Bernadette La Hengst in Berlin

Bernadette La Hengst auf dem ndLive-Fest in Berlin (23.04.2016)
Bernadette La Hengst beim ndLive Fest 2
Das Versprechen prangte schon auf den Plakaten: „Save the world with this melody“. Dumm nur, dass die Tageszeitung nd (Neues Deutschland) scheinbar klandestin die Werbung vor allem um das eigene Redaktionsgebäude beschränkt hatte. Wäre ich nicht durch Zufall unter der Woche bei einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung gewesen, auch mir wäre diese Show entgangen. So musste das mit dem „Welt retten“ noch einmal verschoben werden.
Die vor siebzig Jahren als mehr oder weniger staatliches Parteiorgan gegründete Zeitung, die in den letzten Jahren einen charmanten Wechsel hin zu einer guten, linken Tageszeitung abseits der taz hingelegt hat („Ich bin 70. Fühle mich wie 25.“), vermochte es leider nicht, viele Menschen zu der Feier zu motivieren. Vom Massenblatt zur klandestinen Veranstalterin in 25 Jahren, könnte ich jetzt lästern, doch will es lieber dabei belassen zu sagen: Schade! Madame La Hengst dürfte eine weitaus größere Anhängerschaft besitzen, als die vielleicht 100 Personen, die am Samstagabend feierten.
Für mich und meine charmante Begleitung aber natürlich umso besser. Man stelle sich ein „Hamburger Schule“-Konzert vor, nur ohne Hipster, ohne Popper, ohne nervigen Szenechic und dafür mit Menschen, meist zwischen 30 und 50, die sich auf die Musik freuen. Gute Bedingungen für ein Konzert von meiner Publikumsseite aus.
Bernadette La Hengst hier noch lange vorzustellen, dürfte wohl auch vollkommen überflüssig sein. Ich bedauere immer noch, dass ich zu jung für die „Braut haut ins Auge“ war und so vielleicht eine der wenigen guten deutschen Bands in Tradition der aufkommenden „Riot Grrl“-Bewegung verpasst habe. Kollegin Peta Devlin spielte im Anschluss an die Braut haut ins Auge bei Oma Hans Bass und dürfte den meisten Leser/innen mehr als ein Begriff sein. La Hengst hingegen startete ihre „Solo-Karriere“ nach dem Ende der Band. Witzig finde ich, dass eben jene, wie Bernd Begemann und Blumfeld, aus Bad Salzuflen kommt … ach, würde die Musik-Richtung doch nur „Bad Salzuflener Schule“ heißen …
Anyway, nach längerem Soundcheck ging es los und die nächsten 90 Minuten wurden viele Songs der letzten beiden Alben gespielt. Mit dabei Schlagzeugerin und Computer, von dem nicht nur Bass, Samples, sondern auch Chöre, Geigen und andere Begleitung eingespielt wurden. Spannend dabei vor allem die sehr starke Einbindung von Künstlerinnen.
Bernadette La Hengst beim ndLive Fest
Zu Beginn wurde gerapt, was vor allem die Kinder aus der Nachbarschaft zum Tanzen animierte. Die Bühne wurde recht schnell eingenommen und die beiden auf der Bühne wirkten für ein paar Sekunden doch recht ratlos: wenige Leute vor der Bühne, alle Kinder auf der Bühne. Doch schnell wurden die Kids eingebunden und der fröhlichen Stimmung vor der Bühne war das nicht abträglich. Nachdem die Kids dann wieder vor die Bühne mussten, waren die ersten Reihen auch gut gefüllt mit Tanzenden.
Skandalöserweise habe ich La Hengst noch nie zuvor gesehen. Nun ja, jetzt dürfte meine Indierock-Affinität nicht sonderlich ausgeprägt sein. Hamburger Schule habe ich lange Zeit, vielleicht sogar zu recht, für eine Beleidigung gehalten. Mir fehlte an dieser Musik die Wut und häufig auch die schärfe der Analyse – zumindest was man als Teenager als scharfe Analyse hält („Nazis raus!“). So bin ich eher freudig gespannt auf das Konzert gegangen und weniger in einer Erwartungshaltung. Das spannendste an dem Abend war dann für mich auch die Verbindung zwischen guten, sich politisch positionierenden Texten und tanzbarer Popmusik. Viele der gespielten Songs (die sich ebenfalls auf dem aktuellen Album „Save this world with this melody“ befinden) sind im Rahmen von Theaterstücken entstanden. „Wem gehört die Parkbank“ ist so ein gutes Beispiel. Es geht um die Intervention von Freiburger-Bürger/innen, die ihre Parkbänke verteidigen, nicht nur um den öffentlichen Raum weiter lebenswert zu halten, sondern weil die Parkbänke auch die Übernachtungsplätze für Geflüchtete sind.
Es ist wenig verwunderlich, dass mir im Großen und Ganzen die schnelleren Songs besser gefielen, aber insgesamt waren es 90 Minuten guter Spaß von einer, der noch immer spannendsten und vor allem inspirierendsten Künstler/innen in diesem Land.
Die anschließende Lesung „Leserbriefe zur Nacht“ mit den beiden nd-Redakteuren Tom Strohschneider und Wolfgang Hübner war dann intellektuell das absolute Gegenteil – nicht von Seiten der beiden Redakteure, sondern von Seiten leserbriefschreibender Armleuchter (ich befürchte, dass hier ein konsequentes Gendern durchaus die Wahrheit verzerren würde). Verschwörungstheoretischer Bullshit, „ich bin nicht rechts, aber …“ bishin zu Morddrohungen. Das beängstigenste, diese Leserbriefe sind noch von Menschen, die zumindest des Lesens und Schreibens mächtig sind … Im Kontrast dazu wurde auch der Umgang mit ausländischer Fremdliteratur präsentiert und Leserbriefe ob einer Anzeige der Lufthansa 1989. Es würde mich nicht wundern, wäre das kleingeistige, völlig verbürokratisierte Bürger/innentum in der DDR verantwortlich, für den Niedergang des Staates, ach, gießen wir doch mal Pathos aus: das ENDE der REVOLUTION von MARX und LENIN. Wobei, wenn genau dieses Ende uns Künstler/innen wie Bernadette La Hengst bringt, DANKE, DANKE, DANKE!
Guter Abend und man wünscht dem nd noch weitere 70 Jahre, beim nächsten Mal aber mit mehr Publikum! Verdient hätte sie es!