Archiv für Dezember 2011

Remembering Drachenmädchen

Als Rosi mich vor ein paar Tagen anschrieb, in dieser grauen, vorweihnachtlichen Zeit, und mich auf das Update der Myruin-Seite hingewiesen hat, wurde es doch mal Zeit, wieder melancholische Gedankengänge an die Vergangenheit zu verschwenden. Moment, verschwenden? Wenn man schon seine Jugend verschwenden musste, dann war das Drachenmädchen auf jeden Fall ein schöner Zeitvertreib und neben dem Blurr vielleicht eines der besten Fanzines seiner Zeit, das als eines der ersten Kurzgeschichten aus „der Szene“ und Musik pari-pari verband. Gleichberechtigung, Emanzipation, sucht Euch Feuiliton (ich musste das Wort tatäschlich ob seiner Schreibweise nachschlagen, still Punk not Bildungsbourgeoisie). Daher eine kleine Erinnerung an diese Zeit, als Münster noch „zu Hause“ und „Studium“ Beruf war.

Drachenmädchen – verdammt
Als ich am Hafen ankam, saß sie schon da. Der Wind zerzauste ihre Haare, ihr Näschen lief. Wir unterhielten uns über Bands, die sie kannte und die ich mochte. Oder die ich nicht kannte, aber sie mochte. Wir tranken Wein und Bier, verlegten die wichtigen Dinge in Richtung Tresen. „Bitte werfen sie eine Münze ein“, das war noch vor dem Ruhrgebiet und dem anhaltenden Fernsehdesaster. „Oiro“, dachte ich immer, nicht „Münzen“. Ein wenig Blurr, ein wenig old-school-Fanzine, viele neue Ideen und alte, schlechte Witze. Die habe ich meistens gemocht, in den Hörsälen mit ihr und einem Grinsen. Nur einmal, da rollten Tränen und ich durfte nicht laut loslachen. Ein denkwürdiger Moment, als sie sagte, „ich suche einen Mann mit Pferdeschwanz – Frisur egal!“ So albern, so infantil, so gut!
Dann wollte sie mit mir diskutierten, ob Ray Cappo oder Torben Meissner stärker ist. Mir war das egal, Machomänner waren seit Reinhard Fendrich „out“. „Was kannst Du denn?“ fragte sie empört und ich begann ihr Kurzgeschichten zu erzählen. Über Boxerinnen, über suizidale Clowns, über Trauertränen und sie dankte es mit Bier und sanften Küssen. Wir verbrachten einen wunderschönen Abend in der Baracke in Münster, das erste Mal auf der Bühne, im Rahmen von Kunst. Als sie mich verließ, war ich älter, immer noch nicht erwachsen. Zeiten vergingen wie Duesenjaeger, ein weiterer Ritt durch die Geschichte.
„Alte Liebe rostet nicht“, sagte mein Großvater in einem seiner weisen Momente immer und vielleicht hatte er da Recht. Als ich sie vor kurzem wieder in den Händen halten konnte, war es ein wohliges Gefühl, ausgelöst vielleicht durch den Wein, vielleicht durch die Erinnerungen an gemeinsame Zeiten. Captain Planet und Inner Conflict spielen zu solchen Momenten den Soundtrack und meine Osnabrück-Abneigung war auch fast überwunden. Vielleicht auch weil das Emsland immer weiter sich entfernte, die strafraumpogende Jugend, damals, als die Feinde noch andere Mannschaften und nicht politische Systeme waren.
Tja, wer will das eigentlich wissen? Oma sagte fast: „Anekdoten Die keinem etwas helfen [nicht mal] Geld“. Drachenmädchen, oh mein Drachenmädchen, I am still missing you!

Mehr Infos zum Drachenmädchen, inklusive alle alten Hefte zum Download, könnt ihr hier finden – MYRUIN.de

Coche Bomba + Bad Omen + Istukas Over Disneyland + many more in San Fernando, Pampanga

Cocha Bomba, Bad Omen, No Peace in Silence, Istukas Over Disneyland, Marcos Cronies Conspiracy, Aggressive Dog Attack and many more at JLO-Bar, San Fernando, Pampanga, Philippines (13.11.2011)
Was eine Nacht. Alles Begann um ein Uhr mittags am Sonntag. Freie Straßen in MetroManila, normalerweise so häufig wie Schnee im Sommer. Allerdings nichts Ungewöhnliches, wenn Manny „Pacman“ Pacquiao in den Ring steigt. Sobald der philippinische Volksheld und Kongressabgeordnete Gegner verprügelt, hängt die Nation gebannt vor dem Fernseher. WM-Finale, Formel-1-Rennen und Olympiade in einem, sozusagen. Mein Taxifahrer hört begeistert Radio. Angeblich sinken sogar die Kriminalitätsdelikte in Manila gen null, wenn der Kongressabgeordnete boxt und selbst die Armee und die maoistische Befreiungsarmee beenden ihre Scharmützel.
Ich treffe mich mit Jon Fishbone, Albert Sy und später Albert und Aejee Ascona von Bad Omen. Sie werden an dem Abend in Pampanga (Provinz), bzw. in San Fernando (Stadt) zum Tanze aufspielen, neben einer Reihe weiterer Bands. Bad Omen (Website Bad Omen) existieren schon seit den 1980er Jahren und sind eine der dienstältesten Bands der Philippinen. Außer Jon Fishbone ist allerdings kein Originalmitglied mehr dabei, Albert und Aejee sind sogar jünger als die Band. Letzterer ersetzte heute den eigentlich Schlagzeuger.
Es ging nach San Fernando, circa eine Autostunde nördlich von Metro Manila. San Fernando ist die Hauptstadt der Provinz Pampanga und der Wohnort eines alten Freundes, Francis, der gleichzeitig mit seiner Band I.O.D. (Istukas over Disneyland) spielen sollte und die Show organisierte.
Mit dem Fahrrad holte er uns von der Hauptstraße ab und begleitete uns zu der Wohnung seiner Eltern, wo es erstmal ein „Hallo“ gab und wir königlich mit Essen versorgt wurden. Im Anschluss durchstöberten wir die Platten-/CD- und Kassettensammlung des Guten und schauten uns einige Konzertvideos an, u.a. ein All-Video aus den frühen 1990ern und Adicts, Ende der 00er-Jahre in Bielefeld. Kleine Welt, da sitzt man tausende Kilometer von zu Hause entfernt und sieht sich ein Video in Ostwestfalen gedreht an.
Dann ging’s zur Venue, JLo-Bar, oder so ähnlich. Dort gab es ebenfalls nette Begrüßungen, das erste Bier und gute Rockabilly-Musik aus den Boxen. Pünktlich um 6pm sollte es losgehen mit Bad Omen, da die Jungs zum Teil noch für die Nachtschicht in Manila eingeteilt waren und ab 9pm Karten austeilen und Kugeln rollen lassen mussten, um u.a. korrupten Politiker/innen die Staatskohle wieder wegzunehmen. Bad Omen spielten eine Mischung aus alten und neuen Songs, im Moment bereiten sie ein weiteres Release vor. Die letzte CD hat fast zehn Jahre von den ersten Aufnahmen bis zur Fertigstellung gedauert und klingt demnach auch eher wie eine Compilation als ein Album. Dennoch, ein großartiges Album. Gegen Ende gab es dann noch zwei Cock Sparrer Coverversionen („We’re coming back“ und aus „England belongs to me“ wurde „Pampanga belongs to me“), die der Tipper dieser Zeilen am Mikro begleiten durfte. Nach ein oder zwei weiteren Songs war dann Schluss. 30 Minuten Highspeed Streetpunk, der vor keinem Vergleich Angst haben muss.
Im Anschluss verließen die Bad Omen Jungs schon wieder die Location und No Peace in Silence(Link Myspace) aus der Nachbarprovinz Bulacan. Sie spielen Hardcore, wie man sich auf dem Link vergewissern kann. Leider verquatschte ich sie fast komplett. Doch danach betraten die Local Heroes von Istukas Over Disneyland (Link Website) die Bühne, die mittlerweile mit einigen großartigen Releases auf sich aufmerksam gemacht haben. Zuletzt waren das u.a. eine Split-7Inch mit den kalifornisch-philippinischen Eskapo und eine vierfach Split namens „Deadly Rhythms from the Production Line“. Sänger Francis, trotz seiner 30+ immer noch ein Wirbelwind auf der Bühne. Eigentlich als vom britischen Street-/Oi-Punk beeinflusste Band in der Mitte der 1990er begonnen, spielen sie mittlerweile fast schon Hardcore-Punk beeinflussten Punk mit politischen Texten, gesungen und geschrien im lokalen Dialekt. Keine Kompromisse, musikalisch wie textlich. Auch das Cover von Pascow (MS Pascow, Link hier) ist ein großartiges Ding geworden! Ich hoffe auf weitere Aufnahmen dieser Band!

Danach folgte ein Bruch und die Marcos Cronies Conspiracy betrat die Bühne (Myspace-Link). MCC spielen Ska, den ich in der Vergangenheit eher klassisch geprägt empfunden habe, doch aufgrund diverser Besetzungswechsel spielen die Cover (Toasters, Mighty Mighty Bosstones) schon ziemlich genau das wieder, wohin sich die Band entwickelt. Druckvoller Ska mit Punkanleihen, Punk-mit-Bläsern. Und dennoch, „The impression that I got“ ist mein Lieblingslied von den Bosstones und wurde super wiedergegeben und auch die eigenen Songs dazwischen luden zum Tanzen ein. Generell war die Stimmung eh bei allen Bands sehr gut und zwischen vier und fünfzehn Leute tanzten und hatten Spaß. Von den circa 100 Anwesenden schienen die meisten auf ihre Kosten zu kommen und sogar die Bedienungen, die nicht viel mit alternativer Musikszene zu tun hatten, genossen einen Großteil der Show.
Das änderte sich ein wenig mit „Aggressive Dog Attack“ (A.D.A.). ADA sind Noise-Grind-Crust-Hardcore … irgendwas dazwischen. Sänger Boi schreit sich die Seele aus dem Leib und der Rest lärmt. Francis spielte heute Drums und prügelte so schnell es ging auf die Drumfelle. Es sah eher aus wie Hochleistungssport als Musik, aber ich war wie immer begeistert. Circa fünfzehn Songs in weniger als zehn Minuten, davon eine Netto-Spielzeit von vielleicht vier Minuten, den Rest der Zeit für Absprachen und Verschnaufspausen für den Schlagzeuger genutzt. Die Bedienungen, bis dato noch gut unterhalten, verfielen eher in überraschtes Gelächter, in irritierte Blickwechsel und in großen Fragezeichen in ihren Gesichtern. Wenn man dazu bedenkt, dass Boi einer der liebsten und freundlichsten Menschen ist, der mir je begegnet ist, dann kann man nur sagen, Kompliment.
Selbst Coche Bomba (Link zu Myspace) aus Lyon, Frankreich, räumten ab. Die französischen Crust-Punks befanden sich auf Südostasien Tournee und waren auch nicht das erste Mal in den Philippinen. Dementsprechend wurden sie abgefeiert und ließen sich nicht lumpen, ein wahnsinniges Brett vom Stapel zu lassen. Für mich als nicht unbedingtem Fan des Genres muss ich sagen, dass die Band mich sehr schnell gefangen und gepackt hat.
Im Anschluss kam noch eine lokale Band, von der ich nicht mehr weiß, ob es Blindsided, „More Than Linda“ oder „Tomador Crew“ waren (die alle gespielt haben), doch ihr Hardcore riss mich jetzt auch nicht um vor Begeisterung. Da wir noch einen relativ zeitigen Bus nach Manila bekommen mussten, verpassten wir leider die großartigen ASS (Anti-Suck System) und die mir unbekannten Red Corpse, Feeble, Skeleton Plasma und Ingrato.
Alles in allem ein sehr feiner Abend, der viel Spaß gemacht hat!