Archiv für Juli 2011

Kettcar in Bochum

Kettcar auf Bochum Total (24.07.2011)
Als …But Alive 1999 entschieden, nicht mehr zusammen zu musizieren, war das für viele ein Schock. Die Lücke, die die Band gerissen hatte, mit intelligenten, durchdachten und thematisch-aktuellen Texten sowie musikalisch recht abwechslungsreichen Alben, hat seitdem keine andere Band mehr füllen können. Als zwei Jahre später aus den Trümmern von …But Alive Markus Wiebusch und Frank Tirado-Rosales in Verstärkung mit Reimer Bustorff (zuvor Rantanplan), Erik Langer und Lars Wiebusch Kettcar gründeten, war die Spannung groß.
Fand ich das letzte … But Alive Album (Hallo Endorphin) eindeutig die schwächste Platte, war dennoch von Anfang an klar, dass Kettcar keine Fortsetzung von … But Alive zu irgendeinem Zeitpunkt des Bestehens werden würden. Indiepop stand ganz groß auf den Lettern, professionelle(re) Musik und die Suche nach einem großen Label unterfütterten den Eindruck. Dennoch, bei ihren Konzerten im Jahr 2001 und 2002 in der alten Post in Oelde vor 20 bis 40 Leuten, bewies die Band schon ihr späteres können.
Sehr schnell sprach sie das rum. „So Lang Die Dicke Frau Noch Singt, Ist Die Oper Nicht Zu Ende“ wurde noch gratis verteilt und mit „Ausgetrunken“ verbarg sich ein richtiger Indiepop-Hit auf diesem Album. Schnell liefen ihre Songs in den Indiedissen und ein Jahr später folgte mit „Du und wieviel von deinen Freunden“ das erste Album. „Landungsbrücken raus“ wurde zum Hit, das zweite Album zwei Jahre später wurde sogar in den Tagesthemen von Ulrich Wickert präsentiert. „Grand Hotel van Cleef“ wurde eine Marke und eine Anlaufstelle für den Musikgeschmack von (Post-) Studierenden, später mit Escapado und den Weakerthans (naja, oder zumindest die Singles von John K. Samson) auch zwei meiner Lieblingsbands gezeichnet.
„Du und wieviel von deinen Freunden“ mag ich immer noch, ein gutes Album mit schönen Songs, die eine gewisse Stimmung beschreiben, wenn man in Münster, Tübingen, Göttingen oder Greifswald studiert und sich unverstanden fühlt. Viele gute Zeilen, viele gute Zitate, viele gute Songs. Die Bühnen wurden größer, die Freunde und Labelmates von Tomte und Kettcar stürmten beide die Charts und Kettcar sind sicherlich heute sowas wie eine Konsensband, man kann sie nicht wirklich hassen. Belanglos finden, sicherlich, aber hassen? Dafür gibt es Juli, Silbermond und Konsorten. Selbst Wir sind Helden sind hassenswerter als Kettcar, oder nicht?
Dann verlor ich sie aus den Augen. „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ ging mir schon am Arsch vorbei. Nicht, dass es sich dabei um ein schlechtes Album handeln würde, doch mit dem Debut war vieles schon gesagt, der Pfad ausgetrampelt. Ich brauchte keine weitere Kettcar Platte, wie ich auch mit einem Ramones Best Off durchaus gut durch’s Leben komme oder The Jam nicht komplett brauche. Gute Bands, aber ich muss nicht alles haben. „Sylt“ habe ich nicht mal mehr im Netz angehört.
Irgendwann vor vier oder fünf Jahren sah ich Kettcar dann ein letztes Mal live und es gefiel mir nicht mehr wirklich. Ich brauchte Abstand und das Bochum Total Festival bot mir letzten Sonntag die Möglichkeit, der Band noch mal Zeit zu widmen, ohne dafür bezahlen zu müssen.
Kettcar
Das Wetter war schittrig, Dauerregen. Das erste Mal mit einem Schirm auf Konzert, alt werden fühlt sich so an. Dafür keine Zeit vergeudet, Bosse und Frieda Karlo verpasst, bewusst! Nur zum Hauptact. Wäre Itchy Furzgesicht auf entfernter Bühne – zum Glück ohne akkustische Verbindung – das Teenie-Publikum bespaßten, standen vor der „Eins.Live“-Bühne eher die Studierenden aus Dortmund, Duisburg-Essen, Gelsenkirchen (man sagt, dort gäbe es eine Fachhochschule) und eben besagtem Bochum. Und wir! Post-Student_innen und Nicht-Studierte. Kettcar spielten ein Set mit 6 Songs von dem ersten Album, ich merke noch, dass ich textsicher bin, dass mir ihre Musik was bedeutet. Merkwürdig!? Wie eine alte Freundin wieder zu treffen. Wege gemeinsam gegangen und dann doch getrennt. Vor allem die alten Songs (Ausgetrunken, Money Left To Burn, Landungsbrücken Raus, Balkon Gegenüber, Im Taxi Weinen, Ich Danke Der Academy) begeistern mich nahezu. Klar, Deiche oder Balu sind auch okaye Songs, aber sie zünden einfach nicht. „Kein Anschluss unter dieser Nummer“, sozusagen. Dazu einige peinliche Ansagen, für die man(n) Gender theoretisch eigentlich verdroschen gehört. Balu würde nur den Mädchen gefallen, nicht den Jungs. Dabei standen neben mir fast genauso viele scheinbare Schwanzträger, die ihre Lippen zum Text bewegten, als Frauen. Auch mir gefällt der Text sehr, „Du bist New York City, und ich bin Wanne-Eickel“, kann man das eigene Versagen, die eigene Unbedeutsamkeit besser zusammenfassen? Nein! Auch das „die Mädchen singen jetzt“ dies und das und die Jungs machen „schalala“ … herrje, das ist Stadionrock und das wusste Marcus Wiebusch, sagte es und machte es trotzdem. Aber egal, für die alten Songs ein fettes, fettes Danke! Und noch besser dann, dass die Poopzkids nicht im Zug waren und die Erinnerung so etwas anhalten konnte.

duesenjaeger + Caleya in Oerlinghausen

duesenjaeger + Caleya im JZ Oerlinghausen (23.07.2011)
„Oerlingwas?“ wird jetzt sicherlich die geneigte Leserin oder der geneigte Leser fragen. „Was um Himmels Willen ist ein Oerlinghausen?“ Oerlinghausen bezeichnet eine Stadt unweit der schillernden A2 gelegen, zwischen Bielefeld und Detmold im tristesten Ostwestfalen, allerdings malerisch eingerahmt vom Teuteburgerwald. Ja, ein schöner, ruhiger, behaglicher Ort. Und in diesem Ort existiert seit mittlerweile 35 Jahren das örtliche JZO (Gratulieren hier)!
Für mich immer noch eines, wenn nicht das schönste Jugendzentrum der Republik. Es ist ein selbstverwaltetes, altes Fachwerkhaus, der Kneipenraum mit vielen Hockern und einer gemütlichen Sitzecke ausgerichtet (0,33l Detmolder für 1 Euro) und im Nebenraum ist die Diele, die heute als Konzertraum genutzt wird. Platz finden schätzungsweise 100 Leute, über einem thront der Mischer und über der Band ist das obere Geschoss, von dem man zumindest den Rücken der jeweiles spielenden Akteure beobachten könnte, ja könnte, wenn man denn Zugang hätte.
Hier spielen allerdings nicht nur irgendwelche lokalen Bands, sondern von Turbostaat über Clickclickdecker + Lattekohlertor und Chefdenker bis hin zu Ghost Mice viele großartige Bands aus Deutschland und zum Teil den USA. Schlechte Konzerte habe ich hier noch nie gesehen, dafür aber einige gute.
Das Caleya und duesenjaeger Konzert von dem heutigen Tage passte in diese Reihe. Caleya spielten kraftvollen Hardcore mit Schreigesang. Sie kommen aus Hamburg und waren an dem Tag eher für die wuchtigen Klänge zuständig. Wären mich die ersten Songs durchaus fesselten, ähnelte mir alles weitere einfach zu stark. Irgendwann beendete der Oberkörper die Bewegung und noch ein paar Songs später stand ich draußen und unterhielt mich lieber. Aus dem Kreis Gütersloh (zumindest gebürtig, bevor man sich über die weiten des Landes verteilte) waren doch einige Leute zugegen.
duesenjaeger im JZ Oerlinghausen
duesenjaeger rockten im Anschluss dann wie gewohnt alles zu Mus. Ich kann mir diese Band einfach nicht genug ansehen. Mittlerweile begleiten ihre Songs mein Leben seit fast 10 Jahren (10.11.2001 – Bureau Gütersloh), ihre Musik schon ein paar wenige Tage länger. Wahnsinn! Und das schöne war auch in Oerlinghausen, sie spielten einen guten Querschnitt von der ersten Single („Maulwurf“) über die beiden Alben bis zur letzten Mini-LP. Und in der Mitte zwei neue Songs im Gepäck, die sich nahtlos in das bestehende Set einfügten. „Nicht wie die Rolling Stones enden“, klar, neue Songs aufnehmen. Eine Split-Single ist geplant, vielleicht im Laufe dieses oder des nächsten Jahres noch mehr. Watch out! duesenjaeger are back in the city … or one-horse-town like Oerlinghausen!
duesenjaeger - jan - jz oerlinghausen

Und last but not least noch die beiden Songs „Las Palmas Ok“ und „Schimmern“ in mässiger Livequalität hochgeladen:

Das Trust feiert 30 Jahre Dischord Records

Hier eine Einladung von dem guten alten Freund Jan und der Trust-Fanzine-Crew

Trust

aloha liebe leute,
die kommende trust fanzine ausgabe, august / september # 149, ist eine schwerpunkt-ausgabe zu dem 30 jährigen geburtstag von dem geilsten hc-punk-label aller zeiten: Dischord Records aus washington dc. ein preview aufs titelbild der ausgabe gibts [unten].

Die ausgabe erscheint die tage und am freitag, den 5.8, gibts in der kneipe EISEN in bremen dazu eine heft-release party, bei der den ganzen abend nur Dischord-Musik aufgelegt wird: von Minor Threat über Dag Nasty, Gray Matter, Rites of Spring hin zu Fire Party, Lungfish, Shudder to think, Ignition, Make-up, Nations of Ulysses, The warmers und Medications direkt hinein in den Waiting Room. Aufgelegt wird von dem dischord koordinationsteam and friends: Schippy / Stone / Jan vom Trust fanzine. geht circa ab 21.00 los, die ausgabe gibt es dann dort natürlich auch zu kaufen.

1-2-3 repeater und so:) wäre schön, euch da zu sehen?! jan

Trsut meets Dischord

Lemuria + Cheap Girls + Krusty Crew in Bielefeld

Lemuria + Cheap Girls + Krusty Crew im AJZ Bielefeld (22. Juli 2011)
Lobeshymnen auf das AJZ Bielefeld kann man eigentlich nicht oft genug wiederholen. Einfach ein guter Laden, der auch bei kleineren Bands voll ist und eine gute Stimmung zu fairen Preisen hat (Eintritt und Getränke). So muss das sein.
Daher war die Hoffnung groß, dass auch bei der untypischten „Bridge 9″-Band das AJZ voll sein könnte. Doch weit gefehlt. Zeitgleiches Serengeti-Festival (Pennywise, WIZO, Pascow) und erster Tag des 35 Jahre JZ Oerlinghausen Feierlichkeiten ließen das AJZ gerade zu ausdürsten. Zu Krusty Crew fanden sich maximal 25 Leute im Innenraum, verlaufen konnte man sich nicht. Leise, lange Pausen bei Saitenwechseln und alberne Scherze (Publikum und Band), irgendwie sprang der Funken nicht über. Konnte auch daran liegen, dass ein Bandmitglied anstatt zu spielen, lieber auf dem Serengeti-Festival sich die „Ignite-Coverband“ Pennywise anschauen musste / durfte / wollte (das gute „setze hier dein Lieblingswort ein“-Spiel).
Krusty Crew, eine der „Local Heroes“ dereinst im Gütersloher Bureau, die immer gut am Tresen und auf der Bühne waren, haben über die letzten zehn, zwölf Jahre den Sound verändert. Sie sind nicht unbedingt schneller geworden, möchte ich anmerken. Vom High-Speed Melodic-Core verlief der Wandel zu einer dieser No Idea / Kiss of Death / It’s Alive Records Bands, die allerdings weniger Hitfaktor wie die US-Originale haben. Die meisten Songs sind im Midtempo – zumindest gefühlt – und da half dann auch kein Copyrights (???) Cover. Das alles war weit weniger spannend, als ich es in Erinnerung hatte. Dennoch keine schlechte Band, nur um das auch klar zu stellen. Nur früher gefielen sie mir besser (früher war ja eh alles besser … das Wetter, die Parteien, die Jugend, Punk, der Fußball … „Großvater Punk, halt’s Maul!“).
Cheap Girls sagten mir vorher gar nichts. Frauen – oder Mädchen – waren nicht auf der Bühne, aber drei Herren die ganz netten Indiepoppunk spielten. Der Gitarrist sah dabei aus wie ein 17jähriger Metallhead und Mathe-Latein-Leistungskurs-Wähler, der Bassist und Sänger eher wie eine SST-Version von dem Jupiter Jones Sänger. Also mehr Bukowski, als die Charts-Barden wohl je sein werden. Das Video (bzw. Photo und den Song hören) zu dem Song „Her and Cigarettes“ kann man sich u.a. hier (Tube) anschauen, der Song blieb mir als einziger im Ohr. Denn im Großen und Ganzen war die Band wenig abwechslungsreich, schnell plätscherte alles mehr oder weniger vor sich hin. Es wurde allerdings schon ein wenig voller, 30, 35 Leute „quetschten“ (eigentlich: quätschten … von Quatsch!) sich ins AJZ.
Bis Lemuria stieg die Zahl der Besucher_innen im Innenraum auf Platzangst erzeugende 50, sodass pro Person nur noch ca. 3 m² zur Verfügung standen. Der bei „Krusty Crew“ pogende Irokesen-Punk hatte mittlerweile aufgegeben, Leute trotz des Platzes zum „Pogo“ tanzen zu animieren. Dafür verlor er zwischenzeitlich seinen „Schwarzer Krause“ Tabak, sehr zur Belustigung der Meute. Aber nun sind wir ja schon weiter am Abend und Lemuria spielen wunderschönen Poppunk, der in der Vergangenheit schneller war (eher in Richtung gute alte Discount) und heute etwas vertragter ist (die minimalistische Version von Bridge & Tunnel meets Moldy Peaches), getragen von Sängerin Sheena und Schlagzeuger Max, der an einigen Stellen ebenfalls singt. Doch auch hier muss ich gestehen, ergriff mich der Sound live recht wenig und ich nutzte die Gelegenheit einen der Hardcore-Fichte-Bielefeld anzusprechen und eine gute halbe Stunde über unterklassigen Fußball zu sprechen, anstatt der durchaus ansprechenden Band zu zuhören. „Fichte, Tannen, Nadelwald“ … die Gesänge waren mir noch gut im Ohr durch die Verbandsliga-Klassiker gegen FC 96 Recklinghausen im letzten Jahr (Heim- und Auswärtsspiel!). Das ist natürlich frech und etwas despektierlich, auf der anderen Seite aber auch sowas von egal. Und so hatte ich draußen wenigstens etwas zu Lachen über Erlebnisse bei SC Wiedenbrück 2000 vs. FC 08 Homburg, als drinnen schon die letzten Klänge einer durchaus guten Band die Stille durchtrennten, um dann doch am Ende in dem wohligen Gemurmel von zufriedenen Konzertbesucher_innen unterzugehen. Ein guter Abend!
Auf der Rückweg dann noch „Zivilcourage“ bewiesen und nach einem angefahrenen Reh gesucht. „Wir machen den Weg frei – Neuwagen“!

London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby – Teil 2

London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby
Zehn Tage in London … eine etwas andere Zusammenfassung – Teil 2

2. Teil – Livekonzerte

Klar, London, „Stadt des Punks“, das ganze Blabla um alle möglichen noch so tollen Bands. Für mich wird London eher „statt Punk“ bleiben. Im Straßenbild – sprich in freier Wildbahn – sind kaum noch Punks als solche zu erkennen. Das deckt sich natürlich mit den Erfahrungen aus allen deutschen Innenstädten abseits des Dorfbrunnens und selbst dort … Punks findet man, wenn überhaupt noch in London, am ehesten in Camden, dort laufen zumindest Menschen rum, die noch hochfrisiert und aufgestylt sind. Punkkonzerte bzw. Artverwandtes ist ebenfalls am ehesten dort zu finden.
In den zehn Tagen Anfang Juli waren auch mehrere Konzerte (Bad Religion im HVM Forum – Kensington, U.S. Bombs im Boston Arms Music Room – Tufnell, Ensign [kurzfristig leider abgesagt] im Underworld – Camden, Polar Bear Club in Kingston und The Dickies in The Garage – Arsenal) statt, die potentiell von Interesse gewesen wären. Mit einer Ausnahme (Kingston) fanden alle Konzerte im Norden Londons statt, wo noch am ehesten Studierende und „Alternative“ sich eine Leben leisten können bzw. ausgehen. Leider verpassten wir sowohl Bad Religion als auch Ensign, deren Konzert kurzfristig abgesagt wurde. Stattdessen ein rotzlangweiliges Konzert mit:

U.S. Bombs, Deadbeat, Meansteed, Dragster – Boston Arms Music Room in London (U-Bahn: Tufnell Park) (13. Juli 2011)
Die US Bombs haben mich ehrlich gesagt noch nie so wirklich interessiert. Ich erinnere mich, dass ich mit Anfang 20 mal auf ein Konzert mit Agnostic Front und US Bombs in Oberhausen aufgrund des horrenden Eintritts auf selbigen verzichtete und mir stattdessen in der Bar nebenan das EM-Halbfinalspiel Portugal vs. Frankreich anschaute. Ein Schritt, den ich bis zum London-Besuch nicht bereut habe, den ich danach sogar ausdrücklich begrüße! Waren wir damals weise!
Duane Peters und seine Mannen machten damals (und machen heute) in meinen Augen bzw. Ohren strunzlangweiligen Streetrock, der für das Genre Streetpunk verdammt wenig Hits hervorbringt. Wie die Turbo AC’s, nur mehr für Punkerlangeweile. Auch wenn ich es bemerkenswert finde, wie der ehemalige Skater Duane sich selbst treu geblieben ist, kann ich seiner Musik wenig abgewinnen. Eine kleine Ausnahme ist die Duane Peters and the Hunns Split-LP mit den Revolvers, wo mit Boeing Jet 757 (als Acustic Version) ein sehr schöner Song drauf ist. Der Rest … lahm.
Nichtsdestotrotz sollte es ja drei Vorbands geben und ein Konzert in London reizte uns einfach. Am Eintritt gleich einen überhöhten und völlig inakzeptablen Eintrittspreis von über 10 € abgedrückt und dann harren der Dinge. Da sich im Laden noch nichts tat, gingen wir in das benachbarte „Aces & Eights“ sowie ins „Boston Arms Pub“, Bier trinken. Erstere war eine typische Rockkneipe mit „Rocknroll“-Tapete. Es liefen Nirvana und ältere Rockklassiker. Alles war sehr dunkel gehalten, eine Videobeamer versprach ein Liveset von The Stooges. Das Boston Arms Pub hingen bot nicht nur ein Freundschaftsspiel von Arsenal gegen die Nationalelf Malaysias im TV (sowie Pferderennen und Altherren-Belegschaft hinterm Tresen), sondern auch Bier zu okayen Preisen (Pint Carling für 2,20 Pfund). Überhaupt war das Boston Arms eines der wenigen Pubs, die britisches Lager, sprich Pils, verkaufte. In den meisten Pubs im Zentrum Londons bekommt man zwar so obskur anmutende Biersorten wie Fosters, Staropramen, Grolsch oder Veltins (SKANDAL!!! Dass das überhaupt ausgeführt werden darf, sollte mit ‚Schlands Rausschmiss aus UNO, FIFA und WTO führen!), aber kein britisches Bier. Merkwürdiges Volk!
Irgendwann dann zurück in den „Music Room“, wo sich „Dragster“ schon mit relativ belanglosen Garage/Psychobilly (Myspace) herum bemühten. Die Sängerin hatte eine okaye Stimme, die Musik ging auch nach vorne, doch von den Anwesenden 50 Leuten interessierte sich niemand außer einer handvoll wirklich für das Treiben auf der Bühne. Das gab uns Gelegenheit uns durch die Biersorten zu trinken und uns das Gemäuer mal näher anzusehen. Ungelogen, hier hätten gut und gerne 600 oder mehr Personen reingepasst. Dass die US Bombs die nicht füllen würden, war mir bewusst, aber dass sich am ganzen Abend vielleicht zum Höhepunkt nur 100 Leute in den Raum verirren würden, überraschte mich schon. Einzig und allein die vier oder fünf großen Sitzecken waren permanent mit Leuten besetzt. Eine „Familie“ war dabei besonders süß: Er, ca. Mitte 20, einen kleinen Iro, ansonsten unrasierter Flaum im Gesicht, der vor allem im Bereich des Schnauzbarts dichter wurde; Sie, etwas jünger, gepierct und bunte Haare (ausgewaschenes Grün-Blond), zerrissenes T-Shirt. Die Expertin / der Experte merkt an: Klassiker des ausgehenden Deutschpunks, auch in England beliebt!
Daneben allerdings wohl die Mutter! Sie, verbrauchte Erscheinung, tätowiert, gepierct, eine Haut wie Leder, Nase wie ein Boxer, Frisur wie eine Mischung aus Industrial-Gothic-Hörerin mit 25 und gestern-Nacht-auf-dem-Friedhof-genächtigt (was sich ja nicht ausschließt), dazu Netzstrümpfe und Corsage. Erotikfaktor: Lieber mit Messer in den Atomkrieg ziehen! Mir wurde auf jeden Fall mulmig, als sich Familie Frankenstein gegenüber in die Sitzecke quetschte.
Die paar Bunthaarigen, die anwesend waren, ließen sich auch nicht von Meansteed (Metal-Rock) oder Deadbeat (Opernhafter Gesang kombiniert mit einer Mischung aus Streetrock und Hardrock) hervorlocken. Der Abend zäh wie Kaugummi, nur am Tresen gab es immer wieder was Neues zu entdecken bzw. Erinnerungen zu reanimieren (Fuller’s „London’s Pride“, Newcastle Brown Ale, Guiness, etc.). Dann wurden die „Altherren“ des US Bombs auf die Bühne gebracht. Duane Peters und seine Bomben wurden gleich mit höflichem, vorweggenommenen Applaus bedacht. Ist mir auf Punkkonzerten bisher auch selten begegnet und wenn, waren meist irgendwelche Teenis aus „Deutschland sucht den Emopunk“ in der Nähe.
Duane Peters, U.S. Bombs
Zum Set kann ich nichts sagen, da mir die meisten Songs (alle außer einer) nichts sagten. Es war nur belanglosester Streetpunk, von einem Sänger motiviert, aber irgendwie … der gute alte Duane mühte sich ab, zog sein flottes Jäckchen aus, behielt aber Sonnenbrille und Handschuhe an. Ach, ich weiß nicht, irgendwie bekam ich eher Mitleid mit ihm: „Erzähl uns eine Geschichte, Großvater Punk!“
„Jaks“, einer der letzten Songs beendete dann das Trauerspiel. Den Song kannte ich wenigstens und ich muss gestehen, der einzige Song, der aus der ganzen Menge hervorstach. Wir hatten gut einen im Schlitten – ansonsten wäre es unerträglich gewesen – und torkelten zum Bus, der uns fast vor unserem Domizil absetzte. Dennoch ein guter Abend, hätte nur auch ohne Musik gegangen!
Duane Peters, U.S. Bombs

The Dickies und Sket – Garage (U-Bahn Highbury & Inslington) (16. Juli 2011)
Nachdem das Ensign-Konzert am Vorabend leider abgesagt worden war, motivierten wir uns wenige Stunden vor Beginn der Rückfahrt nochmals in Richtung Highbury. Als wir ein paar Tage zuvor durch den Stadtteil wanderten, auf der Suche nach dem altehrwürdigen „Highbury“, dem Stadion vom FC Arsenal London, waren wir an der „Garage“ schon vorbeigekommen, hatten es aber nicht beachtet. Klar, vor dem geistigen Auge spielte sich „Fever Pitch“ als Film und Buch ab und wir suchten die alte Heimstätte von Arsenal. Naja, ich suchte es viel mehr!
Doch statt dem altehrwürdigen Stadion fanden sich an der Stelle nur die „Highbury Square“, scheinbare Luxusapartment-Wohnungen und unweit ragte dann das „Emirates Stadium“, der neue Fußball-Tempel des Vereins hervor. Irgendwie auch bezeichnend …
Als wir dann allerdings später in einem Plattenladen sahen, dass die Dickies in der „Garage“ spielen sollten, hieß es, nichts wie hin. Am Eintritt dann die Überraschung. Mit 17,75 Pfund – also gute 20 Euro – wurde das Dickies Konzert das teuerste meines Lebens! Die Garage – in der zuletzt Bands wie Weakerthans, Flogging Molly und viele eher Indie und Pop-Bands gespielt haben und mit UK Subs auch noch eine „Punkband“ zu Weihnachten aufspielen wird – ist eher eine Großraumdisse oder neudeutsch: „Club“. Daher fing das Konzert auch schon um 20:15 mit der Vorband Sket an, später ist ja noch Punk-Metal-Emo-Partie, halleluja, preiset und lobbet den Zaster, der uns arbeiten lässt!
Bis 20:15 füllte sich alles aber nur sehr, sehr mühsam. Vielleicht wussten die Menschen, was ihnen bevorstand: Sket – eine halbe Stunde lang Hardcore-Reggae-Punk-Irgendwas mit 2 Sängern, wovon der eine aussah wie der „abgedrehte BWL-Student von nebenan“ und der andere wie eine böse Mischung aus HipHop (Wollmütze, Blinkblink) und Muckiebuden-Hardcore (Tattoos, böser Blick), also als könnte er bei Agnostic Front spielen, hahaha. Musikalisch war das gar nicht mal so grausam – v.a. im Vergleich mit den Vorbands der U.S. Bombs – aber gut … gut ist wirklich was anderes. Der Spuk dauerte nicht lange und die Dickies kamen auf die Bühne.
Dickies
Ca. 200 Leute in einem Raum, der locker bis zu 800 oder 900 Leute Raum gibt, von den 200 75 Prozent über 40 Jahre alt … das konnte ja nur heiter werden. Punk füllt keine Hallen, nicht in London. Im Vorfeld konnten wir schon beobachten, wie mindestens 30 T-Shirts den Besitzer bzw. die Besitzerin wechselten. Wahnsinn, die Band hatte tatsächlich nur ein T-Shirt-Motiv und eine CD dabei, die v.a. älteren Herren rissen ihnen das Ding aber nur so aus der Hand, wie Butter im Nachkriegsdeutschland! Wahnsinn!
Tanztechnisch rechnete ich eigentlich nicht, dass irgendetwas passieren würde und drängelte mich recht weit nach vorne, um unscharfe Photos zu machen. Eher rechnete ich damit, dass alle paar Minuten jemand zusammenbrechen könnte, im Alter so lange stehen … könnte ungewohnt sein. Doch ich sollte mich täuschen! Die Dickies schafften es mit ihrem Powerpoppunk a la Ramones das Publikum schnell zu fesseln, die wenigen Jungspunde (unter 25 im Alter und in der Anzahl), stürmten nach vorne und auch einige der älteren Semester machten eine bessere Figur, als ich im Traum. Das scheint an diesem wunderbewirkendem Carlsberg zu liegen, das als einziges Lager zu moderaten Preisen (naja!) ausgeschenkt wurde.
Auch wir gaben tatsächlich unsere letzten Pfund und Pennies für (jeweils ein) Bier aus (danke hoher Eintrittspreis! ansonsten hätte es vielleicht für zwei gereicht) und freuten uns über eine gelungene Liveshow, die zwar an einigen Stellen übermässig pubertär für eine 50+ Band war, auf der anderen Seite, scheiß drauf. Gutes Set inkl. „Paranoid“ (Black Sabbath), „I‘m Okay, You‘re Okay“, „You drive me ape“ und vielen weiteren, schnellen, hochmelodischen Songs, die Ohrwurm-Charakter hatten. Alles endete dann nach gut einer Stunde mit dem Hit „Gigantor“ und irgendwie doch zufrieden, noch eine gute, alte Band gesehen zu haben, ging es dann nach Hause, um kurz nach 22:00. Unglaublich!
dickies

Fanzine-Treffen in Leipzig im September

Hier ein kurzer Hinweis auf eine Einladung vom lieben Kollegen Jan (s. Reviews des Proud to be Punks hier) für alle Fanziner_innen und Sympathisant_innen:

„Liebe FanzinekollegInnen und SympathisantInnen, verehrte Schreib- und Lesewütige,

hiermit möchten wir euch alle recht herzlich zum Zine-Attack, dem ersten Fanzine-Fest und –Treffen in Leipzig, einladen. Einerseits wollen wir mit dem Zine-Attack-Festival HerausgeberInnen wie auch LeserInnen von Fanzines einfach die Möglichkeit bieten, sich in gemütlicher Atmosphäre kennenzulernen, Hefte zu kaufen oder zu tauschen, Erfahrungen und Meinungen auszutauschen, Fragen zu stellen und Diskussionen zu führen. Andererseits zielen wir darauf ab, den Bekanntheitsgrad des DIY-Mediums „Fanzine“ mit unserer Veranstaltung zu erweitern und im gleichen Atemzug andere dazu zu animieren, sich selbst einmal im Schreiben von Texten oder im künstlerischen Gestalten im Rahmen unserer „Kreativ-Phase“ auszuprobieren. Alles, was ihr hierfür an Materialien benötigt, wird von uns gestellt. Insofern genügend Leute hierbei ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf lassen, könnten die entstandenen Arbeiten abschließend zu einem Festival-Fanzine zusammengefasst werden. Abschließend wollen wir den Tag mit einigen Bands gebührend ausklingen lassen.

Schreibt uns bitte, ob ihr vorbeikommen wollt – gern geben wir euch die Möglichkeit, euer Fanzine vorzustellen, zu tauschen und zu verticken. Schlafplätze sind begrenzt vorhanden (Bitte im Vorfeld bei uns melden!) – wir freuen uns auf euch!

Leitet diese Info bitte an alle Interessierten weiter und nehmt sie in euer Fanzine mit auf – wir sind vor allem noch auf der Suche nach Zinedistros, die ihre Zines auf dem Fest verticken wollen.

Flyer folgen noch!

Beste Grüße,

Markus (Kalter Kaffee-Fanzine / Fill My Head-Zinedistro)
Seb (Fill My Head-Zinedistro)
Jan (Proud to be Punk-Fanzine)

ZINE-ATTACK LEIPZIG

Termin: 10. September 2011

Ort: Atari (Kippenbergstraße 20/Ecke Täubchenweg / Leipzig-Reudnitz / siehe: http://maps.google.de/maps?hl=de&tab=wl)

Ablauf:
ab 14.00 Uhr:
- Brunch (vegan)
- Kurzfilme rund um das Medium Fanzine und den Do it yourself-Gedanken
- Kennenlernen

ab 16.00 Uhr:
- Lesungen
- Kreativ-Phase: Ihr könnt an den vorhandenen Schreibmaschinen eure eigenen Texte verfassen, Collagen und Sprühschablonen basteln oder Bilder zeichnen bzw. malen. Alles Materialien, die ihr dafür benötigt, werden von uns gestellt – ihr braucht also nichts mitbringen. Ziel des Ganzen soll es sein, am Ende des Tages ein kleines Festival-Fanzine fertig stellen zu können, in dem all eure Arbeiten gesammelt werden. Lasst eurer Fantasie freien Lauf!

ab 20.00 Uhr:
- Vokü (vegan)

Ab 22.00 Uhr:
- Konzert mit
Kenny Kenny Oh Oh (Punkrock / Leipzig / http://kennykennyohoh.bandcamp.com)
Morgenthau Plan (Powerviolence / Leipzig)
Doubt Everything (Hardcore-Punk / Leipzig / www.myspace.com/doubt_everything)

Außerdem:
- Zinedistros
- Infostände

Eintritt:
14.00-20.00 Uhr: 3 Euro
ab 20.00 Uhr 5 Euro

Aktuelle Infos unter:
http://fillmyhead.wordpress.com/zinefest-leipzig-2011

Kontakt:
jan.sobe(atätatät)t-online(punkt_dot_punkt_dot)de (Fragen, Schlafplätze, Heiratsanträge, etc.)

London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby

London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby
Zehn Tage in London … eine etwas andere Zusammenfassung

Die britische Hauptstadt gehört zu den zehn teuersten Städte der Welt. Gleichzeitig ist sie einer der beiden Gründungszentren des Punk(rocks) und Geburtsstätte für Bands wie The Clash, Sex Pistols, The Adverts, The Damned, The Jam oder Newtown Neurotics. Graffiti-Künstler wie Banksy begannen hier, Nick Hornby schrieb seine beiden Klassiker „Fever Pitch“ und „High Fidelity“ in und über London und Fußballvereine wie Arsenal, Chelsea, Tottenham Hotspurs, Fulham, West Ham, Millwall, Wimbledon und andere haben einen (zum Teil berüchtigten) Ruf in Europa. London war darüber hinaus über viele Jahrzehnte der Handelsplatz der Welt, was vor allem an dem britischen Empire und der Ausbeutung von Sklaven (London hatte neben Liverpool eine wichtige Funktion im Sklavenhandel) und „Übersee“-Kolonien lag. Heute ist die Stadt neben einem wichtigen Bankenzentrum sicherlich ein Schmelztiegel vieler, vieler Kulturen und immer noch mit dem Ruf gesegnet, pulsierende, spannende und beliebte Metropole zu sein.
Es war also an der Zeit, sich intensiver mit dieser Stadt zu beschäftigen, natürlich vor Ort! Zehn Tage Sommerurlaub in London ist zwar gewagt, aber glücklicherweise mit preisgünstiger Unterkunft in direkter Citylage, unweit der „Prachtstraße“ Oxford Street, und günstigem Flug machbar. Hier sollen nun in einer kleinen Serie gewisse Highlights und Erfahrungen geteilt werden, vielleicht Tipps für den ein oder die andere und hoffentlich auch amüsantes Lesen geboten werden.

Teil 1 – Plattenläden in London und Umgebung:
Im Vorfeld haben wir uns erkundigt und versucht, schon einige Plattenläden zu finden. Mit rudimentären Tipps wie „Soho“ oder „Notting Hill“ wollten wir uns nicht abspeisen lassen. Vor allem waren gerade in den beiden Stadtteilen Plattenläden entweder rar (Soho) oder völlig überteuert (Notting Hill). Für gebrauchte und arg angefressene The Clash Alben auf Vinyl sollte niemand 20 Pfund (ca. 22 Euro) oder wesentlich mehr zahlen müssen oder wollen. Damit das gestochere und gestöbere beim nächsten Mal gleich gezielter begonnen werden kann, hier eine kleine, aber feine Auswahl von besuchten Vinyl-Verkaufsstellen.

Banquet Records
(52 Eden Street, Kingston upon Thames, Surrey)
Kingston ist ein Vorort von London, oberhalb der Themse und dort gibt es mit Banquet Records einen kleinen, aber feinen Plattenladen. Beim Reinkommen ertönte allerdings erstmal monotone, elektronische Musik und auch das Angebot umfasst viel elektronische und technisierte Musik. Zwei kleinere Fächer waren allerdings mit Punkrock und zwei weitere mit Indie Musik gefüllt. Eindeutig Klasse statt Masse! Im Punkrock-Bereich fand sich hauptsächlich US-Kram, der in die Melange von Side One Dummy, No Idea und Kiss of Death passt. Neben einer Minor Threat zum absoluten Dumpingpreis (unter 7 Euro) fanden sich dort auch Bands wie Rvivr, Off With Their Heads, Iron Chic, Gaslight Anthem, Hot Water Music etc. Die Minor Threat findet sich dort übrigens nicht mehr, hehe. Dennoch, durchaus gut sortiert und viele Alben konnte ich schon mein Eigen nennen, andere wurden gleich mitgenommen, wie eine Rvivr-Platte. In der Indie-Abteilung eine großartige Platte von The Leif Ericsson (Picture Vinyl für 5 Pfund!), die spätestens seit ihrer Split mit Milloy bekannt sein könnten. Schlagen in eine ähnliche Richtung, druckvoller, melodischer Punkrock a la Leatherface, Hot Water Music und Samiam. Leider befanden sich aber kaum bis keine weiteren britischen Bands im Regal, weder eine Leatherface-Platte noch eine von Milloy. Auch die Single-Auswahl konnte sich sehen lassen und Banquet Records ist auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn man auf die oben erwähnte Art von Musik steht. Hier finden sich keine The Clash, Ramones und Sex Pistols Platten, um gleich den Punk-Touristen vielleicht von unnötiger Fahrt abzuhalten.
Am besten kombiniert man den Besuch mit einem Konzert in Kingston, denn Banquet Records präsentiert auch Emo und Punk Konzerte in verschiedenen Lokalitäten in Kingston. Sowohl im The Fighting Cocks, The Peel und im New Slang (The Hippodrom) finden Konzerte statt, für The Weakerthans, Joan of Arc, Polar Bear Club, Lemuria, H2O, Menzinger und .letlive wurde z.B. auf Flyern geworben. Im Bacchus in der Union Street Kingstons finden zudem „Club nights“ statt, in denen ebenfalls Punk & Emo gespielt werden. Leider gab es für uns keine Möglichkeiten abends zurück nach London zu kommen (die genannten Konzerte fanden eh außerhalb unseres Besuches statt), sodass wir Kingston nur einmal besuchten.

All Ages Records
(27a Pratt Street, Camden)
Ein anderer guter Tipp war der All Ages Records Store in Camden. Hier fanden sich ebenfalls viele gute Alben (v.a. viel von Ny Vag Records mit Masshysteri, Invasionen, Regulations und anderem Kram aus Skandinavien) wieder, auch einige Sachen aus Deutschland, wie die Grizzly Adams Band, Pressgang, Dean Dirg oder Tatort Toilet. Musikalisch gab es hier viel Punk der melodischen und schnelleren Art. Schön vor allem auch, dass zur Begrüßung die aktuelle Spermbirds Platte aus den Boxen dröhnte, die auch im Regal stand. Preislich befanden sich die meisten Alben zwischen 10 und 13 Pfund, was ungefähr den Preisen in Deutschland entspricht, vielleicht aufgrund der Umrechnung in Euro etwas höher ist als hier. Bei All Ages Records fanden sich (zum Glück) ebenfalls keine überteuerten The Clash, Sex Pistols und Ramones Platten wider, aber auch wenig Kram aus England. Die aktuelle Milloy Platte als farbiges Vinyl, zwei Alben von Heresy und die aktuelle Leatherface Live-Doppel-CD waren die wenigen Ausnahmen. Bei den Singles fanden sich mit Billy Childish, einem britischen Tribute für die Spermbirds ebenfalls wenige UK-Scheiben, was schade ist, vielleicht aber auch die Situation von Punk in England wiedergibt. Mit The Damend, Cock Sparrer, TV Smith, Adicts, 999 und vielen, vielen anderen alten Bands aus den 1970ern und frühen 1980ern kann sich eine Jugendkultur sicherlich schwerer identifizieren, als mit neuen Helden. Und wenn diese im Punk keine Rebellion und keinen Ausdruck der eigenen Frustration, des eigenen Protests, des eigenen Lebensstils sehen, dann bleibt vielleicht nur Hip Hop oder Elektro als Alternative. Oder konsumieren, konsumieren, konsumieren. Ich weiß es nicht.
All Ages liegt übrigens sehr zentral in Camden und viele Konzertplakate prangen außen an den Fenstern, was es einem erleichtert, im Norden Londons gute Konzerte ausfindig zu machen. Besuch also ebenfalls unbedingter Tip!

Across The Tracks
(110 Gloucester Road, Brighton)
Ein okayer Second Hand Shop befindet sich in Brighton, im Stadtteil North Laine unweit des Stadtteils The Lanes. Jetzt ist Brighton an sich schon eine Reise wert, da es in nur 55 Minuten von Londons Victoria Station aus erreichbar ist und einfach etwas bietet, was London nicht hat: Meer! An einem sonnigen Tag lässt es sich dort sicherlich gut aushalten, der Brighton Peer hat einen Jahrmarkt auf einem Pier mitten im Meer mit Achterbahn und Auto-Scooter. Dazu kommen Spielhöllen und mindestens fünf weitere, große Fahrgeschäfte, geht es besser? Oder schlimmer?! Der Pier erinnerte mich an die Simpsons Folge, in der Marge den Urlaubsort ihrer Kindheit besucht, wo ebenfalls ein Jahrmarkt am Meer den Handlungsort darstellte.
Across The Tracks ist einer von zwei Plattenläden (der andere hatte nur Indie-Rock und Elektrokram), die mir in Brighton im Umkreis von The Lanes und North Laine aufgefallen sind. The Lanes ist ein Viertel mit vielen kleinen Geschäften und Cafés, die in der Regel preislich – verglichen mit London – okay sind. Während meine Liebste die „Sandinista“ von The Clash und ein Metallica Album erwarb (definitiv die besseren Errungenschaften) fand ich sowohl die „Give ’em enough rope“ von The Clash, eine „Best off“ von Madness und das erste Album von Michelle Shocked, eine der Pionierinnen des Anti-Folks. Alles in allem ein erfolgreicher Beutezug, mag man meinen, vor allem da es ja ein Tag am Strand werden sollte. Auch andere Metal und Punk-Klassiker ließen sich in dem Laden finden, die Preise waren mit in der Regel zwischen 6 und 15 Pfund durchaus angemessen und mehr oder weniger fair. Allerdings ein klassischer Second Hand Laden, wie ich ihn mir auch in London (zu den gleichen Preisen) erhofft hätte.

Resurrection Records
(Rear Basement Shop – 228 Camden High Street, Camden)
Ebenfalls in Camden lokalisiert und unweit von All Ages Records entfernt, liegt dieser kleine Plattenladen im Keller der Hauptstraße durch Camden. Hier muss ich ehrlich sagen, dass außer vielen Klassikern von Sex Pistols, The Clash und Ramones, keine Neuware und noch weniger Musik zu fairen bzw. okayen Preisen zu finden war. Sicherlich ein klassischer Plattenladen, wo Leute mit höherem Einkommen sich ein Erinnerungsstück ihrer Kindheit leisten können, dass dann auch gerne mal über 20 Pfund kosten darf. Wir sind eher enttäuscht wieder abgezogen. Eher für Touris, auch wenn Resurrection Records auch einige größere Konzerte sponsert, wie z.B. das Dickies Konzert in Arsenal.
Anders sieht es vielleicht aus, wenn man auf düstere Musik steht. Die Gothic-Abteilung schien sehr gut gefüllt zu sein, Metal habe ich nicht mehr in Erinnerung. Vielleicht ist Punk auch einfach gerade nicht die Klientel, mit der man viel Geld macht, es sei denn man hortet alte 70er / 80er Klassiker.

Music & Video Exchange
(208 Camden High Street, Camden)
Ein kleiner Glücksgriff war da schon eher der Music & Video Exchange wenige Meter weiter. Zu absoluten Schnäppchen-Preisen in der Ramschecke wurde dort Pegboy’s (Naked Raygun-Nachfolge) „Earwig“ Platte verkauft sowie ebenfalls eine Single von Patrick Fitzgerald (Safety Pins stuck in my Heart) und andere Feinheiten. Allerdings auch hier, viele Sammler-Stücke und Klassiker zu völlig überhöhten Preisen und die Ramschecke war wohl eher durch glückliche Fügung mit einer Hand voll Highlights angefüllt. Music & Video Exchange scheint eine Kette zu sein und ich meine mich auch daran zu erinnern, in Notting Hill (Notting Hill Gate) und Harlesden (Craven Park Road) in Shops gewesen zu sein, erstere allerdings völlig überteuert (20 Pfund aufwärts), letzterer hatte scheinbar entsprechend der Bevölkerung im Stadtteil nur Reggae und Dub-Platten. Kann man also machen, muss man aber nicht.

Hmv Oxford Circus
Wer Take That CDs für drei Pfund erstehen möchte oder ansonsten nach CD-Mitbringseln aus dem Mainstream sucht, ist hier bestens beraten. Ein Besuch war schon lehrreich, fürs Portemonnaie aber nicht leerreich, denn außer eine DVD wurde hier nichts gefunden.

Veranstaltungsankündigung: CORPORATE ROCK STILL SUCKS! SST RECORDS DJ ABENDE

CORPORATE ROCK STILL SUCKS! SST RECORDS DJ ABENDE

Im Juli 2011 werden die DJs SST-ONE (Bremen) und DJ SCHIPPY (Köln) vom TRUST Fanzine plus local guests in München, Frankfurt und Köln die Besucher und sich selber mit BLACK FLAG, ZOOGZ RIFT und allem anderem geilem SST Kram erschrecken. Die Abende in München und Frankfurt sind „reine“ SST Abende, der Abend in Köln ist etwas weiter gefasst und hat auch, aber nicht nur SST Musik zum Thema.

Mit:
Hüsker Dü, Black Flag, Descendents, Minutemen, Dinosaur jr, Sister Double Happiness, Saint Vitus, Bad Brains, Meat Puppets, The Last, Sonic Youth, Trotzky Icepick, Screaming Trees, Das Damen, Gone, Blood on the saddle, SWA…

Von:
DJ SST-ONE (Bremen) / Trust Fanzine + DJ SCHIPPY (Köln) / Trust Fanzine

plus local guests in München, Frankfurt/Main und Köln

Wann und wo?

-Donnerstag, 21.07.2011, 21:30 Uhr
SUBSTANZ, München, http://www.substanz-club.de

mit local guest
DJ TOMASSO

-Freitag, 22.07.2011, ab 22:00 Uhr
DREIKÖNIGSKELLER, Frankfurt, dreikoenigskeller.com

mit local guests
DJ AL-DENTE (kein Fanzine, Bockenheim!) + DJ JO THE GARDENER (Frankfurt) / Trust Fanzine + DJ Platten-Aussucher Zwei Pferde (Hazelwood Vinyl Plastics)

- Köln, 23.07.2011
Qlosterstüffje, myspace.com/qlosterstueffje

mit local guest:
DJ JAN (Trust Fanzine, Frankfurt)

(Der Abend steht unter dem Motto „lo spirito continua!“ – das bedeutet auch, aber nicht ausschliesslich Musik von SST Records!)

Hier findet ihr weitere Infos zu den Hintergründen der ganzen Sache:

Unser Geburstagsspecial zu 30 Jahre SST Records aus Trust # 133 von Ende 2008 ist online hier zu lesen:
http://www.trust-zine.de/30-jahre-sst-records-herzlichen-gluckwunsch-vielen-dank/

Bericht zu unseren letzten SST Abenden in Düsseldorf und Duisburg im November 2010:
http://www.trust-zine.de/party-with-me-punker/
(Die Ausgabe Trust # 133, Dezember 2008/Januar 2009, gibt es weiterhin zu kaufen, siehe unter dem Punkt „backissues“)

Ankündigungstext zu den SST Abenden in Bremen, Hamburg und Berlin Ende Mai 2010:
http://www.trust-zine.de/sst-records-dj-abende/

Bericht von unserem SST Abend in Köln im März 2010:
http://www.trust-zine.de/sst-records-abend-in-koln/

Pankerknacker Party mit Der Feind, The Not-Amused and The Feminists (+ Lesung)

26 Ausgaben Pankerknacker mit Mika Reckinnen, Don Chrischan (lesend) und Der Feind, The Not-Amused and The Feminists (trällernd) – Trickster Berlin (1. Juli 2011)
Eine anstrengende Woche in Berlin lag bereits hinter mir, als es mich am Abend mal wieder in meinen Lieblingsort in Berlin verschlug, ins Trickster an der Oberbaumbrücke. Einer der letzten Festungen der herrschenden Gentrifizierung, auch ein letzter Ort gelebter D.I.Y.-Kultur und v.a. ein Ort, an dem nicht nur die super-korrekten das Sagen haben, sondern noch normale Leute, die sich nicht immer anmaßen zwischen Guten und Schlechten unterscheiden zu können. Und dann auch noch das „Böse“ in Person eingeladen, Verlagsdespot Stefano Stiletti samt seiner Mischpoke!
Erneut ein Fest zur Selbstbeweihräucherung mit Bands aus der aktuellen Ausgabe Nummer 26 und den Speichelleckern von Pseudo-Literaten, die sich um dieses Heft gebähren. Verhasster Autor dieser Zeilen durfte sich als erstes auf die Bretter begeben, ohne Stuhl, Tisch und erst mit einem spät gereichten Hocker. Auf diese Almosen dann provokant verzichtet, direkt aus dem wunderbaren Konkurrenzheft Schlammrock (vgl. hier) gelesen und neben kleineren Lachern (und Lacherinnen) vor allem ein wenig Applaus und Anerkennung eingeheimst. Schaumküssen sei Dank!
Danach der wie immer fabelhaft-hassende Don Chrischan (s. Bild … es soll ihn geben, den Don Chrischan, Yeti-Loch-Ness gleich posiert er hier vor einem Straßenschild in Sardinien). Don Chrischan
Sein Hass auf das Arbeitsamt oder die Agentur für Arbeit oder oder oder … er ist noch echt. Da werden auch mal Speichellecker mit Harken durch die heiligen Hallen gezogen, bis die Wauzis jaulen und er seinen anderen Verpflichtungen nachkommen muss. Wofür Menschen?
Wofür Menschen musste man sich auch bei den anschließenden Bands fragen. Der Feind macht ohne lange Faxen gleich Deutschpunk, wie er seit Jahren ausgerottet ist. Eine Dampfwalze des schlechten Geschmacks, immer mit der Faust im Genick, hassend, hassend, hassend … wie der 1. Mai nur nicht ’87! Große Gefühle und in der ganzen Band besetzen Stiletti-Schergen gleich die wichtigsten Posten.
Es folgten The Not-Amused, die ich leider verpasst. Powerpop-Mod soll es sein. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Davor oder danach gab’s auf jeden Fall noch „Flammen drauf, ist ja stark“ (Lattekohlertor). Feuer drauf ... Feuer und Flamme ...
Feuer und Flamme für die BRD … oder auch nicht. Immerhin, keinen Baumbrand, Milzbrand oder Kernschmelze ausgelöst.
Rein trieb mich erst wieder The Feminists. Wunderbarer Powerpop, der vor allem das Wort Power beinhaltete. Langhaarige Bombenleger in Frauenkleidern, Disco-Tarn sozusagen, dazu eine eingängige Musik … wo der Pankerknacker die aufgelesen hat, mag man sich fragen. Ich tippe auf Daumen-Raus an der Strecke Freiburg-Berlin. Auf jeden Fall das Highlight des Abends. Danach nur noch gesoffen und Disko … kennt man, meidet man. Netterweise noch einen Schlagzeuger einer Freiburger Band beim Saufen und Rumknutschen mitgezählte siebenmal (!!!) vom Hocker oder im Stehen (küssend) umfallen sehen! Könnte persönliche Bestmarke sein, mindestens zweimal eine Person mitgerissen (die mit der Zunge an seiner verknotet war).
Ausbeute am anderen Tag:
1x Pankerknacker Heft #26 (großartig)
1x Renfield # 23 (sehr gut)
1x irgendwas aus der Tombolla … sollte aber bei der Unmengen an Losen auch drin gewesen sein!
1x sinnlose Diskussion über Gentrifizierung (vorherrschende Meinung: Reiche Studierende lassen sich von Mama und Papa die Wohnungen bezahlen … was es nicht alle gibt … dafür wird aber nach dem Staat gerufen, der mit Mietpreisbindung eingreift … Anarchismus 2011 … noch toter als Punk)
Summasumarum: ach ja, guter Abend!