Archiv für Februar 2012

Ox 100! Sniffing Glue + Pascow + Jingo de Lunch + EA80 + The Wire in Solingen

Ox 100! Sniffing Glue + Pascow + Jingo de Lunch + EA80 + The Wire in der Cobra in Solingen (11.02.2012)
100 Jahre Ox!?! Oder doch „nur“ 100 Ausgaben?!? Gefühlt gibt es das Ox schon ewig, offiziell seit Ende 1988. Wahnsinn, da war ich noch in der Grundschule und vielleicht einige die dies hier lesen noch nicht einmal bemächtigt, selbst Texte zu lesen, geschweige denn zu schreiben. Was natürlich jetzt nicht impliziert, dass ich in der Grundschule schon Ox gelesen oder gewusst hätte, was „Ox“ ist.
100 Ausgaben Ox also, durchaus ein Grund zu feiern. Leider Gottes habe ich allerdings vollkommen vergessen, mir das Heft zu zulegen. Das liegt zum einen daran, dass mich das Ox von allen Musikmagazinen mit Schwerpunkt „Punk/Hardcore“ doch mittlerweile am wenigsten interessiert. Während das Trust mit Nummer 149 ihr 25jähriges Jubiläum mit einem feinen Dischord-Special (und in Nummer 150 ganz schnöde die normal-gute Qualität bot) und dazu mit Leatherface, No Means No und Sex Jams feierte (Bericht s. hier), beschenkte das Ox sich ebenfalls mit einem feinen Fest und NoFx samt Torte auf dem Cover (Link zum Ox).
Alex Gräbeldinger, die bezaubernde Gianna und meine Wenigkeit hatten – wie schon eine Woche zuvor vor dem Leatherface Konzert – am Abend zuvor die Bühne in Kusel geteilt. Das liegt irgendwo in Rheinland-Pfalz und an dieser Stelle Danke an alle, die da waren und mitgeholfen, mitgelacht und mitgetrunken haben. War sehr schön. Vor allem, da der Altersdurchschnitt sehr hoch, die Stimmung aber ebenso war. Die liebe Jenny und der Alex haben mich liebenswürdigerweise durch die Gegend gefahren, mir Möglichkeiten geboten, mich frisch zu machen und alles daran gesetzt, zusammen einen sehr feinen Abend zu haben. Natürlich wurde das Ganze ein super Abend als auch noch frierend die Liebsten dazugestoßen sind! Zitternd vorm Einlass warteten sie, als wir aus der Germania Klause gewankt kamen. 0,2 Pils für 1,10 € … faire Preise!
Die personalisierten Karten (sic!) dann an der Cobra vorgezeigt und recht zügig vor die Bühne. Sniffing Glue hatten schon angefangen. Leider wollte der Funke nicht sonderlich auf mich überspringen. Hardcore in großen Hallen, das funktioniert nicht. Das sieht aus wie ein Schwarz-Weiß Essen Heimspiel vor 100 Leuten. Keine Energie, keine Spannung, kein Knistern in der Luft. Nur die witzigen Zwischenrufe in jedem achten Heimspiel fehlen. Da konnten sich die Mannen um Sänger Marcel noch so anstrengen, das war maximal nett. Im AJZ Bielefeld dereinst war es großartig, hier nur ein Warmlaufen, maximal.
Alex Pascow
Schon eher eine Band für diesen Rahmen sind mittlerweile Pascow. Zum einen haben sich die sympathischen Saarländer (das klingt jetzt aber schon nach „Bauer sucht Frau“) bzw. pfundigen Pfälzer (jetzt noch mehr … puuh, es riecht mittlerweile auch so … merkwürdig … irgendwelche Agraringenieure in der Nähe?) … – wo war ich? Ach ja, Pascow haben sich den Arsch in den letzten Jahren so dermaßen wund, aber nicht ab gespielt, dass ihr Bekanntheitsgrad so langsam in die Nähe der von mir diktatorisch aufgelegten Popularität kommt, die ich bestimmen würde, wenn ich denn Diktator wäre. Zum anderen sind sie einfach eine großartige Band und das kann man so objektiv festhalten, vor allem als angehender Diktator. Jede/r die/der was anderes sagt ist blöd. Fertig! Auf jeden Fall spielten und rockten die Jungs alles zu Mus, wie es und je. Eine gute Mischung aus allen Alben, eine Hitdichte wie ansonsten nur bei wenigen deutschen Bands und alles immer sympathisch bis ans Limit. This is Gimbweiler and not L.A.! Und dann „Trampen nach Norden“, ans Meer und dann weg, gelle!?!
Yvonne - Jingo de Lunch
Sympathisch war Sängerin Yvonne von Jingo de Lunch ebenfalls. Doch die Musik ist einfach nur grottenlangweilig. Ich glaube, Personen, die Jingo de Lunch nicht schon in den späten 1980er Jahren mochten (file under: denn sie hatten nichts anderes), fangen heute sicherlich nicht an, sie zu mögen. Da lege ich mich mal weit aus dem Fenster! Metalllastiger Hardrock mit Punk-Verschnitt. Das lockt niemanden hinter dem Ofen hervor. „Did you ever“ ist der eine Hit, den wir dann auch noch verpassten. Zu viele nette Menschen, zu viele „Hallos“. Macht aber nichts. Jingo de Lunch sind meiner Meinung nach 2012 überflüssig, wie Onkelz-Cover-Bands, Madsen oder Hardrock. Da kann Sängerin Yvonne noch so charmant auf der Bühne wirken, V-Gitarren und Hardcore … ohne Worte. Aber viele ältere Semester auf dem Konzert haben sich dennoch gut amüsiert und wer verdenkt es ihnen (file under: denn sie hatten ja nichts anderes! Die Spät-80er müssen schon eine merkwürdige Zeit gewesen sein, Hardcore-Bands spielten Metall, Funpunk war beliebt, etc. Alles ein Wahnsinn …).
Wenn ich versuche Jüngeren die Bedeutung der „White Light, White Heat, White Trash“ von Social Distortion zu erklären, scheitere ich jedesmal. Ja, das ist auch nur Rockmusik nach heutigem Ermessen, damals hat es mich als „Punk“ geflasht. Geflasht? Sagen das heute noch Leute oder kann man mir jetzt schon mein Alter anhand der Wortwahl ablesen? Wahrscheinlich letzteres, damn it! Also, gerade noch über die „alten Semester“ gelästert, die Jingo de Lunch gut finden und jetzt „geflasht“ schreiben und einen auf jung machen. Das geht in die Hose, aber sowas von. Mist! Aber egal, andere Zeiten, andere Musik. Mehr wollte ich eigentlich nicht sagen und wenn man das doof findet, dafür gibt’s ja unten Kommentarmöglichkeiten!
Im Anschluss allerdings das eigentliche Highlight. Schon seit Tagen würdige ich deren neue LP „DEFINITIV NEIN!“ schon mehrfach täglich mit all meinen Sinnen, vor allem aber meinem Gehör. „Fort von krank“, der Opener ist so dermaßen geil, also, sooooo dermaßen geil, dass ich mit der Überhöhung und mehrfach Verwendung der „o’s“ in „so“ zeigen will, dass die deutsche Sprache kaum Worte dafür hat, wie geil diese Platte ist. Nämlich: Soooooooooooo geil!
Auf jeden Fall freute ich mich auf das zweite Konzert, was ich jemals von ihnen live sehen würde, wie ein Schneekönig. Schneekönig? „Sich freuen wie ein Schneekönig“, 41.600 Google-Treffer, definitiv auch kein Jugendslang! Aber EA 80 sind ja auch keine Kinderband. Das andere Konzert war 2005 in Stemwede beim Open Air und schon dort gefielen sie mir schon gut, aber nicht sooooooo geil, sondern eher richtig gut. Guut … nee, das sagt man nicht. Übrigens, es nervt, wenn Leute „nee“ meinen und „ne“ schreiben. Im ostwestfälischen Sprachgebrauch sind das sowas von zwei verschiedene Paarschuhe, ne?! Aber zurück zu EA80 und um diesen Text auch mal langsam ein Ende finden zu lassen: EA80 waren geil! Was schreibe ich: soooo (+ xmal „o“) geil! Einfach eine gute Liveband, einige neue Sachen, viel alten Kram und einen extra Song für den 100sten Geburtstag bzw. das 100ste Heft vom Ox. Alles in allem super.
The Wire danach haben wir uns dann nicht mehr lange angesehen. Freunde mussten noch in die ostwestfälische Provinz („ne?!“) und ich am anderen morgen früh arbeiten („nee! Stimmt nicht, meine Begleitung aber, ne.“). Die zwei Songs, die wir mitbekommen haben, waren auch eher belangloser Wave-Pop, was okay war, aber nach EA80 hätten wahrscheinlich hunderte, tausende, wenn nicht fast alle Bands auf diesem Planeten so ausgesehen, als wäre es absolut überflüssig, noch irgendetwas zu diesem Abend beizusteuern.
Budde - EA80
Entschuldigt, dass der Text so wirr geworden ist. Ich lese gerade Max Goldt und irgendwie … ach lassen wir das.

Leatherface + Dead Koys in Siegen

Leatherface + Dead Koys im Vortex in Siegen (05.02.2012)
Leatherface in Siegen
Nach einer anstrengenden Lesung in Wermelskirchen mit vielen guten Geschichten (Danke an Alex Gräbeldinger, Jimi Berlin, Shawn und Frustus) und einer viel zu langen Nacht am Tresen, waren die Kräfte für einen 1,5 Stundenritt bei Eis und Schnee fast erloschen. Immerhin, vor 20 Leuten im AJZ Wermelskirchen gelesen, wo Green Day dereinst vor 50 Leuten gespielt haben – an dem Abend, als sie erfuhren, das ihr Album „Dookie“ in den UsA auf Platz eins der Albumcharts steht. Darauf erst mal ein genüssliches Schulterklopfen. Oder auch nicht!
Beim Abendbrot diskutiert, Leatherface hin, Leatherface her. Siegen, das liegt hinter den Sieben Zwergen samt sieben Bergen. Süddeutschland, im tiefsten! War das nicht schon fast Österreich? Der Tatort lockte schon, doch dann doch einfach ins Auto gestiegen und durch die Nacht. Im Anschluss festgestellt, dass es der österreichische Tatort war, vielleicht aus Siegen. Leatherface auf jeden Fall die bessere Alternative, schließlich das einzige Konzert auf der Tour, welches ich beiwohnen können würde.
Am Vortex dann angekommen, erstmal über die Eintrittspreise von 12 Euro pro Persona gewundert. Wow, teuer! Und dennoch, nirgends ein Plakat, außer ein „Selbstgemaltes“ auf der Herrentoilette. Von Vorbands wusste auch niemand nichts. Dann kam doch eine, Vorband jetzt. Diese über sich ergehen lassen, Dead Koys. Junge Leute aus überall des südlichen NRWs, die ganz okay waren, mehr aber auch nicht. Klar, vor Leatherface sieht man immer Scheiße aus!
Warten auf Frankie & Co, doch im Gegensatz zu Godot, kommen die Herren doch noch auf die Bühne. Dann gewundert, wer ist denn der Mann an der Gitarre? Ein „Gitarren-Warmspieler“? Das wäre doch überflüssig. Dann allerdings Frankie Stubbs auf der Bühne, den linken Arm in einen Sunderland-Schal gehült, das Schlüsselbein und die Schulter schonend. So will der auf eine mehrwöchige Tour gehen?! In Russland, Skandinavien, etc.?! R-E-S-P-E-C-T!
Leatherface - Frankie Stubbs
Tja, der gute Herr hatte sich vor der Tour mal das Schlüsselbein gebrochen, fuck! Also, ohne Frankies Gitarrenspiel, dafür mehr Getanze und eine Konzentration auf den Gesang. Vor allem bei einigen Hits wie „Dead Industrial Atmosphere“ oder „Springtime“ fehlte die charakteristische Gitarre, verdammt. Aber der „Stubbs Shuffle“, die galanten Beinbewegungen in einer Vielzahl als Tanz, entschädigten ein wenig dafür.
Das Set war dann das gewohnte Programm der letzten Tour in anderer Reihenfolge und ohne „Not Superstitious“. Am Ende war der Kasten Wicküler auf der Bühne leer, nach Zugaben die Show beendet und es ging mit einem guten Gefühl zurück ins Ruhrgebiet. Hat sich doch gelohnt.
Musch, musch, musch
Und mit im Gepäck eine Flasche Wicküler, die noch übrig geblieben ist und ein paar Kopien der „Mush“, die als Bootleg an diesem Abend auf Vinyl verkauft worden sind. Also, Augen auf bei den nächten Konzerten.

Lesung in Kusel – morgen

Morgen:
Lesung mit Lesung Alex Gräbeldinger, Gianna Brachetti und Mika Reckinnen im Mehrgenerationenhaus in Kusel. Welche Generation ich dabei darstelle, dürfte wohl klar sein. Gichtkranker, alter Sack, der von früher erzählt. Oder so ähnlich!
Lesung in Kusel - Alex Gräbeldinger, Gianna Brachetti und Mika Reckinnen

The Beauty of Doubt – RIP

Goodbye and Farewell! Thank you for the music!
The beauty of doubt
picture: Quezon City 2010; Ten02 Bar
The Beauty of Doubt (2002 – 2012)

video: Quezon City 2009; Leprechaun

Lafftrak + Der Faustmörder + Kurt

Kurt + Der Faustmörder + Lafftrak im Störtebeker in Hamburg (30.12.2011)
Am vorletzten Tag des neuen Jahres einfach mal hoch nach Hamburg und sich auf Kurt freuen. Gute Freunde einpacken, gute Freunde besuchen, das ist doch eine schöne Art, dem Jahr „Auf Wiedersehen!“ zu wünschen. Zuerst aber durch Hamburg irren, Bier trinken im Molotow und diskutieren, ob man bei „soliden Preisen“ auch einkehren sollte. Dann aber dennoch dagegen entschieden. Dürfte im Störtebeker jeden Moment laut werden.
Solide Preise
Störtebeker ist immer ein Laden, der es wert ist, ihn zu besuchen. Against Me!, Sixty Stories, Pascow und Love A, letztere beiden in einem Konzert. Drei Shows, alle großartig. An dem Tag fingen Lafftrak an. In Dinosaurier-Kostümen und mit Anti-tainment-Gedächtnis-Sound. Nur nicht so gut. Irgendwie schon klar, dass hier geklaut worden ist … oder popkulturell „zitiert“ … ohne aber an das Original heran zu reichen. Bei Weitem nicht, um ehrlich zu sein. Aber egal.
Danach im Keller festgeschwatzt, alte Bekannte getroffen und ein paar Bierchen konsumiert. Oben läuft Trash-Core, den ich leider fast komplett verpasse. Band maskiert mit Sturmhauben, so sehe ich die letzten drei Songs. Also, die letzten zwei Minuten der Show, hehe. Faustmörder, ein guter Name. Musikalisch auch gut. Dann, letzter Akkord, die Instrumente werden in die Ecke gelegt und von der Bühne gerannt! Geil!
Kurt sind natürlich der Hauptact, ohne Diskussion. Die Süddeutschen spielen seit der Mitte der 1990er, haben diverse Platten auf X-mist veröffentlicht, ein schönes Review, dass ich mal aus einem Platten Review klaue (oder „zitiere“ für popkulturell bewanderte); von durchdes welt. Blog:
X-Mist haben immer schon ein Händchen gehabt, die Art von Bands zu angeln die etwas ganz besonderes und neues auf die Beine stellten. Die Grundmauern bleiben Hardcore und Punk, doch was die drei Musiker hier vollbracht haben ist nicht so einfach zu beschreiben.
Ein Sänger der Gitarre spielt und zwar so, das ich nicht das Gefühl habe das hier nur eine zu Gange ist. Ein Bassist der sich fast die Finger wund spielt und einen Lauf nach den anderen produziert. Als ich Live den Schlagzeuger beobachte blieb mir fast die Spucke weg. Auf schlichte Hardware zauberte er einen Beat, das ich es fast nicht glauben konnte.

Schon damals bildete der Sound von Kurt keine leichte Kost und hat bestimmt durch die meist unendlichen einsilbigen Parts viele zur Weißglut gebracht. Jedoch genau hier liegt die Stärke der Platte. Immer genau dann wenn Du es nicht mehr aushalten kannst, noch ein Stück weiter und du wirst von einem Feuerwerk erlöst.

Emotionen werden freigelassen wie auf kaum einer andere Platte.
Kurt - Störtebeker

No Comment – Hot Water Music – The Fire, The Steel, The Tread

No Comment – Hot Water Music – The Fire, The Steel, The Tread
Die Sehnsucht nach neuen Hot Water Music Songs hielt sich schon im Vorfeld in Grenzen. Sowohl The Draft als auch die letzten Veröffentlichungen der Band selbst – von den Live-EPs mal abgesehen – waren alles andere als bahnbrechend. Genau im Gegenteil, mit The Draft konnte und kann ich immer noch gar nichts anfangen, das letzte HWM Album habe ich nach einigen Hörversuchen einfach als Datenmüll auf der Festplatte gelassen. Waren mir ihre ganz alten Sachen aus den 90ern häufig zu sperrig, wurden sie auf den letzten Platten häufig viel zu catchy, eingängig und hatten keine Ecken und Kanten mehr.
Die Songs der neuen Single sind dann ebenfalls weit weg von erfrischendem Emocore (als es noch keine Beleidigung war) wie zur „No Division“ Zeit. Gute Rockmusik wird geboten, die weit mehr an Bruce Springsteen erinnert – oder The Gaslight Anthem – als an die eigene Vergangenheit. Ruhig, melodisch, rockig. Chuck Ragan solo trifft Hot Water Music trifft Bruce Springsteen. Das ist nicht schlimm, die Band altert mit dem Publikum und mir gefällt die Single durchaus. Zumindest besser als alles von The Draft.
Aber braucht es die Band 2012 wirklich noch? Wer erfrischenden Punk in 2011, 2012 und wohl auch 2013 hören möchte, sollte lieber auf eine der zahlreichen Post-Latterman Bands wie RVIVR, Iron Chic etc. zurückgreifen. Latterman selbst haben sich vor einigen Wochen auch wieder für einige Shows zusammengetan und man darf gespannt sein, ob es noch mal weiteres Material gibt oder ob es nur „Just-for-fun“ war. Auf ein „auf-ewig-leben“ wie bei Hot Water Music sollte man aber bitte verzichten!

No Comment – Gebt den Faschisten keine neue Chance

No Comment – Gebt den Faschisten keine neue Chance
Heute nur ein Video, ohne größere Kommentare, weil das schon alles sagt …

No Comment – Diskussionskultur 3.0

No Comment – Diskussionskultur 3.0 (Tag 3)
Dass das Internet die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren, revolutioniert hat, dürfte wohl niemand ernsthaft bestreiten, die sich tagein, tagaus ins Büro schleppt. Emails, Facebook, elektronische Verfolgung des eigenen Pakets, Skype und dazwischen Onlinespiele; so dürfte durchaus der Alltag in manchem Büro aussehen. Burn-Out, Rückenleiden, Sehnenscheidenentzündungen und kaputte Augen sind die Resultate. Wobei Tendovaginitis sicherlich auch ein großartiger Name für Bank(angestellten)rocker oder Post(beamtinnen)punk wäre.
Mein Job geht in die selbe Richtung (ebenfalls Postpunk). Ich lese morgens Mails, verfasse Artikel, rechne mit Excel Projekte ab, lese online philippinische Zeitungen, verwalte unsere Mitglieder, schreibe Mails und Briefe und hin und wieder chatte ich auf Facebook. Alles online. Selbst wenn ich telephoniere fallen dabei Sätze wie, „habe ich Dir gerade per Mail geschickt. Schau mal auf Seite 3, relativ weit unten.“
Eine meiner Vorgängerinnen habe ich neulich gefragt, wie sie das damals – in der zweiten Hälfte der Neunziger – eigentlich gemacht hätten, so ganz ohne Internet. Sie fing anzulachen und meinte, die Revolution sei das Faxgerät damals gewesen, wo sie Briefe direkt nach Manila verschicken konnte. Ansonsten war es „offline“-Arbeit – die damals natürlich noch nicht so hieß, da niemand „online“ war – wie Zeitungen oder Bücher lesen. Ich wollte nicht fragen, ob sie auch Sachen in die Schreibmaschine hacken musste, aber bei den veralteten Rechnern, die teilweise noch im Keller stehen, befürchte ich, sie waren damals auch schon ein wenig „online“, bzw. vor einem PC.
Spannend fand ich, wie Informationsbeschaffung ablief. Eine Stewardess schickt zum Beispiel zu der Zeit noch einmal die Woche einen Stapel philippinischer Zeitungen ans Büro, die dann einmal die Woche gelesen wurden. Heute gibt es den Direktflug (Frankfurt-Manila) nicht mehr, die Zeitungen hingegen sind online.
Dass das Internet schon längst auch ins Privatleben eingreift (s. diesen Blog, hehe), ist auch klar. Doch dass das Internet dank SmartPhones nun überall mit hin zu nehmen ist, hat auch große Nachteile. Die Gewerkschaft bei VW kämpfte zum Beispiel nicht mehr nur für Lohnerhöhungen, sondern auch dafür, dass Arbeitnehmer_innen am Wochenende keine Firmenmails mehr bekommen können (s. Zeit-Online-Artikel). Am schlimmsten ist allerdings, dass die gttverfluchten kabellosen Dinger auch in Kneipen funktionieren. Konnte man früher die noch so steilste These aufstellen, weil man wusste, im Suff konnte sich am nächsten Morgen eh niemand dran erinnern, zieht nun irgendein Idiot (wahlweise auch durch die Worte „guter Freund“ zu ersetzen) sein internetfähiges Mobiltelephon und legt mit Wikipedia direkt den Gegenbeweis an. Da hilft es auch nicht, an der unwissenschaftlichen Arbeit von Wikipedia zu zweifeln, spätestens zehn Sekunden später erhärtet eine weitere Homepage den Verdacht, dass die steile These ein Rohrkrepierer ist. Früher konnte man stundenlang darüber diskutieren, ob z.B. ein abgehalfteter Torwart wie Thorsten Stuckmann beim SC Verl gespielt hat und sich jetzt in England verdingt. Heute ist es ein Diskussionsversuch von wenigen Sekunden, dann hat man Tatsachen geschaffen. Nein, er hat nicht für den SC Verl gespielt, in der Jugend aber für den FC Gütersloh. Dort in Gütersloh ist er auch geboren. Diskussion beendet. Selbst ob er ein guter Torwart war oder nicht, ließe sich anhand von Kicker-Benotungen seit 1945 relativ einfach herausfinden. Das wiegt auch die Tatsache nicht auf, dass wir nun wissen, dass er bei Preston North End Torwart ist.
Für diese Zerstörung der Kneipen-Diskussionskultur sollte man Steven Jobs und Co eigentlich die Seuche an die Haxen wünschen, wobei man bei dem genannten ihn ja erst wieder aus der offline-Hölle holen müsste (war es nicht die Titanic, die nach dem Tod des Apfelpflückers etwas von „Jobsabbau bei Apple“ geschrieben hat?). Da sind mir die Leute schon lieber, die das Teil zu Hause lassen, aus Angst das teure Handy könnte im folgenden Vollsuff beschädigt oder verlustig gehen.

No Comment – EA80 bei Sonnenschein

No Comment – EA80 bei Sonnenschein (Tag 2)
Es ist schon verrückt. Die Zahl der Sonnenstunden vom 18. Dezember bis zum 29. Januar dürften sich im niedrigen zweistelligen Bereich bewegt haben. Kaum war ich aus den Philippinen zurück, überzog das Land eine taube, graue Masse von Wolken und Regenfeldern.
„Jetzt soll er sich mal nicht so anstellen“, ist natürlich die einzige richtige Reaktion auf diesen unreflektierten Scheiß, werden die Miesmacher_innen unter Euch anmerken. „Turnt da erst bei 30° Celsius mehrere Wochen in Hinterasien herum und beschwert sich dann über das nasskalte Wetter hier.“ Ja, das ist schon schizophren. Auf der anderen Seite erinnert mich das gleich an die SMS, die ich von einer Freundin bei der Ankunft in Manila bekam. „Mika, why is it always raining when you are here?“ Gute Frage!
Der beschissenste Wetterspruch ist übrigens immer noch: „Es gibt nicht das falsche Wetter, nur die falsche Kleidung.“ Solchen Leute sitzen den ganzen Tag zu Hause und gehen maximal einmal am Tag mit dem Hund spazieren. Klar, darauf kann man sich einstellen. 23:30 in Joggingbuchse und T-Shirt vor dem Ofen und dann für ne halbe Stunde mit Winterstiefeln und -jacken „in die Kälte“. Für normale Menschen sieht das aber anders aus. Jede_r friert doch auf dem Weg zur Straßenbahn, einfach weil es Schweinekalt ist. Dann, in der Bahn selbst kommen einer/m doch spätestens nach wenigen Minuten die Schweißtropfen auf die Stirn geballert. Beim Einsteigen ist schon die Brille beschlagen. 35 ° Celsius, Fahrer in kurzen Hosen. Aus diesem Tropenloch schweißgebadet wieder aussteigend bemerkt man, dass man die Jacke in der Bahn vergessen hat und bibbert sich zum Arbeitsplatz. Immerhin, der Schweiß auf Rücken und Stirn ist mittlerweile gefroren und lässt sich leicht abknibbeln. Auf der Arbeit dann – Dank defekter Heizung ab der Mittagspause, wieder bibbernd. Rückweg gestaltet sich wieder frierend, schwitzend, frierend, bis man am nächsten Tag mit ner Lungenentzündung darnieder liegt. Was ist denn da „falsche Kleidung“? Unwort ist übrigens: „Zwiebellook“. Sowas kann doch nur nem Kartoffelficker einfallen: „Zwiebellook“. Immerhin, noch wurde keine „Miss Zwiebellook“ gekrönt, das habe ich gerade mal gegoogelt. Nur bei „Miss Onion“ findet man Treffer. Bizarr!
Aber eigentlich wollte ich mich gar nicht über das Wetter auslassen (das wirkt ja schon so, als würden mir am zweiten Tag die Ideen ausgehen, ohweia), sondern auf den Fakt hinweisen, dass meine Adaption an das schlechte Wetter gelungen wäre, wenn, ja wenn nicht das schlechte Wetter auf einmal weggewesen wäre. Denn pünktlich am Montag, bei den ersten langanhaltenden Sonnenstrahlen, konnte ich zum ersten mal die neue EA80 LP „Definitiv: Nein“ auflegen. Jetzt sitze ich also miesmuffelig vor meinem labrigen Toast und kalten Tee, höre EA80 und male graue Regenwolken an meine Fenster. Dabei fühle ich mich so gut, dass ich grinsen muss. „Fort von krank“ ist übrigens ein super Opener und mit dem Rest beschäftige ich mich wann anders näher. Aber weggehen … ach ja … weggehen …