Archiv für November 2010

Fanzines – Incidental Afterthoughts #10 and #11

The Incidental Afterthoughts is punkrock/hardcore zine done by a small group of Filipinos. I think they are all based in the Greater-Manila area and the provinces around the capital region. In a classical D.I.Y.-A5-layout they are writing down their ideas, thoughts and doing some interviews with local (Half the Battle, hardcore from Manila; Nuclear Punishment, metal from the Philippines) and international (16; Deadbird) bands. In the end both issues have a lot of great pictures, too sad that the copy quality is not high enough to show them in a way the pictures deserve. For me the most interesting article was “Youth of Today: The Real Sound of Shit and Failure” in issue #11. It’s about speaking with other young people in Manila and how ignorant and kind of stupid they are. “Books don’t teach me how to make money” is one quotation in that article after asking, why they drop out of school. Interesting zines, you should check it out!
incidentalafterthought@yahoo.com

Fanzines – Großmasturbator 2010

Der Verdienst von Roland ist es, dass ich nun Bubi Elektrick, [insert cool name], Assophon und Phoenix West kenne, zumindest in Interviews und Sachen über Zwackelmann abgespeichert habe, die ich vielleicht nie wieder vergesse. Oder doch schon vergessen habe? Egal, diese Stars der internationalen Unterhaltungsbranche, sozusagen die Scorpions ihrer jeweiligen Heimatstädte, werden interviewt. Doch die Stärken des Hefts sind vor allem die durchen Geschichten, wie „Die Vollgas Piraten“ oder Konzertberichte, wo ich noch nicht einmal die Musikstile kenne. Alles sehr unterhaltsam, wenn auch immer die Gefahr in die Peinlichkeit abzudriften. Ach, wenn ich jetzt noch mehr schreiben würde, würde es auch nicht besser. Verkaterte Sonntage sind keine guten Tage, um gelungene Fanzines, die man vor einem halben Jahr gelesen hat, angemessen zu reviewn. Kauft’s euch einfach!
ufo@nebula-fuenf.com

Fanzines – Human Parasit #9 und #10

Die Nummer 9 springt mitten rein in das Leben von Bäppi, dem Solisten dieses Zines. Irgendwie fühle ich mich mit den persönlichen Gedanken zu Beziehungen und zu Liebe erstmal sehr überrumpelt. Seine Gedanken sind aber sehr interessant und meinen in Teilen nicht ganz unähnlich. Was soll eine Beziehung? Wie richtet man es sich selbst in ihr ein? Wie kann ein Zusammenleben funktionieren und an welchen Stellen funktioniert es eben nicht? Dann folgen Leserbriefe und ein Interview mit der Band Alert. Beides gibt mir nicht sonderlich viel, wird aber von einem interessanten Bericht über den Besuch bei Jörg Pilawa abgelöst. Sehr cool, vor allem, weil es mich an meinem Auftritt, der noch bescheidener war, erinnerte. Das Herz Stück des Heftes ist ein zweiteiliges Interview mit Micha Krieger, das sehr persönlich und interessant gehalten ist. Das Beyond Pink Interview ist auch okay, aber der He-Man Bericht und die persönlichen Geschichten gefallen mir am besten. Sehr gutes Heft. Unbedingte Kaufempfehlung und nur getoppt von Human Parasit #10!
Wow, wow, wow! Als erstes erstmal allen größten Respekt für Bäppi und das Zine, das er herausgibt. Im Moment fühle ich mich so, als stünde ich vor den Alpen und müsste die Berge beschreiben. Man fühlt sich klein und es fehlen einem fast die Worte. Fangen wir einfach an mit der Nummer 10! Im Grunde kann man hier von der Zusammenfassung des bisherigen „(Fanzine-)Lebenswerkes“ von Bäppi sprechen. Das klingt natürlich total Scheiße und deswegen macht man das nicht. Aber in der Nummer zehn lässt er alle alten Nummern noch mal Revue passieren, ist sich auch den peinlichen Momenten durchaus bewusst und bittet vor allem Menschen aus der entsprechenden Lebensphase (nicht nur des Zines), einen Kommentar abzugeben (u.a. Roland vom Großmasturbator; Marcel von Abfukk / Sniffing Glue; Butz von den Fuckin’ Faces; Interview auf Fanzine-Index mit Andreas etc.). Auf 112 Seiten (!!!) mit allen Covern der vorherigen Nummern und kurzen Geschichten, wie es zum Label kam etc. Sehr unterhaltsam geschrieben und sehr kurzweiliges Heft, hätte von mir aus auch als 300 Seiten Buch erscheinen können! Vielleicht zum zwanzigsten!
Bestellungen entweder über die auf der Homepage erwähnten Adresse oder veruschen unter: humanparasit@web.de

Von OXen und anderen Musikliebhabern

Hier eine Kolumne, die so auch auf der Seite vom Gestreckten Mittelfinger zu finden ist sowie in ähnlicher Form im Alleiner Threat #1 schon stand.
Der Falk vom Gestreckten Mittelfinger bat mich, für sein Schwerpunkt Heft zu Punk und Downloads den Artikel noch mal auf den Punkt zu bringen. „Mika Reckinnen hatte vor einiger Zeit in seinem Alleiner Threat Zine seine Meinung zu Punk und Downloads kundgetan. Auslöser war ein Vorwort von OX-Chef Joachim Hiller, in dem dieser izemlich über illegale Downloads hergezogen hatte.“

Von OXen und anderen Musikliebhabern
Anfang 2010 hatte ich für mein Zine „Alleiner Threat“ versucht, eine Diskussion um illegale Downloads anzukurbeln, was nur mit mäßigem Erfolg funktioniert hat. Daher bin ich recht dankbar, dass Falk mich gebeten hat, noch mal meinen damals an Joachim Hiller adressierten Brief zu aktualisieren und ihm zur Verfügung zu stellen.

Here we go:
Ausgangspunkt für den Beitrag um illegale Downloads und Piraterie im Punkrock war die Kolumne von Joachim Hiller im Ox, Nummer 82, Februar / März 2009. Unter der Überschrift „It’s the end of the world as we know it“ rechnete Joachim Hiller mit illegalen Downloadern ab und nahm dort, meiner Meinung nach, recht reaktionäre Positionen ein. Dies ist eine Antwort darauf, auch in der Hoffnung auf eine breitere Debatte. Das Missverständnis beginnt meiner Meinung nach schon früh. Joachim Hiller beklagt sich, dass zwar die Finanzkrise und die Krise der Musikbranche in aller
Munde sind, aber vor allem die Krise der kleinen (Musik-)Label völlig ignoriert
wird.
(mehr…)

Fanzines – „Schlammrock“ #4

Das Schlammrock ist jetzt also auch nach Berlin gezogen. Dafür ging der Herr Chefredakteur gleich über Leichen und wechselte die halbe Belegschaft. Qualitativ gibt es wie immer Enthüllungsjournalismus gepaart mit Sex und schlechter Musik. Dazu Weisheiten aus dem Leben. Guido Westerwelle wird vor ein Mikro gezerrt (scheinbar auf Englisch, da seine Antworten nicht immer eins zu eins die [neo]liberale Agenda seiner Partei entspricht), Motörhead wurden besucht (auch wenn man sich beim Kartenverkauf beinahe eine Rippenblessur und eine Lippenprellung eingefangen hätte) und dazu gibt es viele Geschichten mitten aus dem Leben. Der geehrte Don Chrischan und meine Wenigkeit haben auch noch jeweils einen Text beigesteuert, sodass meine Neutralität von Anfang an erkauft, erstunken und erlogen ist. Sollte der Mann nicht mit seiner Band auf dem Weg nach Italien sein, trägt er Brüste nach Eckernförde und vielleicht auch zu Dir nach Hause. Um gewappnet zu sein, bitte vorher lesen:
hoeppi77 (ä) web.de

Fanzines – „Proud to be Punk“ # 13 und #14

Proud to be Punk #13 und #14
Das Proud to be Punk ist eine klassisches Ego-A5er-Fanzine, wie ich sie liebe. Genau solche Hefte haben uns damals in den 1990er bewegt, selber aktiv zu werden und ich hoffe, dass sich auch an Jan Leute motivieren können. Denn er leistet hier eine Unmenge an Arbeit, um das Heft relativ regelmäßig in dieser Quantität und Qualität erscheinen zu lassen. Auf jeweils 80 Seiten gibt es einen Querschnitt aus Interviews (Heft 13 u.a. mit dem ROMP-Fanzine), politischen Informationen (u.a. Freiräume, besetzte Häuser) und Würdigung von mehr oder weniger guter Musik. Dabei sind die Reviews nur ein Teil des Heftes, in Nummer 13 wird zum Beispiel The Annoyed vorgestellt, eine Deutschpunk Band, die zumindest Mitte / Ende der 1990er Jahre durchaus mal eine Existenzberechtigung hatte. „Ich pack den Rucksack und hau ab, es fällt mir nicht schwer, bis im nächsten Leben“ (7“ Ausgelebt, Song: „Weg“) trötet noch immer in meinem Ohr, wenn ich das Gefühl habe, hier mal wieder ausbrechen zu müssen. Gut finde ich auch, dass er über den Tellerrand schaut (Interview mit dem „Drunk nach Osten“-Macher aus Tschechien mit super vielen Tipps, nach guter Musik in Osteuropa zu suchen) und gleichzeitig die eigene Szene (Sachsen-Szene-Report) pusht. Wie gesagt, musikalisch liegt mir Anarchopunk relativ fern, aber den Enthusiasmus von Jan kann ich nur teilen! Geiles Heft, unbedingt anchecken! (und jetzt muss ich mir tatsächlich noch mal die 7“ von The Annoyed anhören)
Kontakt: Jan Sobe – jan.sobe (ä) t-online.de

Super Mutant, Kaefer K, Endzeit – EMO-Keller Essen

Der Mittwoch außerhalb der Ferienzeit gehört traditionell zu den schöneren Tagen in der Woche, denn häufig veranstalten coole Kids im EMO-Keller in Essen schöne Shows. Captain Planet, Antitainment, Grand Griffon, American Tourist, alles schon innerhalb der letzten vierundzwanzig Monate in dem Kellerraum des evangelischen Gemeindezentrums in Rüttenscheid (???) zu Gesicht und zu Ohren bekommen. Daher freute ich mich, dass mit Kaefer K auch eine Band nach Essen kam, die meine Freundin sehr mochte.
Aufgrund von beruflichen Verpflichtungen musste es dann doch ohne sie, dafür aber mit dem Wissen Bekannte zu treffen. Also auf in Richtung des Ladens. Viertel nach Acht und schon ging’s los. Konzerte, die unter der Woche um elf zu Ende sind, haben viele Vorteile. Auch wenn sämtliche Bands im berufsbedingten Staus standen (das Wort „Berufsverkehr“ kann ich allerdings nicht mehr hören), ging es doch einigermaßen pünktlich los. Zuerst Super Mutant, die ich im Laufe des Abends wohl als beste Band kühren würde. Aber im Nachhinein zu sagen, welche Band wie genau klang, dürfte mir eher schwer fallen. Denn alle drei Bands spielten dynamischen, deutschsprachigen Indiepunk, wobei die Betonung auf Indie liegt. Früher wäre das wohl als „Hamburger Schule“ durchgegangen, bevor es eine Beleidigung wurde und im Anschluss gänzlich aus den Definitionsbüchern zur Schubladengestaltung neuer Bands von ambitionierten und routinierten Musikjournalist_innen verschwand. Heute ist alles Punk, von Revolverheld, Juli und Silbermond bis zu den Blöhden Onkelz und ihre Nachfolge-Combos. Dafür hört man nichts mehr von „Hamburger Schule“ und gegen Deutschland, dafür aber diesen Sound an allen Straßenecken und vor allem auf allen Punkshows. Matula, Captain Planet, etc. haben eine Welle losgetreten, die leider kaum ein Ende nimmt.
Nicht, dass eine der Bands an diesem Abend schlecht gewesen wäre, bei Leibe nein, aber irgendwie klingt das, wie schon tausendmal durchgekaut und vor allem nicht sonderlich originell. Ich glaube Super Mutant waren es, die als letzten Song noch ein Stück hatten mit mehrstimmigen Gesang, der dann in einem hymnischen irgendwas nur mit Schreien endete. „Against Me!“ für Sozialpädagogikstudierende! Kein Country, kein Folk, keine Rückbesinnung auf Elemente einst revolutionärer Musik. Dafür poppiger Indiesound, den kleine Jungen/Mädchen über die Schulfreunde bis zu den Eltern alle gut finden dürfen, können, sollen, müssen.
Als Endzeit am Ende spielten, wünschte ich mir eher Endstand. Irgendwas, was einfach mal durch den Raum fegt, was alles in Grund und Boden prügelt. Nach dem Motto „brüllen, zertrümmern und weg“ (grässlicher Slime-Song …) blieb mir am Ende nur ein „weg“, weggehen, wegstehlen, weglaufen. Ein netter Abend, mit netten Bands, aber irgendwie sind es genau diese Abende, die eine Beklemmung in mir auslösen, eine Ohnmacht, ein Stillstandsgefühl. Das kann man den Bands nicht vorwerfen, aber woran soll ich mich sonst abreagieren.
Immerhin, unterwegs sind mir noch drei gute Ideen für Kurzgeschichten gekommen, die ich in nächster Zeit realisieren werde. Und gerade genieße ich Endstand.

‚Communist‘ label on an activist is a prelude to murder

Scary, scary! Jean Marie is a friend of mine, please support her in forwarding this article from the Asian Human Rights Commission!

FOR PUBLICATION
AHRC-STM-218-2010
November 6, 2010

A Statement by the Asian Human Rights Commission

PHILIPPINES: ‚Communist‘ label on an activist is a prelude to murder

The Asian Human Rights Commission (AHRC) is deeply concerned that Jean Marie Ferraris, a mining activist attached to the Legal Rights and Natural Resources Center-Kasama sa Kalikasan or LRC, has been falsely accused as „head of the international financial cell“ of the Communist Part of the Philippines (CPP) in Indonesia. Falsely accusing human rights and political activists as communists has been routinely practiced by security forces to justify their illegal arrest, detention and extrajudicial killing.

In a report by the Philippine Daily Inquirer today, Retired Police Director Rodolfo „Boogie“ Mendoza, a former police intelligence officer, was quoted as having said that Ferraris is a „member of the Central Committee of the CPP“ and is the „head (of its) international financial cell“ in Indonesia. He claimed that her presence in Indonesian soil during her arrest on July 5, 2010, was part of her role to „collect contributions and revolutionary taxes as well as membership dues from overseas Filipino workers“.

Ferraris, a Filipina, was one of those 13 nationals of Asian countries who have been illegally arrested by the Indonesian police during a press conference after its training on Coal Campaign Skillshare organized by the anti-coal community in Cirebon, West Java. The training was supported by Greenpeace International. Ferraris and her companions were released without being charged on July 6.

Ferraris, also a convener of Panalipdan-Southern Mindanao, a local environmental group; has been deeply involved in campaigning against mining in southern Mindanao. Her organization, the LRC, is also involved in legal and policy research known for its work on advocating for the rights of indigenous people and issues regarding natural resources.

The AHRC demands that the Philippine National Police (PNP) takes full responsibility for the false allegations that Mendoza made. It must also clarify what authority, if there is any, Mendoza has as a retired police officer. His action has already unnecessarily put the security and safety of Ferraris at serious risk making her a senseless target, not only by the government forces but also illegal armed groups critical of the communists.

The PNP must investigate Mendoza’s claims and initiate a prosecution once he could not prove them. They must also ensure that it provide adequate protection that Ferraris requires. This false allegation on Ferraris is a matter of serious concern. This cannot be taken lightly. This practice of falsely labeling human rights and political activists as communists have been a convenient excuse by the police and military to justify subsequent attacks of these persons. It has completely disregarded any notion of due process.

Once a person is labeled a communist, there is a real possibility of him being illegally arrested, detained, falsely charged or murdered, as what it has been happening. This was also the pattern to the murder of hundreds of activists in recent times. Their murders were routinely perpetrated subsequent to being labeled and falsely accused as communists. None of the police, military and government officials who were responsible for spreading these false allegations have been held to account.

Below is the detail about Jean Marie Ferraris‘ illegal arrest in Indonesia according to the information received from the Legal Rights and Natural Resources Center-Kasama sa Kalikasan or LRC:

The activity was a Coal Campaign Skillshare organized by the anti-coal community in Cirebon, in West Java, Indonesia with the support of Greenpeace International. Apart from members of the community, thirteen (13) other participants from the Philippines, Thailand, China also joined the activity. The objective of this training was to bring together people from different parts of the region to share their experiences in their respective countries particularly on the deadly impact of coal and their own learning from their respective anti-coal campaigns.

The Cirebon community hosting the activity has been engaged in an ongoing campaign against a coal company operated by Cirebon Electrik Power Ltd, a consortium of Japanese, Korean and Indonesian investors, which they claim is damaging their environment and has caused loss of livelihood in the area.

Ms. Jean Marie Ferraris, team leader of the Davao Regional Office of the Legal Rights and Natural Resources Center Kasama sa Kalikasan Friends of the Earth Philippines (LRC-KsK/FOEI-Phils.) and company arrived in Indonesia on July 1. July 5, day of the arrests was the last day of the training. The community and the representatives from the Philippines, Thailand and China were holding a press conference to launch a region-wide manifesto calling for an end to the expansion of coal power in Asia.

At around 2 pm when the press conference was almost over, around 100 Indonesian police came and arrested the foreign participants of the training. They were herded off to the Cirebon police station, initially for alleged visa irregularities. After that allegation was disproved, the police accused them of engaging in activities that caused „instability“. Their interrogation lasted through the night during which they had very little sleep or rest. The following morning, without filing any charges, the police turned them over to the Immigration authorities, who also dragged their feet in resolving the issue.

The activists were finally released at around 10 pm last night, July 6 and were told they were being subjected to „monitored deportation“ which means they will all be escorted by Immigration officials until they board their planes and depart for their home countries. Monitored deportation means their passports will not get the „red stamp“ which would have meant a ban on their future entry into Indonesia.

Gendermainstreaming

Auf dem alten Holztisch hat sich eine Armee von Glasgefäßen in die letzte Schlacht geworfen. Halbleere Weinflaschen salutieren vor leeren Bierflaschen. In den beiden einzigen Bierdosen schwimmen Zigarettenstummel und kämpfen verzweifelt in einer Pfütze aus Bier und Speichel gegen die Erlöschung des letzten Funken. Dann eine Zäsur des Moments und das Klirren von Flaschen, die aneinander schlagen. Weinflaschen stoßen mit vollen Bierflaschen an, aus denen die Frische heraus sprudelt und den gemeinsamen WG-Teppich besudelt. Ein Aschenbecher quillt über und ein Tsunami aus Zigaretten- und Jointstummeln sucht nach seinem Platz zwischen all dem Glas. Der geringste Widerstand ist zwecklos und Krümmel des Frühstücks ertrinken in den Fluten. Schwimmende Asche zu Asche auf dem Teppich. „Tritt sich fest“, meint eine.
Um das Szenario herum, unbeachtet der kleinen und großen Gesten, diskutieren sie. „Food not Bombs“ steht auf den T-Shirts, „Go Vegan“ auf den Buttons. Korrektheit kokettiert mit dem Wissen, das Richtige zu tun. Themen über die Rolle des Antisemitismus in der deutschen EZ. Alle Wissen, dass „EZ“ für Entwicklungszusammenarbeit steht. Und auch wenn keine und auch keiner arbeitet, der Entwicklungsbegriff alleine ist schon heikel genug. Müssen wir denen unsere Systeme überstülpen? Eine verbessert, „wir sollten aufzwingen sagen“. Andere nicken. Und überhaupt, wer ist denn „denen bzw. ihnen bzw. sie“ und was sind „unsere“ und was „Systeme“? „Mir fehlt die Definition der relevanten Begriffe in dieser Diskussion. Woher sollen wir wissen, dass wir überhaupt über das gleiche reden?“ Jemand nickt besonders aufrichtig. Mittelschichtskinder und Bildungsbourgeoisie stoßen noch einmal mit Markenbier und teurem Rotwein an. Halbtrocken und mindestens aus Frankreich sollte er sein. Das Bier am besten von noch weiter weg.
Essen wird gereicht. Jemand nickt anerkennend. „Nicht so patriacharlisch“, sagt jemand. „Ist das nicht eher paternalistisch, wie er sich benimmt?“ will jemand anderes keck wissen. „Als würdest Du den Unterschied kennen“, lacht eine Dritte und alle stoßen wieder an. Kichererbsenbälle, frittiert, Gemüse, gedünstet, Tofu, geräuchert, Erdnusssauce, fair gehandelt, dazu auf Wunsch ein gelbes Curry, Indien, und ein rotes Curry, Thailand. Für die Veganerinnen und Veganer und die laktoseunverträglichen Kranken gibt es das Curry auf Sojamilchbasis. Krank nennen sie die Laktoseunverträglichen allerdings nicht. Man, besser mensch, wird ja auch behindert und ist es nicht.
Für die Vegetarierinnen und Vegetarier, die Sojaallergiker und Sojaallergikerinnen sowie den einen Fleischesser, der sich aber als solcher nicht in dieser Runde outen wird, gibt es das jeweilige Curry auf Kuhmilch und Sahnebasis. Das ist merkwürdig und einige rümpfen die Nase. „Kokosnussmilch war leider ausverkauft“, müssen sich Köchin und Koch rechtfertigen.
„Naja“, sagt jemand und spricht aus, was alle denken. Dann panschen Löffel in dem Curry, Falafelbällchen werden von Gabeln zerteilt. Mittelklassenrevolutionäre und -revolutionärinnen erfreuen sich über das Bio und den fair gehandelten Markenbrei.
Es wird gegessen und weiter diskutiert. Adorno und Foucault, Butler und Nietzsche. Alle interpretieren, diskutieren, essen. Jemand rülpst laut. Alle lachen, das würde man ja jetzt in Indien auch tun. Der Einwand, dass dies unter Umständen in Deutschland auf Missmut stoßen könnte, wird mit einem Verweis auf den eurozentristischen Kulturimperialismus abgeschmettert. „Du musst dich aber auch nicht krampfhaft anbiedern“, denkt der Fleischesser, sagt aber nichts.
Kulturimperialismus, das lehnen hier eh alle ab. Kulturbewandert, ja, das sind sie aber alle. „Tansania und Honduras!“ sagt jemand auf die Frage nach seinem Lieblingsland. Um dann zu ergänzen, „wenn es denn ein Staat sein soll. Eigentlich bin ich gegen jegliche Art von Staat und Nationalismus.“ „Da herrscht Einigkeit“, wird niemand müde zu betonen. Aber wenn schon Staat, dann wissen alle sofort ein Paradies zu proklamieren. „Laos!“ meint zum Beispiel jemand, oder „Grönland“. Drei Personen sind sich einig, dass die Antwort nur „Israel“ heißen kann. Eine scherzt: „Palästina“. Alle lachen und dann sagt sie, „Nee, natürlich Japan.“ Einer war dennoch einen Moment erleichtert, dass jemand Palästina sagt. Es ist der heimliche Fleischesser, doch nach dem Lachen sagt er nicht, dass seine Freundin Palästinenserin sei. Er will ja keinen Streit oder eine unnötige Diskussion, wie er als Deutscher denn mit jemandem befreundet sein könne, die aktiv für eine Zersetzung eines Staates ist, dessen Gründung bedingt durch die deutsche, somit auch die seinige, Geschichte unwideruflich gemacht werden muss. Dabei ist seine Freundin gar nicht gegen oder für etwas. Aber das kann man meistens eh nicht erklären.
Das Essen wird abgeräumt und die Stimmung wird noch ausgelassener, als die Gastgeberin und der Gastgeber auch noch Nachtisch präsentieren. Bio- und Fair Trade Schokolade wird auf den Tisch gelegt, weitere Süßigkeiten folgen. Den Höhepunkt bilden die selbstgemachten Schaumküsse. Jemand erhebt sich am anderen Ende des Tisches und fragt laut: „Kann ich mal einen Negerkuss haben?“
Gespräche verstummen. Köpfe drehen sich zur Quelle des Satzes. Ein Kinn klappt nach unten und jede und jeder hätte zwischen den fein gesäuberten, weißen Mittelklassenzähnchen halbzerkaute Bio-Zartbitterschokolade ohne tierische Bestandteile sehen können. Doch niemand beachtet diesen Schlund und alle schauen stattdessen in Richtung dieses Jemands, dieses Niemands. Was hatte er gerade gesagt? Der junge Mann, im vierten Semester des Geschichtsstudium, neuere und ältere, steht dort am Ende des Tisches, die Hand leicht ausgestreckt. Er möchte doch nur einen dieser mit Schokoguss überzogenen, lecker riechenden Schaumküsse. Dann machen seine Synapsen deutlich vernehmbar *klick*. „Entschuldigung“, beginnt er die Korrektur, „ich meine natürlich Neger- und Negerinnenküsse!“ Er bleibt hungrig.

Escapado + Casting Out + SAMIAM + Alexisonfire – FZW Dortmund

Zwei oder dreimal bin ich von einer Freundin gefragt worden, ob ich denn zu Alexisonfire in Dortmund gehen würde. „Nö“, habe ich immer gesagt. Doch dann, Halloween, Langeweile und durch Zufall stoße ich auf ein Konzert mit Escapado, Casting Out (Ex-Boy Sets Fire), Samiam und besagten Alexisonfire. Das kann ja mal heiter werden, da diese meiner Meinung nach völlig überbewertete Band auch noch den Hauptact geben durfte und nicht Samiam. Ich hätte lieber A Death in the Family im Vorprogramm gesehen, aber was soll’s?
Ab in Richtung FZW und um halb sieben gewundert, dass die Schlange fast bis zum Büdchen meines Vertrauens reichte. Die Hoffnung aus Rest-Tickets fast aufgegeben und dennoch, die Schlange kriecht schnell in Richtung Eingang, da sich die meisten tatsächlich mit Vorverkaufsticket eingereiht haben. So doof wäre ich auch gerne mal, überpünktlich mit Karte! „Typisch Deutsch“, darf man hier getrost anmerken und die Nase rümpfen. Aber egal, von Deutschland habe ich noch nie viel gehalten und bei Mainstream-Punk und Hardcore sind meine Erwartungen 2010 eh am Boden.
Pünktlich um sieben (!!!) Uhr spätnachmittags beginnen dann auch Escapado. Bei den Jungs hatte sich das Besetzungskarussell ordentlich gedreht und mit dem ehemaligen Sänger Helge haben sie auf jeden Fall einen wichtigen Teil verloren, der neben dem Gitarrenspiel und Songwriting von Seb und dem nach vorne krachenden Schlagzeug von Chris für mich Escapado mit ausgemacht hat. Klar, den Sänger mal eben austauschen und so tun, als wenn nichts wäre, kann man sicherlich nicht. Daher muss das Thema wohl ordentlich Wellen geschlagen haben, von denen ich nicht viel mitbekommen habe. Mir auch egal, der Band eine Chance geben, doch auf der großen Bühne, vor halbleerem FZW – kein Wunder bei der Kindergeburtstagszeit – weiß der Funke leider nicht überzuspringen wie sonst. Überraschenderweise gefallen mir die neuen Songs auf Anhieb sehr gut, während es eher die alten sind, die bei mir nicht mehr zünden. Vielleicht liegt es am neuen Sänger Felix, der auch von der Bühnenpräsenz anders als Helge ist. Während Escapado früher vor allem das Zerbrechliche in der sehr harten Musik, der Widerspruch im Hardcore, die De-Konstruktion durch Gesang und Geschreie war, hat Felix eine ganz andere Bühnenpräsenz, die zum Glück auch erst gar nicht versucht, Helge zu kopieren. Leider bleibt zumindest bei dem Auftritt im FZW bei mir der Widerspruch, das Zerbrechliche dabei auf der Strecke.
Doch seit zwei Tagen läuft bei mir Montgomery Mundtot, das neue Album auf Grand Hotel, auf und ab. Ganz klar anknüpfend an das letzte Album, super Melodien, Mischung aus Gesang und Geschrei. Trotz Zäsur eine weitere Weiterentwicklung! Mal sehen, wohin die Reise geht. Ich hoffe, sie bald wieder in einem etwas kleinerem Club zu einer vernünftigen Uhrzeit zu sehen.
Zu Casting Out im Anschluss will ich gar nichts schreiben. Gut, dass Boy Sets Fire wiederkommen und Casting Out History sind, so wie ich das verstanden habe. Netter Melo-Core, der aber fast nur von der Stimme von Nathan lebt, was eindeutig zu wenig ist. Nicht schlecht, aber bei Weitem nicht gut.
SAMIAM, SAMIAM, SAMIAM, Du sollst nicht sprechen schlecht über SAMIAM, SAMIAM, SAMIAM! Mein Highlight! Zwischenzeitlich nette Menschen aus Essen, OWL und Bremen getroffen und dann doch abgekapselt und in die ersten Reihen! Welch eine große Band, welch große Melodien, welch großartige Stimme! Die „Astray“ und die „Freaking Me Out“ fast komplett herunter gespielt, Hit an Hit an Hit, ein paar ältere Songs (leider nicht Sky Flying By) und mit „Dull“ vielleicht einen der schönsten Songs im letzten Drittel noch versteckt. Wie ein begeisterter Fan mir später anvertraute, dass sei Emo! „Richtiger Emo, der aus den 90ern ohne Kajal“ und Recht hat er gehabt. Melodisch, aggressiv, zerbrechlich, großartig! Während auf dem Plattenteller sich die Escapado einrollt, läuft in der Küche zu Frühstück nur noch „Astray“!
Alexisonfire habe ich dann fast komplett verpasst. Drei oder vier Songs gesehen, sehr dürftig, langweilig, mit ner netten Bühnenshow, aber irgendwie … für mich war der Headliner schon längst wieder Backstage und ich summte ihr „lonely weekend on the phone without anyone to call“ vor mich hin!
Schön war’s!