Geoff Berner in Berlin

Geoof Berner in der Villa Neukölln in Berlin (23.11.2015)
Es ist nicht so, als wären die letzten Wochen nicht viel an guten Konzerten gewesen: Ein wunderbares RVIVR-Konzert (18.10.2015) mit Friend Crush zum Abschluss der RVIVR-Tour, auch wenn die Band etwas müder war als auf der traumhaften Show im letzten Jahr (Link); ein überraschend großartiges Konzert mit den polnischen Past und den französischen Asphalt (12.11.2015); dazu ein This Charming Man Festival mit den Lieblingen von Freiburg (21.11.2015). Aber warum über diese Shows schreiben, seien sie auch noch so schön gewesen? Es sind am Ende Punkshows, wie so viele zuvor, die man mit guten Freund/innen besucht hat und auf denen man sich prächtig amüsiert hat. Aber – who f***ing cares?
Denn, das war alles in einem gefühlten Sommer, in der Wärme, in den verlängerten Trockenperioden, die zwar die Landwirte ruinieren, uns Durchschnittsdeppen aber doch begeistern, weil: „nicht nass geworden“.
Geoff Berner, der Whiskey Rabbi, mit Band am 23.11.2015 in der Villa Neukölln
Und dann fing es an zu schneien. 22.11.2015 – November halt. Draußen beim Kreisliga-B-Kick, Sonntags-Kater ausführen. Schon die Tage zuvor, kalt. Gefühlter, tiefster Winter. Dunkelheit, Einsamkeit. Aber es kommt dann doch immer wieder überraschend. Und die Liebste ist 6.000 Kilometer Luftlinie entfernt. „Die Route konnte mit dem Auto nicht berechnet werden“. Das ist nicht die Zeit, in der die Liebste weit weg sein sollte. Und doch gibt es Hoffnung, denn am Montag-Abend spielt Geoff Berner in der Stadt. „A candle in the wind!“ Schnell ein paar Leuten Bescheid gegeben, viel zu spät, klar, aber warum nicht?! Wir waren mal jung und konnten auch spontan was machen. „Ganzes Wochenende aufgenommen und ich gehe in die Badewanne“, „Ich muss leider arbeiten“, „Ich glaube, ich gehe lieber in die Sauna, aber vielleicht beim nächsten Mal“, „Interessiert sich für die Veranstaltung“ oder erst gar keine Antwort. Manchmal möchte man einfach nur Menschen um sich haben … aber Menschen sind halt unberechenbar.
Ich sitze zu Hause und blättere in Fanzines, die gekommen sind, „Akrox“ zum Beispiel. Voll toll und Review wird folgen. Und ich weiß, ich vertrödele Zeit, weil ich eigentlich nicht rausgehen will. Nicht alleine! Und dann doch, weil mir bewusst wird, alleine zu Hause ist es nicht besser. „Du fährst mit schwer beladenen Herzen, dem letzten Traum hinterher“ (Truck Stop) und auf dem Weg wird mir bewusst, dass ich mich das erste Mal seit langem richtig alleine fühle. Nicht, dass ich das Gefühl nicht in letzter Zeit nicht öfter gehabt hätte, aber es ist nie so durchgedrungen, es ist mir nie bewusst geworden, dass ich mich alleine fühle. Ablenkung ging ja immer. Also, immer geradeaus und dann rechter Winkel und wieder geradeaus!
Ich stehe vor der Villa Neukölln und der Schuppen ist proziger, stylischer als erwartet. Ich liebe Geoff Berner, aber in diesem Ambiente? Ich liebe die Geschichten von einer seiner ersten Touren im Bahia de Cochinos in Castrop-Rauxel, wo er nach einem wilden Abend gleich noch spontan seinen Off-Day verbracht und ein weiteres Set spielte. Aber okay, schicker Laden in Neukölln muss ja nicht schlimm sein, denn, „wat solls“, den Typen habe ich auch schon in einer evangelischen Kirche in Bochum gesehen und ich weiß, dass er gut ist (s. Konzertbericht in 2011). Also rein!
An der Kasse der nächste Schock – 10 Euro. Für eine Person?! Hossa, aber again: Was hast Du erwartet Mika? Auch die Preise waren schon immer gesalzen, bzw. gleicher Preis wie 2011. Auch wenn er mehr Punkrock ist, als 90 Prozent der Bands, die ich in den letzten Jahren sah, er lebt davon und zieht ein Kulturpublikum, von denen man diese Preise nicht nur nehmen kann, sondern auch nehmen sollte! Dennoch hadere ich einen Moment mit mir. Doch zurück in die Wohnung, alleine? Nicht wirklich eine Option. November! Brille putzen, Zitronen-Limonade bestellen, zögern.
Dann aber doch das Geld bezahlt und ab in den Saal. Ja, ein Saal. Bestuhlt! Furchtbar, denke ich. Again: Kulturpublikum. Junge Frauen, fast Mädchen, ältere Pärchen. Doch mit „schwerbeladenen Herzen“ setze ich mich mit meiner Zitronen-Limonade an die Bar. Wohin sonst!? Derweil läuft Geoff Berner vor mir und unterhält sich mit ein paar Freund/innen. Mit Bier und Whiskey in der Hand! I love him. Kaum fängt er an, sehe ich den Schwachsinn meiner Aktion ein. Zitronen-Limonade zu Geoff Berner! What a fuck! Ich trinke den Schwachsinn aus und bestelle mir ein Bier, ein Großes!
Dann kommt der Ansager auf die Bühne und spricht kurz über das Programm der nächsten Wochen und über Geoff Berner. Seine Charakterisierung ist ungefähr so, dass der „Whiskey Rabbi“ Liebeslieder spielt, die sich nicht wie Liebeslieder anfühlen. Nun ja, immer schön, wie sich Wahrnehmungen unterscheiden. Für mich ist er ein Anarchist, ein Punk, der einfach Klezmer / Folk spielt … aber warum nicht Liebeslieder erwähnen … „Du fährst mir schwer beladenem Herzen“, hatten wir ja schon.
An solchen Tagen wird der Barkeeper zu deinem Freund. Nicht nur, weil er stylisch angezogen ist, den Whiskey für den Barden auf der Bühne auf dem Tablett transportiert und in einem wunderbaren Schwung das Glas abstellt, ohne den Kunden mit einem Blick zu würdigen oder … und das passiert ja durchaus noch in Neukölln: zu entwürdigen! „Alcohol is not a crime“, schreit dieser Move und ja, das stimmt! Aber das Beste, sein Service ist nicht nur Bier zapfen und Whiskey auf die Bühne bringen, sondern die beschissenen Personen, die damit drohen, mir die Sicht zu versperren, aus der Sichtlinie zu komplimentieren, indem er Stühle hinräumt und sie zur Seite setzt. Ein Traum! So sollte das Leben in jedem Laden sein! Trixxxter, bitte übernehmen Sie! Einer lonely Barfly den Weg freiräumen, damit sie auf die Bühne sehen kann! Denn, das Leben ist auch ohne versperrter Sicht schon beschissen genug.
Geoff Berner, der Whiskey Rabbi, am 23.11.2015 in der Villa Neukölln
Geoff Berner ist derweil in bester Laune. Ich liebe ihn. Wo kann man – vor einem Kulturpublikum – schon laut „Fuck the Police“ singen? Wo macht es mehr Spaß, den Misserfolg von Menschen, die man nicht mag, zu zelebrieren? Wer singt auf den Tod von Maggie Thatcher und wer, ja wer, ist einfach nur der verschissene Hobo, der über Religion, Nazis und Leute, die keine Anhalter mitnehmen, Witze macht? „My half-German girlfriend“ ist einfach ein Song für die Liebe, für die „Vermischung“, der, laut Geoff Berner, orthodoxe Juden und Nazis gleichermaßen aufbringt. Wer disst Pegida und nennt das ausgewählte Land – Kanada? Und wer zitiert „none is too much“ und bringt Leute zum Lachen, bevor er erklärt, dass das das Zitat eines kanadischen Politikers war im Zweiten Weltkrieg, als es darum ging, ob sie jüdische Emigrant/innen aufnehmen sollten? Und fuck, ja, wer singt über „Schadenfreude“ und erklärt, „this word needs no translation“? Ehrlich gesagt, wäre der Raum nicht bestuhlt, ich käme seiner Forderung nach: „Let’s dance and celebrate the misfortune of people we hate!“
Der Whiskey Rabbi bereitet einen schönen Abend voller Melancholie, Lachen und „Fuck the Police“-Rufen. Besser geht es nicht und wie ein warmer Song von Truck Stop reisst er einen raus aus traurigen Nebelwolken des Novembers, lässt die Dunkelheit (ab 16:30) vergessen, genauso wie den Berg an ungelesenen Emails (dreistellig) und bringt den Sommer zurück in die Herzen. Danke Whiskey Rabbi dafür! Ich war lange skeptisch, ob ein Montag der richtige Tag ist, aber ja, verdammt, er ist es! Auf Dich! Auf das Leben!