Vollmond

Da saß ich nun und ließ meine Beine über dem Wasser des Aasees baumeln, stets bedacht, nicht mit der überdüngten, braunen Brühe in Berührung zu kommen. Der alte Holzsteg war in dieser Herbstnacht endlich mal verlassen und ruhig im Schatten des Mondes gelegen. Keine Alkohol infizierten BWLer, keine Emo-Jünglinge, keine Nachtgriller oder Nacktschwimmer, nur der Mond und ich.
„Vollmond“, hatte die alte Frau im Supermarkt gemeint, doch ich wusste es besser. Vollmond war vor zwei Nächten gewesen, und auch wenn dieser Mond immer noch voll wirkte, so wie er dort riesig über dem Aasee stand, war er nicht mehr der Vollmond von vor zwei Nächten.
Warum ich mir so sicher war? Der Mond braucht 29 ½ Tage, um die Erde zu umrunden, und seit genau einunddreißig Tagen war ich komplett neben der Spur. Einunddreißig Nächte, die ich nicht oder nur schlecht geschlafen hatte. Einunddreißig Tage, in denen ich mehr Zeit mit Weinen, Schreien und wütend auf Holzschränke Einschlagen verbracht habe, als mit dringlichen Dingen, wie die Diplomarbeit fertig zu stellen, mit Freunden zu trinken oder mich wegen des Stellenangebots zurückzumelden. Einunddreißig Nächte war es her, als ich dir eröffnete, dass ich ein Angebot aus Manila habe, und du mir gesagt hast, dass du nach Stockholm zurück wollen würdest. Einunddreißig Tage und Nächte, nachdem wir uns gestritten und endgültig getrennt hatten.
Die Angler auf der anderen Seite schienen einen Fang gemacht zu haben. Die Angeln zuckten im Mondesschein, und hektische Bewegungen am Seeufer schienen von einem großen Fisch zu zeugen. „Bestimmt nur ein Fahrrad“, dachte ich bei mir und gab die Hoffnung darauf auch nicht auf, als sie einen Fisch aus dem Becken zogen. „Nun ja, vielleicht ist der Fisch wenigstens kontaminiert.“ Meine Gedanken kreisten um den dreiäugigen Fisch der Simpsons, die Missbildungen der Bundys beim Grillen am AKW und den Oma Hans-Song über das nukleare Unglück des potentiellen EU-Beitrittskandidaten. „Lala lala, in der Ukraine.“

Meine Beine baumelten weiter über dem Aasee, und ich kramte die teure Flasche Wein hervor, die ich mir für diesen Augenblick vor Tagen gekauft hatte. Ein wohlig warmer Geruch entstieg der Flasche, als ich sie öffnete, kurz bevor ich ein wenig Inhalt in das ebenfalls extra mitgebrachte Weinglas schüttete. Ich fühlte mich wie ein Boheme, ein Snob oder wenigstens halbwegs stilsicher.
Ein Prosit auf die Angler und auf mich. Während ein Schluck des Weines meine Kehle herunter rann und meinen Gaumen mit der nötigen Schwere benetzte, hob ich das Weinglas prüferisch in das fahle Mondlicht und hielt mich für einen Sommelier oder einen mit Alkohol reichlich getränkten französischen Winzer. Die rote Nase inklusive. Dann exte ich das Glas atypisch und goss mir wieder voll.
Ja, ich war über dich hinweg. The Weakerthans, Chuck Ragan, Lattekohlertor, Kimya Dawson, Jawbreaker, The Cure, The Smiths und Frankie Stubbs hatten mir täglich mehrere Stunden beigestanden, hatten mein Zimmer mit ihrer Musik gefüllt und meine Wutausbrüche nicht in der absoluten Selbstzerstörung enden lassen. Ich stieß auf sie an und trank ein weiteres Glas leer. Heute gebe ich mir selbst ne Party.
Aus dem Portemonnaie kramte ich mein letztes Photo von dir hervor. Darauf lächeltest du, mit einer Zigarette in der linken Hand, in die Kamera. Deine schwarz gefärbten Haare, deine grau-blauen Augen und dein roter Mund bildeten Kontraste zu dem grauen Meer hinter dir. Das Mittelmeer war an diesem Tag aufgewühlt gewesen. Die italienische Industriestadt hatte es eingefärbt und erbost. Dein Lächeln war der fehlende Sonnenschein auf diesem Photo. Ich lächelte zurück und dachte dennoch: „Ich bin über dich hinweg. Endlich!“
Dann nahm ich das Bild, zerriss es und legte es fast behutsam auf die braune Brühe des Aasees.
Adios, gute Reise, vielleicht sieht man sich mal wieder. Aber nicht in diesem Leben. Münster, 14° und der Regen verzieht sich langsam und macht der Sonne wieder Platz.
Das Weinglas füllte sich fast wie von selber, und noch bevor ich es merkte, war die Flasche Wein auch schon leer. Wie mechanisch griff meine linke Hand nach der zweiten, bei weitem nicht so teuren Flasche Wein, entkorkte auch sie mit Hilfe der zweiten Hand und führte den Inhalt ohne den Umweg Weinglas direkt zu meinem Mund. Prost, auf die Angler, die nach ihrem Fang wieder ruhig auf den Aasee starrten und auf die nächsten beißenden Fische warteten.
Tränen kullerten auf einmal meine Wange herunter. „Ich bin über dich hinweg. Nein, ich weine nicht. Ich sitze nicht alleine im schwachen Mondlicht und denke an dich. Nein, das bin nicht ich. Ich klammere mich nicht an dich, ich brauche keine Photos von dir. Das bin nicht ich, der spricht, nicht ich, der denkt, und nicht ich, der fühlt.“
Zwei Minuten später liege ich völlig außer Atem bäuchlings auf den hölzernen Bohlen. Ich war zu den Anglern gelaufen und hatte mir einen Kescher geliehen, unter irgendeinem Vorwand, welchen, hatte ich schon vergessen.
Nun versuchte ich, so schnell wie möglich die Photoreste von dir einzusammeln. Ich streckte meinen Arm über die braune Brühe, zog mit dem Kescher vorsichtig über die Wasserschicht und schaffte es tatsächlich, sieben von den acht der zum Puzzle verkommenen Phototeile einzufangen. Nur das mit deinem Gesicht fehlte.
Wieder rotzten meine Tränendrüsen Flüssigkeit aus den Augen, wieder fing ich an, mich zu hassen, und wieder verfluchte ich jenen Tag, an dem wir uns trennten. Dann verfluchte ich den Tag, an dem wir uns trafen, dann wieder den, an dem wir uns trennten. Ein Wechselbad der Gefühle, nur beschissen waren sie immer. Am Ende blieb ich dabei, ich verfluchte den Tag, an dem wir uns trennten. Es war wie die ganzen anderen beschissenen einunddreißig Tage und Nächte. Nichts hatte sich geändert, ich war immer noch ich.
Aufgeben kam mir in den Sinn, als ich das letzte Teil, das letzte fehlende Teil auf dem Aasee schwimmen sah. Ich streckte mich, nahm den Kescher, streckte mich weiter, härter als je zuvor. Meine Gelenke knackten, meine Fingerspitzen konnten den Kescher kaum halten. Nur noch ein paar Zentimeter. Es fehlte nicht viel. Ich verlor die Kontrolle, fiel vorne über und landete kopfüber in der braunen Brühe. Doch es war egal. Ich schwamm mit letzter Kraft zu dir, zu deinem Gesicht auf Polaroid.
Dort angekommen musste ich mit ansehen, wie aus deinem Gesicht ein altes vermodertes Blatt wurde, welches viel größer als das eigentliche Photo und viel hässlicher als alles auf dem Photo ungefähr drei Meter von dem hölzernen Steg entfernt auf dem Aasee schwamm.
Für einen Moment hörte ich auf zu schwimmen und stellte mir vor, wie ich wie Leonardo Di Caprio in Titanic langsam auf den Boden sank. Der Film war mir immer verhasst geblieben, dennoch hatte ich ihn mindestens fünfmal mit dir gesehen. Mir war die Szenerie vertraut, mein eiskalter Körper sank in die kühle Tiefe des Atlantiks, während Kate Winslet mir hinterher rief.
Dann schmeckte ich die braune Brühe, öffnete die Augen und wusste, ich bin nicht Leonardo Di Caprio und du nicht Kate Winslet. Das Leben hat kein Ende, und erst recht kein Happy End, auch wenn ich hier im Aasee vermodere. Also schwamm ich wieder an die Wasseroberfläche, stieg auf den Holzsteg und legte mich in das Mondlicht. Nichts von Bedeutung war von dir geblieben, nur der Schmerz.
Ich trank die zweite Flasche Wein leer und machte mich auf den Weg nach Hause. Duschen, eine dritte Flasche Wein trinken und die ganze Litanei an trauriger Musik von vorne. Noch siebenundzwanzig Tage bis zum nächsten Vollmond, vielleicht würde es dann ja gehen. Irgendwie muss es doch immer weitergehen.

aus: Luftruinen #1