Archiv für August 2011

Herzerockt-Festival IV (Herzebrock)

Radiobastard, Battle of Renegades, Call‘n'Response, ReMode (19. August 2011)
Wicked, Metaldaze, Tip Top Daddies, Kathrina, Sterbt!, Bullfinch, Kindercore, My‘tallica, Eddies Revenge, 100 Miles 2 go (20. August 2011)

Herzebrock-Clarholz (HC) ist ein kleiner, verschlafener Ort an der Bundesstraße 64 irgendwo an der Grenze von Ostwestfalen zum Münsterland. Und obwohl HC nicht mit vielem dienen kann (es mangelt zum Beispiel an Kneipen, die man guten Gewissens betreten kann, an Plattenläden, an Kinos, an …), hat sich doch in den letzten 15 bis 20 Jahren stetig eine kleine, aber feine Szene an Punk- und Artverwandten-Bands gehalten. Klar, viele von ihnen sind nie über den Geheimtipp als Vorband im örtlichen Jugendzentrum hinausgekommen. Mit Slik Mig I Roven (auch bekannt als: Slikmig) hat es immerhin eine gute Melodic-Core-Band in den 1990er Jahren auf Mad Butcher Records geschafft (siehe hier), mit Another Life (Horror Business Records) gab es eine gute Hardcore-Band und mit Freiburg (siehe Link zu Flight 13) existiert aktuell eine durchaus großartige, deutschsprachige Band, die sicherlich in der Liga hinter Turbostaat, Captain Planet und duesenjaeger spielt, nur mit dem Unterschied, dass die Jungs zum Teil nur halb so alt sind.
Darüber hinaus gibt es viele weitere Bands aus der Umgebung, die Mitglieder aus diesem Kaff in Ostwestfalen haben. Schon am 7. August 1999 fand daher das erste Herzerockt statt, damals noch auf dem Schulhof der Realschule, die Bühne war ein alter Trecker-Anhänger und es gab nur eine handvoll Bands (ich erinnere mich tatsächlich noch genau an diesen Tag, da ich zwischenzeitlich zum Sportschau schauen nach Hause verschwand und den großartigen Volleyschuss von Bernd Deters (SV Meppen) zum 2:1 gegen Kickers Offenbach in der Nachspielzeit erlebte … wahnsinn, wahnsinn, wahnsinn). Es folgte 2000 oder 2001 die Neuauflage des Festivals (u.a. mit Red Alert) und 2009 zum 10jährigen ein Zweitages-Festival. Genauso wie 2009 entschied man sich, 2011 nur Bands auftreten zu lassen, die mindestens ein Mitglied aus dem Ort haben. Eigentlich eine schöne Idee, leider war ich nur vor zwei Jahren verhindert, also hieß es 2011 auf, Sachen packen, Bier kalt stellen und los in Richtung Herzebrocker Industriegebiet. (mehr…)

Network of Friends Festival (Marl)

A.N.A.L., FILTHY FEW, STRAIGHT JACKETS, H.O.A (Hostages of Ayatollah), UNWANTED YOUTH, RAW POWER, THE FREEZE, TOSHIMOTO DOLLS – in Marl (27. August 2011)
Als Freund Herder mich mit den Worten „könnte Dich interessieren“ auf dieses kleine Festival aufmerksam machte, hat mich sofort der Charme ergriffen. Ein feines Hardcore-Fest, das alte lokale Bands und internationale Hardcore-Recken zusammenführen sollte. Sozusagen „Nostalgie-Festival“ für Leute aus Marl und Umgebung, die sich schon in den 1980er Jahren für diese Art von Lärm interessiert haben. Okay, als die ersten Bands damals anfingen zu spielen, war ich noch zwischen flüssigem Aggregatzustand und kleinem Häufchen Unschuld, das von der Mutter gestillt werden musste. Nichtsdestotrotz reizte dieses fast klandestin anmutende Festival, da es ohne größere Werbung (gab’s mehr als eine Facebook-Gruppe und Mund-zu-Mund-Propaganda?) und ohne großes TamTam auskam. Einfach ein paar Leute, die seit drei Jahrzehnten eine ähnliche Musik mochten und sich noch mal in einen Zustand früherer Tage zurückversetzen wollten. Und für mich natürlich die große Gelegenheit, die alten Helden mal live zu begutachten und dennoch mit Abstand zu den Jüngsten auf einem Konzert zu gehören, hehe.
Daher auch dem Regen getrotzt, meiner nachtschichtenden Freundin einen trockenen Kuss auf die Wange gedrückt und dann in Richtung Marl-Sinsen. Regenjacke, Diebels und die Jungle World, so macht Reisen Spaß. Von Marl-Sinsen an einer verlassenen Sports Bar (s.u.) vorbei in den Bus und weiter in Richtung Freibad. Vor dort mich dann auf mein Gehör / Glück / itelephon anderer / gütlicher Fügung etc. verlassend in Richtung Bauernhof aufgemacht, wo das Ganze stattfinden sollte. Unterwegs schon einige nette Menschen getroffen und so freute ich mich, A.N.A.L. und Filthy Few immerhin noch aus gebührendem Respekt und einigen Kilometern Abstand das Festival eröffnen lassen zu hören.
Angekommen auf dem Gelände dann auch gleich die wenigen bekannten Gesichter begrüßt, mit denen dann ein wunderbarer Abend verbracht wurde. Trotz der Wahl zwischen Pest (Warsteiner) und Cholera (Veltins) am Bierstand. Ansonsten aber alles wunderbar und „lovely“. Würstchenbude, Plattenstand, zusammengezimmerte Bühne, Pissoirs mit Abflussrohr und alles einfach charmant. Kinder, die herumspielen (oder auf Mini-Treckern fahren … großartig!) und viele alte Säcke und Säckinnen, die in der Vergangenheit schwelgten. (mehr…)

Buch – Alex Gräbeldinger: Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl

Alex Gräbeldinger: Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl
Neulich auf der Lesung im Spec Ops (siehe hier) drückt mir Lustiger Bob vom Kopfnuss Verlag das Buch mit den Worten „hier, lies das mal“ in die Hand. Sehr schön, angetüdelt nach einigen kleinen Bieren sitze ich im Zug von Münster zurück nach Essen und fange an. Keine 72 Stunden später bin ich mit dem Buch durch. Natürlich sitze ich nicht mehr im Zug, natürlich habe ich dazwischen geschlafen, geduscht, gelebt, gearbeitet und auch geschissen. Letzteres aber tatsächlich mit dem Buch auf dem Schoß. Soviel schon mal vorab, es fesselt, es fasziniert und man liest es einfach runter.
Klar, hochkulturelle Unterhaltungsliteratur, mit Wörtern, die man nachschlagen muss, ist das Buch nicht. Genau im Gegenteil. Die Stärke ist die Einfachheit, das sich reinlesen und eine gewisse Schnelligkeit, mit der man wissen möchte, wie der Protagonist als nächstes scheitert. Voyeurismus, Midleid, sich selbst in viel zu vielen Passagen wiederfinden … halt eine ganz normale Geschichte in dieser kranken Welt. Im Grund hat es die fabelhafte Dischord Band Gray Matter auf den Punkt gebracht:
There’s nothing wrong with me it must be all of you, ‚Cause I‘m feeling rejected no matter what I do“ (Gray Matter – Oscar’s Eye).
Alex Gräbeldinger: Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl
Bei dem Buch handelt es sich – und das erklärt auch die Leichtigkeit der Schreibe, die eher chronologisch mit Zeitsprüngen Geschehnisse aneinander reiht – um die gesammelten Kolumnen aus dem Ox-Fanzine (Februar 2006 bis Juli 2008). Diese unterhalten nicht nur fabulös, nein, sie lassen uns einen Einblick gewinnen in das Leben und die alltäglichen Katastrophen des jungen Alex G..
Zuvor gibt es noch ein sehr sympathisch-liebenswertes Vorwort von Jörkk Mechenbier (Love A), das fast an „die ultimative Lobhudelei“ aus Zimmer Frei erinnert. Es folgt ein Rückblick auf alte Punkertage (in Form eines alten Tagebucheintrags aus pubertären Jungens-Zeiten) und fängt dann mit einem Highlight des Buches an: „Ein Vorsatz für das neue Jahr“. Genau hier wird schon deutlich, was die Stärken des Buches sind. „Gerade die schonungslose Offenlegung der eigenen moralischen oder charakterlichen Schwächen“ (Alex Pascow zum Buch) werden hier deutlich, der Ich-Erzähler bringt sich immer wieder in skurrile, gar abenteuerliche Situationen. Sylvester, den Arsch föhnend auf dem Klo, weil das Toilettenpapier alle ist. Geht es erbärmlicher? Sowas kann man sich kaum ausdenken, sowas passiert einfach. Diese Missgeschicke ziehen sich durch das Buch, genauso wie die Suche und das Scheitern beim Finden der „richten Frau“. Nach vielen Fehlversuchen, nach psychologischen Abgründen und Alkoholkonsum gepaart mit Polizeikontrollen, hat man am Ende des Buches das Gefühl, mit diesem jungen Herren unbedingt mal ein Bier in einer normalen Pinte kippen zu müssen, und danach einen schönen Schnapps.
Nach den Kolumnen rechnet zum Schluss des Buches Madame Unbedarft mit Männern ab und Alex G. (Andernach, richtig, Charles B.) gibt Alex P. (aus Gimbweiler mit G.) ein Interview über sich und das Leben.
Am besten sofort für 9,90 € im nächsten Buchladen (links-alternativ und nicht Thalia, bitte) oder hier bestellen: Kopfnuss Verlag
ISBN: 978-3-00-025025-5

(Lesung im) Spec Ops, Münster

BOOKSHOP Teil II – Poetry/Lyrik, Kurzgeschichten & Beats zur Eröffnung der zweiten Buchecke des Sepc Ops, Münster (15.08.2011)
Das Spec Ops (zur Homepage) ist ein kleiner, aber feiner Laden an der Von-Vinke-Straße (# 5-7) in Münster. Eigentlich genau so ein kleiner Laden, den jede Stadt, gar jeder Stadtteil irgendwo haben sollte. Das Spec Ops versteht sich mehr als Netzwerk, ist Café, Bar, Konzertort, Buchhandlung und Ort für Ausstellungen. Also alles irgendwie und nichts festes gleichzeitig.
Am 24. Oktober 2009 wurde das Spec Ops eröffnet, stilecht mit dem Oiro-Kneipentour-Film und einer Lesung des Drachenmädchen-Fanzines sowie einer Ausstellung von Christian Kock und Jan Middelhaufe (u.a. Enfold, Blood Robots) mit Konzertbildern. Seitdem sind fast zwei Jahre ins Land gezogen, zwischenzeitlich fanden Konzerte u.a. mit Captain Planet statt, die Fußball-WM und andere Spiele werden übertragen, der Kicker gerockt, Bücher verkauft und zum Lesen angeboten, Kuchen verkauft (im Facebook-Profil werden immer die aktuellsten Kreationen angeboten, mit Photos, die einer/m das Wasser im Munde zusammen laufen lässt), Parties gefeiert und hin und wieder finden auch Lesungen statt. So auch an einem sommerlichen Montag im August. Grund für die Lesung war die Eröffnung einer 2. Buchecke. Der Flyer warb für verschiedene Verlage wie Ventil, Verbrecher, vergaß aber leider den Kopfnuss-Verlag, klar, an dieser Stelle nachgeholt!
„Wir nähern uns immer weiter einem richtigen Buchladen an, immerhin konnten wir unser Sortiment nun ungefähr verdreifachen“, so die Ankündigung. „Hinzugekommen ist eine kleine Theorieecke, für die Zukunft solls dann noch ein paar mehr Kinderbücher geben. Ansonsten wie gewohnt Pop, Musik, Comic, Krimi, Belletristik und ein kleines bisschen Fußball.“
Für den Abend war dann ab 19:30 die Bühne bereit für Julja, die aus ihren Erfahrungen als Buchhändlerin plauerte. Sehr ammüsant und ich habe vor allem gelernt, dass die ISBN-Nummer das A und O ist und ich mir somit sämtlich peinlichen Stammeleien über Autor und Titel sparen kann.
Im Anschluss folgte meine Wenigkeit und dann gab es eine Pause, die mit seichter Musik überbrückt wurde. Schön war, dass auf der Leinwand im Hintergrund „Winter Games“, das alte AMIGA-Spiel lief, passend zu meiner Geschichte, die ich irgendwann mal hier hoch laden werde.
Peter Burns las im Anschluss eine Kurzgeschichte von H.P.Lovecraft, bevor Lustiger Bob sich mit Menscheninsekten beschäftigte, die Marcel und Inga böse mitspielten. Dass kann mal vorkommen. Die Ankündigung Mecklenburg-Vorpommern kaputt zu lesen wurde schon mal in den Raum gestellt (bin dabei! Ankündigung folgt!) und im Anschluss noch eine revolutionsromantische Geschichte von seinem Kollegen Ismael Diot zum Besten gegeben. Erneut eine Pause, bevor Slam Poetry Urgestein (also länger als Sarah Kuttner den Kram entdeckt hat) Andreas Weber las. Zwei sehr gute Kurzgeschichten. Die sollen demnächst veröffentlicht werden, watch out! Im Anschluss noch ein spannendes Gespräch mit ihm über Slam Poetries und deren Veränderung und Professionalisierung in den letzten Jahren.
René ONeill las einen langen Text über einen Besuch bzw. der Suche nach einem Friedhof in Wien, Arnold Maxwill über etwas anderem. Mist, ich und mein löchriges Gedächtnis. Jane Brückner begleitete ihn dabei zuerst und las im Anschluss Lyrik. Jetzt bin ich weiß Allah / Gott / Jehova kein Lyrik-Fan, doch vor allem die Stimme von ihr wirkte sehr charmant. Erinnerte mich an die „Ansagerinnenstimme“ bei Oma Hans / Kommando Sonne-nmilch. „Zitterpappel, Zitterpappel“.
Leider musste ich dann bei KatXyes, die aus „Was ich über Adolf Hitler gehört habe…“ las, das Spec Ops verlassen. Denn leider befindet sich das Spec Ops nicht in jedem Stadtteil, nicht in jeder Stadt, sondern (noch) nur in Münster. Dennoch, ein schöner und gelungener Abend.

Vier Dinge, die man über Münster wissen sollte:
1.) Bei rot über die Ampel gehen wird mit vernichtenden Blicken (auch von Studierenden) bestraft.
2.) Greenhell (File under: Plattenladen) macht um 19:00 Uhr zu. Da kann man noch einmal erwähnen, was man sucht und wird geholfen, aber dann ist Schluss!
3.) Spec Ops, reingehen, Kuchen essen, lesen!
4.) Flasche Krombacher 0,3l am Bahnhof Münster, 1,60 € (Preisvergleich: Dortmund, 0,5l Krombacher: 1,50 €).

Interview mit Fanzine-Index Andreas

Auf der Seite des Zine with no name findet sich ein interessantes Interview mit dem Gründer der Fanzine-Plattform Andreas Dölling, der unter anderem über die Einstellung seines Projekts – www.fanzine-index.de – spricht, aber auch seine Liebe und sein Interesse an Fanzine deutlich werden lässt.
Schon die Einleitung zu der Geschichte der Fanzine-Indices ist spannend (hier nachzulesen) und am Ende fühle ich mich mehr als geehrt, dass Andreas bei seinen Lieblingszines auch meinen Namen fallen lässt! Vielen Dank für die Blumen. Und da mein Hang zur Selbstverliebtheit ausreicht, Euch diese paar Zeilen nicht vorzuenthalten, seht es bitte als Appetizer für das ganze Interviews, das beim Zine-With-No-Name nachzulesen ist. Sehr schönes Interview!

Welches waren oder sind deine Lieblings-Fanzines? Wie müßte ein Fanzine aussehen, das es noch nicht gibt, aber deiner Meinung nach unbedingt noch ins Leben zu rufen wäre? Finanzierbarkeit oder zu obskure Themenwahl sollen bei deiner Entscheidung keine große Rolle spielen, es sind also auch sehr skurrile Ideen willkommen.
Puh, die Frage nach Lieblingszines ist fast so unbeantwortbar wie die nach Lieblingsbüchern, -liedern oder -filmen. Ich habe so viele fantastische Hefte in der Hand gehabt, daß ich eigentlich nur ein paar nennen kann, die mir jetzt spontan in den Sinn kommen. Ich mag zum Beispiel den „Kosmischen Penis“ aus Schweinfurt sehr. Er ist sicherlich eines der dienstältesten Fanzines und kommt mit einer ganz eigenen, mir sehr sympathischen Haltung daher, die es schafft, Quatsch und Absurdes mit ganz klassischen Themen eines Punk- und Szeneblatts zu verbinden und dazu noch mit einem charmanten Lokalpatriotismus. Klasse auch die Publikationen von Mika Reckinnen (unter anderem eine Ausgabe in einer Zigarettenschachtel und eine in einer Klopapierrolle – und inhaltlich gerade auch im „Alleiner Threat“ mit Tiefgang und Selbstironie) und von Calin Kruse (sein Magazin „dienacht“ haut einen allein schon optisch um). Das Punk-Zine „Human Parasit“ fand ich ebenfalls gut. Als Comic-Freund mag ich auch das „Plop“. Und legendär ist die Ausgabe des „Dosierten Lebens“ in Form einer Getränkedose in der Optik des Covers von „Never Mind the Bollocks“. Alle gerade genannten habe ich deshalb auch in der fanzine-index.de-Fragestunde interviewt. Aber ich habe schon wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich jetzt so viele gute Zines nicht genannt habe. Im Grunde finde ich es schon super, wenn jemand einfach ein Fanzine macht.

Der Blumenstrauß

Der Blumenstrauß

Die Bardame stellte mir ein fünftes Bier vor die Nase. „Bitte!“ krächzte sie so lieblos, wie möglich. Ich nickte dankend, leerte die Pfütze aus dem Vorgänger und stellte die Pilstulpe auf ihr Tablett. Sie machte einen Querstrich auf dem Bierdeckel und zog wieder von Dannen.
„Hoch die Vasen“, rief jemand am Tresen. Ich reagierte nicht. Kurz beobachtete ich die Blume auf dem Bier, eine Krone als Krönung der Schöpfung einer Hinterzimmerkneipe in einer Hinterzimmerstadt. Dann nahm ich die Vase in die Hand und runter mit dem nächsten Schluck.
Seit einigen Stunden bevölkerte ich schon diesen illustren Ort. Mein Zug war liegen geblieben. Ein Sturm war über das Ruhrgebiet gezogen und jetzt saß ich hier in der Taverne und versuchte, die Stunden zu überbrücken. „Oberleitungsschaden“, hatte die völlig überforderte Bahnfrau nahezu geschrieen, „der wird aber heute Nacht noch behoben.“ Ich ließ das mal so stehen und glaubte ihr. Um fünf Uhr morgens würde das nächste Bahnvehikel die Stadt verlassen und mich näher Richtung Heimat bringen. Doch bis dahin war ich hier in der Spelunke gut aufgehoben. „Durchgehend geöffnet“ stand auf dem Schild, das mich einlud zu kommen, „Bei Erika“ war der Name, der mich zum Bleiben zwang.
Erika war jetzt wieder hinter dem Tresen verschwunden, spülte sofort meine Biervase, trocknete sie ab und stellte sie ins Regal hinter sich. Das gleiche Prozedere, wie in dem Moment, als ich hier vor einigen Stunden herein gelaufen bin.
„Bist Du Erika?“, hatte ich zur Begrüßung die Bardame gefragt. Sie stand, wie jetzt, mir den Rücken zu wendend hinter dem Tresen und polierte mit einem karierten Trockentuch ein „BV 09 Borussia Dortmund“-Glas. Außer ihr saßen vier ältere Männer am Tresen. Sonst war niemand zu sehen. „Wer soll ich sonst sein?“, hatte sie in Richtung der Wand gesagt. Mit den Worten, „Wat darfst denn sein?“, drehte sie sich zu mir um. Im ersten Moment war ich geschockt. Ich wusste, dass es Bierbäuche gab, aber, dass der Bierdunst auch Gesichter so dermaßen aufquellen lassen konnte, das war mir neu. Das einst blonde, lockige Haar war verblasst, einzelne Locken hingen lustlos an ihrem Kopf herunter. Fast so, als hätten sie sich suizidal und verzweifelt in die Tiefe gestürzt, der Last des Lebens nachgebend. Ihre Wangen waren leicht rötlich, ein paar Sommersprossen hatten noch nicht das Weite gesucht, doch der Rest des Gesichtes auf irgendwo zwischen aufgequollen und mehrfach gefaltet liegen geblieben.
„Ich nehm nen Pils“, hatte ich gestammelt, fast schon erschrocken. Auf eine Nische zeigend trollte ich mich anschließend aus dem Eingangsbereich. Die restlichen Gäste schenkten mir keine Beachtung. Sie saßen auf ihren Hockern vorn herüber gebeugt und gaben sich ihren Getränken hin. „Boomerang-Biertrinken“, hatte sie ein Freund einst tituliert. Meiner Meinung gleich ihre Haltung eher einem Flitzebogen. Gemein ist beiden, solche Kurven will Mann nicht sehen!
Erst als ich in der Nische saß, bemerkte ich, dass sie alle mich doch beachtetet, wenn nicht gar beobachtet haben mussten. Sie fingen an zu tuscheln und mit geringem Lärmpegel unterhielten sie sich weiter. „Der Fremde“, hörte ich ein oder zweimal heraus.
In der „Flitzebogen“-Stellung verharrten sie noch immer. Ein trauriger Abend. Der einzige Trost war das Buch, das mich seit Stunden unterhielt. Gute Schreibe, keine Handlung, kein Spannungsbogen und dadurch näher an der Realität als alles andere, durch das ich mich die letzten Tage hindurch gequält hatte. Nur hin und wieder wurde ich aus meiner Lektüre gerissen, wenn wieder einer der älteren Herren auf den Tresen schlug oder jemand einen speziellen Hit aus der Jukebox erkannte und laut mitsang.
„Erika, oh Erikaaaaa“, sang jemand laut mit, als die Lokalmatadore einen Song über eine Imbissbudenbesitzerin via Stereoboxen zum Besten gaben, der weder schmeichelhaft für besungene Person, noch für die anwesende Bardame mit dem gleichen Namen war. „Tonnenweiße Schlangenfraß“, summte ich leise mit, bevor ich wieder einen Schluck aus meinem Bier und ein paar Zeilen des Buches verschlang.
Ein weiteres Kapitel gelesen, klappte ich das Buch zu und lehnte mich entspannt zurück. Mein Blick stromerte durch die Kneipe, verfing sich in den Spinnennetzen und hing irgendwelchen Gedanken nach. Das dunkelbraune Holzambiente wirkte wie eine Mischung aus Irish-Pub und dem ungemütlichen Wohnzimmer meiner Eltern. Gelsenkirchener Barock hatte als Innenarchitekt beratend zur Seite gestanden und Tipps gegeben. Mein Blick flog durch den Raum und hielt erst an einer alten Uhr. 19:09 zeigte sie an, allerdings hatte ihre Zeiger seit Jahren keine Runde mehr gedreht. Es musste schon spät am Abend sein, zwischen zweiundzwanzigdreißig und dreiundzwanzigdreißig, vermutete ich. Ich kramte mein Mobiltelephon raus. Tatsächlich war es schon kurz nach eins. Ich atmete auf.
Die Eingangstür unter der alten Uhr schwank plötzlich auf. Das war seit Stunden nicht mehr passiert. Genauer gesagt, seit dem ich „bei Erika“ eingekehrt war. „Alles Pillemann, Kacke, Arsch!“ hörte ich noch, bevor ein großer Mann, ein schmächtiger Mann mittleren Alters hereinkam.
„Was los Uwe?“, fragte ein kräftiger Mann am Tresen, stand auf und klopfte Uwe aus meiner Sicht brutalst auf die Schultern. Hatte er vor dem Neuen die Schulterblätter zu durchschlagen oder das Schlüsselbein unter die Rippen zu hämmern? Uwe knickte merklich ein, schupste den Kräftigeren angestrengt von sich und nahm einen Platz am Tresen ein.
„Erika, mach mir mal nen Gedeck!“
„Kein Problem!“, kam von Jenseits des Tresens und der Zapfhahn rauschte. Ein kleiner Strahl wurde in eine vorgezapfte Pilstulpe geschossen und dann das volle Glas auf einen Bierdeckel auf den Tresen geschoben.
„Hoch die Vasen!“, rief jemand.
Uwe begann dann ungefragt sein Leid zu klagen. Da ich sein leises Stimmchen nur unter größter Anstrengung verstehen konnte, widmete ich mich wieder dem Buch. Vier Kapitel noch, dann würde ich hier ratlos sitzen.
Doch kaum hatte ich mich wieder in die Geschichte gedacht, sprang die Tür erneut auf. Hier herrschte um so späte Stunde ein reges Treiben, dachte ich. Doch als ich aufblickte sah ich schon einen südasiatisch aussehenden Mann, der mit einem Strauß Rosen vor mir stand: „Du wollen Rose kaufen?“
Reflexartig musste ich grinsen. Schönes Klischee! Ich schüttelte dankbar den Kopf, doch er schien die Geste nicht zu registrieren und hielt mir die Rosen näher vor meine Nase. „Wunderschöne Rosen, für Frau zu Hause.“ Ich schnaubte ein wenig, halb lachend, halb genervt, presste etwas Luft aus meiner Nase und bedankte mich für das Angebot, das ich allerdings erneut ausschlug. „Sicher nicht wollen kaufen Rosen?“
„Nein, keine Chance“, merkte ich lakonisch an. Eigentlich hatte ich mit einem welken Gestrüpp in dieser Gegend gerechnet, doch das Rot der Rosen hatte wahrscheinlich die größte Strahlkraft von allen Gegenständen in dieser Kneipe. Keine verblüten Knospen, wie sie sich hier um den Tresen gruppierten.
Der Mann drehte sich um und ich dachte nur: „Mein Freund, an diesem Abend wirst Du hier nicht sonderlich viele Kunden gewinnen können“, als einer der Tresen-Kunden schon aufsprang. „Komm mal her, komm mal her. Wat kost dat ganze Gestrüpp?“
„Ganze Strauß? Kost nicht viel! Sagen wir, weil Du bist, 100 Euro!“
Niemals hätte ich gedacht, dass hier, wo maximal Pilsblumen blühen, jemand die Blumen kaufen würde. Doch der Typ kramte in seinem Portemonnaie und forderte dann die Uwes, Dieters, Hänschens und Erwins im Raum auf, sich doch zu beteiligen. „Dat können wa Erika mal gönnen, oder nich?“, war der allgemeine Tenor. Doch, so sehr sie sich auch bemühten, die Deckel mit den Strichen völlig außer Acht lassend, sie kamen nur auf 85,52 Euro.
Der Versuch zu handeln schlug fehl, ebenso der Vorschlag, sich 7 Pils auf dem Deckel von Erwin anrechnen zu lassen. „Ist schon extrem Sonderangebot und ich nicht trinken Alkohol“, war die Antwort, die auf noch größeres Unverständnis stieß, als die mangelnde Möglichkeit, um den Blumenstraußpreis zu feilschen. Also biss Uwe auf die Zähne, kam zu mir, bot mir an, meine Biere zu übernehmen, wenn ich doch die fehlenden 15 Euro beisteuern würde. Ich blickte auf die Vase auf meinen Tisch, nahm einen großen Schluck, bestellte ein neues Bier bei Erika und gewährte den gewünschten Kredit. Uwe schlug mir sanft auf die Schulter, lud mich an den Tresen ein und Erika strahlte, wie zuletzt wohl in den 1960er Jahren. Ein glücklicher Asiat verließ die Taverne und ich ließ mein Buch Buch sein und rückte an den Tresen.
Den Zug um fünf verpasste ich.

Aus: Pankerknacker #25