Im Namen Gottes
Sie blickte erneut auf die Uhr oberhalb des Durchgangs zur Küche. Noch eine halbe Stunde, dann hatte sie endlich Feierabend. Die ganze Woche hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet. Sie überlegte kurz und dann stellte sie fest, dass sie selten an einem Freitagnachmittag so nervös gewesen war. Damals als ihr Dylan sie das erste Mal ins Kino ausführte war es ähnlich gewesen. Heute wartete allerdings kein schnödes Kino, kein Becher Light-Cola und kein Popcorn auf sie. Nur noch fünf oder sechs Kaffee für ein paar Fernfahrer, das war alles. Dann musste sie sich beeilen.
Als sie sich ihren Mantel übergeworfen hatte und aus dem warmen Cafe schnellen Schrittes gegangen kam, traf sie die Kälte wie ein Schlag. Sie hatte ganz verdrängt, dass Winter war. Schnee fiel aus den tiefhängenden Wolken und der Wind blies ihn ihr ins Gesicht. Sie hatte für Schnee gebetet, sie liebte Schnee, doch musste es unbedingt heute sein, lieber Gott?
Sie griff an das Kreuz um ihren Hals, schloss die Augen und flüsterte „Gib mir die Kraft!“ in die Kälte und die einsetzende Dunkelheit. Dann ballte sie die Fäuste, als hätte sie gerade das olympische Damen-Tennisturnier gewonnen und bestätigte sich selbst, dass sie das richtige tat. Am Pick-Up angekommen lachte sie schon ihre Sporttasche an und mit einem prüfenden Blick vergewisserte sie sich, dass alles in ihr war, was sie benötigte. Es konnte also losgehen.
Sie fuhr vorsichtig über die glatten, teilweise gefrorenen Straßen in Richtung Boxhalle in Hypocritical-City. Mehrfach starrte sie das Marienbild auf ihrem Armaturenbrett an, immer mit der Unsicherheit, vielleicht doch das falsche zu tun. Doch es gab keinen Einspruch, es gab keinen Einwand, im Gegenteil, irgendwie schien ihr Gott sie weiter aufzuputschen. Sie musste heute gewinnen, nein, sie würde heute gewinnen. An der Boxhalle angekommen sah sie schon den roten Chevy von Dylan. Er wartete schon draußen auf sie. Sie umarmten sich kurz und küssten sich auf den Mund. Noch drei Wochen, dann würden sie heiraten und sie wünschte sich dann sehnlichst Kinder von ihm.
Ihm hatte sie es auch zu verdanken, dass sie jetzt überhaupt hier war. Ein Arbeitskollege hatte ihm den Flyer gezeigt: „Chicken-Fight – unprofessional Women-Fighter. No Rules, Fight until you see a winner!“. Zu erst wollten sie nur als Zuschauer hin. Doch nachdem Dylan ihr den Flyer gezeigt hatte, war es ihr klar. Es war ihre Mission. Sie hatte sich schon immer durch ihr Leben schlagen müssen, immer etwas mollig, immer etwas langsamer als gleichaltrige Mädchen. Doch jetzt gab ihr Gott ihr die Möglichkeit sich zu rächen, einfach mal ein paar gut aussehende Mädchen verprügeln. In ihren Gebeten hatte sie Tag und Nacht für diese Chance gedankt.
„Los, beeil dich, der erste Kampf von Dir ist in einer Viertelstunde. Zieh dich schnell um, meine Prinzessin!“
Dylan küsste sie noch einmal auf die Wange und schob sie mit einer Hand zärtlich aus der Kälte. „Du schaffst es, ich bin bei Dir!“
Sie spürte die Wärme, trat in schnell in die Umkleidekabinen. Dort wimmelte es von sehr angespannt wirkenden Mädchen. Alle schätzungsweise in ihrem Alter oder jünger. 18 – 28 schätzte sie einmal grob und einige von den Mädchen wirkten nicht so, als wären sie freiwillig hier. Nervosität lag in der Luft, man konnte sie amten und schmecken.
Sie suchte sich einen Platz neben der Tür, da sie keine Lust hatte durch den Hühnerhaufen zu waten. Hühner sah sie schon zu Hause genug, scherzte sie in sich hinein. Während sie ihre Sportklamotten aus ihrer Tasche holte versuchte sie abzuschätzen, wie viele Mädchen wohl in ihrer Gewichtsklasse kämpften. Es schienen nicht allzu viele zu sein, obgleich
sie mit ihren 1,70m und den 91 Kilo sicherlich nicht die Größte oder gar die Leichteste war.
„Hey, Bauerntrampel, Du sitzt auf meinem T-Shirt. Schwing Deinen fetten Arsch davon!“ Sie wurde von der Seite angeraunzt, während sie sich gerade ihre Turnschuhe zuschnürte. Auf der Stelle drehte sie sich um und sah das Mädchen an. Lange, hell-braune Haare, klare, blaue Augen, ein hübsches Gesicht, welches leider von dem vielen Make-Up
verdeckt wurde und pralle, rote Lippen. Eine Cheerleaderin, dachte sie für sich, so ein Mädchen, welches immer alle Typen bekommt und genau so ein Mädchen, das Mädchen wie sie immer hänselte.
„Entschuldigung …“ versuchte sie dennoch höflich zu bleiben.
„Jaja!“ sagte das Mädchen mit einer abwertenden Handbewegung, nahm das T-Shirt und verließ den Raum. Vielleicht war sie ihre Gewichtsklasse, das wäre vielleicht ein Spaß, der Mal ins Gesicht zu schlagen.
Als sie fertig umgezogen war, griff sie wieder zu ihrem Kreuz. Einige Mädchen im Raum beobachteten sie dabei, aber das war ihr egal. Sie betete zu ihrem Gott, er möge sie unterstützen und ihr die Kraft geben, die Kämpfe durchzustehen. Sie hatte zwar immer schon Nehmer-Qualitäten besessen, doch nie waren sie so wichtig gewesen wie heute.
Mit einem „Amen!“ stand sie auf und verließ die Umkleide. Dylan war schon am Ring. Er wirkte sehr nervös. „Baby, wenn was ist, dann gib bitte auf, ich möchte nicht,
dass dir was passiert, ok?“ „Gott steht mir bei!“ entgegnete sie nur. Sie war sich sicher. Ihr erster Kampf war gegen so ein Stadt-Mädchen. Wohl gerade vom College gekommen. Es dauerte knappe zwei Minuten, dann lag die Kleine auf den Brettern, der Kampf war beendet.
Da in ihrer Gewichtsklasse nicht allzu viele Mädchen kämpften, hatte sie nun Zeit bis zum Halbfinale, ihrem zweiten Kampf. Sie blickte sich um. Die Boxhalle wurde unter der Woche von vielen Schulen als Turnhalle genutzt. Die Ausrichter hatten versucht es zu vertuschen und sie herzurichten, mit Fahnen, Transparenten, Postern etc. Es war alles am Rande der Illegalität, aber das Preisgeld war mit 1000$ sehr gut. 50$ Startgebühr hatte es gekostet, + 15$ Eintritt für Dylan. Die hätten sie im Falle eines Finaleinzuges wieder heraus bekommen. Ein Kampf nur noch, dann hatte sie dieses Ziel erreicht.
In der Halle saßen und standen viele Menschen. Sie schätzte so um die 400 Personen. Einige kamen ihr bekannt vor, die meisten aber nicht. Sie schauten alle begeistert zum Boxring, wo gerade eine Rothaarige von einer Blonden ziemlich übel zu gerichtet wurde. Ihre Nase blutete und eine Lippe war aufgeplatzt, von dem zuschwellenden Auge ganz
zu schweigen. Die Sanitäter hatten alle Hände voll zu tun, sie sahen allerdings nicht sehr professionell aus. Ein Arzt schien nicht am Ring zu sein. Nun ja, war in der Regel ja nicht nötig.
Ihr Halbfinale folgte nach dem blutigen Kampf der Rothaarigen. Während des Kampfes wäre sie beinahe auf einer kleinen Lache aus Schweiß gemischt mit Blut ausgerutscht. Doch ansonsten hatte sie auch diesen Kampf im Griff. Es dauerte ca. vier Minuten, dann war auch dieser Kampf vorbei. Sie riss die Fäuste hoch, das Publikum klatschte ihr Beifall und sie
stand im Finale. Dylan nahm sie in den Arm. „Ich liebe dich, meine Prinzessin. Du hast sie alle im Griff, du kannst sie alle schlagen. Aber pass beim letzten Kampf besonders auf dich auf, ich will nicht, dass dir was zustößt, ok?“ Sie nickte nur, sie war sich ihrer Sache sicher. Sie ging noch einmal in die Umkleide, denn sie wollte ihr T-Shirt wechseln.
Sie zog ihr „Jesus loves you!“-Shirt an. Ein Jesus-Abbild sollte die Gegnerin angrinsen. Sie mochte zwar keiner Bilder von Gott, aber dieses hatte ihr schon bei schweren Klausuren und bei unmöglichen Sportprüfungen geholfen. Außerdem trug sie es, als sie Dylan kennen lernte. Sie glaubte an die magischen Kräfte des T-Shirts. Als sie sich umgezogen hatte, nutzte sie das Alleinsein in der Umkleidekabine für ein letztes Gebet vor dem Kampf.
„Mein Gott, danke dass Du mich soweit gebracht hast. Ohne Deine Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Unterstütze mich bitte beim letzten Kampf, ich möchte in Deinem Namen als
Siegerin den Ring verlassen. Amen!“ In dem Moment traf ein heller Lichtschein ihr Auge. Sie sah es als Zeichen Gottes an, während in Wirklichkeit die Tür geöffnete wurde und eine Frau hereingetragen wurde. Es war die Rothaarige von vorhin und sie sah aus der Nähe wirklich übel aus. Zwei andere Mädchen legten sie auf eine Bank und versorgten ihre Wunden danach so weit es möglich war.
Im letzten Kampf ging es dann
tatsächlich gegen das Mädchen, welches sie in der Umkleide so angeherrscht hatte. Mehr Ansporn brauchte sie nicht. Der Gong zum Kampfbeginn ertönte und sie lief gleich sicheren Schrittes auf die Gegnerin zu. Gleich zu Anfang setzte sie zwei schwere Kopftreffer, bekam dann einen Schlag auf ihre Nase. Sie spürte, wie etwas Blut auf ihr T-Shirt tropfte. Das machte sie noch wütender und sie drosch auf ihre Gegnerin ein. Links, rechts, links, rechts, links, rechts. Dann bekam sie einen Treffer in den Magen, einen in die Nieren. Sie schlug zurück. „Auf den Kopf“ kam von außen. Sie setzte nochmals zwei schwere Kopftreffer, links an die Schläfe, keine Deckung, zack, rechts auch noch einen. Der weitere Schlag ging ins Leere, ihre Gegnerin brach zusammen. Die hellbraunen Haare lagen auf den Brettern. Das Make-Up war vom Schweiß leicht verlaufen. Verloren, aus!
Sie hatte gesiegt! Das Publikum stand auf, es gab Standing-Ovations. Sie hatte es geschafft, sie hatte gewonnen. Sie hatte mit Gottes-Hilfe gesiegt. Nichts anderes ging mehr durch
ihren Kopf. Sie hüpfte im Ring, während einige Menschen auf sie zustürmten. Der Jubel war scheinbar überall. Dylan war da, er küsste sie. „Ich liebe dich!“ sagte er, dann sagte sie es. Sei weinte vor Glück und kreischte vor Begeisterung. Einmal im Leben hatte sie gesiegt, einmal! „Danke Gott!“ flüsterte sie in die Woge der Begeisterung.
Dylan löste die Umarmung plötzlich um sie. Sein Jubel war verschwunden. In seinem Gesicht stand etwas, was sie nicht deuten konnte. Sie blickte sich um und sah, dass eine kleine Traube Menschen um ihre Gegnerin versammelt war. Sie wirkten alle überfordert, hilflos. Sie schienen verzweifelt, sie redeten oder schrieen nahezu panisch auf sie ein. Keine Regung. Ihr Gott starb genau in dem Moment, als ihre Gegnerin der Hirnblutung erlag.
Erst Veröffentlichung in: Drachenmädchen # 8
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