Archiv für Mai 2012

Lesung in Recklinghausen – Freitag – 1. Juni 2012

„Das Essen gekocht und die Wäsche gemacht“ (Pascow) und den letzten Rest Würde dann nach Recklinghausen gebracht!
Dort findet am 1. Juni – also dem kommenden Freitag – erneut eine dieser sau-dämlichen Lesungen statt, bei denen drei kranke Geister ihre kranken Leiber (so ähnlich bei Razzia) auf die Bühne schleppen und sich danach einen gemütlichen Abend machen, mit allen die da Lust drauf haben. Inklusive laut Musik hören, Bier trinken und auf gar keinen Fall (!!!) über verschissene Literatur reden. Denn nach der Lesung ist vor der Freizeit!
Das Ganze wie so häufig mit dem ober-genialen Alex Gräbeldinger und dem nicht minder großartigen Lustiger Bob. Und damit die Stimmung nicht völlig überkocht, werden die beiden Sozialpädagogen mich in ihre Mitte nehmen, belämmert reinschauen lassen und den einen oder anderen Abgesang auf das Ruhrgebiet anbieten.
In diesem Sinne, man sieht sich am Freitag in Recklunghausen. Das Ganze beginnt um 19:30 im wunderschönen AKZ – Alternativen Kulturzentrum und wie man dort hin kommt, weiß man als Ruhrgebietler/in einfach oder schlägt es hier nach: AKZ-Website

„und roberto blanco versus takt der angst, hinter fototapeten und einkaufstüten verschanzt“ … ach, wie schön! (Pascow)

Superpunk in Essen

Superpunk und Cherrypops in der Zeche Carl in Essen (24.05.2012)
Als ich das erste Mal Superpunk hörte, war ich gleich hellauf begeistert. „A Bisserl Was Geht Immer“ (1999 auf Fidel astro veröffentlicht) hatte eine ganze Hand voll großartiger Stücke, sei es das instrumentale „Eric Cantona Stomp“ (hier das großartiger Video als Eric Cantona einen Rassisten mit einem Kung Fu Tritt angreift [bei 0:59]) oder den Hit „Matula hau mich raus“ – oioioi! Eine wilde Mischung aus Mod, Northern Soul, Hamburger Schule und Punk-Attitüde. Und der Name ist natürlich umso großartiger, desto weniger man auch Punkrock spielt!
Im Jahr 2001 sah ich daher die Band gleich zweimal live, einmal im Gütersloher Bureau, einer großartiger kleinen Kneipe, die ich immer noch schmerzlich vermisse. Der beste Laden in der ödesten Stadt. Mit 60 Leute bis ans Dach gefüllt und die Band brachte die Kneipe zum brodeln. Dass ein Freund uns auf dem Rückweg fast noch in seinem VW Polo auf dem Gütersloher-Ring bei einem (Pseudo-)Rennen zerlegte, spielt bei der Heldenbildung des Abends natürlich auch eine Rolle. Nie wieder danach Reifen so quietschen gehört!
Auch auf dem Stemweder Openair im selben Jahr, spielte Superpunk, skandalöserweise nicht als Headliner, sondern im Nachmittagsprogramm. Irgendwann sind dann Kids angefangen zu stage Diven und mit Kids meine ich 7 oder 8jährige. Derweil tanzten eine handvoll Menschen, die ihren Spaß hatten und den staubigen Boden aufwirbelten. Dazu die Band, die etwas Nerdiges hat(te), eine Band, die intelligente Texte mit tanzbarer Musik, die Melancholie und Ironie mit wilden Zitaten aus der Musikgeschichte aneinanderreiht.
An das denke ich, als wir auf dem Weg zur Zeche Carl sind. Und ich freue mich riesig, auch wenn ich weiß, dass es das letzte Konzert der Band ist, welchem ich beiwohnen werde. Wehmut kommt auf, das am besten mit einem kalten Hopfengetränk begegnet werden will.
In Altenessen-Mitte gestaltet sich das Bierholen schwieriger als erwartet. Der REWE bietet Bier nur zu Magentemperaturen, Döner-Buden erst gar keines an. Kurz vor der Zeche dann aber noch einen Kiosk gefunden und sich mit den lokalen Gepflogenheiten im Essener Norden vertraut machen.
Als die Vorband – Cherrypops – irgendwann anfängt, ist die Zeche Carl noch bitterlich leer. Gutes Wetter, Donnerstag abend, gute Musik in Essen, egal welche Gründe man auch immer anfügt, maximal 70 Leute sind in der Halle. Die Cherrypops spielen deutschsprachige Popmusik, die mich leider nicht sonderlich begeistert. Irgendwo zwischen den mäßigeren Songs von Ideal, Wir sind Helden und den Ärzten. Textlich drehte sich fast alles über Gefühlsbulldozerei und Herzschmerz, was die Sache auch nicht besser machte. Alles in allem eine ziemlich belanglose Vorband.
Zu Superpunk füllten sich dann allerdings die Reihen, am Ende mögen gut 250 Leute dagewesen sein, um gleich zu Beginn mit „Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen“ einen der Hits zu hören.

Aber was soll man sagen, die Band hat eigentlich fast nur Hits. Das schönste vor allem, die Band scheint immer noch so nerdig zu sein, wie vor zehn Jahren. Superpunk wirken wie eine Gruppe Freunde, die zusammen älter geworden sind. Seit 1997 gab es keine Umbesetzungen, keine Rauswürfe, keine „musikalische Anders-Orientierung“, alle sind mit und in der Band gewachsen. Superpunk ist eher ein Abend mit alten Freunden und irgendwie bekommt man das Gefühl, das gilt auch für die Band selbst.
Musikalisch sind es vor allem die Kleinigkeiten, die Zitate aus der Popmusik, der Einsatz des Keyboards, die Ironie und selbst die „aaaaaah“-Background-Gesänge, die gezielt eingestreut werden, kleben mir ein Schmunzeln ins Gesicht. „Das Feuerwerk ist vorbei“ ist dafür ein super Beispiel, in dem der Refrain mit „Ich bin einsam, viel zu lang“ mit einem völlig deplatziertem „whuuuuhuu“ ergänzt wird. Die Verballhornung jeglichen Pathoses, den die Band genauso drauf hat, wie das etwas nerdige Image zu pflegen, denn wer schreibt schon Songs darüber, dass er/sie stolze/r Bibliotheken-Ausweis-Besitzer/in ist???
Der Abend ist auf jeden Fall großartig! Mit „Das waren Mods“ („Spiel mal was von The Who“), „Ich bin kein Ignorant, ich bin kein Idiot“, „Ich weigere mich aufzugeben“, „Ich kann nicht nein sagen“ werden am Abend viele großartige Songs gespielt, die dann natürlich nach der ersten Zugabe mit „Matula hau mich raus“ und „Neue Zähne für meinen Bruder und mich“ nicht mehr zu toppen sind. Das Publikum feiert die Band – völlig zu recht – die meisten tanzen und haben einfach nur Spaß! Dennoch kommt die Band noch mal wieder, spielt u.a. noch den „Eric Cantona Stomp“ und dann war es das.
Nach 15 Jahren in dieser Formation gibt es Superpunk nicht mehr. Irgendwie wehmütig und dennoch glücklich, verlassen wir die Zeche Carl. Danke Superpunk, und irgendwie ist es konsequent, in dem Jahr abzutreten, in dem auch Matula Euch nicht mehr raushauen wird!

Buch – Jan Off: Happy Endstadium

Jan Off: Happy Endstadium
Jan Off ist sicherlich der Großmeister der deutschsprachigen Gossen- und Punkrock-Literatur. Was die Eintracht aus Braunschweig seit Jahren verwehrt bleibt, Jan Off ist erste Liga, keine Frage. Bundesliga sogar, die international mitspielt, auch wenn man dem Barden da sicherlich gleich Erinnerungen an Hannover 96 (Europa League) oder VfL Wolfburg (vor nicht allzu langer Zeit Champions League) einpflanzt.
Während ein Günther Grass mit dem Panzer durch die Feuilletons mit lausigen Gedichten genüsslich auf Israelis schießt – ob er denkt, er habe das in seiner Jugendzeit verpasst? – kommt Jan Off mit einer Klebebombe a la MacGyver und befestigt sie an den Panzern des Literatur-Throns. Er rechnet in seinem neuen Buch „Happy Endstadium“ mit allem ab! Er erhebt den Stinkefinger in alle Richtungen, links, rechts, oben und unten.
Die Geschichte ist recht schnell zusammengefasst. Der Ich-Erzähler, der aus Liebe in eine militante WG zieht, aufgrund eines Ulrike Meinhof Zitates auserwählt wird und sich dann um linke Geflogenheiten (vegan, diskutierend, politisch-agitierend) kümmern muss, ist eine typische Jan Off Figur, der man mit großem Genuss beim Scheitern zu sieht. Da Scheitern alleine nur wenig Spaß macht, gesellen sich allemöglichen seidenen und halbseidenen Figuren hinzu, die auf Namen wie Enddarm, Kleingeld oder Jan hören.
Die Geschichte beginnt auf dem Polizei-Revier und endet dort. Wie es dort hinkommt, erklären die Blätter zwischen Seite 7 und Seite 263. Denn dazwischen gibt es Demos für Gefangene Genoss/innen, Ausschreitungen, Krawall und Remmidemmi, Diskussionen wie korrekt die PKK aus feministischer bzw. anti-deutscher Sicht ist, Faustkämpfe, einen Bandenkrieg mit den Kindern aus der Unterschicht mit und ohne Migrationshintergrund, einen genialen Plan sowie Wachmann Berni Klotzkorke.
Sprachlich ist es diesmal nicht so auf Radau aus, wie in einigen seiner Kurzgeschichten, etwas weg vom Slam Poetry-Style, der auf wenigen Seiten funktioniert, in Buchform aber aufgesetzt wirken würde. Also genau die richtige Wortwahl, um das Buch an drei Tagen durchzulesen, wie ein Koka-Junkie auf Entzug! Dabei legt er Finger in die Wunden und Wunden an die Finger! Eine gute Reflexion über „Szene“, „Gepflogenheiten“, „Widersprüche“ und dem ganzen Scheiß, den die meisten Leser/innen viel zu gut kennen. Danke dafür! Meine Lieblingsszene ist, als eine Gruppe von Kindern Gewalterfahrungen machen muss und dieses als politische Kollateralschäden verklärt wird. Großes Kino mit Buchstaben, oder so!

Homepage von Jan Off findet sich hier – www.jan-off.org
ISBN: 978-3-931-555-36-8 – 14,90 € – im Ventil-Verlag (Homepage)

DonChrischan und DJ Tulpe & der fette Mann in Dortmund

DonChrischan und DJ Tulpe & der fette Mann im Rasthaus Fink in Dortmund (08.05.2012)
Am Tag der Befreiung sollte mal wieder etwas Kulturprogramm anliegen. In der Dortmunder Nordstadt, sicherlich keine Bastion der Hochkultur, lasen der phantastische DonChrischan und die superbe Live-Hörspieltruppe um DJ Tulpe & der fette Mann sowie Tobi Homeworkerphobie an den Soundreglern. Mit dabei die geschätzte Kollegin sowie der Mann mit dem Punkt im Namen (Homepage von dem).
Schön in der S-Bahn ein kleines Hopfengetränk, am Bahnhof dann wartend die nächste Kaltschale und schon durch die Nordstadt getrödelt. „Ey, wie alt seid ihr?“ von einem freundlichen, aber doch leicht angesäuselten Herren der Marke „Ich-trinke-hier-schon-da-gabs-euch-noch-nicht“ gefragt und „45!“ geantwortet. Auch wenn das sicherlich nicht der Wahrheit entspricht, die Antwort „Ey, Du bis maximal 43!“ fand ich dann bei meinem jugendlichen Aussehen, wo ich noch häufiger unter 30 durchgehe, durchaus eine Anmaßung. Der Herr mit dem Punkt im Namen wunderte sich, da er ansonsten nie angesprochen wird, und auch ich verhielt mich von nun an schweigend. Ebenso in dem Moment, wo Kinder auf diesen Verkehrspollern spielten, die in den Boden eingelassen werden können. „Und gleich raketenartig hoch und dann ist das Kind weg“, war dennoch ein schöner Kommentar und eine noch schönere Vorstellung.
Auf dem Weg zum Rasthaus Fink dann mehr Polizei wahrgenommen, als am 1. Mai in Berlin. Meine Fresse, was ist denn die Nordstadt für ein Terrain? Sah nicht nach gleich beginnender Weltrevolution aus, oder wir trödelten an ihr vorbei. „Ordnungsamtnazis must die“, ein schöner Song von Alarmstufe Gerd (Myspace-Seite).
Angekommen, freundlich „Hallo!“ in die müden Gesichter der vier Herren gegrinst. Zwei Abende unterwegs, zweimal wenig geschlafen, zweimal viel getrunken, so sah’s zumindest aus. Ein paar Bierchen später ging’s dann gleich los mit DonChrischan (Homepage), den ich an dieser Stelle wohl kaum noch vorstellen muss. Mit seinen Geschichten „Hagen ist nicht Washington“ und über Supermans Demaskierung traf er den Nerv eines Teils des Publikums, keine großen Lacher, aber im Dortmund Norden gibt’s auch nicht viel zu lachen. Dennoch, gute Geschichten.
DJ Tulpe & der fette Mann (Homepage) hatten dann sicherlich einen größeren Bonus und lasen mit Dateline, der neue Nachbar und die Sprache der Blumen drei Geschichten von ihren ersten drei Hörbüchern. Zwischen gruselig und grotesk mag ich die drei Jungs sehr, vor allem weil sie stimmlich auch relativ unterschiedlich sind und so die unterschiedlichen Rollen tatsächlich gut ausfüllen. Alles in allem ein kurzweiliger Abend, der dann noch mit Ladenlokalitätenverlagerung beendet wurde. Dass ich in der S-Bahn auf dem Rückweg erschöpft einschlief und nach ner ganzen Zeit aufwachte, war mein persönliches Highlight des Abends. Nach dem in den letzten Wochen so viel Scheiße passiert ist, war es fast schon merkwürdig in der Bahn aufzuwachen und zu denken: „Das sieht aus wie der Essener Hauptbahnhof!“ Und dann war es es auch noch. „Zum Glück nicht in Duisburg aufgewacht“, stellte ich fest und schwankte nach Hause. Wenigstens einmal in der Woche ein Erfolgserlebnis, auch wenn ich lieber in Duisburg aufgewacht wäre, wenn dafür andere Dinge nach meinem Wunsch laufen würden.