Als Rosi mich vor ein paar Tagen anschrieb, in dieser grauen, vorweihnachtlichen Zeit, und mich auf das Update der Myruin-Seite hingewiesen hat, wurde es doch mal Zeit, wieder melancholische Gedankengänge an die Vergangenheit zu verschwenden. Moment, verschwenden? Wenn man schon seine Jugend verschwenden musste, dann war das Drachenmädchen auf jeden Fall ein schöner Zeitvertreib und neben dem Blurr vielleicht eines der besten Fanzines seiner Zeit, das als eines der ersten Kurzgeschichten aus „der Szene“ und Musik pari-pari verband. Gleichberechtigung, Emanzipation, sucht Euch Feuiliton (ich musste das Wort tatäschlich ob seiner Schreibweise nachschlagen, still Punk not Bildungsbourgeoisie). Daher eine kleine Erinnerung an diese Zeit, als Münster noch „zu Hause“ und „Studium“ Beruf war.
Drachenmädchen – verdammt
Als ich am Hafen ankam, saß sie schon da. Der Wind zerzauste ihre Haare, ihr Näschen lief. Wir unterhielten uns über Bands, die sie kannte und die ich mochte. Oder die ich nicht kannte, aber sie mochte. Wir tranken Wein und Bier, verlegten die wichtigen Dinge in Richtung Tresen. „Bitte werfen sie eine Münze ein“, das war noch vor dem Ruhrgebiet und dem anhaltenden Fernsehdesaster. „Oiro“, dachte ich immer, nicht „Münzen“. Ein wenig Blurr, ein wenig old-school-Fanzine, viele neue Ideen und alte, schlechte Witze. Die habe ich meistens gemocht, in den Hörsälen mit ihr und einem Grinsen. Nur einmal, da rollten Tränen und ich durfte nicht laut loslachen. Ein denkwürdiger Moment, als sie sagte, „ich suche einen Mann mit Pferdeschwanz – Frisur egal!“ So albern, so infantil, so gut!
Dann wollte sie mit mir diskutierten, ob Ray Cappo oder Torben Meissner stärker ist. Mir war das egal, Machomänner waren seit Reinhard Fendrich „out“. „Was kannst Du denn?“ fragte sie empört und ich begann ihr Kurzgeschichten zu erzählen. Über Boxerinnen, über suizidale Clowns, über Trauertränen und sie dankte es mit Bier und sanften Küssen. Wir verbrachten einen wunderschönen Abend in der Baracke in Münster, das erste Mal auf der Bühne, im Rahmen von Kunst. Als sie mich verließ, war ich älter, immer noch nicht erwachsen. Zeiten vergingen wie Duesenjaeger, ein weiterer Ritt durch die Geschichte.
„Alte Liebe rostet nicht“, sagte mein Großvater in einem seiner weisen Momente immer und vielleicht hatte er da Recht. Als ich sie vor kurzem wieder in den Händen halten konnte, war es ein wohliges Gefühl, ausgelöst vielleicht durch den Wein, vielleicht durch die Erinnerungen an gemeinsame Zeiten. Captain Planet und Inner Conflict spielen zu solchen Momenten den Soundtrack und meine Osnabrück-Abneigung war auch fast überwunden. Vielleicht auch weil das Emsland immer weiter sich entfernte, die strafraumpogende Jugend, damals, als die Feinde noch andere Mannschaften und nicht politische Systeme waren.
Tja, wer will das eigentlich wissen? Oma sagte fast: „Anekdoten Die keinem etwas helfen [nicht mal] Geld“. Drachenmädchen, oh mein Drachenmädchen, I am still missing you!
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