Archiv für September 2010

Spermbirds und Youth of Today, again, again, again

Am Tag als Martin Büsser starb, und alle semi-, möchtegern- und wirklich-Intellektuellen trauerten. Damn! Ein Schatten auf dem Abend, der allerdings sehr schnell verflog. Ein Freitag vor einem Samstag und einem Sonntag, an dem mensch arbeiten muss. Also, früh los, die Spermbirds vor das Mikro gezogen (demnächst nachzulesen hier) und dann ab an die Theke und warten, warten, warten. Alte Bekannte und neue Bekannte begrüßen, Biere trinken und Zeit verquatschen! Vier Vorbands hieß es zu überstehen, Metallocore, Metalcore, Coremetal, Metalmetal, Corecore und so weiter. Hauptsache laut und böse, hauptsache nicht mein Geschmack! Das JZE in der Papestraße vielleicht ein letztes Mal halbwegs gefüllt. Schade, dass nicht gute lokale Vorbands wie Alarmstufe Gerd auf die Bühne durften. Die hätten mir besser gefallen! Dann aber endlich die großartigen Spermbirds, die auf die Bühne stiegen. Und von Anfang an ein Tritt in die Fresse der Gemütlichkeit, ein Riff um nach vorne zu tanzen und ein Basslauf, um mitzuwippen. Großartig, wie die Band es schafft, zeitlose Songs zu schreiben. Diesmal gab es anstatt Knifethrower den Titeltrack der „Set an example“ Platte und ansonsten die lieb gewonnene Mischung aus ganz viel altem und ein wenig neuem Material. Geil!
Im Anschluss dann an die frische Luft, wo wir in eine spannende Diskussion mit den freiwilligen Rote-Kreuz-Rettern gezogen worden. Sehr cool, wie sich Menschen über die Sicherheit der Konzertgänger/innen sorgen, auf der anderen Seite aber auch völlig unnötig. Die/der arme Veranstalter/in, die den unnötigen Aufwand zahlen muss. Übrigens genauso wie die handvoll Gorilla-Weibchen und Männchen am Eingang, die einen abtasteten nach … nach … nach … nach was denn? Mitgebrachten Getränken, Pistolen, Granaten, biochemischen Kampfstoffen?
Egal, Ray Cappo und Youth of Today dann aus respektvollem Abstand genossen und dann in diverse Kneipen um das JZE gezogen.

Martin Büsser ist verstorben!

Hier der Text vom Ventil-Verlag:

„Wir trauern um unseren Freund, Genossen und Kollegen Martin Büsser. Nach schwerer Krankheit verstarb er am 23. September im Alter von 42 Jahren.

Martin Büsser hat vor über zehn Jahren den Ventil Verlag ebenso mitgegründet wie er die Zeitschrift „testcard“ seit 15 Jahren als Herausgeber und Redakteur geprägt hat. Jenseits des Verlags hat er sich nicht nur als hervorragender Kunst-, Literatur-, Film- und Musikkritiker einen Namen gemacht, sondern war auch als Zeichner und Musiker eine herausragende Gestalt im deutschen Kulturbetrieb.

Den Verlockungen des Mainstreams ist Martin Büsser nie erlegen, auch seine eigene Szene hat er nie mit falscher Zurückhaltung kritisiert. Ohne seine Artikel, Bücher und CDs wäre die deutsche Linke heute um einiges ignoranter.

Der Ventil Verlag hat ihm viel, genauer alles zu verdanken.

In Trauer und Fassungslosigkeit,

Ingo Rüdiger, Jonas Engelmann, Oliver Schmitt, Jens Neumann, Theo Bender“

Traurig, traurig!
Der letzte Text, den ich von ihm gelesen habe, findet sich im Jungle World Archiv über das Wahrschauer Ghetto:

Wie ein Keil unter dem Rad der Geschichte

Alleiner Threat kondoliert Freunden und Familie!

Spermbirds und Youth of Today; Stollwerck, Köln

„Bist Du jetzt nach Köln gezogen?“ werde ich begrüßt. „Wie lange machst Du in Köln Urlaub?“ fragt eine andere. Weder noch, weder noch, und dennoch, innerhalb von vier Tagen zwei Konzerte in Köln, das kommt nicht häufig vor.
Diesmal allerdings nicht im Sonic Ballroom, sondern im Bürgerhaus Stollwerck, eine für ein Hardcore-Konzerte wohl eher untypische Location. Dennoch, mehrere hundert Leute ließen es sich nehmen, zum Teil für die erste längere Tour der Spermbirds seit geraumer Zeit, zum anderen, für die XXX-Recken um Ray Cappo, sich in das Bürgerzentrum zu bewegen.
Die ersten beiden Bands waren dann eher metallastiger Hardcore zum abgewöhnen. Einfach nicht mein Ding. Der Schlagzeuger der 2. Vorband hatte immerhin ein schönes SG Wattenscheid 09 T-Shirt aus den 90ern an, aber das war auch alles, was zu gefallen wusste.
Recht klar, das erste Highlight würden Lee Hollis und die Herren von Spermbirds setzen. Gegründet 1983 im beschaulichen Kaiserslautern, leben die Protagonisten mittlerweile über das ganze Land verstreut, wobei der Köln/Bonner Raum wohl sowas wie ein Heimspiel darstellt. Schon im letzten Oktober gab es eine große Kneipen-Show in der ehemaligen Bundeshauptstadt, die mich nachhaltig beeindruckte. In Köln dann ein gutes, mitreissendes Konzert.
Lee Hollis und Spermbirds
Viele alte Sachen („My god’s rides a skateboeard“, „You‘re not a punk“, „try again“, „nothing is easy“), aber auch einige neuere („Knifethrower“) sowie vom ganz neuen Album („Can‘t live without it“, „A columbus feeling“). Eine gute Mischung und eine Band, die spürbar Bock hatte zu spielen, auf der Bühne zu tanzen und dem Publikum einzuheizen. Die tanzende Meute war zahlenmäßig nicht unbedingt kleiner als eine Stunde später bei Youth of Today, aber es gab mehr Biergespritze, wen wunderts. Gibt es sowas überhaupt bei Straight Edge Bands? Malzbierdusche? „Alkoholfreies Bier“-Dusche“? Ich weiß es nicht!
Lee Hollis
Die US-Amerikaner mit Chakra-Papst Ray Cappo habe ich mir dann aus sicherem Abstand, an der Kölsch-Flasche festhaltend, angesehen. Netter Hardcore, aber irgendwie ist der Funke auf mich nicht übergesprungen. Ray Cappo körperlich topfit, viel erzählend, charmant lächelnd, immer in Bewegung. Auch der Rest der Band, merklich jünger, mit viel Bewegung auf der Bühne. Das Publikum am feiern, gut zu sehen. Was soll ich sagen, mit Youth of Today konnte ich nie viel anfangen, dann lieber Minor Threat.
Und Freitag spielen beide nochmals um die Ecke in Essen, sehr schön!

Balboa Burnout – Kaput Krauts – Inner Conflict, Sonic Ballroom, Köln

Freitage, seien wir ehrlich, sind wahrscheinlich die besten Tage der Woche. Da ändert auch die Tatsache nichts daran, dass ich das Gaspedal bedienen und am Lenkrad drehen durfte. Nachmittags zuerst in die Ausstellung „A Star is Born“ (selten dämlicher Name) im Museum Folkwang. Der Museumsbau inmitten der Wohnsiedlung in Essen-Rüttenscheid ist allein schon ein Besuch wert, da die offene Architektur doch ein Unterschied zu den abgeschlossenen Museen darstellt, die sonst so in den Städten dahin vegetieren. Daher auch schön zu sehen, dass die Ausstellungen angenommen werden, auch wenn 8 Euro für ein paar Rockstar-Photos nicht gerade Prekariatfreundlichkeit ausdrücken. Egal, in den sauren Apfel gebissen und innen mit vielen spannenden Photosgraphien aus der Rockgeschichte konfrontiert. V.a. die „Punkrock“-Wand war spannend, auch wenn sie sich unnötig stark auf die Sex Pistols konzentrierte. Eine Videoinstallation zeigte dann „Pogo“-Tanz, u.a. anhand des Chaostage-Videos von 1984. Schön! Insgesamt eine gute Ausstellung (die Sniffing Glue Ausgaben hätte ich am liebsten aus der Glasvitrine „befreit“ und mit nach Hause genommen), auf der anderen Seite muss ich sagen, dass die meisten Punk/Hardcore-Photographen spektakulärere Photos hinbekommen. Aber egal, war ja auch „nur“ Rockphotographie.
Im Anschluss dann noch Köln, um Live-Musik zu sehen und die gelernten Photo-Perspektiven umzusetzen … oder so ähnlich. Balboa Burnout, Kaput Krauts und Inner Conflict sollten zum Tanze aufspielen, in unser aller Kölner Lieblingskneipe, dem Sonic Ballroom. Zu Beginn einige liebe Freundinnen und Freunde begrüßt, ein wenig Malzbier die dürstende Kehle heruntergeschüttet und gewartet, gewartet, gewartet. Hatten wir es doch tatsächlich geschafft, wie die 16jährigen gute zwei Stunden zu früh in Köln zu sein. Andere hatten da ein besseres Timing!
Doch dann ging’s irgendwann los, angefangen mit Balboa Burnout, in der der Ex-Sänger von El Mariachi singt; großartiger, melodischer, deutschsprachiger Punkrock, wie man ihn auch von El Mariachi noch kennt. Balboa BurnoutDie Jungs aus Bremen und Göttingen legten gleich ordentlich los, textlich anknüpfend an El Mariachi. „Das Herz schlägt immer noch links“, eine sehr schöne Zeile. Von anderen ehemaligen Bands wurden einige Songs noch gecovert und viel zu früh war dann schon Schluss. Im Anschluss hatte ich noch das Glück, endlich die El Mariachi Platte noch zu finden und auch das „OKHC“ betitelte Album von den Balboas erstehen zu dürfen. Sehr schönes Artwort und mindestens genauso gute Musik, die mich bei den ersten Umdrehungen gleich fesselte.
Das Sonic Ballroom füllte sich derweil zunehmend weiter. Kaput Krauts aus dem Pott (s. Artikel hier) dürften wieder ran und im Kontrast zum FZW war der Sound nicht so „rockig“, sondern ungeschliffen und krachig. So muss es sein! Angefangen von Bierlasso (s. Photo), Kaput Krauts Gastsängern (kurz vorm Delirium) und netten Ansagen, prügelten die 5 sich durch ihr Set! Geil! Auch die Masse feierte die Band ordentlich ab. Im Anschluss muss ich allerdings gestehen, dass ich schweine-neidisch auf das geile Roxette-T-Shirt vom Basser bin. Das habe ich in den 90ern auf fast jeder Kirmes hängen sehen, doch nie zu geschlagen, da ich den Respekt vor Per Gessle erst in den 2000+Jahren gewonnen habe. Seine Ramones-Coverversionen werden für immer unvergessen bleiben, „Sheena is a Punkrocker“ am Klavier!!! Wenn jemand also noch so ein T-Shirt (Größe M bis L nehme ich wohl … irgendwie zwänge ich mich da schon rein), bitte melden.
Zuletzt der Headliner, die Lokalheroes, Inner Conflict. Diese traten zum ersten Mal mit „richtigem“, lebendigem Drummer auf. Kein Computer, der den Takt vorgab, sondern ein leibhaftiger Mensch, der im Hintergrund die Band nach vorne trieb. Das schien allen auf und vor der Bühne merklich Spaß zu machen, während ich mich in Richtung Tresen verdrückte, mit Blick auf Fernseher und Teil der Bühne (s. Photo). Inner Conflict
Vor allem neue Songs hatte die Band mit neuem Schlagzeuger eingeübt, die schon ganz gut klangen und Vorfreude auf das neue Album versprühten. Auch wenn ich fand, dass der Drummer die Band eher langsamer gemacht hat (es gab auch andere Meinungen), sind Inner Conflict eine der besten deutschsprachigen Bands! Vor allem der hin und wieder eingesetzte Wechselgesang zwischen Sängerin Jenny und Gitarrist Carlo ist großartig!
Im Anschluss – kurz vor einer Malzbier-Vergiftung und einer Überdosis Jever Fun – dann ab auf die Autobahn, nach Hause. Punk, auch wenn es teilweise schon so riecht, gehört halt immer noch nicht ins Museum, sondern auf Bühnen von kleinen, gemütlichen Kneipen, wie dem Sonic Ballroom. Ya basta!

Müttersterblichkeit in den Philippinen

Nachdem ich schon vorher zwei Artikel von der „Mutter der Nation“ oder zumindest die Mutter von „Diktatorensohn Bongbong Marcos“ gepostet habe, hier noch mal ein trauriger Hinweis auf Müttersterblichkeit in den Philippinen.
Da Abtreibungen illegal sind, sind allein im Jahr 2008 1.000 Frauen bei illegalen Versuchen, eine Schwangerschaft abzubrechen verstorben. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung für einen Gesetzesentwurf ist, der als „Reproductive Health Bill“ momentan im Parlament zirkuliert, ist v.a. aufgrund der großen Bedeutung der Kirche und dem Votum der katholischen Bischöfe nichts unternommen worden, den Schutz der Frauen zu stärken.
Hier der englische Bericht:

Forsaken Lives:The Harmful Impact of the Philippine Criminal Abortion Ban
The Philippines is one of the few countries in the world to criminalize abortion in all circumstances with no clear exceptions.

As a consequence, women in the Philippines continue to die or suffer grave complications from unsafe abortion procedures, producing a massive and unnecessary public health crisis and violating the fundamental human rights of Filipino women.

Despite the criminal ban, in 2008 alone, an estimated 560,000 induced abortions took place in the Philippines; 90,000 women sought treatment for complications and 1,000 women died.

These tragic and preventable deaths are a direct consequence of the nation’s restrictive abortion law and an indirect consequence of the lack of adequate information about and access to effective modern contraceptives in the Philippines.

The Report

The purpose of this report is to examine and expose human rights violations resulting from the imposition of a criminal prohibition on abortion in the Philippines. The information is based on the experiences of women who have undergone unsafe abortion procedures and survived to tell their stories. This report is intended to serve as a starting point for a dialogue on government accountability for the human suffering caused by the criminal ban on abortion and the challenges it creates for health service providers.

Download the Report >
Download the Executive Summary >

Imelda Marcos und ihre Sippschaft, die 2te

Imelda Marcos hat es mir und den philippinischen Zeitungen wieder angetan. Wie schon hier berichtet, hat die „arme“ Frau immer und immer wieder Probleme mit dem Staat. Nur, weil ihr Mann einst als Opferung für „das philippinische Volk“ sich selbst zum Diktator erkoren hat, um den Menschen zu dienen und Eigeninteressen zurück zu stellen, wird sie nun von rachsüchtigen Menschen verfolgt, die ihr ihren Schmuck, ihr Geld und alles Hab und Gut noch abnehmen wollen. Das dies eine Ungerechtigkeit ist, sieht man schon daran, dass das Volk Imelda noch liebt und als Kongressabgeordnete gewählt hat. Quo vadis, handgrenate?
Auch einem Tag nach dem Urteil, dass sie zu einer Zahlung von ca. 200.000 € an den philippinischen Staat verpflichtet, ist sie wieder in den Zeitungen. Diesmal mit geschichtsverklärenden Äußerungen, wie dieser hier über ihren Sohn, einen Senator:
„I am truly happy that Bongbong [her son] is in the Senate following the footsteps of his father. All my children are very committed to continue their father’s legacy to serve the people.“
Wir hoffen natürlich alle, Bongbong wird nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten. „To serve the people“ ist auch eine sehr nette Umschreibung dafür, nur dem eigenen Geldbeutel zu dienen und staatliches Vermögen auf Freunde und Familie aufzuteilen und zu verprassen.
Der heute 53 jährige Bongbong hielt sich etwas mehr zurück, doch er wollte nicht sagen, ob er vielleicht in 6 Jahren als Präsidentschaftskandidat antreten werde. Ihr Sohnemann sei aber eh ein super Kind, denn egal welche „Probleme“ sie habe, er würde immer zu ihr stehen. Blut und Wasser und die unterschiedliche Dicke des Stoffs fällt mir da nur ein. Eine Präsidentschaft von Bongbong hätte wohl tatsächlich den Vorteil, dass er seiner Mutter Imelda soviel Geld zu schustern könnte, dass sie die läppischen Peanuts, die sie nun zahlen soll, aus der Portokasse nehmen könnte.

Für ein UZDO (mit Kaput Krauts + Mikrokosmos 24 + Jo Snyder)

UZDO, das klingt eher nach dem Rhythmus der Dummheit in Duisburg … uzdo, uzdo, uzdo. Doch UZDO steht für Unabhängiges Zentrum Dortmund und wird dringend benötigt. Die Stadt mit 580.000 Einwohner/innen hat weder ein Autonomes noch ein anderes Zentrum, wo auch Kleinkunst, unbekanntere Bands etc. auftreten können. Für ein ebensolches Zentrum setzen sich in Dortmund einige Aktivist/innen ein, doch nicht nur in Dortmund werden alternative Orte für Veranstaltungen gefordert, sondern auch in Essen, Duisburg, Herne und anderen Städten im Ruhrgebiet (siehe auch hier). Eine Besetzung in Dortmund war leider vor Wochen gescheitert, doch die Aktivist/innen geben nicht auf. Der Bedarfsdruck steigt sogar eher und mit dem ehemaligen Museum am Ostwall wäre sogar Raum vorhanden. Doch statt zu handeln, plant die Stadt Gerüchten zu Folge die Privatisierung bzw. den Verkauf von Jugendzentren, was wohl in deren Schließung münden könnte. Und das in einer Stadt, wo einige Stadtteile nahezu wie national-befreite Zonen wirken und die NPD und neofaschistische Strukturen Fuß fassen können.
Am 12. September fand daher ein Soli-Konzert im Dortmunder FZW statt. Der teure Neubau – angeblich steht auch das FZW vor einer Übernahme durch Investor/innen – ist sicherlich nicht die richtige Bühne, doch Jo Snyder, Mikrokosmos 24, Favorit Parker und Kaput Krauts gaben ihr bestes. Weil alles pünktlich angefangen ist – das kennt AJZ / AZ und UZ-Besucher/in ja ansonsten nicht – gleich mal Jo Snyder fast komplett verpasst. Soundtechnisch war das, was ich noch mitbekam, allerdings super. Danach allerdings Indiepunk von Mikrokosmos 24 und Favorit Parker, die beide ziemlich belanglos waren. Langweilige Musik, die sich heute Punk nennen darf, früher aber als langweile Rockscheiße von der Bühne gebuht worden wäre. Last, but not least, dann die Kaput Krauts. Deutschsprachiger Punk, klare Ansagen und herrlich mit anzusehen, wie sich der Sänger mit Bier relativ schnell schön abschädelte, Bandmitglieder ärgerte und Ansagen wie „lieber unabhängiges Zentrum als städtisches“ von sich gab, in einem städtischen Zentrum, wie dem FZW.
Und jetzt alle hier schauen gehen und unterstützen:
http://uzdortmund.blogsport.de/

Imelda Marcos – die Frau mit den Tausenden Schuhen, muss sie bald barfuss gehen?

Das Zitat der Woche habe ich heute in der philippinischen Tageszeitung BusinessWorld gefunden.
Ein Gericht hatte festgestellt, dass der Marcos-Clan (Ehemann Ferdinand Marcos war von 1965 bis 1986 Machthaber in den Philippinen) sich Anfang der 1980er Jahre 11 Mio. Peso angeeignet hatte (heutiger Zeitwert: knapp 200.000 €). Das Geld stammt aus einer staatlichen Behörde, die den Reisaufkauf managen sollte. Auf die Anordnung eines Gerichtes, dieses Geld zurückzuzahlen, reagiert die „arme Frau“ fast verzweifelt: „They [the state] have taken away everything from our family […] The government has frozen all our assets. Where will I get that amount to pay the government back?“
Das ehemalige Model verschwieg, dass sie einst berühmt dafür war, über 1.200 Paar-Schuhe zu besitzen und Millionen teuere Schmuckstücke. Mittlerweile sitzt sie – als gewählte Repräsentantin (!!!) – im philippinischen Kongress und bestimmt aktiv die Politik ihres Landes mit, 24 Jahre nach der Flucht des Diktators, ihres Ehemannes. Sohnemann, Bongbong Marcos, ist Senator und Töchterchen immerhin Gouverneurin der Heimatregion. Obwohl der Staat ihnen also alles genommen hat, nagt die Familie nicht am Hungertuch, im Gegensatz zu knapp 20 Prozent aller 90 Mio. Filipin@s.

Jo Snyder – Musik, Lola – Film, Pascow

Was eine Woche, was Höhen, was Tiefen. Merkwürdige zehn Tage. Angefangen mit Hochzeiten (wenn’s denn sein muss) und dem Wiedersehen von alten Freunden gefeiert. Dennoch festgestellt, dass es durchaus Sinn macht, auch bestimmte Menschen aus seinem eigenen Fokus zu verlieren, besser gar: zu verdrängen! Lebenswege, die über Jahre parallel liefen, trennen sich – und das ist auch gut so.
Witzigerweise habe ich einige alte Schulfreundinnen in den letzten Jahren seltener gesehen, als Jo Snyder. Die Dame, die mit schönem Powerpop/Punk bei Sixty Stories und Anthem Red überzeugen konnte, spielt nun alleine bzw. mit Freundin neue und alte Songs auf der Bühne. Schade, nicht mehr so druckvoll wie Sixty Stories, dennoch besser als viele der männlichen Kollegen, die alleine musizieren. Das AJZ ist auch immer ein netter Laden, wo die Club Mate (bzw. Bier) schmeckt.
Jo Snyder
Insgesamt eine dreiviertel Stunde, wobei das ostwestfälische Publikum auch extremst träge war. Keine Interaktion, keine Kommunikation mit der Bühne. Dann durch die Nacht gerauscht mit großer Musik von Milloy, Leatherface und Nothington.
Mittwochs dann ins Kino. Ebenfalls starke Frauen, diesmal „Lola“. Lola ist Tagalog, die Sprache in den Philippinen, und bedeutet Großmutter. Der Film erzählt von zwei Großmüttern, die eine hat ihren Sohn bei einem Mord verloren und versucht, Geld für die Beerdigung aufzutreiben. Die andere ist die Oma des Mörders und versucht alles, ihren Enkel aus dem Gefängnis zu bekommen. Der Film kommt ohne große Dramatik, laute musikalische Untermalung aus, hat aber wunderbare Momente und großartige Bilder. „Ich will den Junkie hängen sehen“, ist so einer, als die Großmutter des Ermordeten dem Staatsanwalt erzählt, was sie vom Prozess erwartet. Großartiges Independent-Kino und einfach mal suchen, wo der Film noch läuft.
Eine starke Frau ist auch Steffi Love, mit der ich dann am Freitag abend in Aurich die Bühne teilen durfte. Vielen Dank! Eine schöne Lesung vor vielen befreundeten Menschen. Sehr schön! Als Hauptakt übrigens Sir Jan Off, ebenfalls ein äußerst charmanter junger Mann. Die Nacht dann zum Tage gemacht und daher gestern in Herne beim KAZ Open Air nur Pascow mitgenommen. Guter Text findet sich darüber hier: MKORSAKOV
Und da der Herr auch gute Photos gemacht hat (v.a. für seine Verhältnisse ;-) ), eine kleine Auswahl hier:
Pascow in Herne
Sparkasse in Herne
Die drei Alfreds???

Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, den Rest kriegt mein Friseur

Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, den Rest kriegt mein Friseur

Es fröstelte mich. Der Herbst schien mit großen Schritten näher zu kommen. Die ersten Bäume verfärbten sich, Laub verstopfte die Straßengullis und im Radio liefen Balladen. Kenny Rogers besang seine Ruby, die Liebe nicht in die Stadt zu tragen und irgendwie fühlte ich mich wie der „Dude“ in „The Big Lebowsky“, nur, dass ich weder die Lässigkeit, noch seinen Bademantel gepachtet hatte. Einige Gedanken stressten mich, vor allem der Gedanke an die Zeit, die mir durch die Finger glitt.
Schnellen Schrittes war ich auf dem Weg zum Frisör. Einer der deprimierenden Besuche, hoffnungslos aus meinen letzten Fusseln, die vom Kopf hingen, noch irgendetwas zu retten. Frisörbesuche waren wie Zahnarztbesuche, es gab einfach keine positiven Nachrichten mehr. Loch hier, Loch da. Loch im Zahn, Loch auf meinem Kopf, wo kein Haar mehr wuchs.
„Guten Morgen!“ schallte es mir freundlich von der Friseurin im Damen- und Herrensalon „Bagdad“ entgegen. Ich nickte nur und zeigte auf die viel zu langen Fransen, die mir von der Schädelplatte senkrecht über die Nase hingen. Die Friseurin zählte in Gedanken die wenigen Haare und als sie bei siebenundsiebzig angekommen und somit am Ende angelangt war, wies sie mir einen Stuhl zu.
Ihr Gesichtsausdruck war voller Panik, als wolle sie fragen: „Was soll ich da denn noch retten?“ Ich erklärte ihr, dass die ganze Scheiße ab musste, kurz und bündig. „Retten oder verstecken kann man da eh nicht mehr viel“, sagte ich noch und sie atmete erleichtert auf. Immer, der Kunde hatte Einsicht gezeigt. Ganz im Gegenteil zu dem älteren Lockenkopf auf dem Drehstuhl neben mir, die unbedingt ihre graumelierten Haare in einer unorthodoxen Art geschnitten und gestylt haben wollte.
„Sie waren auch schon länger nicht mehr beim Friseur“, versuchte die Dame an der Heckenschere hinter mir, das Gespräch locker und lässig in ihr genehmere Bahnen zu lenken.
„Friseur und Zahnarzt sind bei mir so Sachen“, gestand ich. „Gehe ich ungerne hin.“
„Aber sie haben doch keine Angst vor’m Friseur, oder?“ Welche abwegiger Gedanke, den die Dame da aussprach. Angst vor dem Friseur?
„Das gibt es doch nicht!“ posaunte ich heraus.
„Doch, doch. Da haben wir so Kunden …“, wollte sie gerade beginnen, als ihr auffiel, dass ich auch selten zum Friseur ging und sie mir bei Weitem nicht alles anvertrauen konnte. „Aber solange das bei Ihnen nicht so ist“, versuchte sie es zu retten.
Eine beklemmende Stille setzt ein, wie immer beim Friseur. Während man beim Zahnarzt immerhin eine Entschuldigung hat, nicht zu reden, ist das beim Friseur anders. Meistens schließe ich die Augen und versuche einfach nur, nicht da zu sein, während im Salon Bagdad meine langen Zotteln in Richtung Boden segeln. „Naja, das lohnt sich wenigstens mal richtig“, sagen die Bediensteten dieses Salons dann immer. Gerne würde ich nicken, doch habe ich Angst, dass dann die Heckenschere oder der elektrischer Rasierer ins Nichts auch noch eine Schneise mäht. Also sage ich zaghaft ja und versuche wieder das Radio zu hören. Dort läuft tatsächlich irgendwann Kettcar’s „Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, den Rest kriegt mein Friseur“. Welch Ironie. Mein Zahnarzt bekäme außer meiner Kettcar Platte nichts, meine Friseurin meine Mützensammlung. Die bewahrt mich davor, hier häufiger aufzukreuzen und vielleicht kann sie die an die paranoiden Kunden mit Angst vor dem Friseur weitergeben.

Thilo Sarrazin – Deutschland schafft sich ab

Da sitzt er nun, der Mann mit der leicht schiefen Fresse. Er redet sich um Bundesbank-Job und Verstand, erzählt biologistisch „alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“ (Quelle Tagesschau.de) und sitzt dann bei Frank Plasberg (weich aber fair) und rechtfertigt sich. Klar, alle Juden teilen bestimmte Gene, die menschlichen! Aber ansonsten nichts! Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass meine dumpfdeutsche Volksgenossin weniger Gene gemeinsam mit mir hat, als der Typ, der auf Haiti als zweiter Präsidentschaftskandidat auf der Liste steht und dessen Namen ich bis zum heutigen Zeitpunkt weder gelesen noch gehört habe. Ja, theoretisch könnte ich sogar mit Thilo Sarrazin … ach, lassen wir das. Er habe ja nur Statistiken rezipiert und 50 bis 80 Prozent der Intelligenz seien doch vererblich. Dass er damit seine Eltern in kein gutes Licht rückt, scheint dem geistig Amoklaufenden kaum aufzufallen.
Ein gequirlter Mumpitz jagt den nächsten, und selbst Michel Friedmann, eine der Hassfiguren der CDU, wirkt bei „hart aber fair“ neben ihm, wie ein sympathischer Typ. Nur die 15% Witze sollte er sich abgewöhnen.
Doch das aller schlimmste, das leider niemand zur Sprache bringt ist doch: WAS IST SO SCHLIMM DARAN, wenn dieses Land sich selbst abschafft? Seien wir doch mal ehrlich, der alte Demo-Slogan „Deutschland von der Karte streichen, Frankreich muss bis Polen reichen!“ hatte doch immer schon mehr Charme, als die dunklen Überfremdungsszenarien, mit denen uns immer wieder irgendwelche rechten Demagogen erschrecken wollen. Who cares!?! Deutschland existiert dann nicht mehr, überlasst es doch den … wen auch immer! Und selbst wenn alle Insassen, von diesem Deutschland, dumm wie Dosenbrot wären, kann man doch immer noch wegziehen, irgendwohin, wo es vielleicht nicht intellektueller, nicht schöner, doch immerhin wärmer ist. Etwas Meer vielleicht, Strände, dolce vita. „Deutschland schafft sich ab!“, hoffen wir es doch! Heißt ja nicht, dass wir alle im Krieg fallen müssen, wie unsere Ur-(Ur-)Großväter-Generation.

Lesung mit Steffi Love und Jan Off

10.09. – PUNKROCK-LITERATURABEND

Jan Off / Mika Reckinnen / Steffi Love

Beginn: 20.00h / Eintritt: 4,-€

mehr Infos in Kürze hier: juz-aurich.de

Toskana, heute: Livorno

Manch eine wird erst mal bei den Worten „Toskana“ und „Livorno“ nicht gleich auf die Idee kommen, dass die alte ArbeiterInnenstadt auch in der häufig als „malerisch“ beschriebene Landschaft der Toskana zu finden ist.
„Liwas?“ dürfte man stattdessen weiter hören.
Cristiano Lucarelli sei Dank, dürfte der Fußballverein AS Livorno, dank dem kommunistischen Stürmerstar, durchaus überregionale Bekanntheit gefunden haben. Lohnt also ein Besuch dieser Stadt überhaupt?
Ersteinmal angenehm, dass es kaum Touristen gibt. Man kann beruhigt sich im Ausland fühlen, ohne auf dumpfdeutsche Herrendeppen zu treffen oder sich über und Socken erbrechen zu müssen. Eine Ausnahme ist das Hafengebiet, was zwar weniger touristisch reizvoll ist, als einfach nur Kreuzfahrtdampfer anleinen lässt. Von diesen tummeln sich dann einige Menschen aus allen Herren Ländern und sucht nach Sachen, die es wert wären, zu photographieren. Fehlanzeige! – zumindest wenn man Florenz, Pisa, Lucca, Siena oder andere Städte mit singulären oder vielfachen Sehenswürdigkeiten in der Region als Maßstab nimmt.
Dennoch ist Livorno für mich eine der schönsten Städte der Toskana, denn so sieht einfach eine Stadt in Mittelitalien aus. Kein Schnickschnack, keine Museen. Ganz groß, die ehemalige Festung kann man nicht einmal betreten! Kirchen, klar, die gibt es, manch einen Italiener, wo die Einheimischen eine halbe Stunde Schlange stehen, um auf einen Tisch zu warten, auch. Naja, Italiener in Italien … aber dennoch, sehr lecker.
Livorno hat natürlich seine Stärke nahe der Militärakademie. Nicht, weil man mit den zur See fahrenden Militaristen irgendetwas anfangen kann, aber sowohl Pferderennbahn als auch Fußballstadion befinden sich in einem relativ snobbistischen Stadtviertel, in denen einst wohl mal reiche Händlerfamilien ihre Häuser hatten.