Arbeitssklave

Der Arbeitstag begann, wie jeder andere auch. Die Sirene läutete das ganze Camp wach. Ein lauter, schriller, ca. eine Minute andauernder Ton, der einem in Mark und Bein ging. Die meisten trotteten behäbig aus ihren harten Betten, warfen die leichten Decken ans Fußende, streckten sich, stiegen auf ihre wackeligen Beine, drehten sich zum Bett, falteten die Decke und begaben sich in den Ankleideraum. Dort wurde sich schnell etwas übergezogen, sich frisch gemacht mit zwei Händen kaltem Wasser und die Zähne gebürstet. Als nächstes wurde der Frühstücksfraß heruntergewürgt, um dann den Tag zu überstehen.
Für ihn begann der Tag anders. Das Schellen der Sirene war Musik in seinen Ohren. Er streckte sich genüsslich auf seiner harten Holzpritsche. Jedes Mal, wenn einer seiner Kollegen sich über das harte Bett beschwerte, tituliert er ihn in seinen Gedanken als „Prinzessin auf der Erbse“. Er mochte das harte Bett. Auch wenn sein Rücken nicht mehr so gut aussah, wie noch damals, als er den Job angenommen hatte. Danach faltete er seine Decke penibel und zog sich an. Erst das Hemd, als nächstes den linken, dann den rechten Socken, die Hose und zuletzt die Schuhe.
Am Frühstückstisch saß er immer am Kopfende des Tisches. Die anderen verteilten sich an der Tafel, nur Neulinge wagten sich in seine Nähe. Die Menschen um ihn herum hassten ihn, seine Zufriedenheit hier. Er war kein Schleimer, kein Begünstigter des Systems. Er war ein Arbeiter wie sie es waren. Doch seine Zufriedenheit kotzte den Rest an. Er mochte sogar das Essen. Das Essen, eine allmorgendliche graue Pampe, die alle auch „Pampe“ nannten, außer ihm. Er benutzte den Ausdruck „Müsli“. Sogar diejenigen, die das Essen austeilten, verachteten ihn dafür. Er argumentierte immer, dass in dem grauen Schleim alles Wichtige für den Arbeitstag enthalten sei, doch keiner glaubte ihm.
Danach ging es raus in die Einöde. Es war wie immer heiß draußen. Die Temperaturanzeige schoss schon kurz nach Sonnenaufgang in schwindelerregende Höhen. Alle wurden auf die Ladeflächen der Pritschenwagen verfrachtet. Fünf Wagen waren es in der Regel. Ab und zu waren hier im Camp mehr Leute, seltener weniger Leute, so dass ein Wagen zusätzlich her musste, oder einer eingespart werden konnte. Die Fahrt war nicht lang. Am Zielort gab es dann Instruktionen. Etwas bauen, aufrichten oder aber etwas graben, ernten oder schlagen. Es war meistens anstrengend und die Wärter waren hier wesentlich präsenter als in dem eigentlichen Camp. Die Wärter hatten meistens Schnauzbärte und ein Gewehr um die Schulter. Viele auch eine weitere Knarre nicht sichtbar in einem Halfter unter dem Hemd. Jeder Revoltierende wurde sofort dafür bestraft. Entweder mit einer extra Portion Peitschenschläge, die über den Tag eh schon zahlreich verteilt wurden, oder aber mit Isohaft, Essensentzug oder der sofortigen Exekution. Für die meisten hier Arbeitenden klang das hart, für ihn nur gerecht. Zucht und Ordnung, dass war es, wofür er das Camp mochte. Ja, vielleicht sogar liebte.
Heute war einmal wieder Graben und Buddeln angesagt. Bewässerungsgräben mussten ausgehoben werden, da das Gebiet demnächst landwirtschaftlich genutzt werden sollte. Gemüse sollte angebaut werden, hatte der Instrukteur gesagt. „Also an die Arbeit.“ Er war nicht mehr der Jüngste, dennoch bekam er als einer der ersten eine Schaufel. Er postierte sich immer vorne bei der Geräteausgabe, denn zum einen wollte er so schnell wie möglich etwas tun und zum anderen waren die zuerst verteilten Geräte meistens die Neuesten.
So war es auch nicht verwunderlich, dass er der erste auf dem neuen Arbeitsgebiet war. Er wartete auf neue Instruktionen, als einer der Aufsichtsarbeiter, wie er sie nannte, Sklaventreiber nannten ihn die Anderen, die Peitsche spüren ließ. „Auf was wartest du denn schon wieder? Jedes Mal das Gleiche!“ Beide genossen die Schläge. Der Aufsichtsarbeiter, weil er die Brutalität gegen die Arbeiter mochte, weil sie Abschaum in seinen Augen waren. Der ausgepeitschte Arbeiter mochte die Hiebe einfach nur so. Das ist die Gerechtigkeit, die mir hier widerfährt, dachte er. Seine Rücken war mit vielen roten Striemen übersät. Das störte ihn nicht. Auch nachts lag er auf dem Rücken. Seine Decke und seine Kleidung konnte ruhig Blut verschmiert sein, er genoss den Schmerz.
Der Arbeitstag dauerte wie immer zwölf Stunden. Die meisten Arbeiter schwitzten in der Sonne und taten nur das Nötigste. Sie versuchten nicht unangenehm aufzufallen, keine Gründe zu geben die Peitsche zu spüren, obwohl nicht einmal das ein Garant dafür war, und die Zeit abzuarbeiten. Wasserpausen und die Mittagspause wurde genutzt, um den geschundenen Körper halbwegs wieder in Form zu bringen.
An dem heutigen Arbeitstag waren nach der halbstündigen Mittagspause nur noch drei Sklaventreiber da. Die anderen beiden mussten noch zu einem anderen Camp. Kurz vor dem Ende des Arbeitstages, der Graben war schon beträchtlich ausgehoben, fehlten an einem Stück des Grabens sieben Arbeiter. Sofort ging einer der Sklaventreiber zu der Stelle. Er rechnete damit, dass die Sieben sich faul im Schatten des ausgehobenen Grabens ausruhten. Doch er sollte sich irren. Als er sich in den Graben beugte, bekam er von einem anderen Arbeiter, einem sehr schnellen und rasch reagierenden und sich bewegenden, dessen Schaufel über den Kopf gezogen. Er fiel in den Graben, der tiefer ausgehoben war, als er befohlen hatte. Sofort meuterten alle anderen Arbeiter. Es fielen Schüsse, zwei Arbeiter, die die Aufseher attackiert hatten, gingen zu Boden, tödlich getroffen. Weitere Arbeiter stürmten auf die beiden übrig gebliebenen Aufseher. Schaufeln wurden geworfen, geschwungen und benutzt. Die zwei Wärter waren innerhalb weniger Minuten erschlagen. Sie hatten zwar noch fünf weitere Arbeiter mit ins Jenseits genommen, doch zwecklos. Ihre Leichen mit den eingeschlagenen Brustkörben und Köpfen wurden in den Graben geworfen. Der letzte Sklaventreiber hing immer noch in dem Graben. Er lag so unglücklich, dass er sich überhaupt nicht bewegen konnte. Sowohl seine Beine, als auch seine Arme waren eingeklemmt. Die meisten Arbeiter machten sich lustig über ihn, beschimpften ihn, spuckten ihn an. Dann machten sie allerdings, dass sie davon kamen, denn bald würden die Pritschenwagen kommen und mit ihnen weitere bewaffnete Wächter.
Er hatte sich währenddessen die ganze Zeit im Graben versteckt. Er hatte gesehen, wie sein Aufsichtsarbeiter in den fiesen Hinterhalt gedrängt wurde. Für ihn war die Aktion ebenso überraschend gekommen, wie für das Aufsichtspersonal. Warum hatte ihn niemand eingeweiht? Er hatte mitangesehen, wie die bewaffneten Wächter erschlagen worden waren. Er hatte versucht einige Arbeiter mit Schaufeln zurück zu halten, doch sie hatten ihn zur Seite geschuppst. Daraufhin hatte er Angst bekommen und hatte sich im Graben versteckt. Als er nun in dem frisch ausgehobenen Graben saß, sich fest mit dem Rücken an die Grabenwand drückte, bemerkte er erstmals die Schmerzen, die man in diesem Camp zugefügt hatte. Aber nicht sein Körper war es, der schmerzte, sondern das Herz. Das Herz pochte lautstark und schien vor Schmerzen zu schreien. Hatten sie ihn kaputt gemacht? Die Aufseher, die Peitschenhiebe, das menschenunwürdige Camp? Er hörte es neben sich keuchen und sah herüber, sah den Sklaventreiber. Blickte in die andere Richtung und sah seine Schaufel. Er war alleine, ganz alleine. Der Sklaventreiber war völlig hilflos. Er nahm die Schaufel und ging fest entschlossen auf den Peiniger zu. Dann holte er mit seinem Spaten aus und begann sein Werk, für das er sich mit einem Mal berufen fühlte.
Der nächste Tag war wie alle anderen auch. Er hörte die Musik, streckte sich. Seine Rücken tat noch höllischer weh, als die anderen Tage. Er war eine halbe Stunde lang ausgepeitscht worden, gestern Abend, bei Einbruch der Dunkelheit. Er war bestraft worden, wie gewünscht.
Als er wieder auf dem Feld stand, mit lauter neuen Leuten, war ihm mulmig. Die alten Arbeitskollegen waren geflohen, die meisten ertappt und erschossen. Er war der einzige und dennoch waren es heute Morgen zwei Pritschenwagenladungen gewesen, die zu den Gräben gebracht worden waren. Nichts deutete mehr auf die Taten von gestern. Er war glücklich darüber.
Als er kurz vor der Mittagspause beim Arbeiten an die Zuspitzung der Situation dachte, hörte er einen Moment lang auf zu arbeiten. Der Sklaventreiber, ein Bein in Gips und einen Arm verbunden, kam auf ihn zu. „Es tut mir leid, aber ich muss das tun!“ Er gab ihm zwei starke Hiebe auf den Rücken, bedacht nicht die gestern ausgepeitschten Stellen zu erwischen. Eigentlich war ihm der Sklaventreiber unendlich dankbar, doch es war nicht Dankbarkeit, was er erwartet hatte, sondern genau das was er in diesem Moment bekam. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als das Peitschenende eine Stelle traf, die zuvor noch jungfräulich gewesen war.

aus: Schlammrock #3


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