut, furzt, dreht am Rad des Feuerzeuges und es gibt einen lauten Knall samt Feuerball. Ein Blitz durchzieht das Zimmer. Meine Augen sind geblendet, ich höre kurzzeitig nichts. Meine Nase ist der erste Sinn, der langsam zu sich kommt. Es stinkt bestialisch nach verbrannter Haut und als sich meine geblendeten Augen wieder an das schwummrige Licht gewöhnt haben, ist nur noch der Oberkörper von Ferris zu erkennen, wie er leicht zuckt. Blut klebt überall.
„Der hat sich zu Tode gefurzt“, murmelt Mieze. Charly nickt mich an. Ich nehme die Knarre von Ferris und schieße ihm eine Gnadenkugel in den Kopf. Dann ziele ich auf Mieze. „Sag mal, Mieze, bist Du eigentlich stolz drauf deutsch zu sein?“
Die vorher geschockte Mieze strahlt erneut, springt auf und klatscht sich um die eigene Achse drehend in die Hände. „Deutschland, Deutschland. Schwarzer Cafe, rotes Judenblut und goldene Schallplatten. Deutschland, Deutschland.“ Ein Knall beendet die Darbietung. Die Kugel tritt in ihren Kopf ein und aus. Doch, kein Blut, kein Hirn, nichts spritzt. Nur das leise Geräusch, wenn Sauerstoff irgendwo eindringt, durchzieht den Raum. „Pffffssschttt, pffffffssssscht“. Ich schieße sicherheitshalber noch zehnmal in den Rumpf. Sicher ist sicher. Soll ja auch aussehen, wie Notwehr bei der Los Angeler Polizei.
„Mir reichts, ich gehe jetzt.“ Ich will aufstehen, noch einmal zum Kühlschrank und dann weg, als Charly mich anschaut. „Eine Runde noch, Mika. Dann darfst du soviel Bier mitnehmen, wie du möchtest.“
„Kann ich so oder so! Wie willst du mich denn aufhalten“, ich puste über die Knarre. „Okay, aber denkst du nicht, dass ich eine Runde noch verdient habe, da ich mit der Sauerei hier allein gelassen werde?“
Mist, moralisch bekommt man mich immer. „Aber nur eine Runde.“ Sie dreht die Flasche. Die Flasche eiert und bleibt bei den Überresten von Mieze stehen. Ihre Hände zucken und versuchen noch zu klatschen, dann bricht alles zusammen. „Ich übernehme“, sagt Charly. Ein gelangweiltes „Wahrheit oder Pflicht“ rutscht mir raus. Blitzschnell höre ich: „Pflicht!“
„Mir fällt nichts ein.“ Ich will nur nach Hause und habe keinen Bock mehr.
„Dann zieh eine Karte.“
„Was denn für eine Karte?“
„Von dem Stapel der Karten für das Flaschendrehenspiel, die die Redaktion vorbereitet hat.“ Redaktion? Ich verstehe nur Bahnhof, ziehe aber genervt eine Karte und lese stotternd vor. „Ficke mit einem aus dem Raum.“ Ich blicke hoch, Charly ist schon nackt. „Ähem“, räuspere ich mich, nehme eine weitere Karte. „Ficke mit einem aus dem Raum.“ Panik steigt in mir auf. Nächste Karte! Wieder: „Ficke mit einem aus dem Raum“.
„Hier steht ja überall das gleiche!“ Ich werde sehr unruhig. Charly kommt näher. Se murmelt: „Leck meine Feuchtgebiete“. Mir wird übel, ich sehe Schimmelbefall, Pilze und weiß, in diese abbruchreifen Gemäuer gehen nicht mal Filzläuse.
„Lass mal gut sein. Um diese Feuchtgebiete trockenzulegen braucht es jemanden, der sich mit Gas Wasser Scheiße auskennt.“ Ich nehme die Knarre, stecke sie in den Gürtel, schlendere zum Kühlschrank, nehme soviel Bier wie ich tragen kann und verlasse die Wohnung. Als ich die Tür zu ziehe, sehe ich noch, wie sich Charly gerade an den beiden Kameramännern vergeht, deren Sinn ich schon die ganze Zeit nicht verstanden habe. Aber was soll’s, ich bin nur froh, dass ich nicht ins Fernsehen muss.

Aus Pankerknacker November 2009

Im Namen Gottes

Im Namen Gottes

Sie blickte erneut auf die Uhr oberhalb des Durchgangs zur Küche. Noch eine halbe Stunde, dann hatte sie endlich Feierabend. Die ganze Woche hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet. Sie überlegte kurz und dann stellte sie fest, dass sie selten an einem Freitagnachmittag so nervös gewesen war. Damals als ihr Dylan sie das erste Mal ins Kino ausführte war es ähnlich gewesen. Heute wartete allerdings kein schnödes Kino, kein Becher Light-Cola und kein Popcorn auf sie. Nur noch fünf oder sechs Kaffee für ein paar Fernfahrer, das war alles. Dann musste sie sich beeilen.
Als sie sich ihren Mantel übergeworfen hatte und aus dem warmen Cafe schnellen Schrittes gegangen kam, traf sie die Kälte wie ein Schlag. Sie hatte ganz verdrängt, dass Winter war. Schnee fiel aus den tiefhängenden Wolken und der Wind blies ihn ihr ins Gesicht. Sie hatte für Schnee gebetet, sie liebte Schnee, doch musste es unbedingt heute sein, lieber Gott?
Sie griff an das Kreuz um ihren Hals, schloss die Augen und flüsterte „Gib mir die Kraft!“ in die Kälte und die einsetzende Dunkelheit. Dann ballte sie die Fäuste, als hätte sie gerade das olympische Damen-Tennisturnier gewonnen und bestätigte sich selbst, dass sie das richtige tat. Am Pick-Up angekommen lachte sie schon ihre Sporttasche an und mit einem prüfenden Blick vergewisserte sie sich, dass alles in ihr war, was sie benötigte. Es konnte also losgehen.
Sie fuhr vorsichtig über die glatten, teilweise gefrorenen Straßen in Richtung Boxhalle in Hypocritical-City. Mehrfach starrte sie das Marienbild auf ihrem Armaturenbrett an, immer mit der Unsicherheit, vielleicht doch das falsche zu tun. Doch es gab keinen Einspruch, es gab keinen Einwand, im Gegenteil, irgendwie schien ihr Gott sie weiter aufzuputschen. Sie musste heute gewinnen, nein, sie würde heute gewinnen. An der Boxhalle angekommen sah sie schon den roten Chevy von Dylan. Er wartete schon draußen auf sie. Sie umarmten sich kurz und küssten sich auf den Mund. Noch drei Wochen, dann würden sie heiraten und sie wünschte sich dann sehnlichst Kinder von ihm.
Ihm hatte sie es auch zu verdanken, dass sie jetzt überhaupt hier war. Ein Arbeitskollege hatte ihm den Flyer gezeigt: „Chicken-Fight – unprofessional Women-Fighter. No Rules, Fight until you see a winner!“. Zu erst wollten sie nur als Zuschauer hin. Doch nachdem Dylan ihr den Flyer gezeigt hatte, war es ihr klar. Es war ihre Mission. Sie hatte sich schon immer durch ihr Leben schlagen müssen, immer etwas mollig, immer etwas langsamer als gleichaltrige Mädchen. Doch jetzt gab ihr Gott ihr die Möglichkeit sich zu rächen, einfach mal ein paar gut aussehende Mädchen verprügeln. In ihren Gebeten hatte sie Tag und Nacht für diese Chance gedankt.
„Los, beeil dich, der erste Kampf von Dir ist in einer Viertelstunde. Zieh dich schnell um, meine Prinzessin!“
Dylan küsste sie noch einmal auf die Wange und schob sie mit einer Hand zärtlich aus der Kälte. „Du schaffst es, ich bin bei Dir!“
Sie spürte die Wärme, trat in schnell in die Umkleidekabinen. Dort wimmelte es von sehr angespannt wirkenden Mädchen. Alle schätzungsweise in ihrem Alter oder jünger. 18 – 28 schätzte sie einmal grob und einige von den Mädchen wirkten nicht so, als wären sie freiwillig hier. Nervosität lag in der Luft, man konnte sie amten und schmecken.

Sie suchte sich einen Platz neben der Tür, da sie keine Lust hatte durch den Hühnerhaufen zu waten. Hühner sah sie schon zu Hause genug, scherzte sie in sich hinein. Während sie ihre Sportklamotten aus ihrer Tasche holte versuchte sie abzuschätzen, wie viele Mädchen wohl in ihrer Gewichtsklasse kämpften. Es schienen nicht allzu viele zu sein, obgleich
sie mit ihren 1,70m und den 91 Kilo sicherlich nicht die Größte oder gar die Leichteste war.
„Hey, Bauerntrampel, Du sitzt auf meinem T-Shirt. Schwing Deinen fetten Arsch davon!“ Sie wurde von der Seite angeraunzt, während sie sich gerade ihre Turnschuhe zuschnürte. Auf der Stelle drehte sie sich um und sah das Mädchen an. Lange, hell-braune Haare, klare, blaue Augen, ein hübsches Gesicht, welches leider von dem vielen Make-Up
verdeckt wurde und pralle, rote Lippen. Eine Cheerleaderin, dachte sie für sich, so ein Mädchen, welches immer alle Typen bekommt und genau so ein Mädchen, das Mädchen wie sie immer hänselte.
„Entschuldigung …“ versuchte sie dennoch höflich zu bleiben.
„Jaja!“ sagte das Mädchen mit einer abwertenden Handbewegung, nahm das T-Shirt und verließ den Raum. Vielleicht war sie ihre Gewichtsklasse, das wäre vielleicht ein Spaß, der Mal ins Gesicht zu schlagen.
Als sie fertig umgezogen war, griff sie wieder zu ihrem Kreuz. Einige Mädchen im Raum beobachteten sie dabei, aber das war ihr egal. Sie betete zu ihrem Gott, er möge sie unterstützen und ihr die Kraft geben, die Kämpfe durchzustehen. Sie hatte zwar immer schon Nehmer-Qualitäten besessen, doch nie waren sie so wichtig gewesen wie heute.
Mit einem „Amen!“ stand sie auf und verließ die Umkleide. Dylan war schon am Ring. Er wirkte sehr nervös. „Baby, wenn was ist, dann gib bitte auf, ich möchte nicht,
dass dir was passiert, ok?“ „Gott steht mir bei!“ entgegnete sie nur. Sie war sich sicher. Ihr erster Kampf war gegen so ein Stadt-Mädchen. Wohl gerade vom College gekommen. Es dauerte knappe zwei Minuten, dann lag die Kleine auf den Brettern, der Kampf war beendet.
Da in ihrer Gewichtsklasse nicht allzu viele Mädchen kämpften, hatte sie nun Zeit bis zum Halbfinale, ihrem zweiten Kampf. Sie blickte sich um. Die Boxhalle wurde unter der Woche von vielen Schulen als Turnhalle genutzt. Die Ausrichter hatten versucht es zu vertuschen und sie herzurichten, mit Fahnen, Transparenten, Postern etc. Es war alles am Rande der Illegalität, aber das Preisgeld war mit 1000$ sehr gut. 50$ Startgebühr hatte es gekostet, + 15$ Eintritt für Dylan. Die hätten sie im Falle eines Finaleinzuges wieder heraus bekommen. Ein Kampf nur noch, dann hatte sie dieses Ziel erreicht.
In der Halle saßen und standen viele Menschen. Sie schätzte so um die 400 Personen. Einige kamen ihr bekannt vor, die meisten aber nicht. Sie schauten alle begeistert zum Boxring, wo gerade eine Rothaarige von einer Blonden ziemlich übel zu gerichtet wurde. Ihre Nase blutete und eine Lippe war aufgeplatzt, von dem zuschwellenden Auge ganz
zu schweigen. Die Sanitäter hatten alle Hände voll zu tun, sie sahen allerdings nicht sehr professionell aus. Ein Arzt schien nicht am Ring zu sein. Nun ja, war in der Regel ja nicht nötig.
Ihr Halbfinale folgte nach dem blutigen Kampf der Rothaarigen. Während des Kampfes wäre sie beinahe auf einer kleinen Lache aus Schweiß gemischt mit Blut ausgerutscht. Doch ansonsten hatte sie auch diesen Kampf im Griff. Es dauerte ca. vier Minuten, dann war auch dieser Kampf vorbei. Sie riss die Fäuste hoch, das Publikum klatschte ihr Beifall und sie
stand im Finale. Dylan nahm sie in den Arm. „Ich liebe dich, meine Prinzessin. Du hast sie alle im Griff, du kannst sie alle schlagen. Aber pass beim letzten Kampf besonders auf dich auf, ich will nicht, dass dir was zustößt, ok?“ Sie nickte nur, sie war sich ihrer Sache sicher. Sie ging noch einmal in die Umkleide, denn sie wollte ihr T-Shirt wechseln.
Sie zog ihr „Jesus loves you!“-Shirt an. Ein Jesus-Abbild sollte die Gegnerin angrinsen. Sie mochte zwar keiner Bilder von Gott, aber dieses hatte ihr schon bei schweren Klausuren und bei unmöglichen Sportprüfungen geholfen. Außerdem trug sie es, als sie Dylan kennen lernte. Sie glaubte an die magischen Kräfte des T-Shirts. Als sie sich umgezogen hatte, nutzte sie das Alleinsein in der Umkleidekabine für ein letztes Gebet vor dem Kampf.
„Mein Gott, danke dass Du mich soweit gebracht hast. Ohne Deine Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Unterstütze mich bitte beim letzten Kampf, ich möchte in Deinem Namen als
Siegerin den Ring verlassen. Amen!“ In dem Moment traf ein heller Lichtschein ihr Auge. Sie sah es als Zeichen Gottes an, während in Wirklichkeit die Tür geöffnete wurde und eine Frau hereingetragen wurde. Es war die Rothaarige von vorhin und sie sah aus der Nähe wirklich übel aus. Zwei andere Mädchen legten sie auf eine Bank und versorgten ihre Wunden danach so weit es möglich war.
Im letzten Kampf ging es dann
tatsächlich gegen das Mädchen, welches sie in der Umkleide so angeherrscht hatte. Mehr Ansporn brauchte sie nicht. Der Gong zum Kampfbeginn ertönte und sie lief gleich sicheren Schrittes auf die Gegnerin zu. Gleich zu Anfang setzte sie zwei schwere Kopftreffer, bekam dann einen Schlag auf ihre Nase. Sie spürte, wie etwas Blut auf ihr T-Shirt tropfte. Das machte sie noch wütender und sie drosch auf ihre Gegnerin ein. Links, rechts, links, rechts, links, rechts. Dann bekam sie einen Treffer in den Magen, einen in die Nieren. Sie schlug zurück. „Auf den Kopf“ kam von außen. Sie setzte nochmals zwei schwere Kopftreffer, links an die Schläfe, keine Deckung, zack, rechts auch noch einen. Der weitere Schlag ging ins Leere, ihre Gegnerin brach zusammen. Die hellbraunen Haare lagen auf den Brettern. Das Make-Up war vom Schweiß leicht verlaufen. Verloren, aus!
Sie hatte gesiegt! Das Publikum stand auf, es gab Standing-Ovations. Sie hatte es geschafft, sie hatte gewonnen. Sie hatte mit Gottes-Hilfe gesiegt. Nichts anderes ging mehr durch
ihren Kopf. Sie hüpfte im Ring, während einige Menschen auf sie zustürmten. Der Jubel war scheinbar überall. Dylan war da, er küsste sie. „Ich liebe dich!“ sagte er, dann sagte sie es. Sei weinte vor Glück und kreischte vor Begeisterung. Einmal im Leben hatte sie gesiegt, einmal! „Danke Gott!“ flüsterte sie in die Woge der Begeisterung.
Dylan löste die Umarmung plötzlich um sie. Sein Jubel war verschwunden. In seinem Gesicht stand etwas, was sie nicht deuten konnte. Sie blickte sich um und sah, dass eine kleine Traube Menschen um ihre Gegnerin versammelt war. Sie wirkten alle überfordert, hilflos. Sie schienen verzweifelt, sie redeten oder schrieen nahezu panisch auf sie ein. Keine Regung. Ihr Gott starb genau in dem Moment, als ihre Gegnerin der Hirnblutung erlag.

Erst Veröffentlichung in: Drachenmädchen # 8
Drachenmädchen # 8 hier lesen

Mabuhay

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