Silence Killer, Not For Sale, Christos Karma, Conflict of Interest, Safety 69 etc. in Nine Mile Bar in Quezon City (Philippinen) (10.12.2011)
Am 9. Dezember war ich wieder in Manila. Ich mochte diese Stadt. Das Handy wurde gezückt und ich textete ein wenig durch die Gegend, was die nächsten Tage anstehen würde. An dem Ort, an dem ich immer übernachtete – meine sogenannte philippinische Familie – war die erste Weihnachtsfeier. Man feierte sich selbst, aß, trank und sang Videoke. Mittlerweile wurde ich auch regelmäßig genötigt zu singen. Kein schöner Anblick, kein High Fidelity. Aber mit dem Alter und der Erfahrung lernt man Beatles-Songs waren singbar, auch für Untalentierte. Dazu noch „Can‘t help falling in love“ (allerdings eher in der Frankie Stubbs Geschwindigkeit) und der Abend war gerettet. Keine Klagen wegen Körperverletzung. Die hätte es am folgenden Tag aus diversen Gründen geben können.
Aber von vorne. Bei einsetzendem Nieselregen lief ich die Kalayaan Street in Quezon City rauf und runter. Bei 50/50-Chancen ist die Wahrscheinlichkeit halt ausgeglichen, in die falsche Richtung zu laufen. Nach fast ausgeriebenen Sohlen dann die 9 Mile Bar entdeckt und sogleich über Bekannte gestolpert. Zum Teil gehören sie dem Anarchist Movement an, andere der Occupy Luneta Park Bewegung. Beide Gruppen sind marginalisiert. Ich tendiere dazu „leider“ zu schreiben, ohne mir sicher zu sein, ob ich das auch meine. Die Occupy Luneta Park Bewegung ist ein obskurer Zusammenschluss von vielen unterschiedlichen Menschen, die den Obdachlosen vor Ort als Food Not Bombs Group mit Nahrungsmitteln versorgen. Gute Sache! Politische Diskussionen in diesem Umfeld, durchaus zu hinterfragen.
Dennoch, schnell wird mir ein Bier in die Hand gedrückt. Wir tranken Red Horse Bier, das lokale Starkbier, das durchaus mundete.
Allerdings kauften wir das Bier nicht im Konzertort, sondern in einem nahen Sari-Sari-Store, einer Art Kiosk oder Tante-Emma-Laden. Warum wir es nicht in dem Laden kauften, weiß ich nicht. Die Frau im Sari-Sari war allerdings mäßig begeistert mich und einen besoffenen Anarcho um kurz nach zehn am Abend noch bedienen zu müssen. Meine Höflichkeit und das Englisch von M. bewegten sie immerhin dazu, noch nach kaltem Bier zu suchen. „I like your English“ sagte sie zu M., mich fragte sie nur, warum ich weniger besoffen sei. „Gerade erst angekommen“, dachte ich, sagte es aber nicht, sondern grinste nur.
„Gerade erst angekommen“ bin ich dann auch im Laden. Silence Killer spielten und so wirklich passt der Name nicht. Metalcore-Geboller, ale! Mochte ich nicht vorher, nachher oder währenddessen. Also vertrieb ich mir die Zeit mit quatschen. Not For Sale (Metalcore) lockten mich auch nicht hinterm Bahndamm hervor, dafür lieber wieder in Richtung Sari-Sari-Store, eine weitere Runde Red Horse. „Ach, ihr schon wieder.“ Ich fing an, die mit-50-igerin allmählich ins Herz zu schließen.
Ein besonderes Schmankerl wartete in der 9 Mile Bar nach unserer Rückkehr. Begleitet von Chören mit „Hare, Hare Krishna“ standen nun scheinbar die philippinischen Shelter auf der Bühne. Ray Cappo mit Fast-Glatze und dünnem Pferdeschwanz bis in den Steiß. Scheiße, religiöse Eiferer. „Hare Hare Krishna“ … ich dachte mir nur: „Haare, Haare hat-ich-mal“, traute mich aber nicht meinen Baseballcap zu liften. Frisurentechnisch ging ich definitiv auch eher in Richtung buddhistischer Sektiererei.

Musikalisch gehörten Christos Karma aber noch zu den besseren Bands an diesem Abend. Zwar immer noch Hardcore, aber mit viel Singalongs und das Publikum formierte sich schnell um den Sänger. So wird’s vielleicht auch bei Jesus gewesen sein, vor vielen Jahren. Will man sich dennoch nicht vorstellen.
Durch Zufall traf ich eine alte Freundin, die ich auch mittlerweile seit einem halben Jahrzehnt kannte. Vorwürfe, ihr nicht über meinen Besuch in den Philippinen Bescheid gesagt zu haben. Und das von jemandem, die Tag und Nacht auf Facebook Sachen postet … egal. Sie sagte, sie wolle am kommenden Mittwoch als „Callgirl“ arbeiten. Ich zweifelte an meinem Verstand. Wir gingen nach draußen, da eine weitere Krishna Band spielte, die allerdings weniger Hardcore, sondern wieder Metal war. Verstehe eine/r die Welt!
Während sie richtig stellt, dass sie unter „Callgirl“ jemanden verstehen, der im Callcenter arbeitet. Aufatmen! Ich vermutete, dass die Band noch spielte, als plötzlich jemand in vollem Lauf an uns vorbei rannte und in Richtung Hauptstraße verschwand. Eine Meute aus dem Inneren hinter her. Ich verstand nur Bahnhof. Dann lief jemand mit einer klaffenden Wunde am Kopf an mir vorbei.
Was war geschehen? Der ominöse Gast hatte einfach dem Sänger der Band und jemandem aus dem Publikum eine Glasflasche über den Kopf gezogen. Zwei wie Sau blutende und ein unterbrochenes Konzert waren das Resultat. „Dem hat die Musik wohl nicht gefallen“, scherzte ich noch, doch böse Blicke ließen mich danach Unverständnis heucheln. „Naja, macht man ja aber auch nicht, und so.“ Sicher war ich mir nicht. Wenn jemand Ray Cappo in seinen Anfängen mit dem Hare … lassen wir das.
Da allerdings Kollege M. mittlerweile richtig zugetankt war, tanzte er mit lauten „Party, Party“ Gesängen vor der Bühne, während auf der Bühne der durchaus angeschlagene Sänger Handtücher vollsuppte. Todesblicke trafen M., ein anderer Freund zog ihn zurück. Dann kurze Diskussion, „the show must go on“ und ab die nächste Band. Während noch einige das Blut von der Bühne wishmopperten, kamen Conflict of Interest auf die Bühne, wo Kollege M. den Bass richtig herum halten musste. Ethno-Hardcore mit Didgeridoo, Trommeln, einer schreienden Sängerin und einem schreienden Sänger sowie einer obskuren Mischung aus vielen Einflüssen. Klang live genauso, wie es sich jetzt hier liest! Nüchtern nicht zu ertragen! Mit dem dritten Red Horse in der Hand aber durchaus okay, wobei auch nur okay, weil ich die Menschen in der Band mochte, um ehrlich zu sein. Das letzte Starkbier übrigens, wie die Frau im Store mir beichtete.

Der Abend zog sich dann noch, Bands spielten, Bands stoppten, Pale Pilsener – das normale Bier – mundete auch und ganz zum Schluss erklomm noch einmal eine Band die Bretter, die mit The Specials und Rancid („Timebomb“) durchaus einen guten Cover-Geschmack an den Tag legte. Dann ging es nach Hause, zum Glück ohnedie Kalayaan Street in die falsche Richtung zu laufen. Die nette Frau im Sari-Sari-Store schloss gerade den Laden. Um halb fünf in der Früh würde vielleicht für wenige Minuten niemand Bier oder Zigaretten kaufen wollen. Wobei, die ersten Tricycles starteten in der Ferne ihre Motoren, die ersten Arbeiter/innen öffneten die Fenster.
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