Archiv für August 2016

Fanzine – HUMAN PARASIT #14

Fanzine – HUMAN PARASIT #14

    Kurzfassung:

Kauft dieses gottverdammte Zine und bettelt Bäppi an, er möge möglichst bald ein neues veröffentlichen.

    Langfassung:

100 Seiten in A5 hat der liebe Bäppi hervorgezaubert. Einhundert Seiten! Und gleich vorneweg, da liegt das Hauptproblem, denn es sind „nur“ 100 Seiten. Denn die Schriftart ist an vielen Stellen sehr klein und viele Photos haben leider nur noch Briefmarken-Größe oder sind noch kleiner. Das ist sehr schade, denn was ich schemenhaft darauf erkennen kann, hätte mich doch interessiert. Somit dürfte wohl das Human Parasit das optische Gegenteil vom Trust sein. Okay, aber auf der anderen Seite hätte es wahrscheinlich geheißen, Inhalt zu kürzen, und das wäre eine noch schwere Entscheidung gewesen. Denn, auch wenn mir die Bands auf dem Cover wenig geben – Zex, FCKR, Abrupt, Headshow oder Chorea Huntington – fand ich alle Interviews ausgesprochen informativ. Das liegt zum einen an den Bands und ihren Antworten, aber auch an den durchdachten Fragen. Ist halt zum Glück weit weg von den Standarddingern, die man in (fast) jedem Zine liest.
Dazu kommen die beiden dickeren Spezials: Das eine ist mehr oder weniger Hannover, wohin es Bäppi jetzt verschlagen hat. Ziemlich guter Überblick über die aktuellen Läden in der Stadt. Im Vergleich zu Flensburg, muss es wie das Paradies anmuten. Zumal man ja auch schnell in Bremen, Berlin oder Hamburg ist. Auch wenn der Umzug erstmal heißt, Panzerband liegen auf Eis.
Das zweite Special ist umfangreicher zum Thema Videos und Punkrock. Darin wird unter anderem Love A, Ril Rec und Kesselpunks-Martin interviewt. Gute Interviews, gute Antworten. Das Video-Format ist ja nicht mein Liebstes, da ich entweder Musik höre oder Filme sehe, Musikvideos mir aber wenig geben. Auf der anderen Seite, wenn Bands das gut machen, warum nicht.
Das Kollege Falk Fatal dann noch seine Auftritte beim Herzerockt verarbeitet – Dödelhaie und die RAF, ein wochenlanger Skandal in dem lokalen Käseblatt „Die Glocke“ – ist ebenfalls lustig zu lesen – und psychologisch sehr wichtig für ihn, nicht das Traumata zurückbleiben. Und auf fast zusammenhängenden Seiten Body Count und Oi! of the Tiger abzufeiern, nötigt mir ebenfalls Respekt ab.
Gut und interessant zu lesen ist auch der Bericht über das No Border Camp. Stämma und Jens waren vor Ort und haben in Idomeni gekocht und Geflüchtete unterstützt. Einzig und allein nervig ist dieser „linksautonome Diktus“ des Textes: „Die Leute hingen fest an der Grenze ohne Informationen, mit viel zu wenig (Winter-) Kleidung, teilweise ohne Decken und Zelte und keine/r von den Offiziellen oder Ngo’s haben sich darum gekümmert“. Und dann hat die Autonome Linke das Leid entdeckt und geholfen, Danke autonome deutsche Linke! Ironie-Modus aus: Viele – v.a. kleinere NGOs – arbeiten seit Jahren sowohl politisch in Europa als auch vor Ort mit den Menschen, bevor sie fliehen. Während sich die Linke um persönliche Freiheiten von Einzelpersonen kümmert oder die „EZB“ als Feind angreift, gibt es seit Jahren / Jahrzehnten große Flüchtlingsströme. Die meisten (Kolumbien, Philippinen, Burma, DR Kongo, etc.) erreichen uns nicht und fliegen daher unter dem Radar (nicht nur der deutschen Linken). NGOs, auch wie Brot für die Welt, versuchen politisch – zum Beispiel im Bereich Handelspolitik, lange bevor mit TTIP die Diskussion auch hier angekommen ist, weil es ja jetzt auf einmal um „unsere“ Standards geht – da Verbesserungen zu erlangen. Und ja, dann ist es mir lieber, dass Geld auch in fähiges Personal geht als in unfähige, unkoordinierte Wassertropfen auf die heißen Steine. Und während die autonome Linke angenehme Queer-Feste veranstaltet oder eine Soli-Party, nachdem ein paar Menschen Festgenommen wurden, weil sie Steine gegen die EZB geschmissen haben, gibt es auch Menschen, die sich mit technischen Themen auseinander setzen, für die man kein Schulterklopfen bekommt, wie wenn man drei Wochen wichtige Arbeit für Geflüchtete an der griechischen Grenze verrichtet. Nur mal so …
Fazit über das Human Parasit: Eines der besten Musikzines mit starker persönlicher Note oder aber eines der besten Per-Zines mit starkem Musikfokus, entscheidet selbst, aber holt’s Euch!

Adolescents + Clowns + Dead Tourists in Berlin

Adolescents + Clowns + Dead Tourists im Cassiopeia in Berlin (28.07.2016)
Die alte Gewissensfrage: Gehe ich zu einem Konzert von einer Band, die im Jahr 1981, also in einer Zeit in der die meisten Menschen um mich herum geboren wurden, ihr erstes Album veröffentlicht hat? Will ich eine Band sehen, die seit mehr als 36 Jahren den gleichen Scheiß macht? Kann eine Band, die solange unterwegs ist, überhaupt noch gut sein?
Adolescents im Cassipoeia Berlin 2016
Ja, die Adolescents haben mit ihren selbst betitelten Album eines der wichtigsten Alben der Punkgeschichte produziert. Keine Frage. Songs wie Kids of the Black Hole, I hate Kids, Amoeba und andere sind zeitlos. Auch von ihren letzten Alben – „Fastest Kids Alive“ und die mCD „American Dogs in Europe“ – habe ich einige Songs gehört und in mein Herz geschlossen. „Monkeys See, Monkeys Do“ ist eine wunderbare Zeile aus dem Song „Conquest Of The Planet Of The See Monkeys“, die mir noch Tage nach der Show – obwohl nicht gespielt – wieder durch den Kopf schießt. Und dennoch die Frage: will ich wirklich 18 Euro für ein Konzert in einem Laden ausgeben, den ich nur so semi mag, der es bei den Eintrittspreisen nicht hinbekommt einen guten Sound hinzuzaubern und mich mit einem Berliner „Szene-Publikum“ auseinander setzen, das normalerweise aus den jeweiligen „Kiezen“ kaum heraus zu bekommen ist und das Core Tex immer noch für einen guten Berliner Plattenladen hält? Fragen über Fragen und am Ende doch noch einmal in die alten Songs reingehört und mir einen Schubs gegeben. Hätte alles schlimmer sein können, z.B. im Wild at Heart …
Clowns im Cassiopeia Berlin 2016
Daher angekommen, Stempel geholt und direkt wieder los zum Späti. Eine Sache, die ich im Cassiopeia und anderen artverwandten Läden nicht verstehe, ist die Bier-Preis-Policy. Drei Euro für ein kleines Bier bedeutet für die meisten Menschen, die ich kenne, dass sie in solchen Läden nichts oder nur sehr wenig konsumieren. Und ich kenne vor allem durstige Menschen! Ich weiß, dass man einen kommerziellen Laden nicht mit „Bier – ein Euro“ laufen lassen kann. Aber zwischen diesen beiden Preisen gibt es eine große Spanne und selbst im Stadion zahle ich meistens weniger – einfach weil es sich dort, wie in vielen Läden, über die Menge einfach rentiert. So also, Stempel, Späti, draußen sitzen und zwar mit einem halben Liter für 1,30 €.
Dabei auch fast die erste Band komplett verpasst: Dead Tourists (Bandcamp-Link). Scheißname, nicht meine Musik. Die Band musste dann im sozialen Netzwerk auch noch herumposen, dass die T-Shirts passend zur Show fertig geworden sind. T-Shirt-Reunion-Show, sozusagen. An Dummheit kaum zu überbieten! Wenn Punk/Hardcore zu einer Modeerscheinung wird, stehe ich lieber draußen und nuckel an meinem Billigbier. Die letzten beiden Songs haben mir dann gereicht, aber einigen muss es mehr gefallen haben, langhaariger Pogo. Da hat bestimmt jemand noch ein T-Shirt mitgenommen, kotz!
Danach Clowns (Bandcamp-Link) aus Melbourne, Australien. Haben bisher unter anderem auf dem australischen Poison City Records Label veröffentlicht, was schon eine Qualitätsgarantie ist. Dichte Musik, sehr mächtig und wuchtig. Dazu ein völlig aufgedrehter Sänger und fertig ist eine gute Show. Strike Anywhere meets Metal. Für mich von vielem einfach too much, klang auf Tonträger überzeugender als live. Passt auf jeden Fall vom Sound sehr gut auf das deutsche „This Charming Man“-Label, bei dem die neue Platte auch in Europa erschienen ist.
Als Zugabe kam dann, unabgesprochen scheinbar mit dem Veranstalter, eine Feuerspuckerin mit auf die Bühne. Musste gleich an die Geschichte denken, wo mal jemand eine Feuerspuckerin im Trixxxter einladen wollte, Deckenhöhe gefühlte 2,00 Meter. Dass einem im nächsten Moment dann Bilder von der abgefackelten Disko in Rumänien, samt toter Metalband vor Augen sind, wundert eigentlich auch nicht. Himmel, ich werde alt. Ob es Feuerkünstler/innen braucht, möge jede/r selbst beurteilen, immerhin eine nette Abwechslung zu den wallenden Haaren des Sängers, die permanent durch die Gegend flogen. Generell aber kurzweiliger Auftritt.
Clowns im Cassiopeia Berlin 2016
Nach der Band noch mal schnell zum Späti, Durst löschen. Vorher aber noch geschickterweise Pfand wegbringen, ein 3,00 Euro Bier wurde sich dann doch geleistet. Und dann ab zurück, um sich die alten Herren anzuschauen, deren Rente ich gerade mitfinanziere. Oder deren Gesundheitsversorgung. Und was soll ich sagen: Habe in den letzten Jahren wesentlich jüngere Bands gesehen, die weniger Arsch getreten haben. Sänger Tony Reflex hat noch immer eine markante Stimme, die Gitarren, der Bass, das Schlagzeug, alles geht gut nach vorne und ist dennoch melodisch. Dazu kommt, dass alle fünf Mikrophone haben, d.h. die Chöre dieser Band sind einfach gewaltig. Dazu ließ die Band keine alten Hits aus und packte auch eine Reihe neuer Songs dazu, u.a. „American Dogs in Europe“. Am Ende völlig verschwitzt, aber glücklich in die U-Bahn, auf der auch noch fett: „Scheiß Union“, „Scheiß Hertha“ und „Scheiß BFC“ steht. Sehr guter Abend!
Adolescents im Cassipoeia Berlin 2016