Mecklenburg-Vorpommern Lesetour mit Alex Gräbeldinger und der Lustige Bob (15. bis 20. Oktober 2011)
Kultur und Toleranz e.V. (KuT), Gadebusch (15.10.2011)
Morgens um elf besteige ich den Zug in Essen. Es geht auf in Richtung Mecklenburg-Vorpommern mit Zwischenstation in Münster. Rot-Weiß Essen hat heute ein Heimspiel, einige unsympathische Kanten stehen am Bahnhof herum. Es sollen tatsächlich die letzten Faschos in freier Wildbahn sein, die ich in den nächsten Tagen sehen werde. Schön!
Etwas nervös bin ich schon. Ich kenne weder Alex noch seine Ehefrau Jenny persönlich, den Lustigen Bob habe ich vorher auch erst zweimal getroffen. Dennoch, als ich gefragt worden bin (Danke an Jan Off für die Empfehlung), die beiden zu begleiten, musste ich nicht lange zögern um „Ja!“ zu sagen. Schon via Email hatten wir einen guten Austausch und die erste Begegnung erfolgt dann an der Münsteraner Bahnhofstankstelle. Ein guter Treffpunkt! Ein Ort meiner Studienzeit in Münster, die Rettung bei allabendlichem Bierdurst!
Ein Wasser, ein Snickers und einige Zigaretten später sind wir auf dem Weg nach Gadebusch. Der 6.000 Einwohner_innen zählende Ort liegt näher an Hamburg, als an Rostock und verfügt über eine mittlerweile fast 15 jährige Tradition für Konzerte und andere alternative Veranstaltungen. Das KuT (Kultur und Toleranz e.V.) gibt es seit einigen Jahren (hier ihre Homepage) und ich habe immer sehr viel Respekt vor Aktiven, die in der Provinz Orte aufrecht erhalten für alternative Kultur, Konzerte, Partys, Lesungen und anderen Veranstaltungen. Als ich im Vorfeld die KuT-Website besucht hatte, war mir gleich ein Zusammrottung Flyer aufgefallen. Großartig! Deutschpunk meiner Jugend! Diese Band sollte uns in den nächsten Tagen verfolgen, immer wieder kamen Gespräche, Poster, Flyer etc. auf die Ost-Berliner Punkband. Merkwürdig! Nach fünf Stunden Fahrt sind wir einigermaßen gespannt auf den kleinen Ort und natürlich fahren wir erstmal dran vorbei. Eine Ortserkundung später dann aber doch da.

Einige Jungpunks begrüßen uns schon, zeigen uns stolz die ehemaligen Garagen, die heute das KuT beherbergen! Sehr schön! Am Tresen bekommen wir direkt Kaltschalen gereicht und auch die Bühne und alles sieht sehr gut aus. „Wir dachten ja, Lesung, da würden jetzt zwei alte Männer mit grauen Haaren kommen“, erklärt uns später jemand. Mit diesen Erwartungen werden wir brechen.
Insgesamt hören knapp 25 Personen uns sehr ruhig zu, unsere Geschichten kommen ganz gut an und am Ende verkauft Alex einen großen Schwung seiner Bücher. Der Lustige Bob liest eine Triologie, in der er seinen Wut auf Menschen kreativ kanalisiert, Alex hingegen hauptsächlich wahre Begebenheiten aus seiner Genese zum Punk. Seine Kolumnen fürs Ox sind unter anderem im Kopfnuss Verlag erschienen (s. Besprechung von „Ein bekotztes Feinrippunterhemd …“), den der Lustige Bob dereinst mitbegründet hat. Kleine Welt, kleiner Kreis. Ich lese „zweite Heimat“, „Abgekaut in der Innenstadt“ und „Feuchtgebiete Trockenlegen“ und habe das Gefühl, wie die anderen beiden das Publikum kurzweilig zu unterhalten.
Im Anschluss dann an den Tresen und wir unterhalten uns noch sehr lange mit den Kids. Nachdem wir die Pennplätze bekommen haben (Danke!), entscheiden Bob und ich, noch mal zurück zum Laden zu gehen. Bierdurst! 2:00 Uhr am Samstag ist noch keine Ins-Bett-Geh-Zeit. Wir versacken am Tresen, besetzen irgendwann den Computer und lauschen vielen Deutschpunkklassikern. Zusammrottung und WIZO („Kopfschuss“) sind mir noch in den Ohren. Dann geht’s ins Bett und wir schnarchen die anderen beiden wach. Großartiger Tourbeginn!
Danke an Jule, Baum und Ali an dieser Stelle.
Morgen geht’s dann über Bad Kleinen nach Rostock!
Website KuT: http://www.kut-gadebusch.de.vu/


Anmerkung: Dem Schnarch-Duett ging ein Schluckauf-Intro von Lustiger Bob voraus. Torkelnde Schritte, Schnaufen, Schluckauf, Schnarchen. „Wir dachten ja, Lesung, da würden jetzt zwei alte Männer mit grauen Haaren kommen“ … was die Geräuschskulisse im Anschluss daran betrifft, hätte es jedenfalls gepasst.
Zum Glück war das der einzige Abend, an dem ich nüchtern ins Bett gegangen bin. Im Anschluss daran wurde ich nämlich kein einziges Mal mehr wach.