Archiv für Juli 2010

Neoliberale Stadtentwicklung und die Loveparade in Duisburg

Es war halb sechs, als meine Freundin mir schrieb, dass sie auf der Loveparade sei. Ich hatte über das Wochenende das Ruhrgebiet verlassen und nicht einmal gewusst, dass die Loveparade in Duisburg ist. Sie schrieb, es sei sehr chaotisch und die Leute würden sich fast panisch verhalten. Sie würde jetzt nach Hause fahren. Zwanzig Minuten nachdem sie das Gelände verlassen hatte, brach an der Zufahrtsstelle die Massenpanik aus, zwanzig Menschen starben, über 500 wurden verletzt und zeitweilig waren über 1000 Menschen vermisst. Zeitgleich erreichte mich die SMS.
Gegen sechs Uhr schaltete ich den Fernseher ein und die Berichterstattung sprang gerade zu der Katastrophe. Seit Tagen ist die Loveparade Top-Thema und wer sich wirklich gut informieren möchte, sollte dies auf jeden Fall auch auf dem Blog der Ruhrbarone tun. Ich für meinen Teil war, obwohl ich wusste, dass meine Freundin nicht zu den Opfern zählte, den Abend dennoch beunruhigt. Eine Stunde konnte ich sie nicht erreichen, bis ich Gewissheit hatte, dass sie wirklich weit weg vom Geschehen war. Und zwar gesund.
In den folgenden Tagen beschäftigte mich das Thema. Wie kann so etwas geschehen? Das klärt sicherlich die Staatsanwaltschaft. Welche Schuld hat ein Oberbürgermeister? Sicherlich eine moralische! Sollten Politiker zurücktreten? Wenn sie nur ein wenig Anstand besitzen, ja! Macht das alles die Opfer wieder lebendig? Nein!
Dennoch stellt sich für zukünftige Veranstaltungen die Frage nach dem „Warum!?“. Was mir bisher in der Analyse fehlt, ist der Druck, der auf der Stadt Duisburg lasstet. Neoliberale Stadtplanung und der Wettbewerb, den sich Städte gegeneinander aussetzen und auseinander gesetzt sind.
“Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen. (…) Eine Absage der Loveparade wäre ein Debakel für das Revier.” Fritz Pleitgen, ehemaliger WDR-Intendant und Cheforganisator Ruhr 2010
Das Ruhrgebiet im Allgemeinen und Duisburg im Speziellen gelten nicht als die aufstrebenden Regionen, wo es Künster/innen, Studierende und Kreative hinzieht. Genau im Gegenteil, der Umschwung bleibt aus, der Strukturwandel, obwohl Millionen von Euro in ihn gepumpt werden, findet nur sehr langsam statt. Viele Menschen sind von diesem Strukturwandel spätestens seit den 1970er Jahren betroffen, die meisten in der Form, dass sie ihre Arbeitsplätze nach und nach verloren haben und die meisten von denen bis heute keine neuen finden. Duisburg ist dabei nur eines der extremeren Beispiele, eine der größeren Verlieren im Duell Stadt vs. Stadt. Die Industriestadt, in der die Ruhr auf den Rhein trifft hat die zweithöchste Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet. 14 Prozent der Menschen sind erwerbslos. Trotz Universität, trotz Kulturprojekt, die Stadtkassen sind leer. Ähnlich des MSV Duisburg im Zweitligafußball, ist die Rolle der Stadt in NRW eher bieder, ohne Glamour, ohne positives Prestige. Mietpreise sind niedrig und es wird nicht mehr lange dauern, da kriegen die Menschen monatlich Geld, wenn der Trend so weiter anhält. Duisburg ist einfach eine alte Industriestadt zwischen Ruhr und Rhein, wo die Menschen älter werden, das Leben für junge Menschen wenig Perspektiven liefert.
“Ich betrachte die Loveparade als eine gute Gelegenheit der Welt zu zeigen, wie weltoffen, tolerant und insbesondere spannend unsere Stadt ist. (…) In diesem Jahr waren wir einfach in dem Zwang, es hinkriegen zu müssen, denn sonst wäre die Loveparade endgültig gestorben gewesen fürs Ruhrgebiet.” Adolf Sauerland, OB Duisburg
Die Stadt, die sich im Standort-Wettkampf mit Essen und Dortmund sieht, nicht in einer Liga mit Bochum (Absage der Loveparade 2009), Gelsenkirchen (Bewerber für die Loveparade 2011) oder Mülheim, fühlte sich unter Druck gesetzt, in dieser neoliberalen Logik des Stadtmanagements und -marketings erfolgreich sein zu müssen. Zum Erfolg verdammt! Die Loveparade bietet stadtmarketingtechnisch eine einmalige Chance, die nicht wiederkommt. Welches Großereignis würde sonst schon freiwillig in Duisburg Halt machen und nicht im benachbarten Düsseldorf oder Essen? Düsseldorf ist Landeshauptstadt, Essen Kulturhauptstadt. Irgendetwas davon muss auch auf Duisburg abfärben, war wahrscheinlich einer der Gedanken der Stadtoberen. Und das obwohl die Stadt mit knapp 500.000 Einwohner/innen scheinbar weder Raum noch Erfahrung mit großen Veranstaltungen hat. Ein Heimspiel vom MSV Duisburg gilt leider als Referenz wenig. Auch nicht die erfolgreiche Veranstaltung des „Still-leben“ auf der A40 vor einigen Wochen, als drei Millionen Menschen einen über 60km langen Autobahn-Abschnitt belagerten, nicht nur in Duisburg.
“Die Loveparade wird mit Abstand das größte und medienstärkste Ereignis im Kulturhauptstadtjahr 2010. Der Imageschaden wäre immens, wenn sie ausgerechnet 2010 ausfallen würde.” Rainer Schaller, Veranstalter, Geschäftsführer Lovepavent GmbH
Es wird schon gut gehen, war der Gedanke. Nur nicht blamieren, v.a. nicht wenn ganz Deutschland und Teile der Welt auf die Stadt an der Ruhr schauen. Denn diese Chance gibt es nie wieder, im Positiven, wie im Negativen!
“Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste.” Dieter Gorny, künstlerischer Direktor für die Kreativwirtschaft Ruhr 2010
Daraus resultierend trafen die Stadt-Oberen eine Kette von Fehlentscheidungen, gepart mit dem Sparzwang für Sicherheitsbelange, falsche Kalkulation (Zuschauer/innenmengen, Anfahrtswege, Verhalten bei Massenpanik) und der Standortkonkurrenz. Diese Fehlentscheidung kostete Menschenleben, zwanzig an der Zahl.
Was sind also die Lehren, die man daraus ziehen muss? Ich denke, der Ansatz Großveranstaltungen vom Innenministerium abzusegnen, kann ein Schritt sein. Ein zweiter muss sein, die Standortkonkurrenz zu überdenken. Wie das geht, weiß ich leider nicht. Ausgleichzahlungen vom Bund / Länder, über-städtische Solidarität, einen Soli-Zuschlag für Städte die vom „Strukturwandel“ besonders betroffen sind … keine Ahnung, aber der Oberbürgermeister von Duisburg, seine Lakaien und Beamten, die allesamt eine moralische Schuld trifft, sind austauschbare Opfer der städtischen Konkurrenz. Beim nächsten Mal ist es vielleicht nicht die Loveparade, sondern ein Rockkonzert, eine Fanmeile oder etwas anderes, doch Menschenmassen werden auch in Zukunft angezogen, denn sie versprechen nicht nur Geld, sondern auch Prestige und Imagegewinn für Städte. Auf der anderen Seite werden vielleicht auch die Gelsenkirchens, Magdeburgs, Braunschweigs und Güterslohs dieses Landes daraus lernen, alles was positive Effekte für Stadtmarketing verspricht, kann sich schnell in einen Horror verwandeln.

„Lasst die Fahnen auf dem Dach“

Wie gerne hätte ich Gunter Gabriel für diesen Titel die schwarz-rot-goldene Gitarre über den Schädel gezogen! Mit dem Song „lasst die Fahnen auf dem Dach“, der nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland in sein Repertoir gewandert ist, hat er versucht, zum einen an das „Sommermärchen“ anzuknüpfen, zum anderen aber auch einen Patriotismus, den sein großes Idol Johnny Cash für die USA aufbringt, eins-zu-eins auf Deutschland zu übertragen. Das kann, v.a. im Hinblick der deutschen Geschichte, einfach nicht funktionieren, wobei auch US-amerikanischer Patriotismus oder Nationalismus kritisch zu hinterfragen ist.
Nehmt die Fahnen vom Dach
Das „Sommermärchen“ wurde für einige Deutsche mit Migrationshintergrund – man könnte zynisch sagen, für Deutsche, die den Arierbeweis nicht bis in die dritte Generation nachweisen können – und viele hier lebende Ausländer/innen zu einem Albtraum, da sie angepöbelt, psychische und physische Gewalt erfahren mussten und ihre Geschäfte demoliert und angegriffen wurden. In einer wissenschaftlichen Studie kam Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld zu dem Ergebnis: ,,Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen.'‘ (zum weiterlesen ein SZ-Artikel) Wissenschaftliche Studien beweisen also, dass der „Party-Nationalismus“ so ungefährlich dann doch nicht ist. Im Rahmen einer weltweiten Krise des kapitalistischen Wirtschaftsmodells (und im Rückgriff auf das Scheitern des real-existierenden Kommunismus im Grunde auch der anhaltenden Krise von alternativen Wirtschaftsmodellen) ist der Nationalstaat und die Verbundenheit zu diesem auf einem wieder en vogue.
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Besetzung in Essen beendet

Ein kleines Strohfeuer glimmte am Wochenende auf, doch aufgrund des Drucks vom DGB bzw. deren Gebäudeverwaltung ist relativ schnell klein beigegeben worden. Schade, schade. Mehr dazu hier.
Bei meinem Besuch heute nachmittag wirkte dann das Grüppchen von 15 Leuten nur resignierend und erschöpft. Schade, eine spontan Demo oder eine andere, öffentlichkeitswirksame Aktion durch die nahe Innenstadt wäre sicherlich wichtig gewesen, den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Das Recht auf die Stadt bekommt man leider nicht geschenkt.
Ich frage mich allerdings wirklich, was die Besetzenden erwartet haben? Dass der DGB ihnen den Schlüssel übergibt? Oder das Gebäude mietfrei vermacht? War man wirklich nicht darauf vorbereitet, dass Anzeigen drohten? Was verstehen die KünstlerInnen unter Besetzung?
Wer nochmals nachlesen will, was heute passierte, bevor der Vorfall von den meisten BürgerInnen unbeachtet als Anekdote in der Stadtgeschichte verschwindet, der kann das hier tun: http://freiraum2010.de/

Hausbesetzung in Essen – Ruhr2010 für alle!

In Essen (Schützenbahn 11, Essen-Zentrum) wurde vorgestern das alte DGB-Haus besetzt (s. hier und ein Update hier). Die Besetzenden fordern vor allem Raum für künstlerische Entfaltung, Ateliers und andere Räume, um kreativ arbeiten zu können. Das nicht weit entfernte Unperfekthaus, das einzige seiner Art in Essen, ist ausgebucht und neue / junge KünstlerInnen finden dort keinen Platz mehr. Doch auf ihre Anfragen an Stadt und Ruhr2010-Kommittee gab es keine oder kaum Antworten. Daher griffen sie zum Schritt der Besetzung. Was sie wollen, was ihr Konzept ist und wie ihr Vorgehen war, findet sich hier.
Um Unterstützung wird gebeten, da DGB und Polizei schon mit Räumung drohen. Ein Anwalt ist eingeschaltet und eine Anzeige erstattet. Ab 18:00 Uhr finden täglich Veranstaltungen statt und wer Interesse hat, vom Essener Hauptbahnhof in Richtung Rathaus fahren (ehemals Porscheplatz) und dort in Richtung Schützenbahn.

Offener Brief der Ruhrbarone an Dieter Gorny, Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt (Direktoren Ruhr2010):

(…)
gestern haben mehrere dutzend Künstler aus dem Ruhrgebiet ein seit drei Jahren leerstehendes Haus des DGB an der Schützenbahn in Essen besetzt. Sie wollen es als Galerie und Künstlerhaus nutzen. Die Vermögensverwaltung u. Treuhandgesellschaft des DGB mit Sitz in Berlin droht den Besetzern über ihre Anwaltskanzlei Heinemann und Partner mit der Räumung.

Wir fordern Sie auf, sich sofort beim DGB dafür einzusetzen, dass die Künstler die Räume weiter nutzen können. Schalten Sie sich als Moderatoren ein und helfen Sie, eine Lösung zu finden.

Die Besetzer machen das, was Sie als Verantwortliche der Kulturhauptstadt seit langem propagieren: Sie führen alte Räume einer neuen Nutzung für Kultur zu. Sie vitalisieren einen Teil der Essener Innenstadt. Sie eröffnen neue Perspektiven.

Die Besetzer sind genau die Leute, von denen Sie behaupten, dass das Ruhrgebiet sie dringend braucht, dass es diese Leute nicht verlieren darf: Junge Kreative, die den Mut haben, ihre eigenen Wege zu gehen. Die nicht warten, bis andere ihnen ein subventioniertes Bett gemacht haben, sondern die bereit sind, für Ihre Arbeit ein Risiko einzugehen. Sie haben sich den Raum genommen, von dem sie sagen, er muss an andere Stelle für viel Geld geschaffen werden. Die Besetzer machen Ihren Job!

Wenn irgendetwas von dem, was Sie in den vergangenen Jahren auch in unsere Mikrofone gesagt haben, ernst gemeint war, greifen Sie jetzt zu ihren Handys und nutzen Sie Ihre Kontakte. Tun sie es nicht, war nichts von dem, was sie gesagt haben, ernst gemeint. Können sie es nicht, haben wir Sie wohl überschätzt.

Stefan Laurin

Für das Blog Ruhrbarone

„Geld und Gewerkschaft sind gute Kollegen und Manni sein Tod der Beleg“ (Knochenfabrik)

Edit in der Mittagspause:
Es scheint, als würden die HausbesetzerInnen in des DGB-Hauses schon aufgeben und heute bis 18:00 Uhr ausgezogen sein. Schade, schade, vor allem da sich scheinbar viele Menschen solidarisch erklärt haben. Ein Armutszeugnis aber v.a. für den DGB! Die Gewerkschaft hat scheinbar keinen Bezug zu aktuellen sozialen Kämpfen um den städtischen Raum, sondern firmiert lieber als Immobilienverwalter von langsam vor sich hin verrottenden Gebäuden. Herzlichen Glückwunsch dafür! Und fragt sich noch jemand, warum die „prekäre Kreativwirtschaft“ nicht zu organisieren ist?

Still Leben auf der A40 in Essen oder Warm Tanzen auf dem Bochum Total

Nachdem alle auf der völlig überfüllten A40 am Sonntag im Stau standen, sei es zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf den Inlinern, ging es mit der Deutschen Bahn in Richtung Bochum, um sich des nachmittags die genialen Ivan Ivanovich & die Kreml Krauts anzusehen. Dachte ich bisher, Trier sei musikalisch ungefähr das, was Mülheim/Ruhr im Reviersport ist, muss ich doch gestehen, der heitere Russe und sein Schnitzel-Beat-Orchester geben doch einiges her. Es brauchte auch keine zwei Minuten vor der Bühne und schon den lustigen Gesellen aus Dortmund in feuerrotem „Horror Business“-T-Shirt entdeckt. Support Your Local Hardcore Crew!
Es sollte dann auch nicht länger dauern und das Horn der Kreml Krauts wurde zur Probe geblasen. Phantastisch! Schnell noch den Speichel wieder herausfließen lassen und dann den Rest der Band nach vorne beordern. Für uns hieß das, ebenso schnell die Bierbude frequentiert und wieder mal der Flaschenverbotswut gewahr geworden. Kann ich ja irgendwie auch verstehen, dass Glasflaschen ein gewisses Risiko auf solchen Festivalitäten bieten, dennoch, so viel Dosenbier wie in den letzten paar Tagen habe ich seit Einführung des Pfands nicht mehr getrunken. Schlechtes Gewissen inklusive. Selbst entlegene Kioske, die in zehnminütiger Entfernung zum Spektakel lagen, durften keine Flaschen verkaufen. „Seit ihr auch noch in der Verbotszone?“ – „Wussten wir auch nicht, bis die Typen vom Bochum Total auf einmal hier aufkreuzten.“
Dann aber die Band. Ivan Ivanovich ist so etwas wie Hans Rolf Rippert für Ska und Klezmer Liebhaber. Also der Ivan Rebrow von Trier. Bewaffnet mit wunderbar bass-sonorer Stimme, mal unterstützt mit Gitarre, mal mit Pauke haute er auf … oh Gott, was soll das denn für ein Scheiß Wortwitzversuch sein und dann voller Selbstpein in der Mitte abgebrochen! Dabei fing der Artikel so gut an. Vielleicht füge ich schnell mal ein Photo ein …
Ivan Ivanovich
Ivan Ivanovich & The Kreml Krauts – welch brillianter Name – singen ihre Songs auf russisch, deutsch und deutschrussisch, wenn ich das richtig verstanden habe. Akkordeon, Horn, Bass, Gitarre, Schlaugzeug und E-Geige. Was will man mehr. Ein sehr kurzweiliges Set, das die Menschen zum Tanzen brachte und sie auch in Strömen heranlaufen ließ. Der kleine Platz vor der TAZ-Bühne (bzw. der Zeitungs-Bühne, dessen Name sich auf TAZ reimt, die ich hier aber nicht featuren möchte) füllte sich zunehmends. Leider schienen die jungen Herren noch kein Vinyl veröffentlicht zu haben, sodass ich gerade dem „Esta Loco“-Album von Drag the River zu hören muss, anstatt dem Ska-Klezmer der Trierer. Aber vor allem der Song „Deutsches Essen in Russland“ (zu hören auf ihrer Myspace-Homepage) wusste zu gefallen und brannte sich in mein Ohr, während die Sonne meine Schädel grillte!
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Still-Leben A40

Der Wahnsinn hat viele Namen, doch auf „Menschen“ hören alle. Millionen von Wahnsinnigen bevölkern die A40, und natürlich durfte Alleiner Threat nicht fehlen.
Stillleben A40
Doch wo Millionen von Menschen heute die Straßen bevölkern, hat folgendeR KünstlerIn wahrscheinlich eher recht. 2011 ist wieder alles „toot“ und der ganze Scheiß-Hype ist vorbei.
Alles toot

Duesenjaeger – Duesen-yeah-ger!

Nachdem ich heute den ganzen Tag schon Duesenjaeger auf meiner Anlage höre – die großartige „Schimmern“ und die nicht minder großartige „Las Palmas, o.k.“ – poste ich hier mal ein altes Interview mit der Band auf dem Jahre 2004. Ist im Strafraumpogo Nummer 13 veröffentlicht.
Duesenjaeger gründeten sich Sylvester 1999/2000 und hatten bestand bis ins Jahr 2008, wo sie im Dezember in Osnabrück ihren Abschiedsgig feierten. Insgesamt hinterließen sie drei Singles, wobei mich vor allem die erste (s/t) mit ihren vier Songs (mauwurf, funke, telefonat, frustabo) umgehauen hat. Ich erinnere mich noch, wie ich das Ding bei Greed Records in Bielefeld gehört habe und es sofort haben musste. Ich glaube, dass ich ungefähr zur selben Zeit im selben Plattenladen auch Leatherface (Horsebox-Album und die Split mit Hot Water Music) entdeckt habe.
Duesenjaeger
Es folgte ein selbst organisiertes Konzert mit der Band im November 2001 im Gütersloher Bureau (Rest In Peace), was mich noch mehr für die Band begeisterte. Nach der 2. Single (lethargie & ausverkauf) mit guten Songs (teufel im fleisch, galeeria, duesen-yeah-ger, trüffel) folgte die lang ersehnte Platte im Jahr 2004 (Las Palmas, o.k.).
duesi
Eine ebenso großartige Platte mit jeder Menge Hits und deutschsprachigen Punkrock, der würdig … But Alive und die mehr und mehr poppiger werdenden Muff Potter schnell vergessen ließ. Düster, zynisch, nett! (Songs: Tobi kann, stadt hau ab, lethargie & ausverkauf, brot und spiele – kot fuer viele, keiner, leinen los – bereit matrose?, silberfisch, blunapumper, zweifel in da house, draussen sein, abfahrt 10:45h, ja: pennen!). Das Album war so erfolgreich, dass Go Kart Records aufmerksam wurde und das Album noch im selben Jahr re-releaste. Ebenfalls im selben Jahr folgte eine Single mit drei Songs, die der ersten Ausgabe des Disco PS beilag (Songs: Kettensaege, Eigentlich, Kirsten). Diese drei Songs sind mit Sicherheit die schwächsten der Band und tauchen auch nur selten auf, die Single allgemein ist eher eine „Hidden“-Veröffentlichung, da auch das Disco PS als Fanzine, so wie ich das aus meiner Sicht gesehen habe, kaum überregional bekannt wurde. Und wäre 2004 nicht schon gesegnet genug mit Veröffentlichung, wurde noch „Sekundenschlaf vs. Schweigeminute“ auf dem „Turn it Down“-Sampler veröffentlicht. Vielleicht der beste Song aus dieser Phase.
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Duisburg Ruhrort ist kein Kurort!

Das Ruhrgebiet ist durchaus ein skurriler Ort. Immer ein wenig merkwürdig, immer ein Tick neben der Spur, aber dennoch immer sowas, was man wohl mit „ehrlich“ euphemistisch umschreiben würde. Direkt, wäre eine andere Vokabel. Das Ruhrgebiet als Hort der Arbeitenden und der heutzutage Erwerbslosen. Der Ort, der hipp gemacht werden soll, mit Kreativwirtschaft, KünstlerInnen und Bildungspublikum. Damit die Vorstandsetage von RWE nicht nach Münster ziehen muss, oder nach Düsseldorf. Oder irgendwo dazwischen. Und wenn sie umziehen, dann kommen sie wenigstens für einige Veranstaltungen hin und wieder wieder.
Ruhrgebiet - Jesus oder weg.de
Dabei sind es die Skurrilitäten, die diesen Fleck lebenswert machen, und die Möglichkeiten ihnen zu entkommen. In welcher europäischen Region hat man schon die Möglichkeit eine Fläche von Köln bis Dortmund nachts noch problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen und (!) zurück zu kommen? Allerdings, in welcher Region dieser Größe ist Kultur und Veranstaltungen so dermaßen zerklüftet, dass man diese Entfernungen auch hinter sich bringen muss? Wohl auch nirgends.
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The Toasters – Don‘t Let The Black-Red-Golds Grind You Down

Es ist schon ein ganzes Weilchen her, dass ich zum letzten Mal die Toasters gesehen habe. Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal mehr, wie lange. Bestimmt irgendwann zu meiner Studienzeit in Münster. Also war ich doch erfreut, als ich die Ankündigung las, dass sie in Bochum spielen und dazu noch auf dem Bochum Total für umsonst. Genau meine Preiskategorie bei alten Skabands.
Strahlender Sonnenschein und die Uhr, die auf 19:00 Uhr springt. Super, kostenloses Fahren im ganzen Verkehrsverbund.
Kaum angekommen, spielen die Mannen um Rob „Bucket“ Hingley, der die Band vor 30 Jahren als Exil-Engländer in New York gegründet hat. Doch gleich auf den ersten Blick fällt auf, dass sowohl der „Toaster“ Jack Ruby Jr. als auch der Trompeter Brian Sledge fehlen. Zwei der charismatischen Gesichter der Skaband, die jetzt fehlen. Sehr schade, v.a. der unterstützende Gesang von Jack Ruby Jr. hat unter anderem den Charme und den Unterschied zu einigen anderen Skapunkbands ausgemacht. Okay, nichtsdestotrotz sind die Live-Qualitäten immer noch sehr hoch. Ska mit Einflüssen aus anderen Subkulturen wie Punk finden immer noch zusammen. Songs wie „Weekend in L.A.“, „Don‘t let the bastards grind you down“, „Two-Tone-Army“ oder „I‘m running right through the world“ sind immer noch Klassiker des Genres, auch wenn sie in diesem Line-Up doch etwas an Druck verlieren, leider, leider.

The Toasters, Bochum Total, Scheiß Deutschlandflagge

Richtig nervig waren allerdings diese Treu-Deutschen, die mit schwarz-rot-gelben Vuvuzela und Fahnen auf einem Skakonzert auftauchen mussten! Fuck you and your nationalist symbols! Go home, you scum! Ich kann diese Scheiße nicht mehr sehen.
Ich meine, auf einem Konzert einer klar anti-faschistischen Gruppe, die multi-ethnische Einflüsse vereint, warum muss man da einen verschissenen schwarz-rot-güldenen Lappen vor der Bühne hochhalten? Ist das ein Kompliment, weil sie ihren Schwarzen Toaster nicht mehr dabei haben? Schade auch, dass sich keiner der anwesenden und drumherum pogenden und tanzenden Punks und Skins sich der Sache angenommen haben. Deutsch-Punker bekommt da wohl auch gleich eine andere Bedeutung. Der ganze „Party-Nationalismus“ (schöne Party auch, wo AusländerInnen nur nach ihrem Gebrauchswert für die deutsche Fußballnationalmannschaft bewertet werden und Integration ist, wenn einE AusländerIn die Fahne am Auto / Haus / Burka / Tali-Bahn befestigt) geht einfach gar nicht mehr. Ich warte nur auf den Moment, wenn schwarz-rot-goldene Fahnen auch auf Punk- und Hardcore-Konzerten Einzug halten. Da wird dann ein paar Wochen in beschissenen Foren diskutiert und dann toleriert.
Doch bevor ich mich noch richtig aufregen konnte, verpassten wir Montreal, die den Toasters folgen sollten und dafür sorgten, dass die New Yorker keine Zugabe mehr spielen konnten. Montreal und strikter Zeitplan, so eine Scheiße! Ich glaube, die Band war auch reichlich angepisst und verließ die Bühne fast fluchtartig. Aber schön, wenn man 30 Minuten Umbaupause hat. Musikbusiness ist halt auch ein Business. Dafür dann durch Zufall entdeckt, dass noch eine Punk-Cover-Band in einer naheliegenden Kneipe spielen sollte. „Blitzkrieg Bop“, „Bro Hymn“ und anderen Song von draußen gelauscht, weil es innen drin voll und schwühl heiß war. Dafür draußen vor das Gelübde, kein Bier in der Woche zu trinken, gebrochen. Guter Abend, trotz schwarz-rot-doof!

Echo der Migration

Gute Bücher zu Migration sind selten, v.a. auf Deutsch. Wenn man in die Zeitungen blickt, dann wird eigentlich nur die Frage nach der „Verwertbarkeit“ und dem „Nutzen“ für „uns“ bzw. die „deutsche Wirtschaft“ hinterfragt. Migration wird als störend empfunden, fast niemand macht sich Gedanken, warum die Menschen migrieren und wenn doch jemand sich diese Gedanken macht, dann sind es meistens Bürgerkriege, Elend und ökonomische Gründe, die angeführt werden. Klar, dass trifft auf viele Migrierende zu, aber nicht auf alle. Ein gutes Buch, was einen breiteren Fokus hat, ist „Das Echo der Migration“.
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Second Hand in Beijing

Trödel / 2nd Hand von Ihnen.

Antitainment, viel besser als Deine Band

13.7.10 – Druckluft, Oberhausen

Schon lange keinen Konzertbericht geschrieben. Ob ich das noch kann? Vielleicht, mal sehen.
Okay, Antitainment spielen. 8 Euro Eintritt, während des Abends ausverkauft. „Ich kannte die schon, da waren die noch real!“ Neues Album, muss ja auch unter die Punks / Metalheads / Rapper_innen gebracht werden. Also, schnell Plattenkaufen, farbiges Vinyl, zugeschlagen. Mit Sammelbildern, von denen ich überlege, sie in die Platte einzukleben. Die Platten, tja, irgendwann werden die mal bei Ebay 80 Euro kosten, doch ich werde sie auch dann nicht verkaufen. Nerd!
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Danke Deutschland

Ich steige in die Bahn ein und frage freundlich nach dem freien Platz. Die beiden Gelsenkirchener, die neben mir sitzen und eine Station später aussteigen werden, leeren den halben Liter. 35°C außerhalb der Bahn, 40°C innerhalb, gefühlt. „Nee, der Platz ist nicht mehr frei, wenn Du dich hinsetzt.“ Ich sollte nicht mehr fragen.
Die beiden Kids neben an unterhalten sich über das abendliche Spiel. Deutschland vs. Spanien, das spätere Ausscheiden der Deutschen. Kein Gehupe, keine Flaggen-Gewehe, kein „Shiny-Happy-Stumpfsinn-People“-Nationalismus, auf den jetzt sogar kritische Menschen abfahren. „Da muss man sich doch mitfreuen!“ – „Nein, muss man nicht!“
Einer der beiden Malocher zückt auf einmal Deutschland-Sichtschutz-Plastik-Nippes heraus. „Hier, Jungs, für Eure Autos!“ Ich glaube nicht mal, dass die beiden Autos haben. Aber sie werden sich später auf der Fanmeile in Dortmund in den Armen halten, nachdem Puyol ein Tor geschossen hat, um sich zu trösten. Natürlich! Was sonst! Wir sind doch nicht etwa …
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Stell Dir mal vor

Sätze, die mit „stell dir mal vor“ anfangen, kotzen mich gehörig an. „Stell Dir mal vor, Du würdest Deine Ausbildung doch in der Sparkasse machen“, war der Lieblingssatz meiner Mutter. „Stell Dir mal vor, ich würde das alte Jagdgewehr auf meinen Kopf richten und abdrücken“, war irgendwann die einzige Antwort, die sie genügend schockierte, um das Thema zu wechseln.
„Stell dir mal vor, ich würde mich von Dir trennen, wenn …“, versuchte meine Ex-Freundin immer wieder Entscheidungen zu beeinflussen, die in der Regel schon gefallen waren. Irgendwann war ich dann weg, ohne, dass sie sich das richtig vorher vorgestellt hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Ende so schwer ist.
So zieht sich das durch den Alltag, durch das Leben. „Stellen Sie sich mal vor, von rechts wäre ein Auto gekommen“, versucht mich der Polizist zu überzeugen, dass man mit dem Fahrrad nicht über eine rote Ampel mitten in der Pampa fährt, wo noch niemals, ich wiederhole, niemals, ein Auto von rechts gekommen ist. Diskussion dennoch zwecklos.
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Sonnentag

… schießt es mir durch den Kopf! Ich bin nicht verkatert, dennoch etwas durch. Nach dem gestrigen Tag in der Kunstausstellung „Concrete Playground“ doch spontan in der Hitze zum Diebels Alt gegriffen. Was erwartet man auch schon von einem Nachmittag, an dem man einen alten Freund trifft, der sein Alterego nach einem amnestisches Psychosyndrom benannt hat, dass Gedächtnisverlust beschreibt.
Die Ausstellung war dann geschmückt von schönen Bildern über Stencils, Sprays und andere Arten von Öffentlichkeits-Verschönerung. Ich weiß gar nicht, welche Idioten immer diese Partei wählen, die Bäume pflanzen wollen. Ich finde graue Substanz schön, weil sie mehr Raum fürs Creative gibt, als jede verschissene deutsche Eiche.
Im Anschluss dann auf der Suche nach Action und Spaß durch den Essener Innenstadt-Nord-Gürtel gejungled. Was kann also witziger sein als ein Metal-Festival zu besuchen, mit einem ordentlichen Schlag Hardcore und anderen Spielarten des Alternative Rock. Der Eintrittspreis, über 40 Euro, war dann allerdings Hinterungsgrund genug, sich an den Toren zu amüsieren. Selbst der anliegende Kiosk, Furchtbarerweise mit Blöhda Onkelz-Beschallung, lud nicht zum Verweilen ein. Dann doch lieber Pizza, drei kleinen Jungen beim Fußballspielen zu sehen und über das endemische Auftreten dieser schwarz-rot-blöd-Befahnung aufgeregt. „Gibt es für die Flagge da eigentlich auch 100 Punkte?“
Später dann doch nach Hause, beim Tatort den Untertitel angemacht (unglaublich, aber ich habe den Wiener-Tatort nciht verstanden …). Alles mit einem Bier ausklingen lassen.
Und dann der Wochenanfang. Ich kaufe mir „Black Monster“, meine neue Geliebte! Ein Fahrrad, wie eine Waffe! Noch keinen Kilometer gefahren und schon regen sich die ersten Autofahrer auf. Geil! Ich überlege ernsthaft, dem Bier die nächsten Tage zu entsagen, als mich dann vor wenigen Minuten folgende Nachricht erreicht. WHISKEY & CO. haben einen Albumstream ihres neuen Albums gepostet. Und zwar hier! Und nächsten Sonntag ist noch WM-Finale … manchmal wird es von Tag zu Tag besser!