Archiv für Februar 2015

Kinky Friedman in Berlin

Kinky Friedman im Lido in Berlin (17.02.2015)
Es ist schon ein komisches Gefühl, Kinky Friedman das erste Mal live zu sehen. Der Mann der auf der Bühne behauptet: „The Germans are my second favourite people. My first is everybody else“ und dabei laut lacht. Dieser Kinky Friedman spielt in einem Laden, der zuletzt u.a. Heino als Location galt, der Schwarz-Braunen-Haselnuss, dem wohl deutschesten und schlechtesten Barden, der Anti-These zu Kinky Friedman.
Denn dieser nun auf Hardrock drehender Volksmusiker drehte in der Location ein schlechtes Rock-Video! Berlin, quo vadis? Gut, das Lido sieht an diesem Abend keinen Cent Eintritt, da der fabelhafte Don Gästelistenplätze klar machen konnte. Angemessen, 22 Euro Abendkasse für Kinky Friedman ohne Band sind schon recht happig.
Kinky Friedman Playing
Es ist Dienstag, gottverdammter Dienstag! Der Laden ist ganz gut gefüllt, Dienstagabends, und das Publikum hat ein eher höheres Durchschnittsalter als wir mit 30plus. Dazu sehr durchmischt, die eine Häfte sieht aus, als käme sie aus Teltow, Potsdam und Fürstenwalde, die andere Hälfte könnte aus Schöneberg und Spandau kommen. Hipster Fehlanzeige! Große Lücken im Laden, einige Bekannte und alte Freunde.
Kinky spielt zu Beginn einige Songs und erzählt zwischen den Stücken Witze. Ein echter Entertainer also, der über seine Kandidatur zum Governeur von Texas genauso berichtet, wie darüber, was er von den Deutschen hält (s.o.). Er spielt ein paar Hits und einige Songs, die ich noch nie gehört habe, aber auch Songs der Jewboys oder über Ira Hayes. Seine Ansagen sind mal politischer, mal witziger, aber immer ein gutes Entertainment. Vor dem Song „Get Your Biscuts In The Oven And Your Buns In The Bed“ beschreibt er, wie er einmal als Sexist des Jahres betitelt worden ist, nicht ohne einen süffisanten Unterton.
Nach gut einer Stunde tauscht er die Gitarre gegen sein neues Buch und er liest ein Kapitel über seinen Vater Tom, der einst als Bomber-Pilot in Europa stationiert war. Sein Kampf gegen die Deutschen, gegen die „Kartoffeln“ wird geschildert. Danach noch einmal zurück an die Gitarre, Nelson Mandelas Lieblingssong (von Kinky Friedman) „Sold American“ wird gespielt und dann war’s das auch schon. Insgesamt über 90 Minuten guter Unterhaltung sind zu Ende und es bildet sich eine große Traube um den Merch-Stand (CDs, Bücher).
Gary lässt sich noch einen 5 Euro Schein unterzeichnen – behauptet Gary zumindest, dass er das getan hat – und wir setzen uns noch ins Oberbaumeck, wo wir einige Bier auf den Abend trinken.
Kinky Friedman Reading

Konzerte Dezember 2014 / Januar 2015 – Turbostaat, Kaput Krauts, Panzerband, Litbarski und OnOnOn

Turbostaat + Candycunt im SO36 in Berlin (18.12.2014)
Turbostaat + The Dope im SO36 in Berlin (19.12.2014)
15 Jahre Turbostaat, herzlichen Glückwunsch! Bewundernswert, dass die Band in mehreren Städten Deutschlands (u.a. Köln, München, Dresden, Husum und Berlin) an zwei Tagen alle Songs von allen Alben nacheinander durchgespielt hat. Wie schnell die Zeit verflogen ist, wurde mir am ersten Abend wohl zum ersten Mal seit langem wirklich bewusst. Seit ca. 13 Jahren kenne ich die Band jetzt und inwieweit ich mich selbst, aber auch die Band verändert hat, ist dann doch noch einmal deutlich geworden.
Am 18.12.2014 begann der Abend ersteinmal mit Schlangestehen. Das SO36 war ausverkauft und die meisten hatten sich ein Kombi-Ticket gesichert, sprich Tickets für beide Abende plus Dankeschön-10inch. Danach erstmal die vielen – zum Teil langen – Freund/innen begrüßen. Die Vorband war nicht der Rede wert und wird hier nur der Chronisten-Pflicht wegen erwähnt.
Danach: „Flamingo“ LP. Ich frage mich immer, wieso ich so beschissen im Auswendiglernen war. Ich kann einfach keine Gedichte rezitieren und heute kann ich mir nicht mal mehr Songnamen, geschweige denn Songtexte merken. Doch hier, bei diesem Alben: fast jede Zeile. Auch bei dem danach kommenden Album „Schwan“ ist fast jeder Song eine Erinnerung an die Vergangenheit. Streit mit Freundinnen, das was sich Heimat oder doch nur Wohnort der Eltern nennt, Erinnerung an Städte, Straßen, Häuser, Wohnungen. An Menschen, an Freund/innen, an Liebe, an Streit. Es überrascht mich selbst, wie viel mir diese beiden Alben bedeuten bzw. mal bedeutet haben. So hinter einander weggespielt, sentimental, weil von Freund/innen umgeben … merkwürdig. Das SO36 schrumpft zu einem WG-Zimmer, Bier und eine gute Party.
Der 19.12.2014 ist dann das Gegenteil. Die Band hat sich entwickelt und ich bin irgendwann abgesprungen. Ich besitze zwar die Alben, habe sie alle mehrfach gehört, aber wo ist der Funken, der mich entfacht? Er kommt einfach nicht. Ich muss daran denken, wie Malwi am Abend vorher meinte: „Wer über den Kopf klatscht wählt CDU!“ Wäre das wahr, an diesem Abend hätte die CDU die absolute Mehrheit. Auch die Anzahl an Menschen in Bandshirts, und zwar auf und nicht nach dem Konzert, ist wahnsinnig hoch. Früher ein Zeichen von Idiotie … und heute eigentlich auch noch. Warum mit einem Bandshirt zu der gleichen Band auf ein Konzert gehen?! Das ist für mich wie Socken und Sandalen, vollkommen uncool. Egal, die Band spielt einige gute Songs von den neueren Alben, aber es läuft an mir vorbei. Dennoch bin ich dankbar für die Zeitreise am Abend zuvor und die Gewissheit am zweiten Abend, was ich auch nicht mehr vermisse.

Pyro One, Kaput Krauts und Das Flug in der Scharni in Berlin (30.12.2014)
Letzter ganzer Tag im Jahr 2014 und wir auf dem Weg nach Friedrichshain. Ein voller Keller, Bekannte, gute Musik. Das Übliche. Pyro One verpassen wir fast komplett, doch im Vergleich zu einem anderen Auftritt gefallen mir seine letzten beiden Lieder. HipHop ist Underground-Musik, zumindest wenn er mir gefallen soll. Pyro One gehört zu den Guten und das soll mir für diesen Abend reichen. Bier leer, Mate Vodka her.
Es folgen Kaput Krauts, die ein okayes Set schön schräg daneben spielen und leider einige Songs der Quo Vadis, Arschloch?! auslassen, die ich gerne mag. Egal, tausendmal gehört, tausendmal gesehen, tausendmal genug passiert. Ich mag diese Band. Auch dass ein besoffener Assi die Bühne erklimmt, in ein Phantom-Mikro singt und den Asselpunk spielt (und vielleicht doch nicht nur spielt) gefällt mir. Dass er sich im Anschluss ausziehen will, was Sänger Fossi anfänglich durch ein verstecktes Shirt-nach-unten-ziehen versucht zu verhindern, würde ich der Rubrik „Depp des Tages“ abstempeln. Dass dem Assi das Ausziehen gelingt ist tragisch, weil a.) unästethisch und b.) unnötig.
Dass er dafür allerdings aus dem Publikum wüste Beschimpfungen als „Sexist“ erhält, sprengt mein Verständnis. Meiner Meinung ist das aus zwei Gründen falsch: 1.) Wenn es auf das sogenannte „Triggern“ hinausläuft, sprich das Erinnern von Vergewaltigungsopfern, wenn sie einen nackten Mann sehen, geht die Beleidigung „Sexist“ davon aus, dass nur Frauen – oder nur Männer – getriggert werden. Falsch! 2.) Wenn es darauf hinaus läuft, dass es sexistisch ist, dass Männer ihren nackten – und in diesem Falle durchaus unästethischen, nach meinem Empfinden – Oberkörper zeigen dürfen und Frauen nicht. Das wäre aber nicht die Schuld eines einzelnen, sondern der Gesellschaft, ggf. der Politik. Daher sollte es doch das Ziel sein, nicht das Verbot aufrechtzuerhalten, sondern zu ändern, im Sinne einer Befreiung. Dafür kann der arme – rotzbesoffene – Typ allerdings nichts, sodass eine singuläre Zuschreibung als „Sexist“ Mumpitz ist. Doch das ist nur mein Senf und ich nuckele lieber an meiner Mate Vodka, als diese Diskussion in einer aufgewühlten Stimmung zu führen. Ja, ich bin eingeschüchtert und ja, es ist merkwürdig, das Gefühl zu haben, seine Gedanken nicht äußern zu können. Brauche ich dafür Mitleid? Fuck yourself!
Das Flug im Anschluss spielen Elektropunk, bringen mich zum Tanzen und zum Mitwippen und der Trockennebel in dem Keller lässt mich dann auch darüber nachdenken, wie wenig Unglücke doch in kleinen, linken Kellern geschehen, wenn man sie nur genügend füllt. Tolles Konzert, toller Übergang ins neue Jahr …

Panzerband und Chorea Huntington in der Supamolly in Berlin (03.01.2015)
Das neue Jahr und direkt ein geiles Deutschpunkkonzert. Ich starte meinen guten Vorsatz, mal wieder stocknüchtern ein Konzert zu besuchen und zu verlassen. Das schlägt sich bei Chorea Huntington ein wenig auf die Laune. Deren Deutschpunk begeistern mich wenig, auch wenn es nicht wirklich schlimm ist. Alte Punkrocker auf der Bühne ist man irgendwie auch gewohnt, ein paar Jungpunks zu sehen, wäre aber mal wieder schön. Aber vielleicht bin ich und mein Umfeld dafür zu alt … und warum auch in die Potse gehen. Im Anschluss Panzerband, die klingen, als würden Mülheim Asozial mit dem Rasenmäher von Abfukk überfahren. Deutliche deutsche Texte, Ironie und Ernst zusammengewürfelt und eine schöne Portion Wut, wenn nicht gar Hass drüber gelegt. Panzerband, viel besser als Deine Band! Schön ein wenig hier und da geklaut, neu zusammen geschraubt, und die Ketten drehen sich über den Torso des Landes. Ich saufe mir einen Mate-Flash (ohne Vodka) und freue mich des Lebens. Auch mal schön.

Litbarski und OnOnOn im Fischladen in Berlin (24.01.2015)
Litbarski ist das neue Bandprojekt von Leuten von Weltraumschrott und Anne Tanke. Darauf habe ich mich lange gefreut und diese Freude wird nicht enttäuscht. Während Leatherface / Hüsker Dü-Gitarren unterwegs auch mal Suzanne Vega überfahren, spielt die Band ein ziemliches Brett, was mich ein wenig an Karmacopter erinnert hat. Einige Songs, vor allem gegen Ende des Sets, schienen kleine Hits zu sein. Leider war der Gesang nur wenig verständlich, aber dennoch bin ich gespannt auf Releases. Erster Auftritt, super gut. OnOnOn im Anschluss wie immer gut. Onkel Karol ist zum Beispiel ein super Song. Ach, eine tolle Show und als Abschluss für den Januar toll. Danach noch getrunken und gequatscht und den Abend im Fischladen genossen. Wat war ich früher oft hier … schön!!!