Stell Dir mal vor

Sätze, die mit „stell dir mal vor“ anfangen, kotzen mich gehörig an. „Stell Dir mal vor, Du würdest Deine Ausbildung doch in der Sparkasse machen“, war der Lieblingssatz meiner Mutter. „Stell Dir mal vor, ich würde das alte Jagdgewehr auf meinen Kopf richten und abdrücken“, war irgendwann die einzige Antwort, die sie genügend schockierte, um das Thema zu wechseln.
„Stell dir mal vor, ich würde mich von Dir trennen, wenn …“, versuchte meine Ex-Freundin immer wieder Entscheidungen zu beeinflussen, die in der Regel schon gefallen waren. Irgendwann war ich dann weg, ohne, dass sie sich das richtig vorher vorgestellt hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Ende so schwer ist.
So zieht sich das durch den Alltag, durch das Leben. „Stellen Sie sich mal vor, von rechts wäre ein Auto gekommen“, versucht mich der Polizist zu überzeugen, dass man mit dem Fahrrad nicht über eine rote Ampel mitten in der Pampa fährt, wo noch niemals, ich wiederhole, niemals, ein Auto von rechts gekommen ist. Diskussion dennoch zwecklos.

Jetzt könnte man mir mangelnde Phantasie ob meiner beschriebenen, geringen Vorstellungskraft vorwerfen. Doch leider ist es genau andersherum. Ich bin ein wahnsinniger Hypochonder und ich stelle mir andauernd irgendetwas vor. Zum Beispiel das diese hübsche Frau in der S-Bahn tatsächlich mit mir flirtet. Ohne diese fiesen Zahnschmerzen, die mich hin und wieder ereilen. „Jetzt stellen Sie sich mal vor, da wäre doch ein Loch“, erkläre ich dem Zahnarzt meine Schmerzen, doch er winkt ab. „Auf den Röntgenbildern ist nichts zu sehen. Seien Sie doch froh!“
Heute habe ich mir ziemlich viel krudes Zeugs vorgestellt. Es fing damit an, dass das Seitenstechen von gestern wohl ziemlich sicher ein Nierenversagen ist. Felsenfest gehe ich davon aus. Und ich dachte immer, ich sterbe an einem Gehirntumor, da ich nach anstrengendem Trinken manchmal Kopfschmerzen habe. Doch für die Seitenstiche gibt es nur eine vorstellbare Ursache: Der Genuss alkoholhaltiger Getränke am vergangenen Samstag und Sonntag, zwar noch in geregelten Maßen, aber wohl doch zuviel. Nierenversagen unausweichlich!
Die logischere Erklärung, dass ich mir, nach dem Erwerb von „Black Monster“, wohl meinen Rücken verkühlt habe, wird wohl erst vorstellbar, wenn ich in den nächsten Tagen hier weiterposten kann. „Black Monster“ ist übrigens mein neues Fahrrad, was mich, so stelle ich mir das seit dem Erwerb gestern Morgen vor, ziemlich sicher ins Grab bringen wird. Es ist schnell, es ist schwarz und ich fühle mich unwahrscheinlich gut auf dem Teil. Nur Licht hat es noch nicht. „Stell Dir nur mal vor, dass Du im Dunkeln durchs Ruhrgebiet rast und irgendein Opel-Proll dich nicht sieht“, denke ich mir die ganze Zeit und stelle mir das auch vor. Leider kann sich meine Sparkassen-Beraterin nicht vorstellen, mir einen Kredit für eine Beleuchtung zu geben. Zumindest denke ich das, weil gefragt habe ich nicht.
Unschöner war allerdings heute morgen die Nachricht, dass eine philippinische Freundin in Indonesien von der Polizei verhaftet worden ist. Ich habe mir gleich vorgestellt, was ihr wiederfahren ist und dass sie wahrscheinlich eine lange Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt sein wird. Zum Glück wird sie in den nächsten Tagen von der Polizei zum Flughafen gebracht und muss den Heimweg antreten. Ihr „Verbrechen“? Sie und dreizehn weitere UmweltaktivistInnen aus Südostasien und Ostasien haben eine Pressekonferenz von Greenpeace in Indonesien besucht. Es ging um Initiativen gegen Kohlebergbau und Kohlekraftwerke. Kaum vorzustellen. Doch per Facebook erreichte mich die Nachricht, dass es ihr den Umständen entsprechend gut geht. Nach 30 Stunden der Ungewissheit. Unvorstellbar.


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