Archiv für Januar 2012

No Comment – Kommentar zum Tag 1

Heute morgen bin ich aufgewacht und hatte noch vor dem Duschen die erste Idee des Tages: „Wecker direkt ausmachen“! Dann, beim Duschen, „warum nicht auf das Blog mal regelmäßiger irgendeinen Popanz von sich geben?“ Während mich von außen die Dusche wärmt, wärmt mich von innen der Gedanke. „Und das ganze noch vor dem Frühstück oder auf dem Weg zur Arbeit festhalten und im Laufe des Tages hochladen.“ Spätestens jetzt hätte ich den Arzt rufen sollen: „Herr Doktor, ich habe zu heiß gebadet. Nein, nicht nur als Kind!“ Oder so!
Was mir am meisten Sorgen macht, dass mir die Schnapsideen jetzt schon nüchtern und am Morgen kommen. Mit dem Geschmack nach toter Katze auf den Lippen – also vor dem Zähneputzen – , aber ansonsten wohl riechend – nach der Dusche – setze ich mich gleich hin und denke mir, was das für einen Einschnitt in mein Leben bedeutet. Morgens einfach mal früher aufstehen ist der erste. Ob Leute sich den Schund überhaupt regelmäßig durchlesen werden? Und wenn ja, was denken sich die vier Leute dabei?
„Klasse, super Idee“, wird sich jetzt die Lesende denken, da sitzt das Autorenschwein zu Hause mit Kaffee am Frühstückstisch, Laptop aufgebaut und schreibt seine völlig irrelevanten Sichten auf die Welt hernieder. Ein wenig Dies und Das, einwenig Dies- und Jenseits und fertig sind ein paar … ein paar … ein paar was eigentlich? Und wofür? Alles für ein bisschen mehr …
- „Traffic für seinen bescheuerten, nichtsnützigen Blog“, wird die Piratenpartei-Wählerin sagen.
- „Komplimente a la Haste-gut-gemacht“, wird der Sozialpädagoge sagen.
- „Langweilige Sichten auf noch langweiligere Themen“, wird die Kritikerin sagen.
- „Toll … toll … toll! Nee, gelesen habe ich es nicht!“ Sagen alle anderen.
Ich denke allerdings schon in der Straßenbahn, dass es eine nicht ganz so super Idee sein könnte. Wie wahrscheinlich ist es, als Morgenmuffel es durchzuhalten, morgens eine halbe Stunde eher aufzustehen, nur um sich mit einer Tasse Tee – denn ich lehne konsequent den Kaffee-Konsum als typisch deutsche Tugendhaftigkeit ab – an seinen Laptop zu setzen und irgendeinen Schwachsinn, den eh niemanden interessiert, in die Tastatur zu hacken?
Seien wir ähnlich, ich hätte mir auch ausdenken können, Atomphysikerin zu werden. Oder Brathähnchen! Letzteres würde immerhin dafür sorgen, dass ich es morgens warm hätte, auch nach der Dusche. Wobei, haben es Brathähnchen schon morgens warm, oder beginnt deren Arbeitsrunde erst mit dem Mittagsgeschäft, sagen wir mal ab 11:00 Uhr? Abwegige Gedanken, die nur von dem eigentlichen Sinn dieser Serie ablenken: Ich werde es nicht lange schaffen, täglich was zu schreiben. Es wird ein morgendlicher, schlechtgelaunter Kampf werden. Auf der anderen Seite, der erste Schritt ist getan. Ich habe es in alle Welt herausposaunt. Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, ick hör dir trapsen. Vielleicht schaffe ich es ja einen Monat, oder zehn Tage. Oder eine Woche. Naja, erst mal heute. Und um es mit dem schottischen Radioreporter zu sagen: „One in a row, just nine to go!“ Oder so ähnlich!

Bad Omen in Quezon City und Baliwag

Bad Omen in 9Mile Bar in Quezon City und in St. Augustine College in Baliwag (Bulacan) (16. Dezember 2011)
Bad Omen gehören zu der zweiten Generation Punkbands in den Philippinen, die in den späten 1980ern / frühen 1990ern angefangen haben sich vor allem von Streetpunk inspirieren zu lassen. Geprägt vom englischen Punkrock der späten 1970er Jahre entwickelten Bad Omen sich in den letzten Jahren zu einer Band, deren Einflüsse mittlerweile vom alten britischen Streetpunk über den Gainesville/NoIdea-Sound bis Rancid reichen. Bad Omen gehören – trotz einiger Unterbrechungen – mittlerweile zu den ältesten, noch existierenden und in der Szene verwurzelten Band in Manila – Homepage Bad Omen.
Als Sänger und Gitarrist Albert mich daher fragte, den letzten Abend meines Philippinenaufenthalts auf zwei Shows mit ihnen zu verbringen, konnte ich unmöglich „Nein!“ sagen. Also schon um sieben Uhr an der 9Mile Bar getroffen, ein paar Bierchen gezischt und einer mehr oder weniger öffentlichen Probe beigewohnt. Auf dem Festival „One Heart United“, auf dem für eine Vierjährige mit Herzproblemen gesammelt wurde, ware um acht, als Bad Omen anfingen, noch gar nichts los. Also jamte die Band, spielte zweimal „Last Christmas“ als Punkversion (das einzige Mal, dass ich diesen Song die Weihnachtssaison hören musste) und hatten vor allem eins, Spaß mit sich selbst auf der Bühne. Die obligatorische Cock Sparrer Version von „We‘re Coming Back“ durfte nicht fehlen und alles in allem war der Auftakt des Abends eher gemütlich, aber spaßig (vgl.: Link zu älterem Konzertbericht mit Bad Omen).
Dann ging es in die Provinz. Zwei Stunden in Richtung Norden, zuerst auf der Autobahn, dann über Landstraßen, bis wir schließlich in Baliwag ankamen. Baliwag liegt in der Provinz Bulacan und ist ein verschlafenes Nest. Es ist geprägt durch die San Agustin Kirche im Stadtzentrum. Um diese versammelten sich die Ausgehfreudigen diesen Abend, die nichts mit Punk zu tun hatten. Denn das Konzert fand wenige Meter weiter in einem Hinterhof unter freiem Himmel statt. Als wir ankamen waren bereits 200 Leute zu gegen und feierten eine mäßige Melodiccore Band, die gerade ihre Instrumente malträtierte.
Während die Band mit Essen versorgt wurde und ich mich auf die Suche nach Bier machte – tatsächlich gab es nur 1 Liter Flaschen San Miguel und Plastikbecher – begann auch schon die nächste Band. Eine eins-a Nirvana-Coverband, das hatte noch so eben gefehlt. Doch die Meute vor der Bühne freute sich einen Ast. Kids, viele unter 16, tanzten Pogo, sprangen herum, bis hin und wieder einzelne aus dem Mob von dem bewaffneten Securityguard gezogen und rausgeschmissen wurde. Wie ein Bienenschwarm versammelten sie sich dann um den Securityguard, gingen bis zum Eingang und rannten dann wieder vor die Bühne und feierten die Band. Interessant!
Während der Boden fast bebte, roch die Luft angenehm süßlich nach Drogen.
Bad Omen
Die Nirvana-Coverband ließ es sich nehmen, einige Songs von der „Smells Like Teen Spirit“ zu spielen, die aber allesamt keine Singleauskopplungen waren. Ob das nun zumindest etwas Geschmack beweist, ich weiß es nicht. Spannend war aber die Ramones Coverversion von „Rockaway Highschool“ (oder was war es noch mal), die dann auch mit nöhligem Kurt-Cobain-Gedächtnis-Gesang dargeboten, eine Bereicherung war. Anschließend eine kurze Umbaupause, Gitarren, Bass und Drumsticks geschnappt und Bad Omen mussten auf die nicht vorhandende Bühne. Menschen gruppierten sich um die Bühne, die meisten vor den Boxen, und die Band wurde artig mit Applaus empfangen.
Bad Omen
Schön war vor allem zu sehen, wie die Kids um mich herum, ab dem ersten Wort alle Songs mitsangen. Nicht lange und das Mikro wurde ihnen übergeben. Fast alle waren textsicherer, als ich es jemals sein könnte. Während sich immer vier oder fünf ums Mikro gruppierten, tanzten ca. 20 Leute ausgelassen. Fingerpointing, Rumschupsen, einfach nur gut. Selbst meine müden Tanzbeine ließen sich von 32 ° Celsius nicht erschrecken und ich schwitzte mein Shirt durch.
Bad Omen Guests
Die Band spielte vor allem ältere Songs, aber auch viel Material von der „God is Everywhere“ CD. Am Ende gab es noch die obligatorischen Zugabenwünsche. Also kurz Ratschläge von den zumeist Minderjährigen eingeholt und explizit auf deren Wunsch „Sex & Violence“ gespielt. Auch wenn es peinlich ist, es zuzugeben, aber hier wurde auch ich endlich textsicher.
Ein großartiger Abend mit einer phantastischen Crowd. Ähnlich wie in Deutschland, wenn irgendwo noch Leute Punk zu zelebrieren wissen, dann meistens auf Dorf, wo „Coolness“, „Gesehen Werden“, „Bands-Erkennen-Die-Noch-Real-Sing“ und „Habe-ich-schon-zehnmal-gesehen“ meistens weniger wichtiger ist, als einfach nur Spaß zu haben. Auch wenn das bei Alkohol und anderen Drogen sicherlich auch eine starke selbstzerstörerische Komponente hat, was nicht unbedingt ein Vorteil sein muss. Schöner Abend!

Embrace the Absurd, Bought By Blood, 12Tons, Mihara, The Crimson Cartel, No Turning Back in Quezon City

Embrace the Absurd, Bought By Blood, 12Tons, Mihara, The Crimson Cartel, No Turning Back in Quezon City in Freedom Bar in Quezon City (15. Dezember 2011)
No Turning Back Crowd Manila Freedom Bar Quezon City 2011
Okay, okay! Selbst in fortgeschrittenstem Alter bleibe ich naiv. Dazu stehe ich. Wenn ich lese, Start eines Konzertes pünktlich (!) um 19:00 Uhr, Einlass ab 18:00 Uhr, dann denke ich häufig, dass das stimmt. Natürlich ist das doof. Oder halt naiv. Je nachdem, wie man mir gesonnen ist. Jetzt kann man mit linker halber Stunde, akademischen Viertel oder „Pilipino Time“ argumentieren, doch wenn der Veranstalter droht, dass wer um 19:00 Uhr nicht da ist, mit seiner Band nicht auftritt, dann halte ich das für real. Trotz aller Rechtfertigungen für Verspätungen, by the way. Und ja, ich gesehe seit Jahren auf Konzerten in Läden wie AJZ Bielefeld, AZ Mülheim, Baracke Münster, Gleis 22 Münster, also alles Lokalitäten, die sich nicht unbedingt mit der toitschen Tugend Pünktlichkeit zieren dürfen oder zumindest durften.
Also – natürlich ohne Band – schon gedrängelt, dass wir ja um sieben Uhr da sind. Klar, dass das Ganze noch nicht anfängt. Hätte man sich … lassen wir das. Auch, dass es durchaus noch bis acht oder so dauern könnte, ja okay. Doch, dass um sieben Uhr noch nicht einmal der vorher auf fratzenbuch mit dem Zeigefinger auf das Handgelenk pochende Typ, der der Zeitdiktator des Abends zu sein schien, am Ort des Geschehens ist, damit hätte ich nicht gerechnet. Also erstmal Abendreis bei Mang Inasal mit „bottom less“ Coke. Wer mal guten Reis, also richtigen Reis (Nein, Uncle Mercedes-Benz zählt nicht dazu) hatte, kann diese Pappe einfach nicht herunterkriegen. Dass ist wie ein schönes westfälisches Vollkornbrot vs. französischer Toastpappe. Kein Vergleich! Doch, beame me back to Quezon City. Zurück am Ort des Geschehens, nichts! Also Francis in Richtung Arbeit geleitet und zurück mit dem Jeepney zur Herberge. Zum Glück nur ein Jeepney-Ride (10 Minuten, 8 Peso) entfernt wohnen, toll! Geht’s halt um neun noch mal los, vielleicht sind dann Leute da.
Also, wieder aufgerafft, und siehe da. Draußen hat es sich angefüllt. Gleich den lieben Dyey getroffen (wer auf fratzenbuch ist, kann mal „Northern Territory Clothing and Printing“ liken, oder wie man so neu-schwachsinnig sagt. Ach ja, und dann direkt T-Shirts ordern, Dyey ist cool und bringt seine Familie damit durch!) und M., mit dem ich mich verabredet hatte. Die 100 Peso (1,80 €) Eintritt bezahlt und rein ins Getümmel. Da ich vorher keine Band kannte, war ich schon gespannt. Mit Embrace the Absurd (Link zum Youtube-Video) begann der Abend eigentlich schon mit einer richtig guten, schnellen Punkband. Irgendwie kamen mir die Jungs auf der Bühne vom Sehen her bekannt vor, schätze mal die spielen in anderen Bands, die ich in der Vergangenheit schon sehen durfte. Auf jeden Fall Highspeed Punkrock, der leider aber niemanden von außen wirklich annimierte schneller die Bar zu betreten. So spielten die Band ein solides Set von fünf bis sieben Songs in Front vor ein paar sitzenden Gestalten. Schade, aber wenn die länger bestehen, werden die noch mal richtig gut!
Als nächstes kamen Bought By Blood (auch hier ein Link zum Video auf Youtube). Mehr Leute kamen herein und bildeten die klassische Sichel vor der Band. Ein geschützter Halbkreis, in dem all die Windmühlen-Quijote’s und Luftlöcher-Treter sich mal richtig austoben können. Selbst der Sensenmann hat hier eine Auszeit und traut sich nicht vor die Sichelschneise. Phantastisch. Dazu ein eher bouncender Sänger und schwerfälliger, metallischer Hardcore. Definitiv nicht meine Tasse Tee, aber immerhin kamen nun Leute rein. Als der Sänger dann aber vor dem zweiten Song einen langen Monolog über seine Vergangenheit und seinen Erretter, Jesus Christus, anfing, verschlug es mir doch die Kauleiste in Richtung Tischkante. Oh weh! Katholisches Land, diese Philippinen. Erst jetzt sah ich, dass auf seinem Oberarm das Konterfei vom Sohn des Herren prangte. Meinen Weggefährten auf den für mich offensichtlichen Widerspruch – Hardcore vs. Religion – aufmerksam machend, entgegnet dieser mir nur, dass es doch okay sei, wenn er so von der schiefen Bahn kommen würde. So schief kann eine Bahn doch nicht sein, oder? Der folgende Song hieß dann gleich „Testimony“ und ich schluckte nur. Doch, auch der nächste Song mit dem Refrain „Hosianna“ schlug in die selbe Kerbe. Noch einen religiösen Reißer und ich gehe raus, der Entschluss stand fest. „The next song is called: Halleluja“. Selbst „Halle-in-Westfalen“ hätte ich schon nicht mehr durchgehen lassen, aber Halleluja war dem Jesusgehuldige eindeutig zu viel. Raus!
Auf ihrer Bandseite verlautbaren die Jungs übrigens ihre eigene Offenbarung: „Being devout christians the bands main goal is to glorify Jesus Christ and spread the Good news that Salvation is free and that there is a real God that loves Everyone…“ Ich kommentiere das mal nicht weiter!
Draußen dann ein Glücksfall, zum einen super lange mit besagtem Dyey (kauft dem seine T-Shirts, verdammt!) unterhalten und einen Haufen großartiger Fanzines erstanden (I Remember Halloween, Thought Market, Incidental Afterthought, Woolgathering und Linebreaker). Danach wieder rein, der Prediger hatte die Kanzel verlassen, die Sichel wurde zu einem Achteck, da viele wieder verschwanden.
Es folgten 12 Tons und Mihara, zwei eher unspektakulärere Hardcore-Bands (eine ist auf dem Photo unten, aber ich vergaß welche), aber der Laden füllte sich. Der Laden, gutes Stichwort. Die Freedom Bar ist eine der ältesten Kneipen / Bars, in denen alternative Künstler/innen auftreten können. An der Kreuzung Aurora Blvd / Anonas gelegen, ist sie verkehrstechnisch leicht zu erreichen (Jeepneys und Hochbahn), gegenüber liegt mit dem 70s Bistro eine weitere Kneipe, die regelmäßig Livemusik anbietet (u.a. The Jerks oder Beatles-Coverbands). Von innen ist der Laden schlicht, aber nett bemalt. Bierpreise sind fair (ca. 30 Peso, also 60 Cent) und auch die Eintrittspreise sind okay.
No Turning Back Support Freedom Bar Quezon City 2011
Als letzte Band vor dem europäischen Hauptact dann The Crimson Cartel (Youtube-Video-Link). Erneut eher schleppender Hardcore, der nicht mein Fall war. Viel Agnostic Front, viel H2O, Cro-Mags und wie die Kollegen alle heißen, viel New York, wenig DC, wenig Minor Threat, wenig Kalifornien, wenig Circle Jerks. Aber die ersten Windmühlen postierten sich und man konnte einige „Tanzfiguren“ aus dem Sick of it All-Trainingsvideo (Step Down, vorletzter Link für heute – Youtube) erkennen. Ich freute mich einen Moment, dass geistige Eigentumsrechte bei Tänzen noch immer nicht durchgesetzt werden, auf der anderen Seite würden in diesem Fall wohl v.a. Bunken, die US-Tough-Guy-Shit nachtanzen mit einer ordentlichen Tracht Prügel und unter Zerstörung aller Agnostic Front-CDs nicht nach Hause gelassen. Ach ja, eine gerechte Welt. Wo war ich stehen geblieben? Egal, Sprung, No Turning Back auf der Bühne.
Wie das erste Bild in diesem Artikel zeigt, der Laden war voll gepackt wie die Jeepneys zur Rush-Hour! Fuck, und gleich von Anfang an eine großartige Show mit allem was zu einer (klischeebeladenen) Hardcore-Show dazu gehört, Crowdsurfing, Sing-a-longs, ins-Mikro-blöken, Fäuste, Klatschen, Windmühle … das volle Programm. Währenddessen mundete mir das Red Horse mit ein paar Skinheads von Safety First, die zwar kaum Englisch sprachen, aber durstig waren! „Der schönste Platz ist doch immer an der Theke“ (Rio Reiser). No Turning Back rotzten derweil ihr Set runter, was wirklich gut war und die Leute begeisterte. Auffallend war vor allem ein belgisches Mädel, die entweder zur Band gehörte oder denen hinterher reiste. Jede Silbe sang sie mit, schon krass. Nervig allerdings die Frage des Sängers an alle Weißen (sic!) im Publikum, wo sie denn her kämen. Besagtes Mädel – die eigentlich wie das ganze Land einen eher unsympathischen Eindruck machte … jaja, ich weiß, Belgien-Hass ist auch Scheiße, aber das Land kann mich wirklich mal. Mit Österreich und Deutschland einfach die am meisten zu verachtenden Länder der … ach, lassen wir das jetzt hier und jetzt, Fazit: Belgien Scheiße, Österreich = Scheiße, Deutschland = Scheiße! – sagte dann „Belgium“, irgendeiner „Australia“, ein andere „U-S-A, I‘m a G.I., man!“ … auch mal ohne Worte. Da ich mich geschickt im Rücken der Band postiert hatte, hoffte ich um diesen bittren Kelch der „Hautfarben-Aufmerksamkeit“ herumzukommen, doch als letztes sprang dem Sänger auch mein Rübenzinken und die kalkbleiche Fresse in seine Visage.
„We are you from, man?“.
Was soll man da sagen. „Europe!“ Fand ich eigentlich schon eine coole Antwort.
„No, man, where are you from?“. Wie blöd kann man eigentlich sein?
„Europe!“ Ich bin vielleicht nicht 100%-Anti-Deutsch, aber Deutschland finde ich schon zu 100% Scheiße! Doch der Sänger von No Turning Back gab nicht auf.
„No, mean, from which country are you?“.
„Fuck, Germany“, und ich schämte mich erneut. Normalerweise lüge ich in solchen Momenten immer, „Schweiz“, „Niederlande“, ja nach Situation. Niederlande wäre mir hier aber wohl zum Verhängnis geworden, wenn die Band später doch noch auf eine Cola mit mir sich unterhalten wollen würde, Schweiz ist mir in dem Moment nicht eingefallen. Immerhin, die Gesichtszüge des Sängers sackten nach unten, hatte der Käsehobler mich doch zurecht als „Kartoffelficker“ (Till Schwaiger) enttarnt. Nun ja, dann gab es wieder das obligatorische „Geil, dass hier so viele verschiedene Leute sind. Großartige Party, macht mal Lärm, wir machen Photos, dann kommen mehr europäische Bands.“ Ich hätte ja am liebsten gefragt, ob nicht lieber mehr philippinische Bands nach Europa kommen sollten, doch dann musste ich an Jesus-Core denken, nahm mein Bier und prostete den Jungs von Safety First zu.
Alles in allem ein großartiger Abend, der dann bei der Beatles-Night auf der anderen Straßenseite im 70s Bistro seinen wohl verdienten Ausklang fand. Halleluja!
No Turning Back Quezon City Freedom Bar 2011

The Go Signals in Mandaluyong City

The Go Signals in Boni-Station in Mandaluyong City (11.12.2011)
Der 10. Dezember ist der jährliche Tage der Menschenrechte. Ein Tag, an dem Opfern von Menschenrechtsverletzungen gedacht wird, ein Tag an dem Regierungen überall auf der Welt ihrer Verpflichtungen erinnert werden, diese Menschenrechte zu achten, zu schützen und zu gewährleisten. Sowohl in Deutschland als auch in den Philippinen ist dies generell immer ein Tag, an dem die Zivilgesellschaft, Organisationen wie FIAN oder Amnesty International, zu Demonstrationen, Kundgebungen, etc. aufrufen. In den Philippinen war vor allem in der Woche vor dem 10. Dezember (ein Samstag) Veranstaltungen organisiert worden. Am 11. Dezember fanden in vielen Hochbahn-Stationen über das Stadtgebiet von Metro Manila Konzerte zu unterschiedlichen Thematiken statt. Konzerte gegen Hunger, Umweltzerstörung, die Verbreitung von HIV/Aids, für Erziehung, Gendergerechtigkeit etc. Alles im Kontext der Menschenrechte und um über das Thema aufzuklären. In der Boni Station spielten u.a. mehrere Ska- und Indiepunkbands sowie die philippinische Mod-Band The Go Signals.
Go Signals
The Go Signals haben 2011 auf Paisley Cloud Records ihr Album „Secrets & Lies“ veröffentlicht. 11 Songs, die so klingen, als wären The Jam in der Neuzeit angekommen. Melodischer Punkrock, Harter Brit-Pop, Mod eben. Außer the Movement aus Dänemark fallen mir eigentlich keine weiteren Bands ein, die Mod auch im Jahr 2000+X spielen können, ohne wie eine schlechte Retro-Variante des Originals zu wirken. Vielleicht gibt es überhaupt neben The Jam, The Movement, Lambrettas und Go Signals kaum Bands, die diesen Stil authentisch und gut rüberbringen. Go Signals hören, versetzt ein in diesem komische Gefühl, am liebsten den Asi von nebenan von seinem Scooter zu boxen und mit dem Ding nach sonstwo zu fahren.
Vor der nicht vorhandenen Bühne in der Boni Station versammeln sich ca. dreißig Leute, hinter den Toren noch weitere. Viele Leute, die vor der Bühne stehen, scheinen wegen der Musik hier zu sein. Andere sind Bands, die vorher schon gespielt haben oder danach noch ranmüssen. Die Bands vorher, u.a. eine okaye Skapunkband, haben vor weniger Leuten gespielt, doch Go Signals schaffen es, die Meute zu halten. Einige sind Passanten, die in Richtung sonstwo wollen, verzichten auf die Weiterreise.
Go Signals spielen ein feines Set. Im Gegensatz zu anderen Bands schaffen sie immer wieder Verknüpfungen zum Thema „Gender Equality“. In jedem Land, in dem die katholische Kirche starke Strukturen und eine große Anhängerschaft besitzt, ist es schwer, Gendergerechtigkeit und -gleichheit durchzusetzen. Generell sind außer zwei Plakaten allerdings keine weiteren Informationen zu bekommen. An anderen Stationen soll das besser sein, wobei sich die Infos meist auf einem Niveau bewegen, das ich nicht allzu hoch bewerte. Go Signals geben zumindest über das Mikro Infos weiter. Musikalisch ist das wie immer astrein und schön zu hören. Füße widmen mit, entspannte Musik, melodisch und gut.
Go Signals in Boni Station
Dass allerdings während meines Aufenthalts mein Ticket ausläuft, war mich allerdings nicht bewusst. Nachdem Set fahre ich in Richtung Heimat auf Zeit. Beim nächsten Wechsel der Bahn stehe ich vor verschlossener Schranke. Trottelig, aber sympathisch anstellen hilft dann immer. Der Securityguard winkt mich durch, denkt sich „trotteliger Westler“ und alle haben ihr Gesicht gewahrt. Ich habe 20 Cent gespart und grinse. Gutes Konzert!

Silence Killer, Not For Sale, Christos Karma, Conflict of Interest, Safety 69 etc.

Silence Killer, Not For Sale, Christos Karma, Conflict of Interest, Safety 69 etc. in Nine Mile Bar in Quezon City (Philippinen) (10.12.2011)
Am 9. Dezember war ich wieder in Manila. Ich mochte diese Stadt. Das Handy wurde gezückt und ich textete ein wenig durch die Gegend, was die nächsten Tage anstehen würde. An dem Ort, an dem ich immer übernachtete – meine sogenannte philippinische Familie – war die erste Weihnachtsfeier. Man feierte sich selbst, aß, trank und sang Videoke. Mittlerweile wurde ich auch regelmäßig genötigt zu singen. Kein schöner Anblick, kein High Fidelity. Aber mit dem Alter und der Erfahrung lernt man Beatles-Songs waren singbar, auch für Untalentierte. Dazu noch „Can‘t help falling in love“ (allerdings eher in der Frankie Stubbs Geschwindigkeit) und der Abend war gerettet. Keine Klagen wegen Körperverletzung. Die hätte es am folgenden Tag aus diversen Gründen geben können.
Aber von vorne. Bei einsetzendem Nieselregen lief ich die Kalayaan Street in Quezon City rauf und runter. Bei 50/50-Chancen ist die Wahrscheinlichkeit halt ausgeglichen, in die falsche Richtung zu laufen. Nach fast ausgeriebenen Sohlen dann die 9 Mile Bar entdeckt und sogleich über Bekannte gestolpert. Zum Teil gehören sie dem Anarchist Movement an, andere der Occupy Luneta Park Bewegung. Beide Gruppen sind marginalisiert. Ich tendiere dazu „leider“ zu schreiben, ohne mir sicher zu sein, ob ich das auch meine. Die Occupy Luneta Park Bewegung ist ein obskurer Zusammenschluss von vielen unterschiedlichen Menschen, die den Obdachlosen vor Ort als Food Not Bombs Group mit Nahrungsmitteln versorgen. Gute Sache! Politische Diskussionen in diesem Umfeld, durchaus zu hinterfragen.
Dennoch, schnell wird mir ein Bier in die Hand gedrückt. Wir tranken Red Horse Bier, das lokale Starkbier, das durchaus mundete.
Allerdings kauften wir das Bier nicht im Konzertort, sondern in einem nahen Sari-Sari-Store, einer Art Kiosk oder Tante-Emma-Laden. Warum wir es nicht in dem Laden kauften, weiß ich nicht. Die Frau im Sari-Sari war allerdings mäßig begeistert mich und einen besoffenen Anarcho um kurz nach zehn am Abend noch bedienen zu müssen. Meine Höflichkeit und das Englisch von M. bewegten sie immerhin dazu, noch nach kaltem Bier zu suchen. „I like your English“ sagte sie zu M., mich fragte sie nur, warum ich weniger besoffen sei. „Gerade erst angekommen“, dachte ich, sagte es aber nicht, sondern grinste nur.
„Gerade erst angekommen“ bin ich dann auch im Laden. Silence Killer spielten und so wirklich passt der Name nicht. Metalcore-Geboller, ale! Mochte ich nicht vorher, nachher oder währenddessen. Also vertrieb ich mir die Zeit mit quatschen. Not For Sale (Metalcore) lockten mich auch nicht hinterm Bahndamm hervor, dafür lieber wieder in Richtung Sari-Sari-Store, eine weitere Runde Red Horse. „Ach, ihr schon wieder.“ Ich fing an, die mit-50-igerin allmählich ins Herz zu schließen.
Ein besonderes Schmankerl wartete in der 9 Mile Bar nach unserer Rückkehr. Begleitet von Chören mit „Hare, Hare Krishna“ standen nun scheinbar die philippinischen Shelter auf der Bühne. Ray Cappo mit Fast-Glatze und dünnem Pferdeschwanz bis in den Steiß. Scheiße, religiöse Eiferer. „Hare Hare Krishna“ … ich dachte mir nur: „Haare, Haare hat-ich-mal“, traute mich aber nicht meinen Baseballcap zu liften. Frisurentechnisch ging ich definitiv auch eher in Richtung buddhistischer Sektiererei.
Christos Karma
Musikalisch gehörten Christos Karma aber noch zu den besseren Bands an diesem Abend. Zwar immer noch Hardcore, aber mit viel Singalongs und das Publikum formierte sich schnell um den Sänger. So wird’s vielleicht auch bei Jesus gewesen sein, vor vielen Jahren. Will man sich dennoch nicht vorstellen.
Durch Zufall traf ich eine alte Freundin, die ich auch mittlerweile seit einem halben Jahrzehnt kannte. Vorwürfe, ihr nicht über meinen Besuch in den Philippinen Bescheid gesagt zu haben. Und das von jemandem, die Tag und Nacht auf Facebook Sachen postet … egal. Sie sagte, sie wolle am kommenden Mittwoch als „Callgirl“ arbeiten. Ich zweifelte an meinem Verstand. Wir gingen nach draußen, da eine weitere Krishna Band spielte, die allerdings weniger Hardcore, sondern wieder Metal war. Verstehe eine/r die Welt!
Während sie richtig stellt, dass sie unter „Callgirl“ jemanden verstehen, der im Callcenter arbeitet. Aufatmen! Ich vermutete, dass die Band noch spielte, als plötzlich jemand in vollem Lauf an uns vorbei rannte und in Richtung Hauptstraße verschwand. Eine Meute aus dem Inneren hinter her. Ich verstand nur Bahnhof. Dann lief jemand mit einer klaffenden Wunde am Kopf an mir vorbei.
Was war geschehen? Der ominöse Gast hatte einfach dem Sänger der Band und jemandem aus dem Publikum eine Glasflasche über den Kopf gezogen. Zwei wie Sau blutende und ein unterbrochenes Konzert waren das Resultat. „Dem hat die Musik wohl nicht gefallen“, scherzte ich noch, doch böse Blicke ließen mich danach Unverständnis heucheln. „Naja, macht man ja aber auch nicht, und so.“ Sicher war ich mir nicht. Wenn jemand Ray Cappo in seinen Anfängen mit dem Hare … lassen wir das.
Da allerdings Kollege M. mittlerweile richtig zugetankt war, tanzte er mit lauten „Party, Party“ Gesängen vor der Bühne, während auf der Bühne der durchaus angeschlagene Sänger Handtücher vollsuppte. Todesblicke trafen M., ein anderer Freund zog ihn zurück. Dann kurze Diskussion, „the show must go on“ und ab die nächste Band. Während noch einige das Blut von der Bühne wishmopperten, kamen Conflict of Interest auf die Bühne, wo Kollege M. den Bass richtig herum halten musste. Ethno-Hardcore mit Didgeridoo, Trommeln, einer schreienden Sängerin und einem schreienden Sänger sowie einer obskuren Mischung aus vielen Einflüssen. Klang live genauso, wie es sich jetzt hier liest! Nüchtern nicht zu ertragen! Mit dem dritten Red Horse in der Hand aber durchaus okay, wobei auch nur okay, weil ich die Menschen in der Band mochte, um ehrlich zu sein. Das letzte Starkbier übrigens, wie die Frau im Store mir beichtete.
Conflict of Interest
Der Abend zog sich dann noch, Bands spielten, Bands stoppten, Pale Pilsener – das normale Bier – mundete auch und ganz zum Schluss erklomm noch einmal eine Band die Bretter, die mit The Specials und Rancid („Timebomb“) durchaus einen guten Cover-Geschmack an den Tag legte. Dann ging es nach Hause, zum Glück ohnedie Kalayaan Street in die falsche Richtung zu laufen. Die nette Frau im Sari-Sari-Store schloss gerade den Laden. Um halb fünf in der Früh würde vielleicht für wenige Minuten niemand Bier oder Zigaretten kaufen wollen. Wobei, die ersten Tricycles starteten in der Ferne ihre Motoren, die ersten Arbeiter/innen öffneten die Fenster.