Archiv für März 2011

Geoff Berner in Bochum

Geoff Berner – the Whiskey Rabbi – live in Christuskirche, Bochum (27. März 2011)
Geoff Berner
Durch Zufall auf die aktuellen Tourdaten von Geoff Berner gestoßen und beinahe einen Freudesschrei ausgestoßen! Dreimal in unmittelbarer Nähe, jetzt hieß es nur noch den Tag auswählen. Freitags Neuss, Samstags Düsseldorf, alles verneint, da der selbst ernannte Whiskey Rabbi am „holy Sunday“ in der Christuskirche in Bochum spielen sollte.
„Geoff Wer?“ wird jetzt die ein oder der andere fragen. „Geoff Berner“ ist ein kanadischer Folk-Klezmer-Punk-Virtuose. Großartige Texte, die genau richtige Ummalung, einen Sonntag in einer Kirche mit Bier trinken zu verbringen! Oder jeden anderen Ort.
Trotz Versuche von Mund-zu-Mund-Propaganda, gab es keinerlei positiven Rückmeldungen bzw. nur Absagen! „Shame on you“, um mal mir mal Worte zu borgen. Dafür die Herzdame mitgenommen und pünktlich um kurz nach sieben das erste mal seit langem eine Kirche betreten. Eine Protestantische gar. Eine Prämiere für mich. Doch zu meiner Überraschung hingen nirgends umgedrehte Jesusse, keine okulten Gegenstände und nicht mal einen Beichtstuhl oder Hostien-Aufbewahrungsort (Tabernakel genannt, isch kenn misch aus!). Martin-Luther-Figuren waren auch nicht zu erspähen, keinen Tintenklekse, dafür ein freundlicher Mensch, der mir 10 Euro abgeknöpft hat. „Happig, happig“, denke ich noch, doch eine gute Investition, wie sich im Folgenden herausstellen sollte, denn sowohl die Musik als auch das Freigetränk – „Schlegel Pils“ – begeisterten mich im Laufe des Abends immer mehr.
Das Warten auf den hölzernen Kirchenbänken gestaltete sich dann mit Bier und okayen Wahlergebnissen aus BW und RP kurzweiliger als gedacht. Dann betrat ein Anmoderator die Anhöhe (drei Treppenstufen) vor dem Altar und entschuldigte sich beim Publikum für die Verspätung („Dass es heute nicht pünktlich anfängt …“), bemerkte den günstigen Preis des Konzerts („Nicht teurer als eine Kinokarte, da kann man auch mal Unbekanntes austesten“) und faselte von Stadt Marketing Bochum, Evangelischer Kirche etc. Schnell war klar, wie haben unterschiedliche Vorstellungen von „günstig“, „pünktlich“ und „mutigen Organisatoren“. Die meisten andere störte der Vogel aber wenig, von den Anwesenden 80 Leuten waren die meisten eh weitaus älter als wir, einige nah am dreistelligen Bereich, und auch finanziell betuchter.
Dann kam die Band auf die Bühne getorkelt, bestehend aus Percussion Spieler, Geigerin und dem Akkordeon spielenden Geoff Berner. Alle drei voll wie die Haubitzen! Großartig! Erstmal eine Ansage über den Ort, schon die dritte Kirche, in der das Trio spielt. Allerdings, diesmal kein Jesus im Rücken, sondern nur ein schlichtes Kreuz. Er bemängelt das, konnte er doch in den anderen Kirchen sündigen und sich gleich reumütig und um Vergebung bittend umdrehen. Egal diesmal, erstmal nen Schluck Whiskey.
Das Set bestand in der ersten Hälfte aus einer okayen Mischung von ruhigen Songs, zum Teil nur getragen durch die Stimme vom Whiskey Rabbi und einigen wenigen schnellen Songs, in denen auch die Geigerin und der Percussion-Spieler zur Höchstform angeregt wurden. Ein Song gegen Ende wurde dann mit einem deutlichen „Fuck the cops“ ankündigt, ein leises Johlen bei den drei oder vier Jüngeren Leuten (unter 50). Natürlich hatte er mein Herz auf seiner Seite. Beim Bierholen stolperte ich über zwei Gesellen im hinteren Teil der Kirche. Der eine zum anderen: „Irgendwie grotesk. Eine völlig besoffene Band und ein total nüchternes Publikum.“ Das traf es ziemlich gut.
Einige ältere Ehepaare hatten nach zwei, drei Songs die Schnauze schon voll und verließen das Kirchengebäude. Sie hatten sich wohl „was anderes“ unter Klezmer bei den jüdischen Kulturtagen vorgestellt, als einen total besoffenen Typen, der ins Akkordeon haut und „Fuckt the Cops“ singt, hahaha. Eine gute Dreiviertel Stunde später kündigte die Band an, nun eine Pause zu machen. Eine sehr gute Idee, da die Organisatoren danach Stühle vor der Bühne (Höhe des Altars) aufstellten und die Distanz zum Publikum merklich verkürzten. Unsere Chance, uns in die erste Reihe zu verziehen. Netterweise noch jemanden getroffen, der Geoff Berner zweimal in seiner Kneipe in Castrop-Rauxel (mit feinem Programm, s. Homepage vom Bahia de Cochinos) hat spielen lassen, und ab nach vorne. Die zweite Hälfte war dann grandios. Fing schon gut an, dass der Whiskey Rabbi beim Comeback erst bemerkte, dass er sein Akkordeon vergessen hatte! Geil! Verließ die Bühne, ließ die Band einfach stehen und holte das Instrument. Dann wieder Whiskey nippend zurück und los ging’s. Er machte sich über Kanada lustig („We‘re the opposite of ambassadors. We only speak about the negative sites of Canada.“), erzählte Auswanderergeschichten über das Auswanderermuseum in Bremerhaven und spielte dann einen Song über Migration, spielte einen Song über seine Halb-Deutsche-Freundin (geilen Anti-Nazi-Song) und erzählte viele weitere Anekdoten. Teilweise musste ich mir die Tränen aus den Augen wischen. „I got lost in Buxtehude. No people around. The elected a major that day.“
Ganz groß war ein Song über Irving Field, der die jiddische Sprache am Leben erhalten wollte, in dem er ein Wort den Menschen bei brachte: „Facher“. „Facher“ bedeutet so viel wie „Ventilator“, ich schätze das deutsche Wort „fächern“ und „Fächer“ wird daher einen jüdischen Ursprung haben (wie viele anderen Worte ja auch, ihr Schmocks!). Ganz groß war auf jeden Fall die Wortschöpfung „Motherfacher“. Ebenfalls gut, dass Schlegel Pils drei Hämmer als Logo hat (s. hier) und in Kanada Jugendliche sagen, wenn sie sich richtig einen löten; „we got hammered“. „That’s cool, that beer. You get tripple-hammered!“
Am Ende dann nach Hause mit dem Wissen, einen wahrhaft großen Entertainer, gute Musik und viel Spaß gehabt zu haben. Biertrinken in Kirchen sollte auch gefördert werden!
Geoff Berner
Die Homepage vom guten Geoff Berner

Zeche Zollverein

Da stehen sie nun und holen sich symbolisch einen runter. Auf ihre Bildung, auf ihren Lebensstil. Sie stehen auf dem historischen Grund und schlürfen Sekt, kokettieren mit dem Raum um ihnen herum ohne nur einen Teil davon zu verstehen. Gearbeitet haben sie in dem Sinne nie. Ihre Hände waren niemals schmutzig. Doch sie stoßen an, auf die Zechenkultur, auf die Vernisage, auf die Künstler, die diesen Raum auf einmal lebenswert gemacht haben.
Auf dem Parkplatz sieht es aus, wie bei ABM, nur das ABM nicht mehr Arbeitsbeschaffungsmaßnahme heißt, sondern für „Audi, BMW, Mercedes“ steht. Wohin nur mit dem Geld, dem Wohsltand? Wo kann man ihn noch zeigen? Wo erweckt man noch eine Neidkultur, die die CDU/CSU doch immer fordert? Klar, für Düsseldorf reicht es ja nicht, aber in Essen dann schön auf den Putz hauen, bis es rieselt.
Pianomusik erklingt und die oberen Zehntausend bestehen in dieser Region heute abend aus maximal zweihundert Personen. Zwischen diesen wuseln Studentinnen mit Tabletts umher. Auf jedem Tablett stehen Flöten, gefüllt mit Sekt. Die Flasche hat einen Wert äquivalent dem Einkommen der Studentinnen aus ihrem Bafög-Antrag. Dennoch, diese sehen schick, elegant aus. Alle in Anzug, mit Fliegen, statt Krawatten. „Hohoho“, lacht jemand, als jemand anderes einen Pinguin-Witz erzählt, den ein Mensch mit durchschnittlichem Einkommen gar nicht verstehen kann.
Das Ruhrgebiet ist doch schön. Leise Pianomusik erklingt.
Kokerei Zeche Zollverein Essen

Fanzine – Kalter Kaffee #1

Auf dem Cover erblickt mein Auge Joe Armstrong aka Michael Dudikoff. Klar, American Ninja (oder im „Deutschen“: American Fighter), ein Klassiker des Action-Genres der 1980er Jahre. Wie geil, ein US-Amerikaner, der sich als Ninja verkleidet und andauernd kommen Ninjas (die bösen) und wollen sie prügeln. Ehrlich gesagt, lange Zeit mein absoluter Lieblingsfilm, den ich mir mehrfach – auch in der Begleitung meines arg begeisterten Vaters – reingezogen habe (ich bin gerade so begeistert, dass ich mal ganz nerdig den Original Trainer einbaue …). „Operation Dance Sensation“ hat das vor knapp 10 Jahren stellenweise brillant persifliert.
TRAILER AMERICAN NINJA

TRAILER OPERATION DANCE SENSATION

Ich muss allerdings gestehen, dass ich den Großteil der Handlung der vier Teile gar nicht mehr kenne. „American Ninja 3″ (und auch Teil 4???) haben ohne Michael Dudikoff deutlich an Reiz verloren. Naja, gut ihn auf dem Cover zu erblicken. Gut ist auf jeden Fall auch das Zitat von ihm auf der Rückseite vom „Kalten Kaffee“: „Acting is a real challenge. I want to make it, I can make it and I‘m gonna make it“, so das ehemalige Modell.
Zwischen dem Cover und dem Zitat befinden sich dann 38 A5-Seiten angestaute Wut, Frustration und Energie. Schön, dass jemand mal wieder aus eigener Angepisstheit ein Fanzine startet, um eine Möglichkeit zu suchen, das Ventil zu öffnen. Schon zu Beginn macht Markus klar, was ihm alles auf den Sack geht und darauf kommt er immer wieder zurück. Sei es der allgemeine, alltägliche Wahnsinn, sei es der Nintendo-Hype verzogener Mittelschichts“punker“kids, sei es Hardcore-Bollo-Kram. Letzterem widmet er sich mit einer schönen Collage in der Mitte des Heftes. Des Weiteren interviewt er Henry Fonda, Guillotine und XbräiniaX, verzichtet abgesehen von 2 Seiten Zinereviews zum Glück auf das Besprechen v.a. von Tonträgern (mit einer Ausnahme, ein ausführlicher Verriss einer Guerilla CD), kramt dafür in seiner Kindheit und stellt einige seiner Lieblings-N64-Spiele vor und füllt die restlichen Seiten mit angepissten Kolumnen. Besser geht’s kaum! Dazu einige Konzertberichte, in denen es null um die Bands geht, sondern um die allgemeine Langeweile, die solche Konzertgänge begleitet. Großes Kompliment, hoffe auf weitere Hefte!!!
Zu beziehen unter: kalterkaffee@himbeer.org

Auxes + Oiro in Düsseldorf

Auxes + Oiro im Linken Zentrum, Düsseldorf (19. März 2011)
Das Linke Zentrum in der Corneliusstraße (Link hier) in Düsseldorf gehört definitiv zu meinen Lieblingsorten in der Rhein/Ruhr-Region. Gute Konzerte, faire Preise bei Getränken (0,5l Bier 1,50, Club Mate 1,80), eine nette Atmosphäre (Spiele, Bücher, Plakate) und einen – zwar arg ramponierten, aber funktionierenden – Kicker for free. Da macht es auch nichts, wenn man schon zum Soundcheck am Laden ankommt. Die Zeit geht rum, wie im Fluge.
Daher dem Kickern gewidmet, den Songs aus der Konserve gelauscht (Schneller Autos Organisation, Pascow, duesenjaeger, …) und irgendwann dann das Spielfeld verlassen und vor die Bühne, um Auxes zu lauschen. Auxes sind das „Solo“-Projekt von Dave Laney von Milemarker / Challenger, haben allerdings musikalisch nicht mehr viel mit den beiden Bands zu tun. Weniger Post-Punk, dafür mehr PunkROCK. Dave Laney lebt und wohnt nun in Hamburg, das letzte Album von Auxes erschien auf Gunner Records, dem Bremer Label, das auch Gaslight Anthem zu Anfangs und andere Bands betreut.
Auxes
Mir gefiel die Musik allerdings nicht so gut, zu rockig, zu wenig melodisch, dafür sehr straight nach vorne, allerdings ohne große Hardcore-Elemente. Keine Ahnung, checkt die Band einfach selber ab, wenn ihr mehr wissen wollt (Homepage oder Youtube-Video zu Radio Radio, den sie gestern leider nicht spielten – oder ich ihn nicht erkannt habe).
Danach die Mofapunks von Oiro (Homepage)! Könnte jetzt persönliche Geschichten erzählen, wie ich auf der Kneipentour vor drei Jahren meine Freundin kennengelernt habe, dass ich selbige Kneipentour immer noch für das beste Konzerterlebnis aller Zeiten zähle, wie mich die Musik inspiriert hat, wie gerne ich das Blurr-Fanzine gelesen habe, wie super ich die Blurr-Abende in Münster mit den Videos fand und wie gut eigentlich sämtliche Tonträger der Band sind. Eigentlich gut zu sehen, dass die Verbindung Punk und Kunst/Kultur nicht in versnobten Mist enden muss, sondern durchaus eine große Bereicherung des Bisherigen darstellen kann. Vor allem schön, dass sich die Band häufig über längere Zeit auch mal rar macht, was die Vorfreude auf Konzerte durchaus erhöht. Einzig und allein der Force Attack-Auftritt in diesem Jahr ist … naja. Für mich haben Oiro was aus der Zeit, in der mich Punk geprägt hat, etwas von Knochenfabrik meets Dackelblut. Etwas neues, kreatives, Energie geladenes, und dennoch mit Humor und Spaß an der Sache. Aktuell sind ihre Singles, bei denen sich bisher Schlagzeuger, Sänger und der neue Bassist ausprobieren konnte und die jeweilige Songs geschrieben haben. Da gefallen mir zwar nicht alle Lieder, dennoch, höchsten Respekt für diese Art kreativen Outputs. So war das Konzert am gestrigen Abend eigentlich auch die Single Release-Party des 3. Teils, den der neue Bassist Vander beigetragen hat. Mit „Wenn Leila Wasser holt“ und „Sonnenbrille für die Seele“ gehörten dann ebenso zu dem Set, wie Songs der „Als was geht Gott an Karneval“ LP („Terrorist Marion Mustermann“ und „Wie die Klitschkos Bundeskanzler wurden“ als Opener, später noch „Gelber Schnee“ und „Lissabon“), von der „Vergangenheitsschlauch“ LP („Reisender, Kein Tourist“, „Vergangenheitsschlauch“ und „Toni Lampo“), von den ersten Singles (u.a. „Oi Spießer! Gib mal Feuer“, „Mit dem Mofa nach Italien“ und „Gabi“) sowie von den neuen Singles („U-Boot aus Papier“, „Blut und Schleim“ und „Turnschuh aus Stacheldraht“). Schade, dass sich die Band nicht getraut hat, „Ozean der Anarchie“ live auf die Bühne zu bringen, was natürlich auch an der unterschiedlichen Instrumentierung des Songs liegen könnte. Dennoch, sehr guter Querschnitt, auch wenn zwei meiner Lieblingssongs („Stabhochsprung“ und „365, 7, 24″, letzterer eine Abrechnung mit der [Düsseldorfer] Punk-“Szene“) leider fehlten. Wer die Band noch nicht kennt, alle alten Songs können auf der Homepage (Link) kostenlos herunter geladen werden, die Alben und Singles gibt es aber auch in jedem guten Mailorder / Plattenladen zu finden.
Ein schöner Abend, der dann in einem langen und netten Gespräch mit einem der Begründer des Linken Zentrums beendet wurde.
Oiro

Fanzines – Underdog #35

Respekt, Respekt! Der Herr Spenner haut die Zines nur so raus und das dennoch immer auf Inhalt und Qualität bedacht.
Diesmal also Nummer 35 und mit einem „Special“ zum Thema „Fight Homophobia“. Okay, sein wir mal ehrlich, das Thema ist sehr wichtig, doch hyped es gerade scheinbar in der „Szene“ und kaum ein Zine kommt wohl ohne Artikel zu dem Thema aus. Was aber nicht weiter schlimm ist, da szene-kritische Texte eigentlich immer noch zu selten sind. Die meisten Artikel gehen dabei selten in die Tiefe und daher war ich gespannt, was der Underdog daraus macht.
Tja, und dann nach dem Lesen erstmal Enttäuschung! Ich finde, dass dieses Spezial über Homophobie eigentlich kein Spezial über Homophobie ist. Es fehlt der Fokus auf das Thema und v.a. sehr extrem der Bezug zu Punk/Hardcore in Deutschland. Denn wie immer werden bei den Einleitungstexten „Bad Brains“ und „Agnostic Front“ als homophobe Bands beschrieben, beides wird mit Zitaten oder Erklärungen erläutert (HR von den Bad Brains zu Homosexualität im Pitchfork Magazin: „Fire burn, Jah says the way you‘re living, the lifestyle is not right. You have to circumcise your heart and your soul and your spirit, get yourself right“ – Agnostic Front: „Jeder Mann sollte entweder mal im Knast sitzen oder in den Krieg ziehen“ – Roger Miret im Rockhard). Soweit so gut, doch was ist zum Beispiel mit „Kein Hass da“, die sich doch eindeutig auf die „Bad Brains“ beziehen? Die Homepage heißt sogar im Subtitle: „Bad Brains auf Deutsch!“ Müsste man nicht so konsequent sein und auch hier zumindest einmal nachfragen, wie die Band diesen Teil der „Bad Brains“ sieht? Nicht, dass ich das Karl Nagel und Co unterstellen möchte, dass sie homophob seien, doch wenn sie sich auf eine Band beziehen, die sich so merkwüridg geäußert hat, darf man ja mal nachfragen. Eine Screwdriver-“Aber-nur-die-erste-Single-die-noch-Punk-war“ (kotz!)-Coverband würde ich auch danach fragen, wie sie zu dem restlichen Schaffen der Band stehen. (Naja, eigentlich würde ich eine solche Band gar nichts fragen, sondern sie einfach ignorieren!) Vielleicht beweist das Underdog hier nicht „Feigheit vor dem Feind“, sondern „Feigheit vor dem Freund“, um es mal vorsichtig zu formulieren. Übrigens, auch Distros und Mailorder, die Bad Brains und Agnostic Front Platten verkaufen, hätte man einbeziehen können (nur nebenbei – eine Anzeige einer Band / eines Labels, die als Vertrieb NMD haben, die gleichzeitig auch Krawallbrüders „kb records“ vertreiben und vieles an Oi!-Sachen, die sicherlich nicht korrekt und … aber lassen wir das).
Stattdessen gibt es mehr oder weniger soziologisch anmutende Texte über Geschlechterrollen allgemein (wobei mich wundert, dass Judith Butler nicht einmal namentlich erwähnt wird … – Angst, von den Anti-Deutschen aufgrund ihrer dümmlichen Aussagen zur Pali-Solidarität angegriffen zu werden?), Intersexualität und alles im Mantel eines Dekonstruktivismus. Das ist als Hintergrundwissen spannend und auch gut geschrieben, allerdings hätte ich es weniger in einem Spezial zu „Fight Homophobia“ erwartet. Zudem sind diese Diskurse leider doch sehr auf ein akademisches Umfeld begrenzt.
Spannender dann schon das Interview mit ASAP – Antisexistische Aktion Potsdam, die über ihre eigenen Aktionen berichten. V.a. die aktivistische Dekonstruktion des „Männertages“ in Potsdam durch Plakate etc., großartig, auch wenn ich nicht weiß, wie viel solche Aktionen wirklich bewirken. Auf der anderen Seiten haben die Menschen hinter ASAP daran selber Spaß und das finde ich bei Politik mittlerweile mit am wichtigsten. „If I can‘t laugh about it, it’s not my revolution!“ Was mir in dem Interview aber leider fehlt, ist die Perspektive, was Leser_in selbst machen kann. Das Interview bleibt so eher auf einen deskriptiven, wissenschaftlichen Ansatz beschränkt, der aktivistische kommt zu kurz, er wird eher beschrieben, als dazu eingeladen. Und allen ernstes: Als Kontaktadresse Myspace angeben, eine solche Gruppe ist relativ schnell unten durch für mich. Das ist ja, als würde sich eine Punkband von Coca Cola sponsern lassen. Es gibt so viele kostenlose Blogs, da muss es ja nicht das Rupert Murdoch-Netz sein, oder? Selbst wenn es Sinn macht, sich dort zu vernetzen, als „Kontaktadresse“ taugt Myspace mal überhaupt nicht! Um mit ASAP in Kontakt zu treten, muss die/der Interessierte ja selbst Mitglied in dem Netz sein oder werden.
Es folgt ein Interview mit Multi Conflict Family, die u.a. ein Queerpunk-Festival in Berlin organisieren. Das Highlight der Ausgabe ist aber definitiv das Interview mit Jörg Hutter, einem schwulen Punk, der die „Punkszene“ gegenüber der „Schwulenszene“ eher verteidigt, aber auch ansonsten spannendes von sich gibt. Alleine das Interview lohnt den Erwerb des Heftes.
Dazu kommen massive CD und Fanzine Review, wobei ich es großartig finde, wie viel Mühe sich Fred bei Reviews, v.a. den Zine-Reviews gibt. Daher auch an dieser Stelle mal ein längeres, konstruktives Feedback von mir.
Was mir bei dem Themenschwerpunkt allerdings fehlt sind v.a. mehr Bands, z.B. Pansy Division – die BAND schlechthin in dem Bereich Gay-Pop-Punk – oder Limp Wrist, etc. die zu Worte kommen. Auch der Konflikt im AJZ Bielefeld, wo Limp Wrist Sänger aufgrund von Sexismusvorwürfen nicht nackt spielen sollte, wäre eine spannendes Thematik für das Zine gewesen. Ist das jetzt Homophobie oder Anti-Sexismus, was solche Diskussionen wie im AJZ beflügelt? Oder gar beides? Vergleich das Statement hier (Link)! Dafür hätte ich mir weit weniger akademische Texte gewünscht, die einige eh kennen dürften oder aber die man mit gezielten Links auch im Netz finden dürfte. Für mich als Leser, der sich mit dem Thema „Homophobie“ selten beschäftigt, drängt sich am Ende die Quintessenz auf, dass Homophobie ein Problem des US-Hardcore um Agnostic Front und Bad Brains ist und das es in Deutschland ein paar Mittelschichts-Akademiker_innen gibt, die gegen die herrschenden Geschlechterverhältnisse aufbegehren (zumindest kommt es leider so rüber). Mit Punk und Hardcore haben die meisten Inhalte leider wenig zu tun, bzw. nur mit Punk und Hardcore als Teil der Gesellschaft. Da hätte ich mir viel mehr gewünscht, aber vllt. gibt es ja noch einen zweiten Teil, der dann auf diesem Spezial aufbauen kann! Auf beiliegender CD hätte man dann auch durchaus ein paar Queercore Bands versammeln können … wäre eine gute Gelegenheit gewesen.
P.S.: Das ganze ist natürlich „meckern“ auf sehr hohem Niveau, denn nichtsdestotrotz ist das Heft absolut lesenswert (!!!).
Wer es haben möchte, klickt einfach auf: www.underdogfanzine.de

Koeter + Pascow in Hagen / Inner Conflict und duesenjager in Köln / Bad Manners in Oberhausen

Lange Zeit gar nicht unterwegs gewesen und dann gleich zwei meiner Lieblingsbands in direkter Nähe. Angefangen mit:

PASCOW + KOETER im JZ Pelmke, Hagen
Da der Weiberfastnachtabend am Vortrag ungewöhnlicherweise doch mal „gefeiert“ wurde, war ich ganz glücklich, nach Hagen mit dem Auto fahren zu können. Während die öffentliche-Nahverkehrsanreise auf dem Hinweg in 39 Minuten funktioniert hätte, fahren nachts in der Provinz „Ruhrgebiet“ keine Züge mehr, sodass man fast gezwungen ist, automobil zu bleiben. Damn it! Wie früher auf dem Dorf, nur das die Taktung tagsüber besser ist.
Das JZ Pelmke war dann leider – im Gegensatz zu Düsseldorf und Köln – nicht ausverkauft und das Publikum relativ zurückhaltend. Als die erste Vorband noch zockte, beschäftigte ich mich lieber damit, die Körperkräfte wieder aufzubauen. Auch bei Koeter im Anschluss war die Begeisterung noch im Reservetank-Bereich. Musikalisch spielen Koeter punkigen Indie, mit u.a. Michi von Nein Nein Nein und weiteren Leuten von Nein Nein Nein und The Vageenas. Mir gefiel das musikalisch ganz gut, zumal auch die Ansagen in Richtung pogender Kiddiepunker ganz nett waren, ohne allerdings zu sehr von „oben herab“ zu sein. Allerdings, Livemusik ist das in meinen Augen / Ohren eher weniger, sondern gepflegt über die Anlage zu Hause. Immerhin schön, dass bei den Ansagen eine gute Balance zwischen Arroganz und Humor beibehalten wurde.
Bei Pascow versteckten wir uns dann erst im hinteren Teil des Raumes, allerdings leicht erhoben. Keine Lust auf Kiddiepogo, guter Blick auf die Bühne. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, dachte ich noch … doch eine wirkliche „Konzertstimmung“ setzte so bei mir nicht ein. Also, Ohrenstöpsel raus, runter in die Meute. Wie immer ein souväner Gig einer der besten deutschsprachigen Bands der letzten zehn Jahre. Sowohl der Querschnitt durch sämtliche Alben als auch die Coverversionen („Fuck off“ von Knochenfabrik als Soundcheck; „Raumpatrouille“ von Lattekohlertor) und am Ende noch Songs von der „Richard Nixon Disco-Pistole“ („Eiszeit droht“ mit der Zeile „Punk ist tot“, ach, wie trifft das meine Gedanken der letzten Tage …), einfach groß.
Pascow
Danach noch den Menschen ihren Alkoholkonsum geneided, obwohl doch schon einige Ausfallserscheinungen zu beobachten waren. Immer schön, wenn Leute in Mundart zurückfallen.

INNER CONFLICT + duesenjaeger im Limes, Köln
Am Karnevalssamstag nach Köln fahren … keine schöne Idee! Und wieder ein Hoch auf die Automobilität, denn so ab von der Autobahn, direkt ohne Menschenkontakt in Mülheim, ab zur Kneipe. Phantastisch! Mit Erschrecken hatte ich kurze Zeit vorher mitgeteilt bekommen, dass das Konzert schon gegen 20:00 Uhr anfangen soll. Das sind Zeiten, die ist man auch nicht mehr gewohnt. Die Herzdame hat dann die Renngurte, den Rennhelm und den Turbo benutzt um in rekordverdächtiger Zeit am Ort des Geschehens zu sein. Nach netten Gesprächen ging’s für Inner Conflict auf die Bühne. Wie schon häufiger beobachtet, wirkt die Band sowohl auf als auch neben der Bühne immer sehr sympathisch. Nicht viele Bands, die auf der Bühne (und auch davor) so harmonisieren und einen glücklichen, zufriedenen Eindruck abgeben. Eine Sache, die ich sehr an den Kölner_innen wertschätze. Ansonsten schade, dass sie „Unabsteigbar“ wohl tatsächlich aus ihrer Setlist gestrichen habe. Ansonsten eine gute Mischung aus Songs.
Inner Conflict
Im Anschluss der zweite Gig nach der offiziellen Re-Union von duesenjaeger. „Revival stinkt“ sangen Blumen am Arsch der Hölle einst, doch so sehr ich die Aussage bei vielen aktuellen Re-Unions unterschreiben würde (slime, slime, slime, slime, slime), bei duesenjaeger finde ich die Wiedervereinigung super! Das liegt sicherlich daran, dass sie einfach super Songs schreiben, die mir persönlich viel geben und gegeben haben. duesenjaeger sind eine der Bands (neben Leatherface, Hot Water Music, Pascow, Dackelblut / Oma Hans, Against Me! etc.), die mich in den letzten zehn Jahren kontinuierlich begleitet haben. Ich denke, wenn die Band anstatt vor zwei Jahren nicht so einen großes Ableben gefeiert hätte, wäre das „Comeback“ auch gar nicht als solches aufgefallen. Aber egal, das Set war großes Kino, von den Singles („Maulwurf“, „Funke“) über die beiden Alben und „Schimmern“ von der Blindflug-Maxi. Einfach nur gute Songs, zeitlos, groß! Auch wenn nur ca. 80 Leute in der Kneipe waren, dennoch eine gute, positive Stimmung, viel mitsingen, fingerpointing und Spaß bei den Anwesenden. „Welcome back, duesenjaeger!“
duesenjaeger
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Slime vs. Dröönland … keine Million in Sicht

Tja, es mag traurig anmuten … es mag wirklich traurig anmuten. Es sind die „Helden“ meiner Kindheit. Als ich in den 90ern angefangen habe, mich für Punk zu interessieren, waren SLIME ein Meilenstein. DER Grund, mich mit der ganzen Scheiße zu beschäftigen! Direkte, deutsche Texte, schnelle, harte Musik. Das ganze damals in einem politischen Kontext von Pogromen gegenüber Asylbewerber_innen; Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Hoyerswerda. Slime haben den Soundtrack zu meiner Politisierung geliefert und vielleicht mehr noch. Kein Aufstand der Anständigen, kein Anstand der Aufständigen! Wut, Frustration, gelengt in Bahnen, die der „Schweineherbst“ gut beschrieben, in „Anti-fa“’sche Bahnen geleitet.
Tja, und ganze 15 Jahre später sind sie bei „Wer wird Millionär“ gescheitert an der Frage ob „Holland“ oder „Andalusien“ und beim Landgericht Hamburg auch irgendwie. Gewonnen und doch verloren! Eine Band, die was weiß ich nicht wie alt ist (und nur einen Teil der ehemaligen Mitglieder mitziehen konnte) und die mittlerweile fast 35 Jahre (!!!) älter als die ersten Texte sind. Eine Band also, die weit älter als ihr Publikum ist. In Alter würden, in Würde altern! ABBA, vielleicht die einzige Band! Bitter, eine nicht-Punkband hier nennen zu müssen. … But Alive, ein Versuche … bitte, Marcus Wiebusch, keine Re-union, lieber Kettcar until you die!
Slime schaffen es nicht! „Karlsquell“ von 50+ järhrigen. Muss man sich das geben? Muss man sich übergeben? Deutschland verrecke?! Ein Proberaumsologan?! „Deutschland verrocke!“ Habe ich damals schon drüber gelacht und die ganze Tragweite verstanden. Karlsquell jeden Tag? Vielleicht?! Das nächste Wacken Open Air kommt bestimmt!
Doch als wäre das ganze nicht schon saft- und kraftlos genug, muss auch noch eine Klage her. Klar, Imre und Dröönland ist ein okayes Feindbild, Force Attack hin, Force Attack her, Krawallbrüder etc. haben vielleicht einmal zu oft die Grauzone in die falsche Richtung verschoben. Wer will es wissen?
Jetzt also Slime GBR vs Dröönland … Streitwert keine 1.000 Euro. „Unschuld einer Hure“ und die „deutsche Justiz“. Es gewinnt … Pillepalle! Nicht mal Hartz IV Monatsgehalt. Unterlassung! So soll es denn sein! Sollen sie sich nicht mal mehr gegenseitig lustig übereinander machen, Ironie zensiert. Wenn Nazis mich karikieren würden, würde ich klagen? Wenn das Ox mich auf den Arm nehmen würde, würde ich einen Anwalt einschsalten? Letzteres definitiv nein!!!
Am Ende gewinnt Slime … 900 Euro und so. Weniger als bei „Wer wird Millionär!“ Irgendwas kostet die Glaubwürdigkeit vor dem Hamburger Landgericht (angebliches Zitat des Richters: „Kindergarten“). Wenn ich heute jung wäre und nicht auf Egotronic stehen würde, Slime wären keine Alternative. Force Attack auch nicht. Alles nur noch peinlich! Kann Punk sich nicht mal selbst auflösen? Stattdessen Re-union: Slime, Razzia, Knochenfabrik, duesenjaeger … bitte, bitte, bitte, macht keine weiteren Fehler!!! Take Care und so! Szene ist eine Blume, die gerade krass verreckt!

duesenjaeger – comeback

Die hier schon öfter abgefeierte Osnabrücker / Münsteraner Band „duesenjaeger“ (Interview; Konzertbericht) haben sich wieder vereint und werden dieses Jahr einige Konzerte spielen. Das nächste ist am 5. März in Köln im Limes. Mehr Informationen finden sich auf ihrem neuen Blog, und zwar hier. Bleibt zu hoffen, dass es nicht so peinlich wird wie Slime …