Kimya Dawson in Berlin

Kimya Dawson und Little Wings in der Volksbühne in Berlin (25.04.2016)
Kimya Dawson in Berlin
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, in der ersten Reihe bei einem Akustikkonzert zu stehen. Noch merkwürdiger ist es, wenn man gefühlt 15 Meter von der Bühne entfernt steht. Am merkwürdigsten ist allerdings, wenn vor einem Dutzende Menschen auf dem Boden sitzen. Es entsteht ein Setting, was mehr an ein Kasperle Theater erinnert, mit offenen Mündern und großen Augen dem Stück folgend. Ich bin kein Fan von solch einem Setting, für mich hat Musik und vor allem Livemusik immer etwas mit Interaktion zwischen Publikum und den Personen auf der Bühne zu tun. Klar, meine Punk-Sozialisierung trägt daran Schuld, wo zumindest in der Theorie die Grenze zwischen Band und Fan verschwimmen sollte. Aber selbst wenn diese Grenze nicht komplett eingerissen wird / werden sollte, es findet mit Sitzpublikum keine Interaktion statt. Klatsch, klatsch, Sekt schlürf, Sekt schlürf, nach Hause schluffen. Und im Sitzen kann man nicht tanzen! Im Sitzen sind Gefühlsregungen generell wesentlich schwieriger. Wer mir das nicht glaubt, kann gerne mal versuchen einen Beziehungsstreit im Sitzen auszudiskutieren. Sitzen ist halt für‘n Arsch!
Sagen wir also, das Publikum nervt mich schon gleich zu Beginn. Das ist nicht schlimm, denn es gibt Vorbands, die relativ unspektakulär sind. Der erste Artist, dessen Namen ich leider vergaß, macht guten queeren Songwriter-Kram mit netten Videos hinter ihm. Danach kommt Little Wings, ein bärtiger Typ der Marke „hipper, katholischer Priester“, der einfach nicht meinen Geschmack trifft. Die Dauerschleife von Fallschirmspringer/innen aus den 70s/80s macht die Sache nicht besser. Einige ergreifen die Flucht, andere machen schlechte Scherze. Ist okay. Nur die elendige lange Spielzeit bricht Menschen psychisch.
Aber, wer durch tiefe Täler geht, kommt auch wieder zum Berg. Kimya Dawson! Was soll man zu der phantastischen Frau noch schreiben?! Einst Teil von Moldy Peaches und während Adam Green in Deutschland zum Popstar wurde (im Gegensatz zu den USA) tingelte Kimya Dawson eher über die Dörfer. Vor einigen Jahren konnte ich sie im Forum in Bielefeld sehen und war gleich gefangen! Vor allem ihre sympathische Ausstrahlung nimmt eine/n direkt gefangen. Es fühlt sich an, als wäre sie eine persönliche Freundin. Ihre Songs singen von Unglücken, Schicksalsschlägen, erzählen Geschichten, die einen packen. Eine junge Mutter, die Krebs hat, ein Kind, das zu früh stirbt. Wie geht man mit soetwas um? Dazu kommen viele weitere wunderbare Songs, v.a. das Album Hidden Vagenda, von dem sie an diesem Abend leider nicht viel spielte, ist so unfassbar gut! Als ich dann damals auf Anregung einer Freundin mir „Juno“ anschaute, fesselte, berührte der Film mich weniger wegen der auch guten Geschichte, sondern wegen dem großartigen Soundtrack.
Ihr einziger Bühneneffekt ist die bemalte Gitarre und ein Bild von Prince, der wenige Tage vorher verstorben war. Mehr braucht es nicht. Scheinbar sind aber in letzter Zeit durch den Soundtrack von Juno viele Menschen auf Kimya Dawson aufmerksam geworden. Das Konzert in der Volksbühne war schnell ausverkauft, ein Zusatzkonzert ebenso. Ein Run auf Karten. Dafür war die Volksbühne angenehm voll, hätten die Menschen gestanden, es hätten locker noch einmal so viele Karten verkauft werden können.
Viele schienen aber doch enttäuscht. Am Rande sah man viele gelangweilte Gesichter, die wohl mit etwas anderem gerechnet haben. Nur einer der letzten Songs wurde von vielen im Publikum mitgesungen und ich vermute den Song mal auf dem Juno-Soundtrack. Dass einige andere den Song nicht mehr mitbekamen und sich schon vorher verabschiedeten empfand ich übrigens als nicht nur unhöflich, sondern auch ignorant. Nicht, dass man Konzerte nicht vorher schon verlassen könnte, aber wenn man gefühlt anderthalb Stunden in den ersten Reihen sitzt, dann sollte man sich auch gefälligst das Ende eines Konzerts ansehen. Aber nun ja, jetzt noch weiter über das Publikum zu kotzen bringt wenig, denn die Musik war großartig und that’s it: hört mehr Kimya Dawson, kauft ihre Platten und kotzt ein paar sitzenden Student/innen in ihre V-Ausschnitte! Stay Punk!


0 Antworten auf „Kimya Dawson in Berlin“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


acht − fünf =