Archiv für November 2012

Alleiner Threat #03 – Out in January 2013

Alleiner Threat #03 Cover

Alleiner Threat Number Three – issue on Religion and Punkrock
Comes with interviews, articles and short stories. And as usual with out advertisements, reviews and other bullshit.
Watch out!

#at03#

We Had A Deal, Freiburg und Willy Fog in Düsseldorf … oder auch nicht

We Had A Deal + Freiburg + Willy Fog im Sessionclub, im Hang Over in Düsseldorf oder auch nicht (10.11.2012)
D.I.Y.-Konzerte zu organisieren ist immer eine Menge an Arbeit. Bands suchen, Bands einladen, Räumlichkeiten suchen, Essen kochen, Werbung machen, Eintritt und Getränkeverkauf organisieren, Publikum im Zaum halten und am Ende der Veranstaltung wieder alles sauber machen. Großartig, dass sich Leute das immer wieder freiwillig antun und den Konsument/innen unter uns „einfach zu genießende Abende“ organisieren. Davor habe ich eine Menge Respekt!
Das beschissenste an der Arbeit ist vor allem, wenn man spontan umplanen muss. Ich erinnere mich an eine Band, die uns am Abend vor der Show einfach mal absagte, weil ein anderer Gig weggefallen wäre und sich der Weg nun nicht mehr lohnen würde. Eine andere Sache ist, wenn Stunden vor der Show das Zollamt einfach mal wegen Schwarzarbeit oder anderen Dingen einen Laden dicht macht. So geschehen im Sessionclub in Düsseldorf-Dehrendorf.
Mit dem Schlagzeuger von Freiburg sitze ich um kurz vor sieben noch in der S-Bahn nach Düsseldorf, als uns die SMS erreicht. Wir sind spät dran, doch dass der Gig ausfällt war bisher nicht an unser Ohr gedrungen. Liegt auch daran, dass wir die Facebook-Statusmeldung in der Veranstaltung nicht gelesen habe, wo um 18:15 die Schließung der Örtlichkeiten gepostet wurde.
We Had A Deal waren zu dem Zeitpunkt von Jena bereits 100km vor Düsseldorf und drehten um. Freiburg (Gütersloh, Clarholz, Köln) sowie Willy Fog (Kamen, Unna) waren zu dem Zeitpunkt schon komplett oder größtenteils da. Nach langem hin und her findet sich dann tatsächlich noch ein Laden, der spontan die beiden Bands noch unterbringen möchte, das Hang Over in Düsseldorf-Rath. „lub Lounge“ trägt der Name im Untertitel. Also noch mal alles in Autos und weitere fünf Kilometer Richtung Nirgendwo. Dort dann alles aufbauen und feststellen, dass Mikros und Gesangsanlage fehlen. „Club Lounge“ halt. Einzig und allein die Getränkepreise lassen vermuten, dass der Getränkeverkauf diesen Laden kaum betreiben lassen kann. 2 Euro für den halben Liter Diebels oder Krombacher, krass.
Obwohl der Gastgeber hilfsbereit war, es zog sich alles. Hier musste was besorgt werden, dort fehlte das noch. Insgesamt waren noch knapp zehn Leute als „Publikum“ zu gegen, die meisten wegen Freiburg, wenn ich das richtig gesehen habe.
Die beiden Organisator/innen rotierten gut sichtbar und als keine/r mehr dran glaubte, ging es doch noch los. Um halb elf konnten Willy Fog anfangen ihr Set zu spielen. Naja, Emo/Screamo, den ich nicht sonderlich spannend fand (in Münster). Der Sound war auch mehr als dürftig, es schepperte, es krachte. Die Jungs spielten 40 Minuten und dann … Boxen! Der Besitzer des Hang Over muss wohl vorher schon klar gemacht haben, dass wenn Klitschko boxt, alles ruhig zu sein hat und auf seinem riesen TV nur Boxen laufen wird.
(ab hier am 12. November 2012 editiert, da neue Infos)
Das wusste nur niemand! Tja, und so ging es dann ohne Boxen und ohne Freiburg nach einem langen Abend mit viel Warten und ständiger Unsicherheit nach Hause mit einem mehrwürdigen Gefühl …

Aktuelle Musik Reviews

In letzter Zeit sind hier ein paar Tapes, Platten und CDs eingelaufen, die mir so gut gefallen, dass sie hier noch mal präsentiert werden sollen:

EL CAMINO CAR CRASH – s/t MC
Aus welchen Gründen auch immer stoße ich im Moment andauernd auf österreichische Musik. Diesmal sind es die Ex-Mitglieder von Within Walls und Unveil, die als El Camino Car Crash nun diese auf 100 Stück limitierte Kassette raushauen. Der Chevrolet El Camino, bekannt unter anderem aus dem Spielfilm Staatsfeind Nummer 1 oder der Serie My Name Is Earl, wird hier musikalisch vor die Wand gesetzt, zusammengebaut und noch mal mit Schwung vor die gleiche Mauer gefahren. Wütender Hardcore mit gesellschaftskritischen Texten, die mit Kirche oder Missständen bedingungslos abrechnen. Erinnert mich stellenweise an The Hope Conspiracy und ähnlich wie bei denen, brauche ich auch für das Tape mehrere Durchgänge, bevor es mich richtig fesselt und Spaß macht. Sehr gute Band und schöne Aufmachung, denn das Tape kommt mit Texten und farbigem Cover!
Take It Back Records

CAPTAIN PLANET – Treibeis, LP
Es haben ja schon fast alle, ja wirklich alle Medien bis hin zur Taz, Welt und der Süddeutschen sowie alle möglichen Fanzines und Musikmagazine über das neue Captain Planet Album berichtet. Fürs Trust #136 (kann man hier nachlesen) durfte ich die Jungs Anfang 2009 abends in Essen in einer Seniorenkneipe vor das Mikro zerren und fand es erfrischend und großartig, wie nett und sympathisch die Jungs waren. Wasser kommt, Wasser geht ist sicherlich eines der besten deutschsprachigen Alben der letzten Jahre. Inselwissen, der Nachfolger gefiel mir weit weniger, vielleicht auch wegen der hohen Erwartungen. Daher war ich skeptisch, ob Treibeis gut und der Hype um die Band tatsächlich berechtigt ist. Ob Hypes generell Berechtigung haben sollen andere entscheiden, doch das neue Album ist sehr gut geworden. Druckvoller und direkter als zuletzt, den guten Song Nationalpark von der Split mit den mächtigen duesenjaeger gleich nochmal verwurstet. Schon mit dem Opener Pyro legen sie sofort eine Hymne hin („viva allein“!) und das zieht sich durchs ganze Album.

„Heute klappt nichts“ (Song: Sand in den Augen) schreit es dann direkt weiter in den nächsten Song hinein, „in einer Stadt ohne Sprache“. Es fällt schwer, einzelne Songs herauszuheben, denn das Album ist ein Genuss, durchgängig. Zeitstrafe, das neue Label von Captain Planet, hat schon seit jeher ein super Händchen für großartige Bands und meiner Meinung passen Label und Band sehr gut zusammen. 2012 darf Punk genau so klingen.
Zeitstrafe

OIRO – Gruppe ohne Therapie, LP
Vor kaum einer Band habe ich mehr Respekt, als vor dem Düsseldorfer Quintett. Auch wenn ihre Musik sicherlich nicht sonderlich innovativ ist – böse Zungen sprechen von Dackelblut-Rip-Offs – gehen sie als Band neue Wege, probieren sich aus und definieren für sich Punk als weit mehr als nur „Musik“. Die Kneipentour durch Düsseldorf 2008 war zum Beispiel ein so großartiger Moment, mit Abstand der beste Konzerttag, dem ich je beiwohnen durfte.

Ebenfalls großartig waren zuletzt die fünf Singles, auf denen sich jeweils ein Bandmitglied hemmungslos austoben konnte. Die LP Gruppe ohne Therapie fasst diese fünf Singles noch einmal zusammen und zeigt die vielschichtigen Interessen der Band: Chanson, Metal, Powerpop und Deutschpunk, alles wird hier verwurschtelt und verarbeitet. Das Ganze wirkt am Ende wie ein Sampler, auf dem mir einige Songs sehr gefallen, andere weniger. Doch vor dem Gesamtkonzept habe ich wahnsinnig viel Respekt! Wer die Singles nicht sein oder ihr Eigen nennt, sollte hier noch zuschlagen. Vielen Dank Oiro!
Flight 13

BERNADETTE LA HENGST – Integrier mich, Baby, CD
Bernadette La Hengst gehört definitiv auf die Seite der Guten! Ihr zumeist deutschsprachiger Pop kommt entspannt daher und punktet vor allem aufgrund mit guten, durchdachten Texten. Meine Lieblingsstärke ist allerdings, dass sie mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, wie bei deine eigene Art oder ich bin drüber weg. Dazu kommt eine politische Haltung, die nicht vor Plattitüden strotzt, aber mit Sätzen wie „ich suche keine Krümel von dem Kuchen, sondern nur das allergrößte Stück“ (das träge Glück) doch eindeutig Position bezieht. Das ist endlich mal punkrockige Haltung und kein Herumgejammer, wie im Deutschrock oder der Hamburger Schule anno Dazumal. Und weil es alleine manchmal langweilig ist, gesellen sich illustre Gäste wie Oliver Guz (Aeronauten), Peta Devlin (Braut haut ins Auge) oder Rocko Schamoni zu Madame La Hengst. Klar, das ist Hamburgs-Mikrokosmos, aber dieser lädt ein zum gut fühlen und zusammen für das bedingungslose Grundeinkommen tanzen.
Trikont

OLIVER KORITTKE LIEST ALEX GRÄBELDINGER – Die Hölle … ist hoffentlich ein warmes Plätzchen, um sich zu erholen, DoCD
Sicherlich ist das an dieser Stelle wenig verwunderlich, kaum eine wirkliche Enthüllung, aber: Ich bin ein großer Fan von Alex Gräbeldinger! Nicht nur, weil ich mit dem sympathischen Herrn schon Bühne, Bier und Buffet geteilt habe, nein, ich mag seine zumeist entspannte, deeskalierende und unaufgeregte Art. Seine Geschichten lesen sich in ihrer Offenheit krass und man hofft, dass da jemand eine blühende Phantasie hat. Oliver Korittke kennen die meisten wohl aus dem Filmklassiker Bang Boom Bang, dem ich immer noch einen hohen dokumentarischen Wert unterstelle. Wenn jemand mich nach dem Ruhrgebiet fragt, erwähne ich diesen Film. Daher überrascht es mich schon, dass die Kombination – Korittke liest Gräbeldinger – bei mir auf Anhieb nicht sofort funktioniert. Die Stimme von Korittke ist zwar angenehm, die Textauswahl sehr gut, aber die Betonung, der Lesefluss gefällt mir nicht, wirkt auf mich weniger glaubwürdig. Aber kann eine Kopie besser als das Original sein? Ich weiß, dass Freunde, die Alex noch nicht live gesehen haben, mit dieser DoCD weitaus mehr anfangen können. Vielleicht fällt es mir schwer, das voneinander zu trennen. Auf der anderen Seite ist das jetzt jammern auf hohem Niveau, denn sowohl die Stimme, die Textauswahl, die Aufmachung und der Comic/das Wendeposter rechtfertigen jeden Cent, den man in dieses liebevoll Stück Kleinod investiert hat. Keine Frage, dicke Kaufempfehlung, denn außer Oliver Korittke liest wohl nur Alex selbst seine Texte besser, das aber bestimmt!
Kopfnuss Verlag, Rilrec, Kidnap Music

Blank Pages + Modern Pets + Dean Dirg in Mülheim

15 Jahre AZ Mülheim mit Blank Pages + Modern Pets + Dean Dirg im AZ Mülheim in Mülheim (02.11.2012)
Das AZ Mülheim wurde 15 Jahre alt und feierte sich – zurecht – selbst. Das AZ ist tatsächlich eine Institution, Manifestation oder einfach nur eine sehr wichtige Anlaufstelle für Punks und andere Menschen aus den Subkulturen. Im Ruhrgebiet gibt es nichts was in der Größe und der Aktivität vergleichbar mit dem Ort in Mülheim ist.
Da das AZ Mülheim an diesem Abend keine Geschenke mitgebracht bekommen wollte, nicht einmal Eintritt verlangte, fühlten wir uns etwas schuldig, nichts vorbereitet zu haben – Jounglage, Singen und andere Dinge sind leider nicht meine / unsere Stärke. Also einfach nur an die Bar, Club Mate ordern, Platten stöbern, empfehlen, kaufen und sich nett unterhalten.
Blank Pages spielten auch schon als wir kamen und konnten kaum überzeugen. Poppiger Punkrock der ganz nett war, aber auch nicht mehr. Irgendwie habe ich mich an dieser Musik satt gehört, kann ich mal unterwegs oder zu Hause hören, aber live brauche ich das nicht mehr unbedingt.
Gleiches gilt eigentlich auch für die Modern Pets (s. Konzertbericht hier), die wir auch gleich verquatschten und zu den letzten beiden Songs erst wieder im Konzertraum waren. Das war gut, aber solche Bands erfreuen mich über eine Zeitspanne einer Single, dann geht es links rein und rechts raus.
Dean Dirg sind da anders, auch wenn ich ihren Auftritt an dem Abend nicht sonderlich gut fand, an den hohen Erwartungen aus früheren Shows gemessen. Selbst ein durchschnittlicher Auftritt reicht halt, den Raum einzunehmen. Habe sie mal mit Insurgent Kids 2006 in der Berliner Köpi gesehen und war überwältigt. Diese kurzen, rockenden, direkten Songs, ein Wahnsinn. „Dean Dirg’s bored“, „$ 8,95″ und viele andere Songs sind einfach Hits. Ein ansonsten kurzweiliger Abend ging dann auch schnell zu Ende, was aber eher an den netten Menschen im AZ lag als an den Bands. Nichtsdestotrotz hat’s viel Spaß gemacht.

Slime in Münster

Slime in der Sputnikhalle in Münster (26.10.2012)
Der 12. November 1994 hat mein Leben verändert. An diesem Abend hing ich vor meinem kleinen Radio und habe die WDR 1 (bis Mai 1995 war das der Name von 1 Live) Rocknacht gehört und wartete auf Stiltskin, die damals diesen Jeans-Werbung-Hit hatten, „Inside“ oder so ähnlich. Völlig egal und noch am selben Abend in Vergessenheit geraten. Um acht Uhr abends stellte ich mein Radio an, schob eine Kassette ein und schnitt geistesabwesend das erste Punkkonzert mit, dem ich beiwohnen durfte – und sei es nur als Hörer alleine als Jungspund vor dem Radio in Ostwestfalen. Schon der erste Song – „Untergang“ – ballerte meine unschuldigen Ohren an die Wand, schoss durch mein Hirn und die Fetzen meines Restverstandes versuchten sich unter der Kinderbettdecke zu verstecken. Solche Musik lief nicht in meiner Spieluhr, solche Musik lief nicht in den Musiksendungen, die ich ansonsten hörte. Klar, AC/DC, Motörhead und Guns‘N'Roses waren mit ein Begriff, deren Kassetten lagen in meinem Zimmer verstreut. Aber diese Slime waren anders!
Das Set führte durch Hits wie „Alle gegen Alle“, „Alptraum“, „Schweineherbst“, „Zusammen“, „Störtebeker“, „Religion“, „Brüllen, Zertrümmern und Weg“, „Deutschland Muss Sterben“, „Gewalt“ und „Der Tod Ist Ein Meister Aus Deutschland“. Übrigens ein Set, das außer „Deutschland Muss Sterben“ und „Zusammen“ auch an diesem Abend im Jahr 2012 in Münster gespielt wurde.
Aber zurück in meine Jugend. Die Slime „Schweineherbst“ CD musste ich mir gleich am nächsten Schultag von einem Freund ausleihen und mein Vater wurde gebeten, die Texte auf der Arbeit zu kopieren. Ich habe ihn nie gefragt, ob er sich die mal angesehen hat. Wenn er es getan hat, hat er es sich nicht anmerken lassen.
Slime waren somit mit einem Schlag und für eine lange Zeit eine der wichtigsten Bands und für mich mein Eintritt in die Welt des Punks. Eine Welt, die mich dazu brachte das zu machen, was ich heute mache – z.B. sinnentleerte Blogeinträge wie diesen über Bands zu schreiben. Nach Slime kamen andere Bands und es dauerte einige Zeit, bis The Revolvers durch das Covern des Songs „Zu Kalt“ – auch im Münsteraner Slime Set – mir die Band wieder nahe brachte. Das muss so um 2003 / 2004 gewesen sein. Danach kaufte ich mir die „Alle gegen Alle“ auf Platte bei Greenhell in Münster.
Klar, nach Abschluss der Schule hatte sich auch der Musik-Geschmack weiterentwickelt, vor allem was Texte anging. Es mussten nun nicht unbedingt mehr die eingänglichen Parolen sein, dass „All Cops Are Bastards“ dadurch nicht falsch wurde, verdrängte ich für einige Zeit. … But Alive, Muff Potter, ot Water Music oder Leatherface wurden die Anknüpfungspunkte für mich, einige von den genannten Bands (… But Alive, Leatherface) suchen heute noch vergleichbare Musiker/innen und Texter/innen. Slime waren zu der Zeit fast nur noch mit den Bahnhofspunks assoziert, die außer Saufen nicht wirklich was geschissen bekommen haben.
Die Band hatte ich nie live gesehen und als sie sich 2009 / 2010 wieder vereinigt haben, war ich mehr als skeptisch:

    2010 ist das Jahr der großen Reunion von Slime und ganz Deutschland freut sich wie blöd. Ganz ehrlich? Ganz Deutschland? Zumindest ein paar Ausnahmen wird es geben. Zu denen gesell ich mich gerne. Welche Sinn hat denn eine Slime-Reunion? Nur, weil vielleicht ein oder zwei Texte zufällig noch aktuell sind?! Wäre es nicht spannender, eine neue Band würde eineN mal wieder umhauen? Aber, was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Dann lieber Slime, auch wenn die meisten Texte von denen nicht mehr heutige Alltagssituationen beschreiben. […] Nur um das einzuschieben, Slime hatten natürlich eine große Bedeutung in der deutschen Punkhistorie. Keine Frage, aber in der HISTORIE.“ (Alleiner Threat #01 – Januar 2010)

Inhaltlich stehe ich zu dem immer noch. Wie deprimierend war es Elf (aka Michael Mayer) bei Günther Jauch sitzen zu sehen (s. Blogeinträge dazu, #1 und #2)? Nicht die Tatsache an sich, dort zu versuchen Geld zu gewinnen – wobei man wirklich fragen kann, ob eine RTL-Show ein guter Weg ist Geld zu verdienen – sondern auch noch dieses spießige, miefige, peinliche, eingeschüchterte. Von Günther Jauch – einem neo-konservativen Unsympathen – auch noch mit dem Text von „Linke Spießer“ vrogeführt zu werden, war echt zu viel.
Dann kam dieses Jahr ein neues Album: „Sich fügen heißt lügen“. Das Album ist okay. Alte-Männer-(Punk-)Rock und da keine/r aus der Band Texte schreiben kann, haben sie sich beim alten Anarchisten Erich Mühsam bedient. Das geht einmal gut, ein weiteres Album dieser Art wird wenig Sinn machen. Auch die Offenheit, wie damit umgegangen wurde, dass niemand aus der Band Texte schreiben kann, fand ich okay. Zwar ein Armutszeugnis, wenn man genauer drüber nachdenkt, auf der anderen Seite aber auch besser das offensiv zu reklamieren, als das die Gerüchteküche brodelt.
Im Rahmen eines okayen Interviews im Plastic Bomb (Heft #79) stand dann auch das schöne Zitat von der Plattenfirma, dass Slime die einzige deutschsprachige Band seien, die in die Größenordnung der Rechtsrock-Bands wie Frei.Wild eindringen können. Klar, Slime sind natürlich besser als Frei.Wild oder so eine scheiß Musik, aber ist das der Maßstab für Punk geworden?
Das waren also meine Gedanken, als ich gefragt würde, ob ich mir Slime in Münster ansehen wollen würde. Ich sagte zu, da viele meiner Freund/innen mitkommen würden und da der erste Hype schon abgeflacht war. Nun ja, es war ein super netter Abend mit vielen Freund/innen, mit vielen guten Gesprächen, mit viel Alkohol, mit einer verpassten Vorband, mit einer Hauptband, die viele Hits spielte (s.o.). Außer „Goldene Türme“ und einige der alten Hits wie „Polizei, SA, SS“ hat eigentlich nicht viel gespielt. Dafür war Buttocks „BGS / GSG“ im Set, was an Deutlichkeit nicht hinter den alten Slime-Hits anstehen musste.
Am Ende war es ein gutes Konzert, leider mit vielen lahmen Songs vom letzten Album, die alle abfielen. Ich meine ehrlich, diese Songs sind auf Platte vielleicht ganz nett, aber wenn sie live in das Gesamtbild hineingezwängt werden, merkt man erst, wie alt und zahm die Band geworden ist. Das klingt dann wie Toten Hosen auf einmal.
Am Ende bleibe ich Reunion-Skeptiker. Auf der anderen Seite war es nett, sie mal gesehen zu haben und mich in meiner Meinung zu bestätigen. Witzig war, dass das Durchschnittsalter an dem Abend die 30 bei Weitem überschritten hat, fast keine Irokesen vor Ort waren und das einige Kids sogar mit ihren Eltern da waren. Dass sie für mich dennoch wegweisend waren, wird sich durch diesen Abend nicht ändern.

Snob Value + Dulac + Knifefight + Sink Franatra in Köln

Snob Value, Dulac, Knifefight und Sink Frantara im AZ Kalk in Köln (12.10.2012)
Kennt ihr das: Ihr geht auf ein Konzert und freut euch so semi auf eine Band. In diesem Fall Snob Value, die ich noch nicht kannte, aber schon viel Gutes von gehört habe (Snob Value Homepage). Und um es vorwegzunehmen, Snob Value waren mit ihren kurzen, aggressiven Hardcore-Songs ziemlich gut. Einzig und allein das etwas übertriebene Eingreifen von übereifrigen AZler/innen, die sich über das jeweilige Tanzgebahren einiger Anwesender aufregten, tat der Freude ein wenig Abbruch. Ich meine, ja!, Machoscheiße hat nirgendwo etwas zu suchen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass zum Teil die Definitionsgewalt, was tatsächlich übertrieben ist und was nicht, bei Leuten mit enorm niedriger Hemmschwelle angesiedelt ist. Jetzt kann man argumentieren, dass ein solcher Freiraum auch für alle da ist und sich alle wohl fühlen, aber wenn die Einschränkungen zu groß sind, fühlen sich nun halt nicht mehr alle wohl. Wenn Leute aufgrund von Nichtigkeiten angehalten werden, sich „zu benehmen“, dann ist das einfach Scheiße und ist für mich kein Freiraum. Wir sprechen hier immer noch von energiegeladener Musik, die sicherlich nicht jedes unsoziale Verhalten gegenüber anderen rechtsfertigt, die die Band sehen wollen, aber auf der anderen Seite können die meisten Menschen das auch für sich entscheiden und ein Hardcore-/Punk-Konzert ohne Bewegung funktioniert einfach nicht. Nun ja, aber da ein gesunden Mittelmaß zu finden, ist wohl nicht möglich und die Definitionsgewalt auch nicht bei mir, bzw. ich will sie gar nicht haben. Aber das drückte ein wenig auf die Atmosphäre von mir, meiner Begleiterin und einiger anderen im Raum. Die Band konnte definitiv nichts dafür und eigentlich wollte ich darauf gar nicht hinaus.
Zurück also zu Beginn des Abends: Man geht also mit bestimmten Erwartungen an ein Konzert. Für mich war es der vorletzte Abend, bevor ich dem Land mal wieder die kalte Schulter für einige Tage zeigen konnte, und ich war gespannt, wie gesagt, auf Snob Value. Doch zu Beginn trat ein sehr schüchternes Singer/Songwriter Duo namens Sink Franatra auf, die nicht nur einen Weakerthans-Songs coverten (muss man eigentlich noch mehr schreiben? Können solche Menschen schlecht sein? Wir wissen alle die Antwort …), sondern auch ansonsten wunderbare Musik machten. Sehr nett. Im Anschluss dann eine weitere Folk-Combo namens Knifefight, die wir allerdings bis auf die letzten beiden Songs fast komplett verpassten. Songwriter-/Folkmucke funktioniert manchmal, und ziemlich häufig nur noch in geringen Dosen. Es hat einfach überhand genommen, aber wem sage ich das …
So, und dann die vorletzte Band des Abends, Dulac. Wir stehen da also im AZ Kalk in Köln, und wir warten. Und wir warten. Die Band fängt an und ich bin gelangweilt. Ich frage, ob wir nicht rausgehen sollen. Keine Lust auf Musik, es gibt wichtige Entscheidungen zu diskutieren und bis Snob Value beginnen dauert es schließlich noch. Doch wir bleiben. Und wir warten. Nach ein paar Songs nerven mich Dulac sogar ein wenig, um ehrlich zu sein. Wir verharren, zwei, drei weitere Songs. Und irgendwann passiert das, worauf ich hinaus will. Die Musik nervt mich nicht mehr, sondern sie wird angenehm. Umso länger wir bleiben, desto besser gefallen Dulac mir. Emocore der alten Schule. Ich merke, wie meine Beine sich bewegen, wie die Musik mich mehr und mehr begeistert. „Rites of Spring“ werden am Ende noch gecovert und ich finde mich wieder und erwerbe das selbstbetitelte vier Song-Tape, auf das ich hier noch einmal UNAUFFÄLLIG hinweise und das jede/n interessieren sollte, wenn er/sie/es auf alten Emocore wie Rites of Spring, Gray Matter und Konsorten steht (Link zur Hompage).
Genau dieses „Erweckungserlebnis“ (natürlich ein völlig überzogener Begriff, ich weiß … aber warum aufregen, es sind doch nur Worte?!) meine ich. Das hatte ich letztmalig in dieser Form bei Kimya Dawson, als ich eigentlich wegen den Groovie Ghoulies auf einer Show im Bielefelder Kamp war und Kimya Dawson durch ihre sympathische Art einfach alles in den Schatten gestellt hat. So, und nun kommt das krasse – ich habe gerade gegoogelt, wann dieses Konzert mit Kimya Dawson, Schwervon!, Matty Pop Chart und den Groovie Ghoulies war … und nun … nein … welch ein Zufall. Am 12. Oktober 2005, am gleichen Tag nur sieben Jahre zuvor. Ich sage mal, ich freue mich schon auf die Show am 12.10.2019 …

Inner Conflict + Captain Planet + Kaput Krauts in Köln

Inner Conflict + Captain Planet + Kaput Krauts im AZ Köln-Kalk in Köln (06.10.2012)
Konzertberichte in einem schon fast weitentfernten Rückblick zu verfassen, ermöglicht es ja auch, den chronologischen Ablauf ein wenig zu verlassen und sacken gelassene Gedanken mit in den Bericht einfließen zu lassen. Beim Inner Conflict / Captain Planet / Kaput Krauts Konzert bieten sich da gleich viele verschiedene Ansätze an:

    A.) Inner Conflict (Link: Inner Conflict), die sympathische PunkCore-Band aus Köln feiert ihren 20. Geburtstag und das mit einer großen Menge an Freunden im ausverkauften Kalker AZ.
    B.) Das Kalker AZ (Link: AZ Kalk) als mittlerweile zentraler Teil der alternativen Szene, vor allem rechts rheinisch (aufder sogenannten „guten Seite“, nämlich die, die nach Westfalen schaut).
    C.) Das neue Album „Treibeis“ der Medien-Lieblinge Captain Planet (Link: Captain Planet), welches an diesem Abend vorgestellt wurde.
    D.) Ganz persönlich, dass an diesem Tag der Verein, für den ich arbeite, sein Büro in Köln eröffnet hat und ich daher mit reichlich Sekt intus am Veranstaltungsort ankomme.
    E.) Musik im Allgemeinen, ist ja noch ein Konzertbericht.

Fangen wir einfach mal mit A an. Kölns lokale Helden Inner Conflict feiern ihre 20sten Geburtstag, dazu an dieser Stelle noch einmal nachträglich „Alles, alles Gute“! Schön, dass viele Menschen gekommen sind und die Show schon am Einlass um kurz nach acht ausverkauft war. Die sympathische Band um Frontfrau Jenny und ihren drei Mitstreitern gab wie immer Gas und hat sich vorher auch schon von Kaput Krauts und Captain Planet feiern lassen. Leider schienen sich einige Gratulant/innen im Publikum schon bei den beiden Bands verausgabt zu haben, denn es war doch merklich leerer im Konzertraum. Auch bei mir war irgendwie die Energie raus, vor allem da ich Inner Conflict doch schon das ein oder andere Mal gesehen habe und sie mir sicherlich in Zukunft wieder über den Weg laufen werden. Daher die Zeit genutzt, während sich die Band selbst Ständchen besungen hat, mit netten Leuten aus dem Kopfnuss-Umfeld zu quatschen und später dann gegenüber im Trash Chic noch herumzuhängen. Schande auch über mein Haupt, aber nach einem mehr als 16h-Tag war es irgendwann zu schwer, nur noch Input zu bekommen.

B.) Das AZ Kalk ist für mich, seitdem ich wenige Meter entfernt davon wohne, einer der zentralen Anlaufstellen geworden. Seien es Vorträge mit philippinischen Anarchisten oder einfach nur dieses Konzert – und wenige Tage später das mit Snob Value, Dulac, Knifefight und diesem Singer-Songwriter-Duo – das AZ ist einfach ein wichtiger Ort für Köln. Denn für Sonic Ballroom oder Aetherblissement wäre diese Veranstaltung wohl zu groß gewesen, für Underground zu klein. Und rechtsrheinisch gibt es außer dem Limes ansonsten auch nicht viel. Daher – „keinen Tag ohne AZ Kalk!“ Und eine Geburtstagsfeier von Inner Conflict passte hier wunderbar hinein.

C.) Treibeis – Review – Sektion
Eigentlich haben ja schon fast alle, ja wirklich alle Medien bishin zur Taz, Welt und der Süddeutschen sowie alle möglichen Fanzines und Musikmagazine über das neue Captain Planet Album berichtet. Fürs Trust #136 durfte ich die Jungs Anfang 2009 abends in Essen in einer Seniorenkneipe vor das Mikro zerren und fand es erfrischend und großartig, wie nett und sympathisch die Jungs waren. Eines meiner absoluten Lieblingsinterviews mit einer Band, die mit „Wasser kommt, Wasser geht“ eines der besten deutschsprachigen Alben der letzten Jahre geschrieben haben. „Inselwissen“, der Nachfolger gefiel mir weit weniger. Klar, hohe Erwartungen, aber Songs wie „Rambo“ oder „Blattsport“ gefallen mir bis heute nicht so, wie dem Großteil des Publikums bei Livekonzerten um mich herum.
Daher, ein neues Album, die Nummer drei, ich war skeptisch, wenn auch gespannt, live dann direkt überrascht, wie gut die neuen Songs wirken. Und ja, trotz des Hypes um die Band herum, das neue Album schließt zum Glück wieder an „Wasser kommt, Wasser geht“ an, ist vielleicht noch druckvoller oder wie sagt man gerne neoallemanisch: „straighter and direct to the point“. Der gute Song „Nationalpark“ war vorher ja schon von der Split mit den mächtigen duesenjaeger bekannt, mit dem Opener „Pyro“ legen sie sofort eine Hymne hin („viva allein“!) und das zieht sich durchs ganze Album. „Heute klappt nichts“ (Song: „Sand in den Augen“) schreit es dann direkt weiter in den nächsten Song hinein, „in einer Stadt ohne Sprache“. Es fällt schwer, einzelne Songs herauszuheben, denn das Album ist ein Genuss, durchgängig. Ob der Hype jetzt gerecht ist oder nicht, mag ich nicht zu beantworten. Hypes sind das wohl generell nicht und es sieht so aus, als wäre Punk aus Deutschland (mit Love A, Slime und den meiner Meinung überbewerteten Frau Potz) wieder ein großes Thema, v.a. wenn er – abgesehen von Slime – weit ab der üblichen Klischees spielt. Zeitstrafe, das neue Label von Captain Planet, hat schon seit jeher ein super Händchen für großartige Bands und meiner Meinung passen beide, Label und Band, sehr gut zusammen. 2012 darf Punk genau so klingen.

D.) Lange Rede, kurzer Sinn: Um 20:30 nach langer Vorstandssitzung, Büroeinweihung und Sektvernichtung einen langen Tag im AZ Kalk beenden lassen, ist doch etwas wunderbares.

E.) Zur Musik schon fast alles geschrieben. Kaput Krauts fehlen noch, die an diesem Abend leider nicht ganz aus der Statisten-Rolle heraus kommen konnten. Großartige Band, wie schon mehrfach geschrieben, aber irgendwie fehlte mir das direkte, kleine hier. Gerade als Band, für die ich aufgrund der Bühnenshow Begeisterung entwickele, funktioniert vor gefühlten 300 Leuten leider nicht so gut, wie in einer Kneipe vor 50 Personen.