Der Blumenstrauß
Die Bardame stellte mir ein fünftes Bier vor die Nase. „Bitte!“ krächzte sie so lieblos, wie möglich. Ich nickte dankend, leerte die Pfütze aus dem Vorgänger und stellte die Pilstulpe auf ihr Tablett. Sie machte einen Querstrich auf dem Bierdeckel und zog wieder von Dannen.
„Hoch die Vasen“, rief jemand am Tresen. Ich reagierte nicht. Kurz beobachtete ich die Blume auf dem Bier, eine Krone als Krönung der Schöpfung einer Hinterzimmerkneipe in einer Hinterzimmerstadt. Dann nahm ich die Vase in die Hand und runter mit dem nächsten Schluck.
Seit einigen Stunden bevölkerte ich schon diesen illustren Ort. Mein Zug war liegen geblieben. Ein Sturm war über das Ruhrgebiet gezogen und jetzt saß ich hier in der Taverne und versuchte, die Stunden zu überbrücken. „Oberleitungsschaden“, hatte die völlig überforderte Bahnfrau nahezu geschrieen, „der wird aber heute Nacht noch behoben.“ Ich ließ das mal so stehen und glaubte ihr. Um fünf Uhr morgens würde das nächste Bahnvehikel die Stadt verlassen und mich näher Richtung Heimat bringen. Doch bis dahin war ich hier in der Spelunke gut aufgehoben. „Durchgehend geöffnet“ stand auf dem Schild, das mich einlud zu kommen, „Bei Erika“ war der Name, der mich zum Bleiben zwang.
Erika war jetzt wieder hinter dem Tresen verschwunden, spülte sofort meine Biervase, trocknete sie ab und stellte sie ins Regal hinter sich. Das gleiche Prozedere, wie in dem Moment, als ich hier vor einigen Stunden herein gelaufen bin.
„Bist Du Erika?“, hatte ich zur Begrüßung die Bardame gefragt. Sie stand, wie jetzt, mir den Rücken zu wendend hinter dem Tresen und polierte mit einem karierten Trockentuch ein „BV 09 Borussia Dortmund“-Glas. Außer ihr saßen vier ältere Männer am Tresen. Sonst war niemand zu sehen. „Wer soll ich sonst sein?“, hatte sie in Richtung der Wand gesagt. Mit den Worten, „Wat darfst denn sein?“, drehte sie sich zu mir um. Im ersten Moment war ich geschockt. Ich wusste, dass es Bierbäuche gab, aber, dass der Bierdunst auch Gesichter so dermaßen aufquellen lassen konnte, das war mir neu. Das einst blonde, lockige Haar war verblasst, einzelne Locken hingen lustlos an ihrem Kopf herunter. Fast so, als hätten sie sich suizidal und verzweifelt in die Tiefe gestürzt, der Last des Lebens nachgebend. Ihre Wangen waren leicht rötlich, ein paar Sommersprossen hatten noch nicht das Weite gesucht, doch der Rest des Gesichtes auf irgendwo zwischen aufgequollen und mehrfach gefaltet liegen geblieben.
„Ich nehm nen Pils“, hatte ich gestammelt, fast schon erschrocken. Auf eine Nische zeigend trollte ich mich anschließend aus dem Eingangsbereich. Die restlichen Gäste schenkten mir keine Beachtung. Sie saßen auf ihren Hockern vorn herüber gebeugt und gaben sich ihren Getränken hin. „Boomerang-Biertrinken“, hatte sie ein Freund einst tituliert. Meiner Meinung gleich ihre Haltung eher einem Flitzebogen. Gemein ist beiden, solche Kurven will Mann nicht sehen!
Erst als ich in der Nische saß, bemerkte ich, dass sie alle mich doch beachtetet, wenn nicht gar beobachtet haben mussten. Sie fingen an zu tuscheln und mit geringem Lärmpegel unterhielten sie sich weiter. „Der Fremde“, hörte ich ein oder zweimal heraus.
In der „Flitzebogen“-Stellung verharrten sie noch immer. Ein trauriger Abend. Der einzige Trost war das Buch, das mich seit Stunden unterhielt. Gute Schreibe, keine Handlung, kein Spannungsbogen und dadurch näher an der Realität als alles andere, durch das ich mich die letzten Tage hindurch gequält hatte. Nur hin und wieder wurde ich aus meiner Lektüre gerissen, wenn wieder einer der älteren Herren auf den Tresen schlug oder jemand einen speziellen Hit aus der Jukebox erkannte und laut mitsang.
„Erika, oh Erikaaaaa“, sang jemand laut mit, als die Lokalmatadore einen Song über eine Imbissbudenbesitzerin via Stereoboxen zum Besten gaben, der weder schmeichelhaft für besungene Person, noch für die anwesende Bardame mit dem gleichen Namen war. „Tonnenweiße Schlangenfraß“, summte ich leise mit, bevor ich wieder einen Schluck aus meinem Bier und ein paar Zeilen des Buches verschlang.
Ein weiteres Kapitel gelesen, klappte ich das Buch zu und lehnte mich entspannt zurück. Mein Blick stromerte durch die Kneipe, verfing sich in den Spinnennetzen und hing irgendwelchen Gedanken nach. Das dunkelbraune Holzambiente wirkte wie eine Mischung aus Irish-Pub und dem ungemütlichen Wohnzimmer meiner Eltern. Gelsenkirchener Barock hatte als Innenarchitekt beratend zur Seite gestanden und Tipps gegeben. Mein Blick flog durch den Raum und hielt erst an einer alten Uhr. 19:09 zeigte sie an, allerdings hatte ihre Zeiger seit Jahren keine Runde mehr gedreht. Es musste schon spät am Abend sein, zwischen zweiundzwanzigdreißig und dreiundzwanzigdreißig, vermutete ich. Ich kramte mein Mobiltelephon raus. Tatsächlich war es schon kurz nach eins. Ich atmete auf.
Die Eingangstür unter der alten Uhr schwank plötzlich auf. Das war seit Stunden nicht mehr passiert. Genauer gesagt, seit dem ich „bei Erika“ eingekehrt war. „Alles Pillemann, Kacke, Arsch!“ hörte ich noch, bevor ein großer Mann, ein schmächtiger Mann mittleren Alters hereinkam.
„Was los Uwe?“, fragte ein kräftiger Mann am Tresen, stand auf und klopfte Uwe aus meiner Sicht brutalst auf die Schultern. Hatte er vor dem Neuen die Schulterblätter zu durchschlagen oder das Schlüsselbein unter die Rippen zu hämmern? Uwe knickte merklich ein, schupste den Kräftigeren angestrengt von sich und nahm einen Platz am Tresen ein.
„Erika, mach mir mal nen Gedeck!“
„Kein Problem!“, kam von Jenseits des Tresens und der Zapfhahn rauschte. Ein kleiner Strahl wurde in eine vorgezapfte Pilstulpe geschossen und dann das volle Glas auf einen Bierdeckel auf den Tresen geschoben.
„Hoch die Vasen!“, rief jemand.
Uwe begann dann ungefragt sein Leid zu klagen. Da ich sein leises Stimmchen nur unter größter Anstrengung verstehen konnte, widmete ich mich wieder dem Buch. Vier Kapitel noch, dann würde ich hier ratlos sitzen.
Doch kaum hatte ich mich wieder in die Geschichte gedacht, sprang die Tür erneut auf. Hier herrschte um so späte Stunde ein reges Treiben, dachte ich. Doch als ich aufblickte sah ich schon einen südasiatisch aussehenden Mann, der mit einem Strauß Rosen vor mir stand: „Du wollen Rose kaufen?“
Reflexartig musste ich grinsen. Schönes Klischee! Ich schüttelte dankbar den Kopf, doch er schien die Geste nicht zu registrieren und hielt mir die Rosen näher vor meine Nase. „Wunderschöne Rosen, für Frau zu Hause.“ Ich schnaubte ein wenig, halb lachend, halb genervt, presste etwas Luft aus meiner Nase und bedankte mich für das Angebot, das ich allerdings erneut ausschlug. „Sicher nicht wollen kaufen Rosen?“
„Nein, keine Chance“, merkte ich lakonisch an. Eigentlich hatte ich mit einem welken Gestrüpp in dieser Gegend gerechnet, doch das Rot der Rosen hatte wahrscheinlich die größte Strahlkraft von allen Gegenständen in dieser Kneipe. Keine verblüten Knospen, wie sie sich hier um den Tresen gruppierten.
Der Mann drehte sich um und ich dachte nur: „Mein Freund, an diesem Abend wirst Du hier nicht sonderlich viele Kunden gewinnen können“, als einer der Tresen-Kunden schon aufsprang. „Komm mal her, komm mal her. Wat kost dat ganze Gestrüpp?“
„Ganze Strauß? Kost nicht viel! Sagen wir, weil Du bist, 100 Euro!“
Niemals hätte ich gedacht, dass hier, wo maximal Pilsblumen blühen, jemand die Blumen kaufen würde. Doch der Typ kramte in seinem Portemonnaie und forderte dann die Uwes, Dieters, Hänschens und Erwins im Raum auf, sich doch zu beteiligen. „Dat können wa Erika mal gönnen, oder nich?“, war der allgemeine Tenor. Doch, so sehr sie sich auch bemühten, die Deckel mit den Strichen völlig außer Acht lassend, sie kamen nur auf 85,52 Euro.
Der Versuch zu handeln schlug fehl, ebenso der Vorschlag, sich 7 Pils auf dem Deckel von Erwin anrechnen zu lassen. „Ist schon extrem Sonderangebot und ich nicht trinken Alkohol“, war die Antwort, die auf noch größeres Unverständnis stieß, als die mangelnde Möglichkeit, um den Blumenstraußpreis zu feilschen. Also biss Uwe auf die Zähne, kam zu mir, bot mir an, meine Biere zu übernehmen, wenn ich doch die fehlenden 15 Euro beisteuern würde. Ich blickte auf die Vase auf meinen Tisch, nahm einen großen Schluck, bestellte ein neues Bier bei Erika und gewährte den gewünschten Kredit. Uwe schlug mir sanft auf die Schulter, lud mich an den Tresen ein und Erika strahlte, wie zuletzt wohl in den 1960er Jahren. Ein glücklicher Asiat verließ die Taverne und ich ließ mein Buch Buch sein und rückte an den Tresen.
Den Zug um fünf verpasste ich.
Aus: Pankerknacker #25