Als ich am zweiten Tag in Folge mit einem brummenden Schädel in die schwüle Mittagshitze Chiang Mais erwachte, kollabierte mein Kreislauf und ich erbrach mich neben das Bett. Dreimal Würgen, zweimal Spucken. Der Geruch des ehemaligen Mageninhaltes war kaum zu ertragen, zumal das rückwärtige Singha-Bier sich zusammen mit dem guten gelben Tofu-Curry und der Magensäure zu einem erschreckenden Matsch vereint hatte, bevor es die thailändische Welt ein weiteres Mal erblicken durfte.
Mit letzter Kraft schleppte ich mich in das Bad meiner Herberge und erbrach mich hoffentlich ein letztes Mal über dem Waschbecken. Kaum noch Bröckchen, fast ausschließlich Flüssigkeit. Ich spülte mir den Mund mit dem Wasser aus dem Plastikkanister neben dem Waschbecken und pisste danach in die Toilette.
Meine Laune erhellte sich ein wenig und ich verließ das Badezimmer. Im Schlafzimmer wischte ich die Kotze notdürftig mit einem durchschwitzten T-Shirt von dem Boden und schaltete die Klimaanlage auf eine erträglichere Raumtemperatur. Meine rechte Hand spielte dazu tapsig mit dem Einstellungsrädchen und mir fielen die schwarzen Finger auf. Doch nicht nur die Finger der rechten Hand! Bei näherer Betrachtung sah ich, dass meine beiden Hände mit einer schwarzen Farbe bedeckt waren. Wie? Warum? Wieso und weshalb?
Einen Moment hielt ich inne, kam aber zu keinem Ergebnis. Wieder einmal erfreute ich mich über einen weiteren Filmriss meines Lebens. Auf dem Bett sitzend und die kühle Brise aus der Raumkühlungsanlage genießend zog ich mir mit dreckigen Händen saubere Socken und ein frisches T-Shirt an. Sprang dann, so elegant es mein Zustand erlaubte, in die Jeans und während ich noch überlegte, wie ich es gestern Abend wieder ins Hotel zurückgeschafft hatte, zog ich die dünnen Vorhänge vor den Fenstern bei Seite.
„Oh, mein Gott!“ Jede Silbe wie ein Schlag in die Fresse. Ich schluckte, spürte erneut den Brechreiz die Speiseröhre hoch kriechen, rannte wieder ins Badezimmer und übergab mich ein weiteres Mal, diesmal lautstark in die Klokeramik. Als nächstes peitschte ich mir Leitungswasser aus der Dusche ins Gesicht und hoffte, nun endlich aus dem alptraumartigen Morgenschlaf erwacht zu sein.
Vorsichtig, mit nassem Kopf und Shirt, näherte ich mich erneut dem Fenster. Mein zaghafter Blick nach draußen bestätigte die Schreckensbilder meines ersten Ausblickes. Das vorhin Erblickte war keine optische Täuschung. Direkt gegenüber meinem Fenster, auf der anderen Straßenseite, prangte ein riesiges Porträtplakat von König Bhumibol, dessen Konterfei nun auf Deutsch die Worte „Du alte Schweinesau“ zierten. Darunter noch ein unmissverständliches „Fick Dich!“ mit einem Ausrufungszeichen. Beides in elegantem Schwarz gepinselt.
Mein Blick senkte sich langsam auf meine schwarzen Hände und Panik stieg in mir auf. War ich es gewesen? Ich begab mich zurück ins Bad und schrubbte die Farbe von meinen Händen bis ich an zwei Stellen Blut sah. Der Ablauf des Waschbeckens füllte sich langsam. Einige Bröckchen meiner Kotze hatten ihn wohl doch verstopft.
„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ fluchte ich vor mich hin, während ich mich wieder auf das Bett setzte und die blutenden Wunden an meinen Händen versorgte. Diese waren allerdings nur noch von untergeordneter Bedeutung, wichtiger war nun, dass keine Farbspuren mehr an ihnen zu finden waren.
Von meinem Fenster aus konnte ich mittlerweile eine kleine Menschentraube erblicken, die sich um die für sie rätselhaften Buchstaben auf dem Königsporträt scherten. „Haut ab! Haut endlich ab!“ murmelte ich leise in meinen Dreitagebart, bis mir bewusst wurde, dass es nur eine Frage der Zeit sein könnte, bis sie jemanden gefunden hätten, der dieses kryptische Gekrakel als Deutsch identifizieren konnte und nur unwesentlich länger würde man brauchen, bis auch die mir unbekannte thailändische Variante dieser Worte im Umlauf wären. Hier, in der Hochburg der thailändischen Traditionalisten und bäuerlichen Anhängern des Königs, würde ich wahrscheinlich durch die Straßen geschleift, gefoltert und dann öffentlich hingerichtet werden. Wenn ich Glück hatte, lief es in umgekehrter Reihenfolge.
Verzweifelt blickte ich ein weiteres Mal auf meine Hände, konnte aber keinerlei Spuren mehr von der schwarzen Farbe entdecken. Also entschloss ich mich, meine Sachen zu packen, an der Rezeption zu zahlen, meine Reisedokumente wieder an mich zu nehmen und mich aus dem Staub zu machen.
Innerhalb von zehn Minuten hatte ich notdürftig alle Klamotten in meinen Reiserucksack gestopft, war die Treppen herunter gelaufen und stand unten an der Rezeption. Auf Englisch machte ich der netten Dame hinter dem Tresen klar, dass ich einen sehr wichtigen Anruf aus meiner Heimatstadt, „London“, bekommen hätte und ich sofort zurück nach „Great Britain“ reisen müsste. Sie schien es zu schlucken, warf keinen weiteren Blick auf meine Reisedokumente, die deutscher nicht hätten aussehen können, und gab mir die 500 Baht zurück, die für den Fall eines Schlüsselverlustes als Pfand dienten.
Mit einem hektischen Griff nahm ich den Rucksack, verließ den Laden und pfiff mir schnell ein Taxi herbei. Dem Fahrer erzählte ich etwas von „Other side of the town“ und er fuhr los. Dabei fuhren wir direkt auf den Tatort zu und schlichen im Schritttempo dran vorbei. Sehr deutlich konnte ich einen dem Aussehen nach europäischen Rentner mit einer wesentlich jüngeren Thaifrau sehen. Dieser Typ trug ein weißes Mercedes-Benz-T-Shirt und hatte dieses gönnerhafte Lachen, als er etwas zu der durchaus hübschen Thailänderin sagte und diese die Worte an zwei Polizisten weiter gab. Der Rentner hielt mir ihr Händchen und für einen Moment erwiderte er meinen Blick aus dem Taxi. Dann fiel mein Blick an ihm herab, weiße Tennissocken und dazu Halbschuhe, vielleicht Sandalen. Zwischen Knollnase und Himmel prangte eine weiße Tropenhutattrappe und überall viel Gold und Blingbling.
Der Taxifahrer registrierte mein Interesse durch den Rückspiegel: „Someone insults the king. I hope the police will get him and punish him very hard. If I caught him, I would cut off his balls. I think only a Farang could have done this crime.“ Der Taxifahrer sprach leicht aufgeregt in gebrochenem Englisch. Allerdings war das, was er sprach, mehr als deutlich.
Apathisch nickend interessierte mich nur eine Frage: Wie lang ist der Arrest für Majestätsbeleidigung in Thailand? Ich fragte vorsichtig beim Taxifahrer nach und brachte dabei meine neue Heimat Großbritannien und die Königin Elizabeth, und ich hoffte inständig, sie wäre noch Königin, ins Spiel. Die Antwort kam so unvermittelt, wie ernüchternd.
„Normally, we should hang him. But if the policemen caught him, it would be a lot of years, a lot of years in thai prison. Did you have ever heard about thai prison?“ Ich log „No“ und überhörte den folgenden Monolog über thailändische Gefängnisse. Die Lust mir meinen Arbeitsaufenthalt mit einem thailändischen Knastaufenthalt zu verlängern war alles andere als ausgeprägt. Was hatte ich nur getan? Was war vorgefallen?
Der Film schien so in den späten Abendstunden zu reißen. Ich erinnerte mich, dass ich erst Essen war mit einer sehr netten Arbeitskollegin. Danach waren wir noch etwas trinken gegangen, bis sie sich irgendwann gegen 22:00 Uhr verabschiedete. Ich hatte am Tresen noch ein weiteres großes Bier, also den 2/3-Liter, in Angriff genommen. Ein Thai setzte sich zu mir. Er schien vermögend zu sein, war wohlgefällig gekleidet und sprach gutes Englisch. Wir unterhielten uns über Bangkok und über Tourismus und orderten den einen oder anderen Schnaps. Auch er verließ mich im Laufe des Abends und irgendwann war ich in einem schäbigen Restaurant oder einer Pinte. Ich erinnerte mich nur noch an Schnaps und Bier. Und ein Kartenspiel, irgendwann. Dann waren alle Erinnerungen wie ausgelöscht.
Nach halbstündiger Fahrt waren wir einigermaßen weit entfernt von meiner alten Behausung und der Taxifahrer ließ mich an einem anmutenden Hotel aussteigen. Es gehörte zu 99 Prozent einem nahen Verwandten oder Freund und er kassierte dafür ganz gut Provision, doch das war mir jetzt so etwas von egal. Ich musste den Knast verhindern und möglichst schnell mit meiner Arbeit fertig werden. Denn mein Gutachten über ein Projekt des Königs, welches er am Fuße des Doi Inthanon, dem höchsten Berg Thailands, errichtet hatte und an dem eine deutsche NGO beteiligte war, sollte spätestens Morgen per Email in Deutschland eintrudeln. Ich hatte also nicht mehr viel Zeit und verließ das neue Hotelzimmer nur noch, um mich mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Zwischenzeitlich warf ich noch Aspirin und nach dem Wirkungsversagen zwei Paracetamol 500 ein. Das Essen schmeckte nach nichts und der Saft war nichts anderes als gezuckertes Konzentrat mit Waschwasser aufgesprudelt. Also genau das richtige für meinen nachlassenden Kater. So konnte ich wenigstens früh schlafen gehen.
Es war ein Schock! Als ich am nächsten Morgen auf der Suche nach einer ertragbaren Zeitung, der Bangkok Post oder „The Nation“, an einem Kiosk mit lokalen Zeitungen vorbeikam, hatte es die Verschandelung des Königportraits auf den Titel gebracht. Dazu ganz viele Zitate, deutlich an den Anführungszeichen zu erkennen. Unserem Außenminister wurde unterhalb eines kleinen Porträtfotos ebenfalls etwas in den Mund gelegt. Panik stieg in mir hoch. Es schien sich um ein Politikum zu handeln und ich musste wohl schnellst möglich in Erfahrung bringen, was die Zeitungen schon verbreiteten. Oh weia.
Ich kaufte sowohl die beiden englischsprachigen Zeitungen, in denen jeweils ein sehr kurzer Artikel über die Vorfälle in Chang Mai und zwei Sätze von dem deutschen Botschafter standen, sowie drei lokale Zeitungen auf thailändisch. Immerhin war meine Tat auf zwei Titeln abgelichtet und vielleicht könnte ich mich irgendwann mal damit rühmen. Irgendwann, wenn ich dieses Land verlassen und wieder in sicheren Gefilden angekommen war. Sogar das unweite Burma schien mir jetzt eine Alternative zu bieten.
Anstatt zu frühstücken ging ich in ein Internetcafé. Der Appetit war mir vergangen. Ich kontrollierte kurz meine Mails, versendete mein durchweg positives Gutachten und suchte spaßeshalber in einer Suchmaschine mit den Begriffen „majesty, insult, thailand, Bhumibol“.
Keine dreißig Sekunden später hatte ich die Informationen, auf die ich doch hätte verzichten können. Meine linke Hand begann zu zittern. Zu fünfzehn Jahren Haft war ein Schweizer wegen Majestätsbeleidigung verdonnert worden. Der Typ hatte betrunken an ein Bildnis von König Bhumibol gepinkelt. Oh man, wenn versehentliches Urinieren schon fünfzehn Jahre einbrachte, dann wollte meine Phantasie nicht wissen, wie eine wirkliche Beleidigung verrechnet werden würde.
Ich suchte weiter und fand heraus, dass zwei jugendliche US-Amerikaner dabei erwischt worden waren, wie sie sich am Strand von Ko Samui mit einem 200 Baht Schein einen Joint angezündet hatten. Nicht nur, dass der Konsum von Drogen hart sanktioniert wurde, auf dem Geldschein war das Konterfei des Königs abgebildet. Den Geldschein zum Zigaretten anzünden zu verwenden stellte ebenso eine Majestätsbeleidigung dar. Pech für die beiden Amerikaner, die Dank einem Geständnis und guten Anwälten nur zehn Jahre gesiebte Luft atmen mussten.
Ein paar Münzen auf den Tresen werfend, dabei bedacht, nicht versehentlich den König zu beleidigen, der glücklicherweise auf keinem Geldstück prangte, klemmte ich die Zeitungen unter die Arme und marschierte aus dem Internetcafé. Kurz vor dem Hotel gönnte ich mir in einem Café einen Schnaps auf den Schock und ging dann zur Rezeption und wollte meinen Schlüssel holen.
„Sir, Mr. Mika?“ Die Dame am Empfang sah mich ernst und entschlossen an.
„Yes, Madam?“
„A policeman asked for you. You are a German, aren’t you?”
Ihr ansonsten freundliches Gesicht schien sich zu einer ernsthaften Grimasse zu verziehen. Beim Einschecken hatte ich meinen Reisepass zeigen müssen, die Geschichte mit dem Engländer würde hier also nicht ziehen.
„Yes, Madam!“
Ich wurde nervöser, vernahm meinen Herzschlag deutlich.
„He is waiting for you in the foyer.“
Ihre hübsche Hand zeigte in eine Richtung. Mein Blick folgte der Hand und ein Mann in Uniform machte schon Anstalten, auf mich zu zukommen.
„Mr. Mika?“
„Yes, hello. How can I help you?“
„Nice to meet you Mr. Mika. I heard about your project at Doi Inthanon. Is the king doing good work there?” Wollte er sich jetzt wirklich über mein Projekt unterhalten?
„Oh, he is doing the best work. I am really surprised, how good it is.” Das war nicht einmal gelogen und ein Lächeln huschte über das Gesicht des Polizisten.
„Mr. Mika, did you sleep in this hotel last night?“ Er kramte unvermittelt drei Fotos aus seiner Tasche. Das erste zeigte eindeutig das Hotel, in dem ich übernachtet hatte. Das zweite zeigte meinen Raum, oder zumindest einen sehr ähnlichen. Auf dem dritten waren aus meinem Fenster die Schmierereien, also der Tatort, aufgezeichnet worden. Leugnen war also sinnlos. Vielleicht würde ich einen guten Anwalt bekommen, vielleicht den der amerikanischen Jugendlichen. Zehn Jahre, naja, könnte schlimmer sein.
„Yes, I stayed in that room.“
Der Polizist musterte mich eindringlich. Mein Herz klopfte. Ich fühlte mich wie in einer alten Folge von Columbo; der Täter stand fest, jetzt war nur noch die Frage, wie er in den nächsten Minuten überführt werden konnte. Denn wenn er mich nicht bekommen würde, würde ich mir den nächsten Flug buchen und zurück nach Bangkok fliegen. Von dort wäre ich innerhalb weniger Stunden ab in einem anderen Land, in einer anderen Welt, in Sicherheit.
„Did you recognize that crime against our king?“
Der Blick des Polizisten war eiskalt. Trotz seiner dunklen Augen durchstieß er mich, wie ein Stilett heiße Butter.
„No, I can’t imagine that.“
Er nestelte erneut an seiner Tasche herum und kramte zwei weitere Fotos hervor. Ein deutscher Rentner und eine jüngere thailändische Frau waren auf dem ersten Foto zu erkennen. Irgendwie kamen die beiden mir bekannt vor. War das nicht der Rentner, der gestern Morgen vor dem beschmierten Plakat stand?
„Do you know one of them?“
“Maybe … I am not sure.” Ich versuchte auf Zeit zu spielen.
„He is the perpetrator.“
„Please? That person is what?“ Ich hatte das Wort nicht verstanden.
„He has done that crime.“
Ein Stein fiel von meinem Herzen.
„We only wanna know, if you know that person. Did you see him in front of that poster?”
“Yes, yesterday morning,” log ich hastig. Konnte das sein? War das Glück mir wieder hold? Oder war das eine fiese Falle des thailändischen Columbo?
“Thank you, Sir, that’s enough. He will be punished very hard. Thank you.“
Ich war erleichtert und nickte. Dieser schmierige Rentner galt als Verdächtiger, als Schuldiger. Ein bescheuerter Sextourist, der die letzten Jahre seines Lebens im thailändischen Knast sicherlich nicht von weichen Frauenhänden massiert werden würde. Aber war er der Täter? Ich selbst hätte das nicht ausschließen können, schließlich war mein Film gerissen. Doch warum hatte ich dann die schwarzen Hände? Der Polizist schien aus dem Hotel zu gehen, hielt dann inne und kam noch einmal zurück.
„One last question, Sir; Why was the can with the black colour found in your room?“
Mir verschlug es die Sprache. Was sollte ich sagen? War ich auf der Zielgerade doch noch eingefangen worden? War ich mir meiner Sache zu sicher gewesen?.
„I, ähm, I, hm, ähm, I found it in … äh … front of my room. Äh, I think, äh, someone lost it and I thought the person, who cleans the room will give it back“, log ich sehr unprofessionell. Doch der Polizist verschwand mit einem breiten Grinsen. Er hatte seinen Täter schon.
aus Shockstar / Nachtfalter #1
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