Archiv für Juli 2012

Lesung im Radio – Dienstag 7. August (punkrockers-radio.de)

Lesung im Radio – Dienstag 7. August (punkrockers-radio)
Am Dienstag, den 7. August geht es mal wieder nach Bochum. Eingeladen zu „Wolverines Plattenküche #19“ bei Punkrockers-Radio.de. Der Ankündigungstext lautet wie folgt:

    „Mika Reckinnen schreibt. Er schreibt Kurzgeschichten für Fanzines. Er schreibt Artikel für sein Ego-Fanzine Alleiner Threat. Manchmal liest er auch aus seinen Kurzgeschichten vor. Außerdem ist er mit der philippinischen Punkrockszene vertraut. Jeder Punkt für sich ist schon ein Grund ihn mal einzuladen. Nachdem ich eine bereits geplante Sendung leider verschieben mußte, klappt es nun endlich und Mika kommt vorbei. Musikalisch werden wir uns dabei vornehmlich in Asien bewegen und ein paar Kurzgeschichten wird es sicher auch zu Hören geben. Da trotz Sommerloch neue Alben erscheinen, werden wir euch auch in dieser Hinsicht versorgen, z.B. mit Musik von Kotzreiz, Rasta Knast, Straightline oder Jaya The Cat.“

Mal sehen was passiert …

The Argies und Protesk Grotesk in Essen

The Argies und Protesk Grotesk im Panic Room in Essen (25.07.2012)
The Argies im Panic Room Essen
Sommer, Sonne, Sonnenschein, so darf ein Feier-Abend aussehen. Wir sitzen vor‘m Panic Room und lassen die Vorband, Vorband sein. Einfach quatschen, Bier vom Kiosk und die Entspannung spüren. Sehr schön. Dann irgendwann aber doch mal dem Lärm folgen und kurz Eintritt zahlen (5 Euro).
Protestk Grotesk kann man dann tatsächlich in einem Halbsatz abarbeiten, großartiger Name (klingt nach Schweden-Core), total furchtbare Musik (Crusten-Core trifft Deutschpunk, und von beidem aber nicht das unbedingt Beste). Nicht meine Teekanne, Kaffeetasse, Bierflasche, ihr wisst, was ich meine. Ein halber Song hat gereicht, um das festzustellen (kurze, harte Urteile, ’schuldigung).
The Argies gefallen im Anschluss besser. Kaum eine Band tourt sich dermaßen den Arsch ab, wie die Band aus Argentinien. Mittlerweile das dritte Mal, dass ich sie sehe (um 2004 in Münster im Gleis22 und ca. 2008 im Muck in Clarholz), und sie wissen jedes Mal zu gefallen. Die Band um Sänger David gehört auch zu den Acts, wo man das Gefühl bekommt, die Band hat genau in diesem Moment Lust und Freude daran hier am Arsch der Welt (Essen, Clarholz, Münster) auf der Bühne zu stehen und vor einem handverlesenen Publikum (an diesem Abend vielleicht 30 Nasen) ein großartiges Set zu spielen. Darunter viele eigene Songs, aber auch Cover wie „I Fought The Law“ (Bobby Fuller) oder auch „Hier kommt Alex“ von der unsäglich gewordenen Band aus Düsseldorf. Letzteres v.a. witzig, weil sie jemanden aus dem Publikum zum Singen gezogen haben … Talent ähnlich hoch zu bemessen, wie mein eigenes. Aber, wacker gehalten. Danach übrigens, auch sehr passend, „White Riot“ von The Clash. Im Laufe des Abends spielten sie so noch einige gute Songs („Senales Difusas“ mag ich ja auch sehr) und rundeten damit einen guten Abend ab. Am Ende noch mal „Guantanamera“ (auch von den Toten Hosen bekannt …) und ab in die nächste Stadt, in den nächsten Abend.
David (The Argies) im Panic Room

Nothing und Modern Pets in Duisburg

Nothing und Modern Pets im Djäzz in Duisburg (19.07.2012)
Eines der Konzerte, auf die ich mich schon im Vorfeld sehr gefreut habe. Obowohl beide Bands musikalisch nicht unbedingt 100%ig zusammen passen, die Modern Pets eher mit ihrem von den Ramones beeinflussten Punkrock, Nothing dagegen klingen eher wie eine Hardcore-Metal-Dampfwalze, finde ich es gut, nicht den ganzen Abend den gleichen Stil an Punk hören zu müssen. Zudem fand das Konzert im Djäzz statt, dem wohl besten – und einzigen? – Laden in Duisburg. Da ich zu früh am Laden war und keine bekannten Gesichter sah, entschloss ich mich das trockene Wetter zu nutzen und ein wenig am Innenhafen von Duisburg entlang zu schlendern. Alle in den Städten sind dieses schlechte Sommerwetter leid, aber kann eine/r die Gespräche darüber noch hören? Will noch jemand über Regenschirm-Anschaffungen sprechen? Mir geht das alles auf den Sack und das leichte Tröpfeln für ein paar Sekunden hat meine Laune auch nicht negativ beeinflussen können.
Nothing im Djäzz
Um halb zehn dann am Djäzz und von Innen dröhnt schon Lärm. Nothing (Band-Blog) waren gerade angefangen. Was soll man über die Band sagen? Die Ankündigung von der Djäzz-Homepage (Link hier) trifft den Nagel auf den Kopf:

    NOTHING: […] Vor zwei Jahren waren die Jungs zum einen gelangweilt von ihrer täglichen Routine und zum anderen bereit neue musikalische Wege zu gehen. Ein paar der Jungs kannten sich schon von Highscore (90/Nullerjahre HC/Oldschool Legende aus Deutschland mit internationalem Erfolg) & Mönster (D-Beat-Kanone aus Berlin) und die restlichen kamen aus nicht minder bekannten Bands (Bombemalarm/Situations) um ein wenig der alten Idole zu huldigen. […] Marc von Bombenalarm ist nicht mehr im Nothing-Boot (jetzt spielt eine alte Saarland Bass-Institution von Llynch) und die Maschine läuft wie geschmiert auf Volldampf. Die alten Säcke aus Berlin haben’s noch drauf! Gitarren in Kniehöhe, immer noch sauer, und immer noch ein gutes Gespür für mitsingfähige Melodien an der richtigen Stelle! Bass und Schlagzeug sind in erster Linie dazu da, zu bollern und zu treiben, keine Pausen, kein Durchatmen, nur ballern. Die Gitarren machen’s dann richtig schwer. Heavy. Aber im Guten: 80er Crossover-Thrash, Poison Idea, Tragedy, das sind die Referenzen. Und Mönster. […] So muss Hardcore heute klingen, da sieht man noch den Dreck unter den Fingernägeln. Fettes Fingerpointing ist bei Konzerten vorprogrammiert, der Turbonegro- oder Durango 95-Chor-Effekt ist nämlich auch noch da. Quasi ein Alleinstellungsmerkmal: crustiger Punk mit eingängigen Chorpassagen und NWOBHM-Einflüssen, im fetten Sound, aus Deutschland?

Damit ist eigentlich alles gesagt. Ein wuchtiger Sound, zwischen Hardcore, Punk und Metal mit einer guten „Fuck-You“-Attitude. Songs wie „Bombs over Berlin“, „Nothing’s Allright“ oder „Double Dose of Negativity“ (alle von der B-Seite der ersten Platte) laufen bei mir, vor allem wenn ich mal miese Laune habe, rauf und runter und bringen es auf den Punkt – „Leck mich am Arsch und geh mir aus dem Weg!“. Auf dem neuen Album ist mit „Young Punks“ ebenfalls mindestens ein Hit zu finden, der mir auf Anhieb auch live gefiel. Nothing, unbedingt anchecken. Das neue Album ist übrigens (Embrace the Hatred) gerade erst auf This Charming Man Records erschienen (Link zum Label).
Danach dann eine Pause und während ich mich mit Bier versorge, den Maks begrüße und Circle Jerks und Angry Samoans aus den Boxen lausche, bauen die Jungs von Modern Pets auf. Die einzige Gemeinsamkeit, die ich sehe, dass beide Bands aus Berlin kommen und eigentlich Exilanten sind. Nothing aus Münster und Bremen (wenn ich mich nicht täusche), Modern Pets aus Stuttgart. Die Exil-Schwaben und ihre Geschichte – vier Jungs, die auszogen aus dem spießigen Stuttgart, um sich in Berlin voll und ganz auf ihre Band zu konzentrieren – finde ich ja eher merkwürdig. „Sich auf Musik konzentrieren“ hat bei mir sofort einen bitteren Beigeschmack, v.a. wenn die Band Punk macht. Aber, dass muss man den Modern Pets zugestehen, sie spielen sich die Füße blutig und die Finger wund.
Modern Pets im Djäzz
Gefällt mir live lange Zeit sehr gut, doch dann setzt der obligatorische Effekt bei Ramones-beeinflusstem Punk ein: Langeweile! Ich meine, solche Bands gab es Ende der 1990er / Anfang der 2000er Jahre zu Hauf. „Record Riot Party“ im Gleis 22 war zum Beispiel in Münster der Ort, wo monatlich Bands wie Backwood Creatures, Battledykes, Boonaraaas, Dirtshakes, Jet Bumpers, Cellophane Suckers, The Briefs, The Apers, The Cheeks, The Yum Yums, … spielten, also ein Sound irgendwo zwischen The Queers und den Ramones. Das war nie schlecht, aber hat mich selten über die volle Länge eines Konzerts begeistert (Yum Yums und Briefs mal als die beiden Ausnahmen aus dieser Liste). Der Song „Modern Pets“ bleibt mir in Erinnerung, aber der Rest läuft rein und raus, ist so süß wie Zucker und so gefährlich wie Kaninchen-Gebrüll. „Nett“, „schön“, „okay“, Danke und nach Hause. Daher stört es mich auch wenig, kurz vorm Ende schon das Djäzz zu verpassen, die neue Nothing LP noch ins Gepäck zu nehmen und dann einen früheren Zug zu erwischen und somit 45 Minuten Wartezeit zu verhindern. Dennoch, ein schöner Abend.

The Jim Tablowski Experience + Kaput Krauts in Castrop-Rauxel

The Jim Tablowski Experience + Kaput Krauts im Bahia de Cochinos in Castrop-Rauxel (13.07.2012)
Nach einem langen Tag auf Wohnungssuche und einer guten Mahlzeit beim Chinesen meines Vertrauens, brechen Lars und ich auf in Richtung Castrop-Rauxel. Wanne-Eickel, Castrop-Rauxel, die Sinnbilder der Gemeindegebietsreformen und der Trostlosigkeit des Ruhrgebiets in Reinkarnation. Wobei, von einer Fleischwerdung kann man bei beiden Städten / Stätten wohl kaum sprechen. Aber egal, zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich es in den fünf Jahren des Bestehens des Bahia de Cochinos noch nie nach Castrop-Rauxel geschafft habe. Schande, Asche oder eine Bierdusche über meinen Kopf! Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle für die nette, schnuckelige und schön eingerichtete Kneipe. Und das da mehr passiert, als nur hin und wieder ein Konzert, könnt ihr auf der Seite (Homepage-Link) nachlesen.
Nach gefühlten einhundert Abfahrten mit „Bochum-Stahl-Opel-Riemke“ durch Dortmunds Vororte fahrend, die passenderweise auch wie Dortmund heißen, nur mit „Lüttgen-“ davor, kommen einem ernsthafte Zweifel, ob „hier baut für Sie die Stadt Dortmund“ zum einen wahr ist – denn hier solte die Stadt erstmal anfangen abzureißen, bevor sie noch mehr dazu baut – und zum anderen, ob sie nicht versehentlich den Weg nach Castrop-Rauxel vollbaut. Sein wir ähnlich, solche Gedanken hegt man nur bei Vorfreude oder Langeweile. Bei den Kaput Krauts ist es die Vorfreude, die mir diesen Weg endlos erscheinen lässt (Homepage der Band schon mal an dieser Stelle einfügen).
Erst mal ankommen und sehen, dass The Jim Tablowski Experience schon spielen (eine Homepage mit besoffenem Hund, sehr schön). Wer oder was Jim Tablowski war oder ist, weiß ich nicht. Vielleicht die weißrussische Variante von Jim Knopf? The Jim Tablowki Experience sind Timm und Maik und sie spielen eine Art von Streetpunk, der mich ein wenig an Gainesville und an einige der NoIdea Band denken lässt. Schlagzeug, Gitarre, dazu munter durcheinander wechseln, das erinnert immer ein wenig an Abstürzende Brieftauben, nur musikalisch hier eher meinen Geschmack treffend. Schön und mal ansehen, bitte.
Kaput Krauts im Bahia de Cochinos
Danach dem nette Maks (RilRec-Link) und seiner Begleiterin – fuck, ich und Namen … – „Hallo“ gesagt. Wie das abgelaufen ist, kann man hier nachlesen, so zu sagen auch als Beweis, dass ich mir den Scheiß hier nicht ausdenke … oder zumindest nicht komplett. Der Bericht ist aber auch eh viel besser als dieser hier und hat noch tollere Photos … plural, sozusagen. Aber wen interessiert das, wenn wir an dieser Stelle des Berichtes sind, an dem die Kaput Krauts auf die Bühne kommen („Endlich“, höre ich einige Leute denken. „Den Schwachsinn kann man sich auch keine weitere Sekunden weiterdurchlesen. Warum bin ich überhaupt hier? Und warum wieder den ganzen Tag im Internet? Kann ich nicht mal was Vernünftiges tun? So, Revolution oder Armen helfen? Genau, das mache ich jetzt, wenn ich den Text zu Ende gelesen habe.“). Das hatten wir auf dem Blog schon mal, dass die Kaput Krauts Musik gemacht haben, einmal in Köln (Link) und einmal in Dortmund (Link) dokumentiert. Und diesmal ist es wieder gut. Ich finde die fünf Jungs sind so eine Art „sympathisch asozial“, einfach schön zu sehen und zu hören, wie sie sich auf der Bühne anfucken, anspucken, Mützen klauen und neben der guten Musik auch immer wieder mit einigen Konventionen brechen, ohne dass es aufgesetzt oder anstrengend oder gar unglaubwürdig wirkt. In Castrop-Rauxel zum Beispiel gibt es ein schön nerviges Techno-Gedudel bis zur Schmerzgrenze, als die Fußmaschine ausgetauscht werden muss, oder Bierduschen fürs Publikum aus dem Gesicht des Sängers, nachdem er schon den Rest der Band seine Liebe so gezeigt hat. Oder seinen Hass? Keine Ahnung?! Dazu großartige Texte der Band, die ehrlich angepisst sind und nicht so einen Eimer Zwangsneurosen-Wut ausschütten, die sich mit der Fahne drehen, wenn von irgendwo die Scheine wedeln. „Sag mal, kannst Du eigentlich von der Musik leben?“ – „Ohne Euch vielleicht!“ Super Dialog auf der Bühne.
Danach wieder zurück und noch mal auf ein Bier ins Soul. Den Laden werde ich auch vermissen, damn it!

Reviews: Disco//Oslo; Bad Omen; On On On

DISCO//OSLO – ’s/t‘ LP
Auf dem „Loss Of Breath“ Festival stand die Platte so ganz alleine in einem Karton mit anderen Platten. Angelächelt hat sie mich nicht, denn das können Gegenstände nicht, aber sie hat schon meine Aufmerksamkeit erregt. Vor einigen Wochen bei Tante Guerilla hatte ich sie schon online gesehen, mich aber noch gegen die Mitnahme entschieden. Welch Respektlosigkeit in den musikalischen Geschmack der Saarländer. Also dann in Hamburg, wo man diesen Sound erwartet, kurz gedacht, was soll der Geiz, rein ins Portemonnaie gegriffen und den Zehner herüber geschoben. Zu Hause dann keine Sekunde diesen Schritt bereut. Im ersten Moment denke ich noch, viel besser als diese langweiligen, überbewerteten Frau Potz, aber auch viel schlechter als Dackelblut. Doch so mehr ich höre, so häufiger ich höre, umso näher rücken sie an Letztere, ohne ihnen natürlich – das wäre ja auch vermessen – den Bademantel zu reichen. „Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle hier gedacht“ (Allesfresser) wirkt authentisch angepisster, als andere aktuell Bands (wie auch die erwähnten „Ex-Escapado“-1-Album-Singenden-Frau-Potz), die viel aufgesetzter, gestellt wirken. Bei Disco//Oslo stimmt hingegen alles, guter Gesang, musikalisch zwischen den üblichen Verdächtigen, die zwischen Osnabrück und Husum herumwimmeln. Mir sind die Texte in weiten Teilen allerdings zu persönlich und damit wird es heutzutage ja schnell beliebig, „denn persönlich können alle“. Das heißt nicht zurück zum Ufftata-Deutsch-Punk, aber manchmal finde ich es auch gut, wenn Bands Stellung beziehen. Immer Interpretationsraum lassen bedeutet auch, sich vor Meinungen sträuben. Aber textlich gibt es gibt auch sehr schöne Momente, wie in „never say goodbye“ („Die einen Trampen nach Norden, die anderen hören nur davon“) oder in „sandburgen“ („Sandburgen wachsen nicht endlos, sie stürzen ein“ – klaut da jemand bei Stefan Mahlers „goldenen Türmen“?). Dicke Daumen nach oben.
Label: u.a. Kidnap Records

BAD OMEN – ‘unite and fight’ CD
Die philippinische Sperrspitze des Streetpunks mit einem neuen Album, inklusive den Hits „Bloody Bastard“ und „United and Fight“. Klar, Streetpunk, werden jetzt die ersten gelangweilt gähnen, „geh‘ mir wech mit sowatt“! Aber Bad Omen sind einfach eine großartige Punkband, deren Vorliebe für so manche No Idea / Gainesville Band sowie den spät 70er UK-Punk immer wieder durchschimmert. Die Band gründete sich schon Ende der 1980er, allerdings ist Jon Fishbone das letzte Originalmitglied, unter anderem weil der erste Schlagzeuger in die USA emigrierte, um seine Familie in den Philippinen unterstützen zu können. Das Nachfolgealbum zu „God is Everywhere“ hat 16 Hymnen und klingt im Gegensatz zum Vorgänger, das über einen Zeitraum von zehn Jahren aufgenommen wurde, nicht mehr nach einer Compilation, sondern einer guten, straighten Punkplatte. Klar, hier wird die Musik nicht neu erfunden, aber gute Musik bleibt gute Musik, die abgerundet wird durch „Manila Belongs To Me“ (Cock Sparrer, im Original), bei dem viele Freund/innen und Wegbegleiter/innen ins Mikro röhren. Das Artwork ist erneut von Victor Balanon, der hauptberuflich lange Jahre japanische Manga-Filme zeichnete, und ist großartig. Photorealistische Zeichnungen von Polizeigewalt, ohne allerdings in Plattitüden zu verfallen. Schade, dass es finanziell unmöglich ist für philippinische Bands Vinyl zu pressen. Das Artwork würde da erst richtig wirken! Dennoch, hier lacht das (Street-)Punk-Herz und ich bin mir sicher, dass Bad Omen in dem Genre so manch Band aus den USA oder Deutschland mit einer Leichtigkeit an die Wand spielen würde, dass es nur so rappelt.
Lable: Middle Finger Records

ON ON ON – ‘s/t’ MC
Neue Band aus Berlin, die sich dem minimalistischen Punk verschrieben hat, beziehungsweise wie sie es nennen: Punch Pop. Orgel, Gitarre, Schlagzeug, dazu kurze Songs, die nicht die Spur von Langeweile aufkommen lassen. Musikalisch dominieren die Orgel und das Schlagzeug den Sound in dieser zum Teil durchaus räudigen Aufnahme, während Sängerin Sarah leicht dadaistisch anmutende Textbrocken zum Großteil in Englisch singt. In den späteren Songs dieses Tapes kommt hin und wieder das schon fast verstört wirkende Gelalle von Klaus hinzu, den vielleicht einige auch als „der fette Mann“ von DJ Tulpe & der fette Mann kennen. Sarahs Stimme fängt das wieder ein und bildet dazu einen guten Kontrast. Meistens sind die Songs nach einer halben bis ganzen Minute vorbei. Ein Vergleich fällt mir beim besten Willen nicht ein, aber einiges kommt Pre-Punk-70er mäßig, anderes erinnert an sehr minimalistischen Punk’n’Roll oder die Authentizität von Riot Grrrl. Der letzte Song der A-Seite erinnert durch Einsatz einer Blockflöte gar ein wenig an Kimya Dawson, die Anti-Folk-Attitüde dürfte allerdings bei dem Rest des Tapes noch am ehesten als Vergleich herhalten, weniger die Musik. Die B-Seite fällt leider etwas ab, da es auch ein paar fast schon psychodelische Nummern hat, was aber dennoch in den Gesamteindruck passt. Das Tape selbst ist liebevoll aufgemacht, kommt mit Aufkleber, Patch und die Cover sehen individualistisch angefertigt aus. Gutes Tape und spannendes Projekt, Danke!
Kontakt: ononon@go.to

Loss of Breath Festival in Hamburg

I Found Myself In Austin, Texas + barren. + Republic of Dreams + Henri Parker + Momentum + The Blue Screen of Death + Planks + Light Bearer in der Roten Flora in Hamburg (7. Juli 2012)
Seit langem mal wieder auf dem Weg in den hohen Norden, da ich morgens einen Vortrag zum Thema “Reproductive Health Bill in den Philippinen” halten muss. Um fünf Uhr schellt der Wecker erbarmungslos, ein 24-Stunden-Tag steht vor der Tür, denn schon zu dem Zeitpunkt ist klar, vor fünf Uhr am Sonntagmorgen werde ich nicht im Bett liegen. Denn in Anschluss an den Workshop treffen ich mich mit Good Old Fabsen, der mir auch eine Couch für die Nacht bietet. Mitbewohner begrüßen, Händeschütteln und dann ran an die aufgewertete Club Mate. Begrüßungsdrink und schon schnellen Schrittes in Richtung Rote Flora. Dort findet der zweite Tag des „Loss of Breath“ Fests 2012 statt. Leider haben wir am Vorabend Beyond Pink, Masakari, Alpinist und Adorno verpasst, während am Samstag nur Bands spielten, die mir wenig bis gar nichts sagten. Doch Fabsen drängte, da bei I Found Myself In Austin, Texas ein Freund von ihm die Gitarrensaiten bearbeitet. Also flugs einen der letzten Eintrittsstempel bekommen (fünfzehn Personen nach uns hatten noch das Glück) und dann in den großen Raum, Band schauen. I Found Myself … sollten dann tatsächlich eines der Highlights des Abends sein, Post-Hardcore aus Hamburg (Link zur Bandcamp-Seite), der sehr angenehm und laut war. Generell war natürlich das ganze Festival weniger für Fans des gleichzeitig stattfindenden Schlager-Moves gedacht, sondern für Freunde von metallastigem, schweren Hardcore / Screamo. Außer Henri Parker, der ein Akustikset in der Bowl an der Flora spielte, dominierte dieser Sound, die Zuhörer/innen wippten maximal mit Beinen und Kopf. Das Set in der Bowl war dann auch ganz nett, wobei Henri Parker mich wenig überzeugen konnte. Es gibt momentan viele Liedermachen / Songwriter / Akustik-Heinis und viel steht und fällt einfach mit der Stimme und den Songs. Stimme war ja noch okay, aber die Songs hatten einen geringen Wiedererkennungswert. Gerade bei Folk / Country mag ich es, wenn v.a. Refrains mitreißend sind, Chuck Ragan’s „The Boat“ ist so ein Song oder viele Sachen von Tim Barry. Was aber schön war, war die Erinnerung als wir an der Flora letztes Jahr stundenlang Menschen beim Skaten zugesehen haben und irgendwann jemand hinter uns anerkennend meinte: „Boah, geil abgebrämmst“, als wäre „abbrämsen“ ein US-amerikanischer Ausdruck für einen wunderbaren Trick und nicht das deutsche Wort für anhalten / stoppen. Großartig! Danach ging es drinnen weiter mit düsterem Hardcore. Viele Bands langweilten mich daher auch sehr schnell, außer Planks schaffte es live keine mich tatsächlich in ihren Bann zu ziehen. Planks waren allerdings richtig groß, ein Wahnsinn wie die Band zu dritt einen solch dichten Sound hinbekommt. Durch die Anstrahlung der Band von unten gab es zudem schöne Schattenspiele an den hohen Wänden der Flora. Ein wenig ärgerte ich mich, dass ich zu dem Zeitpunkt schon meinen Photoapparat zusammen mit den erworbenen Platten in Sicherheit gebracht hatte. Andere Bands wie Momentum (die wir leider fast komplett verpassten), barren. oder Light Bearer waren auch gut, aber irgendwie waren sechs Stunden von dieser Musik für mich zu viel. Plattenstände, leckeres Essen und Kaltgetränke verkürzten natürlich das Warten. Im Anschluss gab es dann noch eine Aftershow Party, in der vor allem trashiger 80er und 90er Pop aufgelegt wurde, was einen herrlich Kontrast darstellte. Die zumeist in schwarzen Band-T-Shirts (mir inklusive) Gekleideten tanzten nun, lächelten und die zuvor düstere Atmosphäre wich. Sehr merkwürdig und schön zugleich. „Paris fällt“ von Pascow, „Porsche, Genscher, Hallo HSV“ von den Goldenen Zitronen, „Gotta Go“ von Agnostic Front und andere „Einspieler“ von Punk und Hardcore Klassikern und Hits lockerten das Programm auf. Sehr schön die Reihenfolge: Bon Jovi „You gave love a bad name“ und im Anschluss „Bullenwagen klauen“ von Ricco Raw. Während des ganzen Abends dazu noch anregenden Gespräche und das Wiedersehen von ein paar Freunden und Bekannten, sehr schön. Irgendwann nach Michael Jackson oder Madonna ging es dann auch nach Hause ins Bett, kein Wegbier, kein Abschlusssnack, einfach nur auf die Couch und schlafen, schlafen, schlafen.

Reviews: Animal Instinct, Pascow, Messer

Vinyl-Reviews: Animal Instinct, Pascow, Messer
ANIMAL INSTINCT – ‚unfinished business‘ LP
Der erste Longplayer der Band aus Winterthur und Zürich. Von einem unerledigten Geschäft lässt sich kaum sprechen, denn drei Jahre nach der Debut-Single legen die Jungs hier zwölf wütende oldschool Songs nach. Die Coverversion von Killing Time (“Wall Of Hate”) gibt eigentlich schon den Takt vor. Schneller, wütender, kompromissloser Hardcore, der an New York erinnert. Die Songs sind kurz und verzichten auf irgendein übertriebenes Metallgewixe, keine langen Refrains, einfach nur straight nach vorne! Judge, Cro-Mags und andere alte Helden standen Pate für die Songs der Band aus der Schweiz. Die Texte auf der Posterbeilage sind zudem nicht mit Klischees überladen. Wer auf diese Art von Hardcore steht, sollte unbedingt die Band auf Bandcamp (Link hier) auschecken oder direkt bei der Platte zugreifen.
Label: Take It Back

PASCOW / SPERMBIRDS – ‚split‘ 2×7inch
Hier haben sich zwei Bands gesucht und gefunden! Über beide Bands braucht man eigentlich nicht viele Worte zu verlieren. Die Spermbirds sind sicherlich eine der beständigsten und besten Hardcore-Bands in Deutschland. Sie liefern hier zwei Hits, die aus der Aufnahme-Session zur „Columbus Feeling“ (Review hier) stammen und die überarbeitet nun auf eine Single gepresst wurden. „What Jet Said“ und „Running In Front Of Cars“ sind vor allem getragen durch Lee’s Stimme, aber auch einem typischen Spermbirds Sound inklusive den Gesang unterstützende Chöre. Wobei gerade „Running In Front Of Cars“ so vielleicht sogar eher einer Steakknife Platte zu erwarten wäre, da die Gitarren rockiger sind. Dennoch, beides großartig! (Homepage Spermbirds)
Auch zu Pascow muss man nicht viel sagen, seit ihrer ersten Single 2001 gehören sie zu den besten deutschsprachigen Punkbands. Die sympathischen Jungs aus Deutschland-Süd-West haben sich im Frühjahr ins Studio geschleppt und zwei Coverversionen aufgenommen. „Spraypaint the walls“ ist nicht der Song von Black Flag, sondern im entfernten mal ein nie veröffentlichter Song von Cünstler (Link), eine Band um Ultrafair und Love A Mitglieder, der in der kurzen Zeit des Bestehens der Band leider nie veröffentlicht worden ist. Dazu kommt noch einer der großartigsten Dackelblut Songs, wenn nicht gar der beste: „Friseur“. „Verknallen ist einfach, das Ende umso schwer!“, welche wahre Botschaft. Beide Songs sind nicht ganz so typisch für Pascow und dennoch bekommen sie eine eigene Note. Wie schon bei der Knochenfabrik- oder der Lattekohlertor-Coverversion beweisen die Jungs aus „Gimbweiler mit G“ ein grandioses Händchen auch für Songs von anderen Bands. Optisch kommen die vier Songs auf zwei Singles (Pascow auf rotem, Spermbirds auf blauem Vinyl), mit schöner Klappcover-Aufmachung mit Texten und die ersten zweihundert zudem mit einer „spraypaint the walls-Hülle. Sehr schönes Teil und zu 100 Prozent empfehlenswert. Und einen „illegalen Download“-Code gibt es auch noch, ganz legal dabei. Wahnsinn! Bestellen am besten direkt bei der Band (hier mit weiteren Infos) (Homepage Pascow)
Label: Rookie Records / Boss Tuneage Records

MESSER – ‚im schwindel‘ LP
Flight 13 schreibt dazu folgendes:

    „[H]ier nun endlich das Debüt der Münsteraner um Press Gang, Dramamine und Ritual und beeindruckt durch und durch. Philosopisch-anspruchsvolle und düstere Texte, rau und kehlig geshoutet, mit einem Hang zu Rio Reiser, eine noisige, klirrend-gesplitterte Gitarre, die aber dennoch nicht unmelodisch ist, und dazu tight-treibende Bass und Drumlines, eins ist klar, Messer spielen in einer Liga mit den ganz Großen!“

Das Plastic Bomb hingegen meint:

    „Bands wie FEHLFARBEN und BLUMFELD standen und stehen für Individualität. Für Weiterentwicklung. Kreativität. Möglichst schrankenloses Voranschreiten. MESSER schreiten ebenfalls in diese Richtung. Aber ganz ehrlich Leute: Das ist totaler Schrott. Irgendwo zwischen Kunst, Selbstverwirklichung und Punk verheddert man sich in einem Netz aus Langeweile und Konturlosigkeit. Die Texte berühren nicht. Sie sind schlichtweg vollkommen uninteressant. Die Musik ist belanglos. Wenig originell. Der Gesang ist monoton. Die Songs wabern im Raum umher ohne einen jemals direkt zu konfrontieren. Irgendwo in der Peripherie hustet jemand, doch niemand nimmt davon Notiz.“

Green Hell bewirbt die Platte wie folgt:

    „Erste Assoziationen sind Blumfeld (ganz frühe) und Fehlfarben (die erste). […] Messer sind spröde, klirrig, rätselhaft, versplittert. Trotzdem rollt die Platte ungemein. Die Beats sind zackig, der Bass treibt kompromisslos die Herde vor sich her. Melodisch, aber vor allem tight. Die Gitarre scheint sich aber immer wieder höhnisch zu entziehen, in luftige Delay- und Geräusch-Wabereien. Und da merkt man, dass das andere Standbein Messers ganz woanders, nun ja, steht, als „nur“ im (deutschen) Post-Punk der 80er/90er: Neu! oder Can findet man hier genauso. Dunkel ist es bei Messer dennoch, Improvisation ist hier nie hippiesk, sondern immer fiebertraumhaft und monoton, da sind Expressionisten am Werk!“

Egal was die anderen schreiben, mir gefällt die Platte ungemein gut, vor allem weil sie sperrig, anders, irgendwo im Punk angesiedelt und dennoch andere Verweise erzeugt. Die Jungs aus dem Umfeld des großartigen AKZ Recklinghausen haben zehn Songs auf Platte gepresst, die sicherlich nicht der große Soundtrack für den Sommer sind, sondern eher für düstere Tage vor dem Kamin mit Rotwein, für stürmische Tage an der Küste, für das Andenken an dem Friedhof. „Die Wut, die mich zerfrisst, weil das Leben eine Lüge ist, das Glück, das mich zerfrisst, weil das Leben meine Liebe ist“ (Lügen) ist zum Beispiel unglaublich energisch, obwohl nicht schnell. Erinnert mich auch ein wenig an ganz alte Punk-Aufnahmen, als der Rocknroll-Bezug nicht immer vorhanden war, wo herum experimentiert wurde, wo es nicht nur um das Herumgekloppe auf Instrumenten ging, sondern Energie auch anders erzeugt wurde. Messer gefallen mir einfach.
Label: This Charming Man Records