Archiv für Dezember 2014

Toylettes + Front in Berlin

Toylettes + Front im Cortina Bob in Berlin (12.12.2014)
Was gibt es Schöneres, als in Gedenktage reinzufeiern?! Richtig, nicht viel! Die Prügelei beim Tanz in den Mai, das Geböller zur Neujahrsfeierei, die zünftige Weihnachtsmarktschupserei als Einstimmung auf das Wiegenfestes eines kommunistischen Langhaarhippies oder aber die Feier in den Tag-zum-Gedenken-der-Familienverhältnisse-in-der-deutschen-Polizei, kurz ACAB-Tag. So hat sich die Band Front aus Wiesbaden extra angekündigt, um das Kreuzburger-Publikum am Vorabend dieses Tages einzustimmen (13.12.). Der ACAB-Tag ist ja auch jedes Jahr aufs Neue ein Mahnmal für Polizeigewalt in Deutschland: sei es das Versagen der Polizeibehörden bei der Bekämpfung des NSU-Terrors, sei es, dass sie Hooligans gegen Salfisten eine ganze Stadt überlassen (auch wenn es nur Köln war) und im gleichen Moment harmlose Fußballfans kriminalisieren, sei es der Mord an Oury Jalloh und andere Tiefschläge des deutschen Rechtsstaates. Daher schön, dass die sympathischen Wies-Badenser ein paar Songs über die Bretter des Cortina Bob schossen (Homepage des Ladens). Also früh die Siebenmeilen-Stiefel geschnürrt, die gute Laune in die Hosentaschen und abdiekowski!
Toyletts
Nachdem einige Bekannte und Freunde begrüßt werden konnten, drehten auch direkt The Toylettes die Regler der Verstärker auf. Eine junge Band aus Potsdam und Berlin, die diesen gerade sehr populären minimalistischen Punk meets NDW spielt. Das war alles zwar noch bei Weitem nicht perfekt, aber gefiel mir mit steigender Dauer des Abends immer besser. Kurz, prägnant, charmant und auf die zwölf! Vor allem die Abwechslung, erzeugt durch Instrumentenwechsel und Einbauen eines Keyboards war witzig. Gerne mehr davon.
Front
Im Vergleich dazu folgten dann die im Vergleich zu den Toylettes die alten Männer von Front (Hompeage). Elf Jahre in die Band investiert, drei Alben, eine 10inch, eine Split-Single und ein Demo, eine reichhaltige Beute, nur um uns dann eine wunderbare Auswahl an Hits um die Ohren zu ballern. Vor allem für Berlin, wo viele arbeitslose Punks rumhängen und im Winter gar nicht wissen, wie sie ihre Langeweile und die Tristesse in Grau und Grau durchbrechen können, gab es gleich zu Beginn den wichtigen Lebenshinweis: Bild dich Ford! Damit die Räder weiter rollen, möchte man da Truck-Stop-like ergänzen. Das hatte das Publikum direkt dankbar aufgenommen, in die iMerkzettel gehackt und sich direkt den googleWecker für den nächsten Tag gestellt. So konnte im Anschluss erleichtert das Tanzbein geschwungen werden. Zum Prada-Meinhof wurde ausgiebig geschwooft. Verwirrung erzeugte dann die Hommage an das Plastik (Im New Yorker Sah Ich Hennes & Maurits Knutschen), da ein Teil der Anwesenden Plastik erst seit wenigen Jahren überhaupt kennen könnte (es war verboten in der Ostzone), die anderen die Angst haben, dass sich bei der Plastikentsorgung kleine Fische an dem Plastik-Scheiß im Ozean verschlucken (und ganz schlimm Bauchschmerzen bekommen). Dennoch tat dieser kurze Moment der Verwirrung der ausgelassenen Stimmung keinen Abbruch. Einfacher wurde es im Anschluss, als die Welt in Zahlen (eins und null) erklärt wurde. Dem einzigen Verschwörungstheoretiker, der sich im Raum befand, fiel es wie Schuppen von den Augen: „23″ ist tatsächlich nicht die Zahl der Welt und keine Erklärung für nichts! Er wird nie wieder KenFM hören, sondern nur noch Front (und vielleicht mal Casanovas Schwule Seite, denn die singen ja auch über den richtigen Mauerfall und das Mecklenburger Tor!). Viele weitere Hits gaben die Hessen noch zum Besten, bis sie kurz vor Abpfiff auch noch den Computerstaat zitierten – und damit die nahtlose Überleitung zum ACAB-Tag schafften. Denn gerade dieser Computerstaat, bewaffnet mit Digital(stopp)uhren war es, der ein Konzertende um 24:00 Uhr vorgesehen hatte. Es wurde zwar von Seiten der Band wie so häufig ominöse und oft zitierte „Nachbarn“ für das Konzertende angeführt, aber in Wirklichkeit sollten die Feierlichkeiten zum 13.12. nicht gestört werden. Dafür habe ich großes Verständnis und verlinke hier noch auf die Seite zu der Seite von BREAK THE SILENCE! Danke für den tollen Abend!

Review – Pascal Claude: Viele Grüsse aus dem Stadion

Pascal Claude – Viele Grüße aus dem Stadion
„Neues aus den Randgebieten des Fußballs“ lautet der Untertitel des Buches und wahrscheinlich wird sich jetzt manch eine/r fragen: „Was soll das jetzt hier auf Alleiner Threat?“. Pascal Claude betreut seit langem den Blog 45football.com, auf dem er Singles präsentiert, die einen Fußballbezug haben. Dort finden sich auch einige Singles, die durchaus im entferntesten etwas mit Punk zu tun haben. Zum Beispiel die Band Bums, die damals von AM Musik aus der Deutschpunkband Fluchtpunk.Terror zusammengecastet wurde und Borussia Dortmund eine Single widmeten. Oder die Single von Berliner Punks zum 100sten Jubiläum von Tennis Borussia Berlin im Jahr 2002. Auch Trio-Schlagzeuger Peter Behrens mit der Single „Wenn ein Tor fällt“ ist dort aufgenommen. Jenem Peter Behrens widmet Pascal Claude auch eine kleine Geschichte in diesem Buch. Der Autor hat lange Zeit Kolumnen für die linke Wochenzeitung WOZ in der Schweiz geschrieben sowie ein Fanzine herausgegeben: „Knapp Daneben“. In diesem Buch finden sich auf 120 Seiten Texte mit Fußballbezug, wobei letzterer – wie das Beispiel des Peter Behrens Text zeigt, nicht im Zentrum steht. Auch in vielen anderen Texten geht es weniger um das Spiel an sich, sondern um Geschichten drum herum. So nimmt er z.B. die xenophoben Äußerungen eines Schweizer Spielers auseinander, folgt dessen Fußballlaufbahn über die Schweiz, Frankreich, Italien und setzt dessen Migration in den Kontext von Migrant/innen, die in die Schweiz kommen, da sie sich dort ein besseres Leben versprechen und weiterentwickeln wollen. Man lernt viel über die Schweiz, über immaterielle Kulturerbschaften, über die übertriebene Schadensdarstellung verursacht durch Fans an der Schweizer Eisenbahn. Er berichtet aus Portugal, Deutschland, Italien, es sind immer wieder kleine Geschichten, die die / den Leser/in wissen lassen, dass des Autors Herz auf der richtigen und für die richtige Seite schlägt. Daher auch für Nicht-Fußballfans eine gute Lektüre!
WOZ-Verlag; ISBN: 978-3-906236-10-0; ca. 25,- Schweizer Franken

Fun Total + Portree + Duesenjaeger in Berlin

Fun Total + Portree + Duesenjaeger im Schokoladen in Berlin (06.12.2014)
Die Zeit ist ein Düsenjäger, der mit Überschall durch das Leben rast. Könnte man zumindest meinen, denn ein Jahr haben Duesenjaeger es geschafft, Berlin zu umgehen. Schade, vor allem die Tour mit den Split-7″-Freunden von Countdown of Armageddon (Review) hätte ich mir gern gegeben. Aber so: ein Jahr oder 364 Tage, um genau zu sein, nach einem wunderbaren Abend mit Notgemeinschaft Peter Pan und Grizou im Kastanienkeller, ist die Band wieder im tiefsten Osten. Den Termin zu Nikolaus dann doch vorsichtshalber rot im Kalender markiert und sich frühzeitig auf den Weg gemacht. Es könnte voll werden und der Schokoladen ist nicht der größte Laden, auch wenn einer der sympathischten. Und wie befürchtet, vor dem Laden wartete bereits eine große Traube an Menschen, um Einlass zu begehren. Es hat leider nicht für alle gereicht, verdammt!
Noch während des langsamen Vorrückens der Menschen draußen, fingen Fun Total aus Hamburg drinnen an. Sperriger Punkrock mit Leuten von Kotzen, Soleimn League oder Honigbomber. Gefiel mir ganz gut, auch wenn ich noch nicht wirklich warm war (Video eines älteren Auftritts). Kein Wunder: den Abend zuvor ein 0:0 der Berliner Lila-Weißen gesehen und stundenlang vor dem „goldenen Lachshirschen“ gefroren. Und das letzte Bier könnte auch noch schlecht gewesen sein … zumindest bin ich samstags doch noch einigermaßen verstrahlt und schütte zwei Liter Mate in mich. Immerhin, müde bin ich nicht mehr und der hektische Sound von Fun Total würde passen, wenn man sich denn bewegen könnte. Voll ist es, sehr voll. Kein Wunder!
Portree im schokoladen 2014
Im Anschluss dann dazu passend Portree. Ebenfalls Emo, aber deutlich mehr in Richtung Indierock. Portree (Bandcamp-Seite) gefielen mir einen Tacken besser und tatsächlich, ein wenig Raum hat sich ergeben und ich kann die Band ungestört genießen, auch wenn mein Winkel mich nur Bassist, Sänger und hin und wieder den Schlagzeuger erkennen lassen. Feiner Auftritt! Auch Portree sind so etwas wie eine „All-Star-Band“ … nun ja … Stars hat man ja keine … „Bekannte-Nasen-Band“. Leute von Duesenjaeger, Idle Hands, Blank Pages und anderen Bands.
duesenjaeger im schokoladen 2014
Eine letzte Umbaupause und um neun Uhr betreten dann Duesenjaeger die Bühne. Und wie immer ist es ein Fest. Kontinuierlich gut, auch wenn viel zu kurz, denn die Nachbar/innen des Schokoladens mögen es nicht sonderlich laut. Sollen sie doch nach Schönefeld ziehen, ist man geneigt ihnen zu zurufen, da treten keine Flugzeuge auf den Plan! Denn sonst spielt ja Keiner die Lieder, die wir hören wollen! Zumindest nicht an diesem Abend. Duesenjaeger sind tatsächlich etwas wie die Übriggebliebenen. Deutschsprachiger Punkrock, gute Texte, dennoch hymnisch und Bands wie Wipers nicht abgeneigt: das gibt es leider kaum noch. Es sind eher die Bands wie Matula, Turbostaat und Captain Planet, die vielen jungen Bands als Vorbild dienen. Daher freue ich mich immer, die Band zu sehen. 14 Jahre nach der Gründung gibt es immer noch Pläne und ich freue mich schon auf das 15te Jahr! Auf das sie weiterhin nach Berlin kommen und ein Abend wie ein „Fass ohne Boden“ nicht zu Ende geht … zumindest beim nächsten Mal nicht um Punkt zehn Uhr.
duesenjaeger im schokoladen 2014

Lesung in Wiesbaden – Cafe Klatsch – 20.12.2014

Am Samstag, den 20.12.2014 heißt es wieder einmal, auf die Bretter die das Café Klatsch bedeuten, hieven und laut vorlesen. Da Wiesbaden eine wunderschöne Stadt ist – und mein großes Ziel, endlich die größte Kuckucksuhr der Welt zu sehen, einen Schritt näher zu kommen. Die nach dem Krieg vom weltberühmten Souvenirverkäufer Emil Kronenberger aufgestellte Uhr, zieht mich nun schon zum vierten Mal in die Landeshauptstadt des Flächenstaates Hessen, nicht zu verwechseln mit dem Vorort von Hamm, Heessen.
Die schönsten Geschichten (optisch) werden eingepackt und vorgelesen … also, vorbei kommen, rumkommen, dummkommen, sich freuen. Danach wird Jever Fun bis zum Abwinken gezischt und vielleicht mischen wir uns heimlich auch Alkohol mit in den Spaß. Ick freu mir!

Weitere Infos auf der Seite vom Café Klatsch (hier) oder auf dem Flyer:
Lesung von Falk Fatal, Jens Jekewitz, Mika Reckinnen - Punk-Lyrik, Punkrock-Kurzgeschichten, Trash-Reading im Cafe-Klatsch zu Wiesbaden

Reviews – Duesenjaeger + Panzerband

duesenjaeger / Countdown of Armageddon – Split 7inch
Es kommt ja nicht aller Tage vor, dass ich mich mal genötigt sehe, hier an dieser Stelle zwei Tonträger vorzustellen. Doch heute habe ich gute Laune und mache eine Ausnahme. Denn es gibt Neues von einer meiner absoluten Lieblingsbands – duesenjaeger! Nicht nur, dass sie am 6. Dezember den Nikolaus im Berliner Schokoladen (Homepage) verdrängen, nein, es gibt auch einen neuen Tonträger. Erneut ist es eine Split Single, diesmal mit der US-Band Countdown of Armageddon, die es zuerst nur auf der Tour im Sommer gab. Jetzt liegt der Re-Press vor und ich freue mich sehr. Die Aufmachung hat Robert Hanna gemacht und knüpft damit an die letzten Tonträger von duesenjaeger an, vor allem an die Split Singles mit Oiro und Captain Planet. Düstere Momentaufnahmen einer Ruine im Wald. Dazu ein Beipackzettel und alles so dick, wie die berühmte Sängerin aus der Oper, die nicht enden will. Düster ist dann auch das Stichwort für Countdown of Armageddon. Klar, bei so einem Namen wäre fröhlicher Ska-Pop sicherlich nicht zu erwarten, doch die Band ist mit Sicherheit die bisher untypischte „Split-Affäre“. CoA sind stärker im Hardcore verankert und spielen schwerfälligen und doch druckvollen, modernen Hardcorepunk, den ich so nicht erwartet habe. Als würde eine Sludge-Band ihre Liebe zu den Wipers und Tragedy in einem Song ausdrücken wollen. „State of Lunacy“ ist auf jeden Fall kein Partykracher, sondern so schwer wie die Ruinen in dem Artwork und dennoch gefällt er mir sehr gut.
Die andere Seite bespielen dann duesenjaeger mit dem neuen Song „Fass ohne Boden“. Im ersten Moment erwartet eine/n nichts Neues oder Überraschendes: Gitarre, Schlagzeug, Bass, eine Melodie, die ähnlicher anderer Songs der Band ist. Treibend, ja, schneller, nein, melodisch, ja, poppig, nein. „Ich meide das Licht und ich fürchte die Veränderung“, halb gesungen, halb gesprochen. Es sind eher die kleineren Parts, wie der zweite Gesang in der Bridge – „es geht immer weiter“ – oder das doch recht abrupte Ende, die neue Elemente darstellen. Sie selbst beschreiben die Band als „Flucht aus einem unerträglichen Alltag. Emoll. Melancholisch, treibend und wütend.“ Dem kann man sich nur anschließen. Seit ihrer Rückkehr nach kurzer Pause (2008 – 2010) ist dies nun die dritte Split-Single und irgendwie wird man so nach und nach angefixt und hoffentlich auf Größeres vorbereitet. Ihre tiefe Verbundenheit zur DIY-Szene – ohne dieses Zucken nach Trends oder Sprungbrettern – zeigt auch diese Single, die das nun mittlerweile 8 Release auf Grabeland-Schallfolien ist, dem Konsortium aus Band, dem alten Label MyRuin und … . Dort sind auch die alten Platten und Single wiederveröffentlicht worden und ich freue mich, dass die Band auch im 15 Jahr des Bestehens weiterhin ihre Runden zieht, wie sie zogen! Single kaufen und freuen!

duesenjaeger auf Bandcamp
duesenjaeger auf Blogspot
Grabeland, Plattenkollektiv
Duesenjaeger Grabeland Split Single Vinyl Countdown of Armageddon

Panzerband – s/t MLP
Es rollt von weitem heran!Unaufhaltsam! Wuchtig! Gefährlich! Lederjackig! Schweres Geröll wird zermalmt, Autos zerquetscht, die Ketten müssen rollen und tun dies unnachgiebig nach vorne. 16 Songs, vor denen es kein Entrinnen, Entlaufen oder sonst was gibt. Auf 45, damit auch der Plattenspieler schneller laufen muss! Man kann nur schreien, gröhlen, wippen, tippen, mitsingen! „Hey Du Lappen, bist Du hohl, Punkrock kennt kein Idol!“ Hier klingt eine Band nach Deutschpunk meets Hardcore. Als würden Novotny TV aus ihrer Gruft entsteigen und all den Mülheim Asozials und Abfukks dieser Welt zeigen, dass es noch hängende Hämmer gibt. Humorvolle Texte, augenzwinkernd und dennoch auf die zwölf. So wie Punk sein sollte. „Panzerband, besser als Deine Band“! Kann man so stehen lassen. Und wer 2Unlimited huldigt, kann gar nicht schlecht sein!

Panzerband bei Blogsport
Twisted Chords
Panzerband s/t LP Twisted Chords, Punkrock