Adolescents + Clowns + Dead Tourists in Berlin

Adolescents + Clowns + Dead Tourists im Cassiopeia in Berlin (28.07.2016)
Die alte Gewissensfrage: Gehe ich zu einem Konzert von einer Band, die im Jahr 1981, also in einer Zeit in der die meisten Menschen um mich herum geboren wurden, ihr erstes Album veröffentlicht hat? Will ich eine Band sehen, die seit mehr als 36 Jahren den gleichen Scheiß macht? Kann eine Band, die solange unterwegs ist, überhaupt noch gut sein?
Adolescents im Cassipoeia Berlin 2016
Ja, die Adolescents haben mit ihren selbst betitelten Album eines der wichtigsten Alben der Punkgeschichte produziert. Keine Frage. Songs wie Kids of the Black Hole, I hate Kids, Amoeba und andere sind zeitlos. Auch von ihren letzten Alben – „Fastest Kids Alive“ und die mCD „American Dogs in Europe“ – habe ich einige Songs gehört und in mein Herz geschlossen. „Monkeys See, Monkeys Do“ ist eine wunderbare Zeile aus dem Song „Conquest Of The Planet Of The See Monkeys“, die mir noch Tage nach der Show – obwohl nicht gespielt – wieder durch den Kopf schießt. Und dennoch die Frage: will ich wirklich 18 Euro für ein Konzert in einem Laden ausgeben, den ich nur so semi mag, der es bei den Eintrittspreisen nicht hinbekommt einen guten Sound hinzuzaubern und mich mit einem Berliner „Szene-Publikum“ auseinander setzen, das normalerweise aus den jeweiligen „Kiezen“ kaum heraus zu bekommen ist und das Core Tex immer noch für einen guten Berliner Plattenladen hält? Fragen über Fragen und am Ende doch noch einmal in die alten Songs reingehört und mir einen Schubs gegeben. Hätte alles schlimmer sein können, z.B. im Wild at Heart …
Clowns im Cassiopeia Berlin 2016
Daher angekommen, Stempel geholt und direkt wieder los zum Späti. Eine Sache, die ich im Cassiopeia und anderen artverwandten Läden nicht verstehe, ist die Bier-Preis-Policy. Drei Euro für ein kleines Bier bedeutet für die meisten Menschen, die ich kenne, dass sie in solchen Läden nichts oder nur sehr wenig konsumieren. Und ich kenne vor allem durstige Menschen! Ich weiß, dass man einen kommerziellen Laden nicht mit „Bier – ein Euro“ laufen lassen kann. Aber zwischen diesen beiden Preisen gibt es eine große Spanne und selbst im Stadion zahle ich meistens weniger – einfach weil es sich dort, wie in vielen Läden, über die Menge einfach rentiert. So also, Stempel, Späti, draußen sitzen und zwar mit einem halben Liter für 1,30 €.
Dabei auch fast die erste Band komplett verpasst: Dead Tourists (Bandcamp-Link). Scheißname, nicht meine Musik. Die Band musste dann im sozialen Netzwerk auch noch herumposen, dass die T-Shirts passend zur Show fertig geworden sind. T-Shirt-Reunion-Show, sozusagen. An Dummheit kaum zu überbieten! Wenn Punk/Hardcore zu einer Modeerscheinung wird, stehe ich lieber draußen und nuckel an meinem Billigbier. Die letzten beiden Songs haben mir dann gereicht, aber einigen muss es mehr gefallen haben, langhaariger Pogo. Da hat bestimmt jemand noch ein T-Shirt mitgenommen, kotz!
Danach Clowns (Bandcamp-Link) aus Melbourne, Australien. Haben bisher unter anderem auf dem australischen Poison City Records Label veröffentlicht, was schon eine Qualitätsgarantie ist. Dichte Musik, sehr mächtig und wuchtig. Dazu ein völlig aufgedrehter Sänger und fertig ist eine gute Show. Strike Anywhere meets Metal. Für mich von vielem einfach too much, klang auf Tonträger überzeugender als live. Passt auf jeden Fall vom Sound sehr gut auf das deutsche „This Charming Man“-Label, bei dem die neue Platte auch in Europa erschienen ist.
Als Zugabe kam dann, unabgesprochen scheinbar mit dem Veranstalter, eine Feuerspuckerin mit auf die Bühne. Musste gleich an die Geschichte denken, wo mal jemand eine Feuerspuckerin im Trixxxter einladen wollte, Deckenhöhe gefühlte 2,00 Meter. Dass einem im nächsten Moment dann Bilder von der abgefackelten Disko in Rumänien, samt toter Metalband vor Augen sind, wundert eigentlich auch nicht. Himmel, ich werde alt. Ob es Feuerkünstler/innen braucht, möge jede/r selbst beurteilen, immerhin eine nette Abwechslung zu den wallenden Haaren des Sängers, die permanent durch die Gegend flogen. Generell aber kurzweiliger Auftritt.
Clowns im Cassiopeia Berlin 2016
Nach der Band noch mal schnell zum Späti, Durst löschen. Vorher aber noch geschickterweise Pfand wegbringen, ein 3,00 Euro Bier wurde sich dann doch geleistet. Und dann ab zurück, um sich die alten Herren anzuschauen, deren Rente ich gerade mitfinanziere. Oder deren Gesundheitsversorgung. Und was soll ich sagen: Habe in den letzten Jahren wesentlich jüngere Bands gesehen, die weniger Arsch getreten haben. Sänger Tony Reflex hat noch immer eine markante Stimme, die Gitarren, der Bass, das Schlagzeug, alles geht gut nach vorne und ist dennoch melodisch. Dazu kommt, dass alle fünf Mikrophone haben, d.h. die Chöre dieser Band sind einfach gewaltig. Dazu ließ die Band keine alten Hits aus und packte auch eine Reihe neuer Songs dazu, u.a. „American Dogs in Europe“. Am Ende völlig verschwitzt, aber glücklich in die U-Bahn, auf der auch noch fett: „Scheiß Union“, „Scheiß Hertha“ und „Scheiß BFC“ steht. Sehr guter Abend!
Adolescents im Cassipoeia Berlin 2016