Teenage Hate + Krank in Berlin

Teenage Hate + Krank in der Linie 206 in Berlin (13.03.2016)
Es passiert nicht mehr viel. Es ist alles immer gleich. Band und Band und klatsch, klatsch, Kopf nicken aller Orten. Ich vermisse das Chaos, das Wilde, das aus dem Rahmen Fallende. Punkkonzerte sind heute, v.a. in Berlin, gut organisierte Events, die häufig in einem sterilen Setting aus Regeln und informellen Vorschriften stattfindet. Der Raum mag eine Kellerbar in einem besetzten Haus sein, der Ablauf der Show ist so vorhersehbar wie die Stadtrundfahrt der Kegelclubs wenige Meter weiter. Ja, es ist super, dass es Schutzräume sind, ja, es ist gut, dass alle auf alles achten, aber kreieren wir damit nicht auch eine Art „Jägerzaunsiedlung des Punks“? Nur nicht anecken, nur nicht anschupsen. „Ieh, die hat Bier vergossen.“ „He, nicht so mackerhaft am Kickertisch jubeln!“ Nicht rauchen, nicht zu laut lachen!
Es passt, dass ich an jenem Morgen das neue Heft von Chriz lese, welches total großartig und wunderbar geworden ist, wo ich aber an einer Stelle stutzig werde. Er schreibt im „Try to wake up with a smile / Gerontopunk“-Zine, dass ihn bei Deny Everything und RVIVR das Publikum auf die Nerven geht. Ich erinnere mich und kann das zu einem Teil nachvollziehen. „Dass das Konzert im 4. Stock stattfindet scheint einige besonders vollgesoffene Typen […] nicht vom Crowdsurfing in Richtung der offenen Fenster abzuhalten. […] Doch ein paar hackedichte Assis, die permanent rumnerven, aber nicht gegangen werden […] können so einen Abend leider ziemlich eintrüben.“ Ich weiß was er meint, erinnere mich an das Konzert und das ich die Typen zwischenzeitlich auch anstregend fand. Aber wenn innerhalb von 2 Jahren bei gefühlt ca. 40 Shows, die ich besucht habe, dies der einzige Reibungspunkt ist, dann läuft doch etwas Grundsätzliches schief? Ja, da haben ein paar Leute anders Spaß als durch Kopfnicken und etwas die Körper aneinander zu wiegen. Ja, das kann mich in der Situation nerven. Aber in was für einer Wattewelt wollen wir den vegetieren?
Teenage Hate in Linie206
Ein Beispiel: J. Robbins hat am 17.02.2016 ein wunderschönes Konzert gespielt, emotionaler Punkrock, nett, kopfnicken, Klatsch, Klatsch. Man steht, guckt, klatscht, trinkt ein paar Getränke, quatscht dananch und geht nach Hause. Ja, total nett. Alte-Menschen-Spaß ohne dass es jemandem weh tut. So sind die meisten Konzerte, das kann mit meinem Altern zu tun haben, mit der Musik, die ich höre, und die zum Teil mehr „Post“ als „Punk“ oder „Hardcore“ ist, mit den Läden die ich besuche. Little League Shows, der Bands an diesem Samstag und die Linie206 bin ich sehr dankbar, dass genau diese Show nicht so war. [weiterlesen]

Erstmal war ich vorher gefühlte zehn Stunden in Brandenburg und M-Pomm mit dem Bus unterwegs. Mit sympathischen Menschen an der frischen Luft stehen, Popmelodien singen und jüngeren Menschen dabei zu sehen, wie sie einem Ball hinterher jagen. Ein tolles Hobby, wenn man Tennis Borussia Fan ist. Dazu eine Ansage vom Stadionsprecher des Malchower Sportverein, dass Geflüchteten mit 100% Menschlichkeit begegnet werden solle. Danke! Dies in einem ländlichen Umfeld, in einer nicht sonderlich auf Rosen gebetteten Region, wo das nicht normal ist, nochmals Danke!
Ich bin also erschöpft, angesoffen, aber lasse mich doch noch überzeugen, mir das Krank-Konzert zu geben. Ich habe ihre Split Single mit Empowerment und mag wirklich die beiden Songs auf dieser EP (der Song „Niemand“ ist hier zu hören: Youtube). Die Mischung aus Deutschpunk und Hardcore, dazu die sich überschlagende Stimme vom Sänger, irgendwo zwischen Alarmstufe Gerd und Novotny TV, herrlich! „Los Paul, Du musst ihm voll in die Eier hauen“ (Trio).
Nach einer Stärkung kommen wir in der Linie 206 an und es soll noch fast zwei Stunden dauern, bis es los geht. Vor dem Laden parkt, fast schon als Provokation, ein neuer Porsche. Berlin-Mitte, Linienstraße 206, eines der letzten besetzten oder zumindest selbst-verwalteten Häuser. Und davor hat irgendsoein Lackaffe seinen schwarzen Luxusschlitten geparkt, Wahnsinn! Umschmeißen, abfackeln, Luft rauslassen, Lack zerkratzen, alles durchaus potentielle Möglichkeiten der gesellschaftlichen Kommentierung, wenn nicht darunter wahrscheinlich das Hausprojekt leiden müsste, im Anschluss. Daher lieber doch noch einmal den Lack polieren, statt ihn zu verkratzen, die Windschutzscheibe putzen, statt sie einzuschlagen. Ich frage mich nur, was für ein Arschloch man sein muss, um direkt vor der Haustür zu parken. Leichtsinnig? Provokant? Oder einfach nur ein intollerantes Arschloch?
Aber egal, ich merke, wie die Müdigkeit in mir hoch kriecht. Ich bin keine 16 mehr, das Sofa und das Aktuelle Sportstudio wirken verlockend. Aber AC ist extra zur Linie206 gekommen und in den Sack hauen ist nicht. Für unser Amüsement sorgt im Inneren auf jeden Fall ein Punk, der scheinbar auf härteren Drogen mehrfach Bierflaschen durch den Raum wirft. Nicht aus Absicht, sondern weil ihm die Koordination seiner Extremitäten einfach komplett abhanden gekommen ist. Dazu eine Lache, die so markant ist, irgendwie eine Mischung aus piepsiger Peter Griffin Lache (Hier der Link zum Beispiel, Youtube) und einem kaputten, mechanischen Vogel. Erst jetzt fällt mir auf, wie sehr das Geräusch dem des TeBe-Fanblocks in Malchow ähnelte, als deren Spieler „Fogel“ mit „piepspiepspieps“-Rufen zu Fehlpässen verleitet wurde. Egal, das Geräusch von kullernden Bierpullen umgibt den Punk, wie die Dosenbier-Irokesen einen Dorfbrunnen. Seine Kollegen, ziemlich sicher ebenfalls nicht mit dem Porsche vor der Tür angereist, versuchen ihn zu halten und immer mal wieder für etwas Stabilität an den Tresen zu schieben. Neues Bier, und zack, kuller, kuller, hihihihi. Das ist kaputt und sympathisch zu gleich!
Er schnorrt sich ein paar alte Zigaretten und 30 Cent, von denen er das 10 Cent Stück direkt wieder im Raum verteilt! Dass er noch bevor Teenage Hate anfangen zu spielen, mehrfach in den Raum kotzt – oder es versucht, denn außer Würgen und ein wenig Flüssigkeit, ist nichts zu sehen – geschenkt! Ehrlich gesagt erinnert mich die Szenerie an meine Jugend auf dem Dorf und in angrenzenden Städten wie Bielefeld oder Osnabrück. Besoffene Punks, Hunde, Dosenbier, Erbrochenes, Pogo und wilde Parties. Während ich am Anfang noch angenervt bin, fange ich sehr schnell an, die Szenerie zu genießen. Es herrscht Chaos auf einem Punkkonzert in Berlin, was ein seltener Moment. Der arme Veranstalter wird dann allerdings doch bemäht, den Typen rauszuschmeißen, als sich die Szenerie in potentielle Gewalt gegen andere zu wenden droht. Auch richtig! Auch hier, gewaltfrei aber deutlich wird auf den Besoffenen, der mittlerweile auch eine Gefährdung für andere wird, aus dem Raum komplementiert. Auch vollkommen bekloppte „Rasissmus-Vorwürfe“ werden ertragen. Gut in solchen Momenten, dass ca. 20 Leute aus dem Umfeld von Tennis Borussia da sind, die „aware“ sind. Es könnte zu einer kurzen körperlicher Auseinandersetzung kommen, wenn es im Verteidigungsfall angebracht wäre, aber es ist nicht nötig. Schutzraum ohne Watte!
Als Teenage Hate dann spielen gibt es Pogo. Ungewohnt, einige Druffies sind dabei, Kids am Rande, die Band mittendrin. Herrlich! Ein Skin hat definitiv von irgendeiner Substanz zu viel gehabt, Gesichtskirmes-Galore, ale! Aber auch hier, Ellenbogen unten, man passt immer noch auf sich und andere auf. An Grenzen, aber nicht übertrieben. Genug Raum für jede und jeden. Dazu halt Teenage Hate, Bierdusche inklusive. Es fehlt nur Konfetti und eine fliegende Sahnetorte. Checkt die Band aus, kurze Punkrock-Songs, großer Hardcore-Einfluss. Ein Song ist auf der aktuellen Compilation vom Spastic Fantastic Labelteenagehatepunk auf blogspot
Schön ist eh das sehr heterogene Publikum! Selten so viele jüngere Kids gesehen, dazu vom Punk und Skin bishin zum Normale oder Fußballfan, einfach mal eine gesunde Mischung aus diversen gesellschaftlichen Schichten und nicht nur die ewig gleichen Typen. Krank sind dann im Anschluss nicht minder gut. Der Raum ist super gefüllt, bestimmt 80 Leute. Deutsche Texte, schneller Punk, ebenfalls Hardcore-Einflüsse. Auf jeden Fall Deutschpunk beeinflusst, aber nicht diese Ironie-Scheiße, die am Ende doch nur aussagt, „wir sind aber ganz anders und vor allem besser!“ Ihr Album „Ins Verderben“ ist gerade auf This Charming Man Records rausgekommen und großartig. Ich erwerbe es am Abend und höre es nun schon zum 10mal während des Textens hier durch! Auf der Show gibt es weniger wildes Getanze, weil der Raum jetzt noch voller ist, aber etwas Crowdsurfing. Ich stehe da und nippe an meinem Bier und freue mich der Dinge!
Krank in Linie206
Unbedingt die Band auschecken, sei es im Netz oder als Tonträger: Krank: krank auf blogspot

Danke an den Veranstalter, an die Bands, an das Publikum, an die Linie 206. Und nein, ich brauche nicht jedes Wochenende kotzende Punks! Nein, ich brauche nicht jedes Wochenende Bierduschen und Crowdsurfing! Nein, ich brauche nicht jedes Wochenende Drogenwracks und Saft trinkende Kinder! Aber ja, Punk sollte unberechenbar bleiben!