Leatherface + Dead Koys im Vortex in Siegen (05.02.2012)

Nach einer anstrengenden Lesung in Wermelskirchen mit vielen guten Geschichten (Danke an Alex Gräbeldinger, Jimi Berlin, Shawn und Frustus) und einer viel zu langen Nacht am Tresen, waren die Kräfte für einen 1,5 Stundenritt bei Eis und Schnee fast erloschen. Immerhin, vor 20 Leuten im AJZ Wermelskirchen gelesen, wo Green Day dereinst vor 50 Leuten gespielt haben – an dem Abend, als sie erfuhren, das ihr Album „Dookie“ in den UsA auf Platz eins der Albumcharts steht. Darauf erst mal ein genüssliches Schulterklopfen. Oder auch nicht!
Beim Abendbrot diskutiert, Leatherface hin, Leatherface her. Siegen, das liegt hinter den Sieben Zwergen samt sieben Bergen. Süddeutschland, im tiefsten! War das nicht schon fast Österreich? Der Tatort lockte schon, doch dann doch einfach ins Auto gestiegen und durch die Nacht. Im Anschluss festgestellt, dass es der österreichische Tatort war, vielleicht aus Siegen. Leatherface auf jeden Fall die bessere Alternative, schließlich das einzige Konzert auf der Tour, welches ich beiwohnen können würde.
Am Vortex dann angekommen, erstmal über die Eintrittspreise von 12 Euro pro Persona gewundert. Wow, teuer! Und dennoch, nirgends ein Plakat, außer ein „Selbstgemaltes“ auf der Herrentoilette. Von Vorbands wusste auch niemand nichts. Dann kam doch eine, Vorband jetzt. Diese über sich ergehen lassen, Dead Koys. Junge Leute aus überall des südlichen NRWs, die ganz okay waren, mehr aber auch nicht. Klar, vor Leatherface sieht man immer Scheiße aus!
Warten auf Frankie & Co, doch im Gegensatz zu Godot, kommen die Herren doch noch auf die Bühne. Dann gewundert, wer ist denn der Mann an der Gitarre? Ein „Gitarren-Warmspieler“? Das wäre doch überflüssig. Dann allerdings Frankie Stubbs auf der Bühne, den linken Arm in einen Sunderland-Schal gehült, das Schlüsselbein und die Schulter schonend. So will der auf eine mehrwöchige Tour gehen?! In Russland, Skandinavien, etc.?! R-E-S-P-E-C-T!

Tja, der gute Herr hatte sich vor der Tour mal das Schlüsselbein gebrochen, fuck! Also, ohne Frankies Gitarrenspiel, dafür mehr Getanze und eine Konzentration auf den Gesang. Vor allem bei einigen Hits wie „Dead Industrial Atmosphere“ oder „Springtime“ fehlte die charakteristische Gitarre, verdammt. Aber der „Stubbs Shuffle“, die galanten Beinbewegungen in einer Vielzahl als Tanz, entschädigten ein wenig dafür.
Das Set war dann das gewohnte Programm der letzten Tour in anderer Reihenfolge und ohne „Not Superstitious“. Am Ende war der Kasten Wicküler auf der Bühne leer, nach Zugaben die Show beendet und es ging mit einem guten Gefühl zurück ins Ruhrgebiet. Hat sich doch gelohnt.

Und mit im Gepäck eine Flasche Wicküler, die noch übrig geblieben ist und ein paar Kopien der „Mush“, die als Bootleg an diesem Abend auf Vinyl verkauft worden sind. Also, Augen auf bei den nächten Konzerten.
Archiv der Kategorie '04. Konzerte'
Goodbye and Farewell! Thank you for the music!

picture: Quezon City 2010; Ten02 Bar
The Beauty of Doubt (2002 – 2012)
video: Quezon City 2009; Leprechaun
Kurt + Der Faustmörder + Lafftrak im Störtebeker in Hamburg (30.12.2011)
Am vorletzten Tag des neuen Jahres einfach mal hoch nach Hamburg und sich auf Kurt freuen. Gute Freunde einpacken, gute Freunde besuchen, das ist doch eine schöne Art, dem Jahr „Auf Wiedersehen!“ zu wünschen. Zuerst aber durch Hamburg irren, Bier trinken im Molotow und diskutieren, ob man bei „soliden Preisen“ auch einkehren sollte. Dann aber dennoch dagegen entschieden. Dürfte im Störtebeker jeden Moment laut werden.

Störtebeker ist immer ein Laden, der es wert ist, ihn zu besuchen. Against Me!, Sixty Stories, Pascow und Love A, letztere beiden in einem Konzert. Drei Shows, alle großartig. An dem Tag fingen Lafftrak an. In Dinosaurier-Kostümen und mit Anti-tainment-Gedächtnis-Sound. Nur nicht so gut. Irgendwie schon klar, dass hier geklaut worden ist … oder popkulturell „zitiert“ … ohne aber an das Original heran zu reichen. Bei Weitem nicht, um ehrlich zu sein. Aber egal.
Danach im Keller festgeschwatzt, alte Bekannte getroffen und ein paar Bierchen konsumiert. Oben läuft Trash-Core, den ich leider fast komplett verpasse. Band maskiert mit Sturmhauben, so sehe ich die letzten drei Songs. Also, die letzten zwei Minuten der Show, hehe. Faustmörder, ein guter Name. Musikalisch auch gut. Dann, letzter Akkord, die Instrumente werden in die Ecke gelegt und von der Bühne gerannt! Geil!
Kurt sind natürlich der Hauptact, ohne Diskussion. Die Süddeutschen spielen seit der Mitte der 1990er, haben diverse Platten auf X-mist veröffentlicht, ein schönes Review, dass ich mal aus einem Platten Review klaue (oder „zitiere“ für popkulturell bewanderte); von durchdes welt. Blog:
X-Mist haben immer schon ein Händchen gehabt, die Art von Bands zu angeln die etwas ganz besonderes und neues auf die Beine stellten. Die Grundmauern bleiben Hardcore und Punk, doch was die drei Musiker hier vollbracht haben ist nicht so einfach zu beschreiben.
Ein Sänger der Gitarre spielt und zwar so, das ich nicht das Gefühl habe das hier nur eine zu Gange ist. Ein Bassist der sich fast die Finger wund spielt und einen Lauf nach den anderen produziert. Als ich Live den Schlagzeuger beobachte blieb mir fast die Spucke weg. Auf schlichte Hardware zauberte er einen Beat, das ich es fast nicht glauben konnte.
Schon damals bildete der Sound von Kurt keine leichte Kost und hat bestimmt durch die meist unendlichen einsilbigen Parts viele zur Weißglut gebracht. Jedoch genau hier liegt die Stärke der Platte. Immer genau dann wenn Du es nicht mehr aushalten kannst, noch ein Stück weiter und du wirst von einem Feuerwerk erlöst.
Emotionen werden freigelassen wie auf kaum einer andere Platte.
Bad Omen in 9Mile Bar in Quezon City und in St. Augustine College in Baliwag (Bulacan) (16. Dezember 2011)
Bad Omen gehören zu der zweiten Generation Punkbands in den Philippinen, die in den späten 1980ern / frühen 1990ern angefangen haben sich vor allem von Streetpunk inspirieren zu lassen. Geprägt vom englischen Punkrock der späten 1970er Jahre entwickelten Bad Omen sich in den letzten Jahren zu einer Band, deren Einflüsse mittlerweile vom alten britischen Streetpunk über den Gainesville/NoIdea-Sound bis Rancid reichen. Bad Omen gehören – trotz einiger Unterbrechungen – mittlerweile zu den ältesten, noch existierenden und in der Szene verwurzelten Band in Manila – Homepage Bad Omen.
Als Sänger und Gitarrist Albert mich daher fragte, den letzten Abend meines Philippinenaufenthalts auf zwei Shows mit ihnen zu verbringen, konnte ich unmöglich „Nein!“ sagen. Also schon um sieben Uhr an der 9Mile Bar getroffen, ein paar Bierchen gezischt und einer mehr oder weniger öffentlichen Probe beigewohnt. Auf dem Festival „One Heart United“, auf dem für eine Vierjährige mit Herzproblemen gesammelt wurde, ware um acht, als Bad Omen anfingen, noch gar nichts los. Also jamte die Band, spielte zweimal „Last Christmas“ als Punkversion (das einzige Mal, dass ich diesen Song die Weihnachtssaison hören musste) und hatten vor allem eins, Spaß mit sich selbst auf der Bühne. Die obligatorische Cock Sparrer Version von „We‘re Coming Back“ durfte nicht fehlen und alles in allem war der Auftakt des Abends eher gemütlich, aber spaßig (vgl.: Link zu älterem Konzertbericht mit Bad Omen).
Dann ging es in die Provinz. Zwei Stunden in Richtung Norden, zuerst auf der Autobahn, dann über Landstraßen, bis wir schließlich in Baliwag ankamen. Baliwag liegt in der Provinz Bulacan und ist ein verschlafenes Nest. Es ist geprägt durch die San Agustin Kirche im Stadtzentrum. Um diese versammelten sich die Ausgehfreudigen diesen Abend, die nichts mit Punk zu tun hatten. Denn das Konzert fand wenige Meter weiter in einem Hinterhof unter freiem Himmel statt. Als wir ankamen waren bereits 200 Leute zu gegen und feierten eine mäßige Melodiccore Band, die gerade ihre Instrumente malträtierte.
Während die Band mit Essen versorgt wurde und ich mich auf die Suche nach Bier machte – tatsächlich gab es nur 1 Liter Flaschen San Miguel und Plastikbecher – begann auch schon die nächste Band. Eine eins-a Nirvana-Coverband, das hatte noch so eben gefehlt. Doch die Meute vor der Bühne freute sich einen Ast. Kids, viele unter 16, tanzten Pogo, sprangen herum, bis hin und wieder einzelne aus dem Mob von dem bewaffneten Securityguard gezogen und rausgeschmissen wurde. Wie ein Bienenschwarm versammelten sie sich dann um den Securityguard, gingen bis zum Eingang und rannten dann wieder vor die Bühne und feierten die Band. Interessant!
Während der Boden fast bebte, roch die Luft angenehm süßlich nach Drogen.

Die Nirvana-Coverband ließ es sich nehmen, einige Songs von der „Smells Like Teen Spirit“ zu spielen, die aber allesamt keine Singleauskopplungen waren. Ob das nun zumindest etwas Geschmack beweist, ich weiß es nicht. Spannend war aber die Ramones Coverversion von „Rockaway Highschool“ (oder was war es noch mal), die dann auch mit nöhligem Kurt-Cobain-Gedächtnis-Gesang dargeboten, eine Bereicherung war. Anschließend eine kurze Umbaupause, Gitarren, Bass und Drumsticks geschnappt und Bad Omen mussten auf die nicht vorhandende Bühne. Menschen gruppierten sich um die Bühne, die meisten vor den Boxen, und die Band wurde artig mit Applaus empfangen.

Schön war vor allem zu sehen, wie die Kids um mich herum, ab dem ersten Wort alle Songs mitsangen. Nicht lange und das Mikro wurde ihnen übergeben. Fast alle waren textsicherer, als ich es jemals sein könnte. Während sich immer vier oder fünf ums Mikro gruppierten, tanzten ca. 20 Leute ausgelassen. Fingerpointing, Rumschupsen, einfach nur gut. Selbst meine müden Tanzbeine ließen sich von 32 ° Celsius nicht erschrecken und ich schwitzte mein Shirt durch.

Die Band spielte vor allem ältere Songs, aber auch viel Material von der „God is Everywhere“ CD. Am Ende gab es noch die obligatorischen Zugabenwünsche. Also kurz Ratschläge von den zumeist Minderjährigen eingeholt und explizit auf deren Wunsch „Sex & Violence“ gespielt. Auch wenn es peinlich ist, es zuzugeben, aber hier wurde auch ich endlich textsicher.
Ein großartiger Abend mit einer phantastischen Crowd. Ähnlich wie in Deutschland, wenn irgendwo noch Leute Punk zu zelebrieren wissen, dann meistens auf Dorf, wo „Coolness“, „Gesehen Werden“, „Bands-Erkennen-Die-Noch-Real-Sing“ und „Habe-ich-schon-zehnmal-gesehen“ meistens weniger wichtiger ist, als einfach nur Spaß zu haben. Auch wenn das bei Alkohol und anderen Drogen sicherlich auch eine starke selbstzerstörerische Komponente hat, was nicht unbedingt ein Vorteil sein muss. Schöner Abend!
Embrace the Absurd, Bought By Blood, 12Tons, Mihara, The Crimson Cartel, No Turning Back in Quezon City in Freedom Bar in Quezon City (15. Dezember 2011)

Okay, okay! Selbst in fortgeschrittenstem Alter bleibe ich naiv. Dazu stehe ich. Wenn ich lese, Start eines Konzertes pünktlich (!) um 19:00 Uhr, Einlass ab 18:00 Uhr, dann denke ich häufig, dass das stimmt. Natürlich ist das doof. Oder halt naiv. Je nachdem, wie man mir gesonnen ist. Jetzt kann man mit linker halber Stunde, akademischen Viertel oder „Pilipino Time“ argumentieren, doch wenn der Veranstalter droht, dass wer um 19:00 Uhr nicht da ist, mit seiner Band nicht auftritt, dann halte ich das für real. Trotz aller Rechtfertigungen für Verspätungen, by the way. Und ja, ich gesehe seit Jahren auf Konzerten in Läden wie AJZ Bielefeld, AZ Mülheim, Baracke Münster, Gleis 22 Münster, also alles Lokalitäten, die sich nicht unbedingt mit der toitschen Tugend Pünktlichkeit zieren dürfen oder zumindest durften.
Also – natürlich ohne Band – schon gedrängelt, dass wir ja um sieben Uhr da sind. Klar, dass das Ganze noch nicht anfängt. Hätte man sich … lassen wir das. Auch, dass es durchaus noch bis acht oder so dauern könnte, ja okay. Doch, dass um sieben Uhr noch nicht einmal der vorher auf fratzenbuch mit dem Zeigefinger auf das Handgelenk pochende Typ, der der Zeitdiktator des Abends zu sein schien, am Ort des Geschehens ist, damit hätte ich nicht gerechnet. Also erstmal Abendreis bei Mang Inasal mit „bottom less“ Coke. Wer mal guten Reis, also richtigen Reis (Nein, Uncle Mercedes-Benz zählt nicht dazu) hatte, kann diese Pappe einfach nicht herunterkriegen. Dass ist wie ein schönes westfälisches Vollkornbrot vs. französischer Toastpappe. Kein Vergleich! Doch, beame me back to Quezon City. Zurück am Ort des Geschehens, nichts! Also Francis in Richtung Arbeit geleitet und zurück mit dem Jeepney zur Herberge. Zum Glück nur ein Jeepney-Ride (10 Minuten, 8 Peso) entfernt wohnen, toll! Geht’s halt um neun noch mal los, vielleicht sind dann Leute da.
Also, wieder aufgerafft, und siehe da. Draußen hat es sich angefüllt. Gleich den lieben Dyey getroffen (wer auf fratzenbuch ist, kann mal „Northern Territory Clothing and Printing“ liken, oder wie man so neu-schwachsinnig sagt. Ach ja, und dann direkt T-Shirts ordern, Dyey ist cool und bringt seine Familie damit durch!) und M., mit dem ich mich verabredet hatte. Die 100 Peso (1,80 €) Eintritt bezahlt und rein ins Getümmel. Da ich vorher keine Band kannte, war ich schon gespannt. Mit Embrace the Absurd (Link zum Youtube-Video) begann der Abend eigentlich schon mit einer richtig guten, schnellen Punkband. Irgendwie kamen mir die Jungs auf der Bühne vom Sehen her bekannt vor, schätze mal die spielen in anderen Bands, die ich in der Vergangenheit schon sehen durfte. Auf jeden Fall Highspeed Punkrock, der leider aber niemanden von außen wirklich annimierte schneller die Bar zu betreten. So spielten die Band ein solides Set von fünf bis sieben Songs in Front vor ein paar sitzenden Gestalten. Schade, aber wenn die länger bestehen, werden die noch mal richtig gut!
Als nächstes kamen Bought By Blood (auch hier ein Link zum Video auf Youtube). Mehr Leute kamen herein und bildeten die klassische Sichel vor der Band. Ein geschützter Halbkreis, in dem all die Windmühlen-Quijote’s und Luftlöcher-Treter sich mal richtig austoben können. Selbst der Sensenmann hat hier eine Auszeit und traut sich nicht vor die Sichelschneise. Phantastisch. Dazu ein eher bouncender Sänger und schwerfälliger, metallischer Hardcore. Definitiv nicht meine Tasse Tee, aber immerhin kamen nun Leute rein. Als der Sänger dann aber vor dem zweiten Song einen langen Monolog über seine Vergangenheit und seinen Erretter, Jesus Christus, anfing, verschlug es mir doch die Kauleiste in Richtung Tischkante. Oh weh! Katholisches Land, diese Philippinen. Erst jetzt sah ich, dass auf seinem Oberarm das Konterfei vom Sohn des Herren prangte. Meinen Weggefährten auf den für mich offensichtlichen Widerspruch – Hardcore vs. Religion – aufmerksam machend, entgegnet dieser mir nur, dass es doch okay sei, wenn er so von der schiefen Bahn kommen würde. So schief kann eine Bahn doch nicht sein, oder? Der folgende Song hieß dann gleich „Testimony“ und ich schluckte nur. Doch, auch der nächste Song mit dem Refrain „Hosianna“ schlug in die selbe Kerbe. Noch einen religiösen Reißer und ich gehe raus, der Entschluss stand fest. „The next song is called: Halleluja“. Selbst „Halle-in-Westfalen“ hätte ich schon nicht mehr durchgehen lassen, aber Halleluja war dem Jesusgehuldige eindeutig zu viel. Raus!
Auf ihrer Bandseite verlautbaren die Jungs übrigens ihre eigene Offenbarung: „Being devout christians the bands main goal is to glorify Jesus Christ and spread the Good news that Salvation is free and that there is a real God that loves Everyone…“ Ich kommentiere das mal nicht weiter!
Draußen dann ein Glücksfall, zum einen super lange mit besagtem Dyey (kauft dem seine T-Shirts, verdammt!) unterhalten und einen Haufen großartiger Fanzines erstanden (I Remember Halloween, Thought Market, Incidental Afterthought, Woolgathering und Linebreaker). Danach wieder rein, der Prediger hatte die Kanzel verlassen, die Sichel wurde zu einem Achteck, da viele wieder verschwanden.
Es folgten 12 Tons und Mihara, zwei eher unspektakulärere Hardcore-Bands (eine ist auf dem Photo unten, aber ich vergaß welche), aber der Laden füllte sich. Der Laden, gutes Stichwort. Die Freedom Bar ist eine der ältesten Kneipen / Bars, in denen alternative Künstler/innen auftreten können. An der Kreuzung Aurora Blvd / Anonas gelegen, ist sie verkehrstechnisch leicht zu erreichen (Jeepneys und Hochbahn), gegenüber liegt mit dem 70s Bistro eine weitere Kneipe, die regelmäßig Livemusik anbietet (u.a. The Jerks oder Beatles-Coverbands). Von innen ist der Laden schlicht, aber nett bemalt. Bierpreise sind fair (ca. 30 Peso, also 60 Cent) und auch die Eintrittspreise sind okay.

Als letzte Band vor dem europäischen Hauptact dann The Crimson Cartel (Youtube-Video-Link). Erneut eher schleppender Hardcore, der nicht mein Fall war. Viel Agnostic Front, viel H2O, Cro-Mags und wie die Kollegen alle heißen, viel New York, wenig DC, wenig Minor Threat, wenig Kalifornien, wenig Circle Jerks. Aber die ersten Windmühlen postierten sich und man konnte einige „Tanzfiguren“ aus dem Sick of it All-Trainingsvideo (Step Down, vorletzter Link für heute – Youtube) erkennen. Ich freute mich einen Moment, dass geistige Eigentumsrechte bei Tänzen noch immer nicht durchgesetzt werden, auf der anderen Seite würden in diesem Fall wohl v.a. Bunken, die US-Tough-Guy-Shit nachtanzen mit einer ordentlichen Tracht Prügel und unter Zerstörung aller Agnostic Front-CDs nicht nach Hause gelassen. Ach ja, eine gerechte Welt. Wo war ich stehen geblieben? Egal, Sprung, No Turning Back auf der Bühne.
Wie das erste Bild in diesem Artikel zeigt, der Laden war voll gepackt wie die Jeepneys zur Rush-Hour! Fuck, und gleich von Anfang an eine großartige Show mit allem was zu einer (klischeebeladenen) Hardcore-Show dazu gehört, Crowdsurfing, Sing-a-longs, ins-Mikro-blöken, Fäuste, Klatschen, Windmühle … das volle Programm. Währenddessen mundete mir das Red Horse mit ein paar Skinheads von Safety First, die zwar kaum Englisch sprachen, aber durstig waren! „Der schönste Platz ist doch immer an der Theke“ (Rio Reiser). No Turning Back rotzten derweil ihr Set runter, was wirklich gut war und die Leute begeisterte. Auffallend war vor allem ein belgisches Mädel, die entweder zur Band gehörte oder denen hinterher reiste. Jede Silbe sang sie mit, schon krass. Nervig allerdings die Frage des Sängers an alle Weißen (sic!) im Publikum, wo sie denn her kämen. Besagtes Mädel – die eigentlich wie das ganze Land einen eher unsympathischen Eindruck machte … jaja, ich weiß, Belgien-Hass ist auch Scheiße, aber das Land kann mich wirklich mal. Mit Österreich und Deutschland einfach die am meisten zu verachtenden Länder der … ach, lassen wir das jetzt hier und jetzt, Fazit: Belgien Scheiße, Österreich = Scheiße, Deutschland = Scheiße! – sagte dann „Belgium“, irgendeiner „Australia“, ein andere „U-S-A, I‘m a G.I., man!“ … auch mal ohne Worte. Da ich mich geschickt im Rücken der Band postiert hatte, hoffte ich um diesen bittren Kelch der „Hautfarben-Aufmerksamkeit“ herumzukommen, doch als letztes sprang dem Sänger auch mein Rübenzinken und die kalkbleiche Fresse in seine Visage.
„We are you from, man?“.
Was soll man da sagen. „Europe!“ Fand ich eigentlich schon eine coole Antwort.
„No, man, where are you from?“. Wie blöd kann man eigentlich sein?
„Europe!“ Ich bin vielleicht nicht 100%-Anti-Deutsch, aber Deutschland finde ich schon zu 100% Scheiße! Doch der Sänger von No Turning Back gab nicht auf.
„No, mean, from which country are you?“.
„Fuck, Germany“, und ich schämte mich erneut. Normalerweise lüge ich in solchen Momenten immer, „Schweiz“, „Niederlande“, ja nach Situation. Niederlande wäre mir hier aber wohl zum Verhängnis geworden, wenn die Band später doch noch auf eine Cola mit mir sich unterhalten wollen würde, Schweiz ist mir in dem Moment nicht eingefallen. Immerhin, die Gesichtszüge des Sängers sackten nach unten, hatte der Käsehobler mich doch zurecht als „Kartoffelficker“ (Till Schwaiger) enttarnt. Nun ja, dann gab es wieder das obligatorische „Geil, dass hier so viele verschiedene Leute sind. Großartige Party, macht mal Lärm, wir machen Photos, dann kommen mehr europäische Bands.“ Ich hätte ja am liebsten gefragt, ob nicht lieber mehr philippinische Bands nach Europa kommen sollten, doch dann musste ich an Jesus-Core denken, nahm mein Bier und prostete den Jungs von Safety First zu.
Alles in allem ein großartiger Abend, der dann bei der Beatles-Night auf der anderen Straßenseite im 70s Bistro seinen wohl verdienten Ausklang fand. Halleluja!
The Go Signals in Boni-Station in Mandaluyong City (11.12.2011)
Der 10. Dezember ist der jährliche Tage der Menschenrechte. Ein Tag, an dem Opfern von Menschenrechtsverletzungen gedacht wird, ein Tag an dem Regierungen überall auf der Welt ihrer Verpflichtungen erinnert werden, diese Menschenrechte zu achten, zu schützen und zu gewährleisten. Sowohl in Deutschland als auch in den Philippinen ist dies generell immer ein Tag, an dem die Zivilgesellschaft, Organisationen wie FIAN oder Amnesty International, zu Demonstrationen, Kundgebungen, etc. aufrufen. In den Philippinen war vor allem in der Woche vor dem 10. Dezember (ein Samstag) Veranstaltungen organisiert worden. Am 11. Dezember fanden in vielen Hochbahn-Stationen über das Stadtgebiet von Metro Manila Konzerte zu unterschiedlichen Thematiken statt. Konzerte gegen Hunger, Umweltzerstörung, die Verbreitung von HIV/Aids, für Erziehung, Gendergerechtigkeit etc. Alles im Kontext der Menschenrechte und um über das Thema aufzuklären. In der Boni Station spielten u.a. mehrere Ska- und Indiepunkbands sowie die philippinische Mod-Band The Go Signals.

The Go Signals haben 2011 auf Paisley Cloud Records ihr Album „Secrets & Lies“ veröffentlicht. 11 Songs, die so klingen, als wären The Jam in der Neuzeit angekommen. Melodischer Punkrock, Harter Brit-Pop, Mod eben. Außer the Movement aus Dänemark fallen mir eigentlich keine weiteren Bands ein, die Mod auch im Jahr 2000+X spielen können, ohne wie eine schlechte Retro-Variante des Originals zu wirken. Vielleicht gibt es überhaupt neben The Jam, The Movement, Lambrettas und Go Signals kaum Bands, die diesen Stil authentisch und gut rüberbringen. Go Signals hören, versetzt ein in diesem komische Gefühl, am liebsten den Asi von nebenan von seinem Scooter zu boxen und mit dem Ding nach sonstwo zu fahren.
Vor der nicht vorhandenen Bühne in der Boni Station versammeln sich ca. dreißig Leute, hinter den Toren noch weitere. Viele Leute, die vor der Bühne stehen, scheinen wegen der Musik hier zu sein. Andere sind Bands, die vorher schon gespielt haben oder danach noch ranmüssen. Die Bands vorher, u.a. eine okaye Skapunkband, haben vor weniger Leuten gespielt, doch Go Signals schaffen es, die Meute zu halten. Einige sind Passanten, die in Richtung sonstwo wollen, verzichten auf die Weiterreise.
Go Signals spielen ein feines Set. Im Gegensatz zu anderen Bands schaffen sie immer wieder Verknüpfungen zum Thema „Gender Equality“. In jedem Land, in dem die katholische Kirche starke Strukturen und eine große Anhängerschaft besitzt, ist es schwer, Gendergerechtigkeit und -gleichheit durchzusetzen. Generell sind außer zwei Plakaten allerdings keine weiteren Informationen zu bekommen. An anderen Stationen soll das besser sein, wobei sich die Infos meist auf einem Niveau bewegen, das ich nicht allzu hoch bewerte. Go Signals geben zumindest über das Mikro Infos weiter. Musikalisch ist das wie immer astrein und schön zu hören. Füße widmen mit, entspannte Musik, melodisch und gut.

Dass allerdings während meines Aufenthalts mein Ticket ausläuft, war mich allerdings nicht bewusst. Nachdem Set fahre ich in Richtung Heimat auf Zeit. Beim nächsten Wechsel der Bahn stehe ich vor verschlossener Schranke. Trottelig, aber sympathisch anstellen hilft dann immer. Der Securityguard winkt mich durch, denkt sich „trotteliger Westler“ und alle haben ihr Gesicht gewahrt. Ich habe 20 Cent gespart und grinse. Gutes Konzert!
Silence Killer, Not For Sale, Christos Karma, Conflict of Interest, Safety 69 etc. in Nine Mile Bar in Quezon City (Philippinen) (10.12.2011)
Am 9. Dezember war ich wieder in Manila. Ich mochte diese Stadt. Das Handy wurde gezückt und ich textete ein wenig durch die Gegend, was die nächsten Tage anstehen würde. An dem Ort, an dem ich immer übernachtete – meine sogenannte philippinische Familie – war die erste Weihnachtsfeier. Man feierte sich selbst, aß, trank und sang Videoke. Mittlerweile wurde ich auch regelmäßig genötigt zu singen. Kein schöner Anblick, kein High Fidelity. Aber mit dem Alter und der Erfahrung lernt man Beatles-Songs waren singbar, auch für Untalentierte. Dazu noch „Can‘t help falling in love“ (allerdings eher in der Frankie Stubbs Geschwindigkeit) und der Abend war gerettet. Keine Klagen wegen Körperverletzung. Die hätte es am folgenden Tag aus diversen Gründen geben können.
Aber von vorne. Bei einsetzendem Nieselregen lief ich die Kalayaan Street in Quezon City rauf und runter. Bei 50/50-Chancen ist die Wahrscheinlichkeit halt ausgeglichen, in die falsche Richtung zu laufen. Nach fast ausgeriebenen Sohlen dann die 9 Mile Bar entdeckt und sogleich über Bekannte gestolpert. Zum Teil gehören sie dem Anarchist Movement an, andere der Occupy Luneta Park Bewegung. Beide Gruppen sind marginalisiert. Ich tendiere dazu „leider“ zu schreiben, ohne mir sicher zu sein, ob ich das auch meine. Die Occupy Luneta Park Bewegung ist ein obskurer Zusammenschluss von vielen unterschiedlichen Menschen, die den Obdachlosen vor Ort als Food Not Bombs Group mit Nahrungsmitteln versorgen. Gute Sache! Politische Diskussionen in diesem Umfeld, durchaus zu hinterfragen.
Dennoch, schnell wird mir ein Bier in die Hand gedrückt. Wir tranken Red Horse Bier, das lokale Starkbier, das durchaus mundete.
Allerdings kauften wir das Bier nicht im Konzertort, sondern in einem nahen Sari-Sari-Store, einer Art Kiosk oder Tante-Emma-Laden. Warum wir es nicht in dem Laden kauften, weiß ich nicht. Die Frau im Sari-Sari war allerdings mäßig begeistert mich und einen besoffenen Anarcho um kurz nach zehn am Abend noch bedienen zu müssen. Meine Höflichkeit und das Englisch von M. bewegten sie immerhin dazu, noch nach kaltem Bier zu suchen. „I like your English“ sagte sie zu M., mich fragte sie nur, warum ich weniger besoffen sei. „Gerade erst angekommen“, dachte ich, sagte es aber nicht, sondern grinste nur.
„Gerade erst angekommen“ bin ich dann auch im Laden. Silence Killer spielten und so wirklich passt der Name nicht. Metalcore-Geboller, ale! Mochte ich nicht vorher, nachher oder währenddessen. Also vertrieb ich mir die Zeit mit quatschen. Not For Sale (Metalcore) lockten mich auch nicht hinterm Bahndamm hervor, dafür lieber wieder in Richtung Sari-Sari-Store, eine weitere Runde Red Horse. „Ach, ihr schon wieder.“ Ich fing an, die mit-50-igerin allmählich ins Herz zu schließen.
Ein besonderes Schmankerl wartete in der 9 Mile Bar nach unserer Rückkehr. Begleitet von Chören mit „Hare, Hare Krishna“ standen nun scheinbar die philippinischen Shelter auf der Bühne. Ray Cappo mit Fast-Glatze und dünnem Pferdeschwanz bis in den Steiß. Scheiße, religiöse Eiferer. „Hare Hare Krishna“ … ich dachte mir nur: „Haare, Haare hat-ich-mal“, traute mich aber nicht meinen Baseballcap zu liften. Frisurentechnisch ging ich definitiv auch eher in Richtung buddhistischer Sektiererei.

Musikalisch gehörten Christos Karma aber noch zu den besseren Bands an diesem Abend. Zwar immer noch Hardcore, aber mit viel Singalongs und das Publikum formierte sich schnell um den Sänger. So wird’s vielleicht auch bei Jesus gewesen sein, vor vielen Jahren. Will man sich dennoch nicht vorstellen.
Durch Zufall traf ich eine alte Freundin, die ich auch mittlerweile seit einem halben Jahrzehnt kannte. Vorwürfe, ihr nicht über meinen Besuch in den Philippinen Bescheid gesagt zu haben. Und das von jemandem, die Tag und Nacht auf Facebook Sachen postet … egal. Sie sagte, sie wolle am kommenden Mittwoch als „Callgirl“ arbeiten. Ich zweifelte an meinem Verstand. Wir gingen nach draußen, da eine weitere Krishna Band spielte, die allerdings weniger Hardcore, sondern wieder Metal war. Verstehe eine/r die Welt!
Während sie richtig stellt, dass sie unter „Callgirl“ jemanden verstehen, der im Callcenter arbeitet. Aufatmen! Ich vermutete, dass die Band noch spielte, als plötzlich jemand in vollem Lauf an uns vorbei rannte und in Richtung Hauptstraße verschwand. Eine Meute aus dem Inneren hinter her. Ich verstand nur Bahnhof. Dann lief jemand mit einer klaffenden Wunde am Kopf an mir vorbei.
Was war geschehen? Der ominöse Gast hatte einfach dem Sänger der Band und jemandem aus dem Publikum eine Glasflasche über den Kopf gezogen. Zwei wie Sau blutende und ein unterbrochenes Konzert waren das Resultat. „Dem hat die Musik wohl nicht gefallen“, scherzte ich noch, doch böse Blicke ließen mich danach Unverständnis heucheln. „Naja, macht man ja aber auch nicht, und so.“ Sicher war ich mir nicht. Wenn jemand Ray Cappo in seinen Anfängen mit dem Hare … lassen wir das.
Da allerdings Kollege M. mittlerweile richtig zugetankt war, tanzte er mit lauten „Party, Party“ Gesängen vor der Bühne, während auf der Bühne der durchaus angeschlagene Sänger Handtücher vollsuppte. Todesblicke trafen M., ein anderer Freund zog ihn zurück. Dann kurze Diskussion, „the show must go on“ und ab die nächste Band. Während noch einige das Blut von der Bühne wishmopperten, kamen Conflict of Interest auf die Bühne, wo Kollege M. den Bass richtig herum halten musste. Ethno-Hardcore mit Didgeridoo, Trommeln, einer schreienden Sängerin und einem schreienden Sänger sowie einer obskuren Mischung aus vielen Einflüssen. Klang live genauso, wie es sich jetzt hier liest! Nüchtern nicht zu ertragen! Mit dem dritten Red Horse in der Hand aber durchaus okay, wobei auch nur okay, weil ich die Menschen in der Band mochte, um ehrlich zu sein. Das letzte Starkbier übrigens, wie die Frau im Store mir beichtete.

Der Abend zog sich dann noch, Bands spielten, Bands stoppten, Pale Pilsener – das normale Bier – mundete auch und ganz zum Schluss erklomm noch einmal eine Band die Bretter, die mit The Specials und Rancid („Timebomb“) durchaus einen guten Cover-Geschmack an den Tag legte. Dann ging es nach Hause, zum Glück ohnedie Kalayaan Street in die falsche Richtung zu laufen. Die nette Frau im Sari-Sari-Store schloss gerade den Laden. Um halb fünf in der Früh würde vielleicht für wenige Minuten niemand Bier oder Zigaretten kaufen wollen. Wobei, die ersten Tricycles starteten in der Ferne ihre Motoren, die ersten Arbeiter/innen öffneten die Fenster.
Cocha Bomba, Bad Omen, No Peace in Silence, Istukas Over Disneyland, Marcos Cronies Conspiracy, Aggressive Dog Attack and many more at JLO-Bar, San Fernando, Pampanga, Philippines (13.11.2011)
Was eine Nacht. Alles Begann um ein Uhr mittags am Sonntag. Freie Straßen in MetroManila, normalerweise so häufig wie Schnee im Sommer. Allerdings nichts Ungewöhnliches, wenn Manny „Pacman“ Pacquiao in den Ring steigt. Sobald der philippinische Volksheld und Kongressabgeordnete Gegner verprügelt, hängt die Nation gebannt vor dem Fernseher. WM-Finale, Formel-1-Rennen und Olympiade in einem, sozusagen. Mein Taxifahrer hört begeistert Radio. Angeblich sinken sogar die Kriminalitätsdelikte in Manila gen null, wenn der Kongressabgeordnete boxt und selbst die Armee und die maoistische Befreiungsarmee beenden ihre Scharmützel.
Ich treffe mich mit Jon Fishbone, Albert Sy und später Albert und Aejee Ascona von Bad Omen. Sie werden an dem Abend in Pampanga (Provinz), bzw. in San Fernando (Stadt) zum Tanze aufspielen, neben einer Reihe weiterer Bands. Bad Omen (Website Bad Omen) existieren schon seit den 1980er Jahren und sind eine der dienstältesten Bands der Philippinen. Außer Jon Fishbone ist allerdings kein Originalmitglied mehr dabei, Albert und Aejee sind sogar jünger als die Band. Letzterer ersetzte heute den eigentlich Schlagzeuger.
Es ging nach San Fernando, circa eine Autostunde nördlich von Metro Manila. San Fernando ist die Hauptstadt der Provinz Pampanga und der Wohnort eines alten Freundes, Francis, der gleichzeitig mit seiner Band I.O.D. (Istukas over Disneyland) spielen sollte und die Show organisierte.
Mit dem Fahrrad holte er uns von der Hauptstraße ab und begleitete uns zu der Wohnung seiner Eltern, wo es erstmal ein „Hallo“ gab und wir königlich mit Essen versorgt wurden. Im Anschluss durchstöberten wir die Platten-/CD- und Kassettensammlung des Guten und schauten uns einige Konzertvideos an, u.a. ein All-Video aus den frühen 1990ern und Adicts, Ende der 00er-Jahre in Bielefeld. Kleine Welt, da sitzt man tausende Kilometer von zu Hause entfernt und sieht sich ein Video in Ostwestfalen gedreht an.
Dann ging’s zur Venue, JLo-Bar, oder so ähnlich. Dort gab es ebenfalls nette Begrüßungen, das erste Bier und gute Rockabilly-Musik aus den Boxen. Pünktlich um 6pm sollte es losgehen mit Bad Omen, da die Jungs zum Teil noch für die Nachtschicht in Manila eingeteilt waren und ab 9pm Karten austeilen und Kugeln rollen lassen mussten, um u.a. korrupten Politiker/innen die Staatskohle wieder wegzunehmen. Bad Omen spielten eine Mischung aus alten und neuen Songs, im Moment bereiten sie ein weiteres Release vor. Die letzte CD hat fast zehn Jahre von den ersten Aufnahmen bis zur Fertigstellung gedauert und klingt demnach auch eher wie eine Compilation als ein Album. Dennoch, ein großartiges Album. Gegen Ende gab es dann noch zwei Cock Sparrer Coverversionen („We’re coming back“ und aus „England belongs to me“ wurde „Pampanga belongs to me“), die der Tipper dieser Zeilen am Mikro begleiten durfte. Nach ein oder zwei weiteren Songs war dann Schluss. 30 Minuten Highspeed Streetpunk, der vor keinem Vergleich Angst haben muss.
Im Anschluss verließen die Bad Omen Jungs schon wieder die Location und No Peace in Silence(Link Myspace) aus der Nachbarprovinz Bulacan. Sie spielen Hardcore, wie man sich auf dem Link vergewissern kann. Leider verquatschte ich sie fast komplett. Doch danach betraten die Local Heroes von Istukas Over Disneyland (Link Website) die Bühne, die mittlerweile mit einigen großartigen Releases auf sich aufmerksam gemacht haben. Zuletzt waren das u.a. eine Split-7Inch mit den kalifornisch-philippinischen Eskapo und eine vierfach Split namens „Deadly Rhythms from the Production Line“. Sänger Francis, trotz seiner 30+ immer noch ein Wirbelwind auf der Bühne. Eigentlich als vom britischen Street-/Oi-Punk beeinflusste Band in der Mitte der 1990er begonnen, spielen sie mittlerweile fast schon Hardcore-Punk beeinflussten Punk mit politischen Texten, gesungen und geschrien im lokalen Dialekt. Keine Kompromisse, musikalisch wie textlich. Auch das Cover von Pascow (MS Pascow, Link hier) ist ein großartiges Ding geworden! Ich hoffe auf weitere Aufnahmen dieser Band!
Danach folgte ein Bruch und die Marcos Cronies Conspiracy betrat die Bühne (Myspace-Link). MCC spielen Ska, den ich in der Vergangenheit eher klassisch geprägt empfunden habe, doch aufgrund diverser Besetzungswechsel spielen die Cover (Toasters, Mighty Mighty Bosstones) schon ziemlich genau das wieder, wohin sich die Band entwickelt. Druckvoller Ska mit Punkanleihen, Punk-mit-Bläsern. Und dennoch, „The impression that I got“ ist mein Lieblingslied von den Bosstones und wurde super wiedergegeben und auch die eigenen Songs dazwischen luden zum Tanzen ein. Generell war die Stimmung eh bei allen Bands sehr gut und zwischen vier und fünfzehn Leute tanzten und hatten Spaß. Von den circa 100 Anwesenden schienen die meisten auf ihre Kosten zu kommen und sogar die Bedienungen, die nicht viel mit alternativer Musikszene zu tun hatten, genossen einen Großteil der Show.
Das änderte sich ein wenig mit „Aggressive Dog Attack“ (A.D.A.). ADA sind Noise-Grind-Crust-Hardcore … irgendwas dazwischen. Sänger Boi schreit sich die Seele aus dem Leib und der Rest lärmt. Francis spielte heute Drums und prügelte so schnell es ging auf die Drumfelle. Es sah eher aus wie Hochleistungssport als Musik, aber ich war wie immer begeistert. Circa fünfzehn Songs in weniger als zehn Minuten, davon eine Netto-Spielzeit von vielleicht vier Minuten, den Rest der Zeit für Absprachen und Verschnaufspausen für den Schlagzeuger genutzt. Die Bedienungen, bis dato noch gut unterhalten, verfielen eher in überraschtes Gelächter, in irritierte Blickwechsel und in großen Fragezeichen in ihren Gesichtern. Wenn man dazu bedenkt, dass Boi einer der liebsten und freundlichsten Menschen ist, der mir je begegnet ist, dann kann man nur sagen, Kompliment.
Selbst Coche Bomba (Link zu Myspace) aus Lyon, Frankreich, räumten ab. Die französischen Crust-Punks befanden sich auf Südostasien Tournee und waren auch nicht das erste Mal in den Philippinen. Dementsprechend wurden sie abgefeiert und ließen sich nicht lumpen, ein wahnsinniges Brett vom Stapel zu lassen. Für mich als nicht unbedingtem Fan des Genres muss ich sagen, dass die Band mich sehr schnell gefangen und gepackt hat.
Im Anschluss kam noch eine lokale Band, von der ich nicht mehr weiß, ob es Blindsided, „More Than Linda“ oder „Tomador Crew“ waren (die alle gespielt haben), doch ihr Hardcore riss mich jetzt auch nicht um vor Begeisterung. Da wir noch einen relativ zeitigen Bus nach Manila bekommen mussten, verpassten wir leider die großartigen ASS (Anti-Suck System) und die mir unbekannten Red Corpse, Feeble, Skeleton Plasma und Ingrato.
Alles in allem ein sehr feiner Abend, der viel Spaß gemacht hat!
The Jerks in Backdoor Blues Cafe in Quezon City (Philippinen) (4.11.2011)
Die Jerks gehören zu den ältesten Bands in den Philippinen. Gestartet sind Chickoy und seine Kollegen Ende der 1970er Jahre. Sie haben früh viele Einflüsse in sich aufgenommen, Punk, Blues, Pop, NewWave und spielen noch heute regelmäßig in MetroManila, vor allem im 70s Bistro (Anonas Road, Quezon City) oder wie an diesem Freitag im Backdoor Blues Cafe (Kalayaan Street, Quezon City).
Eigentlich hatte ich das Konzert nur besucht, um mich mit zwei alten Freunden, Mina und JL zu treffen, die beide zugegen waren. Als ich kam spielten schon die Jerks. Hin und wieder covern sie alte The Clash und andere Punkklassiker, doch in diesem Umfeld einer Blues Bar gab es dann doch sehr blueslastige Musik, wie zu erwarten war. Edwin Aguilar am Bass (ein großer Skinhead, der sich eher mit Ska-Moves zu der Musik bewegte) und Schlagzeuger Paulo Manuel unterstützten Chickoy Pura.
Das erste Set dehnte sich dann auch gleich eine Stunde hin, Biere wurden gereicht und versucht auch über den Soundteppich hinweg zu kommunizieren. Um ehrlich zu sein, dass ging nur bedingt. Im zweiten Teil des Sets wurden dann auch viele Hits aus der Pop und Rock-Geschichte angespielt, so unter anderem Steely Dan’s „Rikki don‘t loose her number“, was in Zeiten von Mobiltelephonen und Vernetzung via SMS ja schon fast wie eine Ironie der Geschichte klingt, da zumindest in den Philippinen die meisten Menschen über große Netzwerke (facebook) verfügen und so jede Telephonnummer in kürzester Zeit heraus bekommen könnten. Aber naja, Rikki lebte ja auch in den 1970ern.
Ansonsten ein netter Abend ohne Highlights mit einer okayen Band, die aber wohl ihre bessere Zeit auch schon hinter sich hat und mir ein wenig Leid tat, dass sie nun vor wenig Leuten lange Unterhaltungsmusik spielen muss.
Mecklenburg-Vorpommern Lesetour mit Alex Gräbeldinger und der Lustige Bob (15. bis 20. Oktober 2011)
AJZ, Neubrandenburg (19.10.2011)
Mein letzter Tag mit den anderen dreien. Fast könnte ich heulen! Stattdessen tuckern wir quer durch Mecklenburg-Vorpommern. Ich habe Angst, dass wir von der Scheibe fallen, einen Nandu totfahren oder vielleicht in China rauskommen. Nichts dergleichen passier. Der Körper dehydriert fast, kurz vor Neubrandenburg dann endlich Bierpause. So viel Aufregung. Landschaftlich schön, auch wenn kein Meer mehr zu sehen ist. Dafür unterhalten wir uns über „Immer nie am Meer“ und „Breaking Bad“, auch gut!
Alex fährt weiter. Das erste Mal, dass Jenny uns nicht führt. Ich habe Angst, Schockzustände. Doch Alex gute Fahrt sorgt dafür, dass ich am morgigen Tag auch dem Lokführer trauen kann! Auch andere Leute können mich also sicher durch das Bundesland führen oder fahren. Gut!
Wir kommen an am AJZ. Geiler Laden! Direkt an einem schönen See, idyllisch, romantisch, bezaubernd, you name it! Das AJZ selbst ist ein altes Restaurant. Mit dem See dabei muss man es wohl sogar „Ausflugslokal“ titulieren. Schönes Wort, Ausflugslokal. Das klingt nach Familienidylle (Vater-Vater-Kind, oder Muter-Mutter-Kind, oder Vater-Mutter-Kind). Alles schön düster, Crust aus den Boxen. Am Kicker werden Bob und ich allerdings – wie mittlerweile schon gewohnt – gedemütigt. Wir freuen uns über Ehrentreffer, um nicht unter dem Tisch durchkriechen müssen. Fast sensationell führen wir kurzzeitig während der Revanche gegen die jungen Knaben, doch des Glückes Schmied hat heute woanders seine Eisen im Feuer. Es ward uns heuer nicht holt, wie man so schön sagt. Oder auch nicht!
Meine persönliche Rache kommt später, als ich mit J. spiele, und die einfach die Jungs von der Platz putzt. Meine Rolle: Stangen des Mittelfelds und des Sturms hochhalten. So macht Gewinnen Spaß. Leichter Job!
Leichter Job auch auf der Bühne. Ich beginne wieder, diesmal mit einem Text über Dischord Records, der fürs Trust-Special gedacht war. Eigentlich ein guter Text, wie mir auf der Bühne auffällt. Erneut lauschen ca. 20 Leute, obwohl ich nirgends ein Plakat gesehen habe. Alex und Lustiger Bob sind auch in guter Form. Richtig Bock macht dann die zweite Runde. „Nur die Liebe zählt“ samt Fortsetzung. Endlich mal die Seele aus dem Leib schreien. So mag ich das. Habe das Gefühl, die Meute gut unterhalten zu haben, job well done, back to the bar.
„Der schönste Platz ist immer an der Theke“, um mal Rio Reiser zu zitieren. Gar nicht mal so dumm, der Knabe. An dortigem Brett dann erneut bis in die Nacht gequatscht, Bier getrunken und Musik gehört. Neubrandenburg hat tatsächlich eine Fachhochschule, wo Ökologie relativ weit oben auf dem Lehrplan steht. Wohl gut, wenn es auch besser sein könnte. Später dann: wir wieder allein im Laden! Da Jenny, Alex, Bob und ich fast gleichzeitig die Jukebox bespaßten kommt ein kruder Mix aus allem möglichen. WIZO, Muff Potter, Masshysteri. Vor allem über WIZO schäme ich mich im Nachinein. Zusammrottung und Dödelhaie befinden sich zum Glück nicht auf dem Computer. Dennoch, wie stoßen viel an, lassen die Tage Revue passieren. Schön war’s. Schön ist’s!
Da um 11:00 mein Zug fährt, ab ins Bett um 6:00. Als ich morgens um halb zehn durch die Gänge schleiche, sind die ersten Veranstalter/innen schon im Laden. Tageslicht bricht durch einige Bohlen ins Innere. Irgendwie fühle ich mich wie im Titty Twister nach Sonnenaufgang, als hätte ich die ganze Nacht Vampire und nicht nur Lübzer gejagt. Ich bin einfach nur platt, Restalkohol, fünf Tage Lesen, ich zwänge mir ein Brötchen rein, Zähne putzen eine Qual und lasse mich dann von der wesentlich fitteren Jenny in Richtung Bahnhof geleiten.
Dort sitze ich in der Bimmelbahn, dann im ICE und bereite noch meinen abendlichen Vortrag über jüdische Immigration aus Nazideutschland in die Philippinen vor. „Waren aber doch noch einige Schreibfehler in deiner Präsentation“, merkt eine Kollegin später an. Egal, für die handvoll Leute, die sich politische Bildungsarbeit anhören, hat’s gereicht. Zum Glück läuft es bei Alex und Bob und Jenny in Greifswald besser. Aber das ist eine andere Geschichte und ich bereue, dass es in dem Moment nicht die meine ist.
An dieser Stelle – wie auch an den Abenden erwähnt – gebührt allen Dank, die uns unterstützt haben (v.a. Ron von Sequential Arts), die uns umsorgt haben, mit uns diskutiert und gesoffen haben und einfach da waren und geklatscht haben. Einziger Wehrmutstropfen: Meine vielen Vorurteile gegen Deutsch-Nord-Ost werde ich nie wieder pflegen können.
Hoffe auf Wiedersehen, in diesem Sinne: Cheerio!
Teil 1 in Gadebusch hier
Teil 2 in Rostock hier
Teil 3 in Wismar hier
Teil 4 in Neubrandenburg hier
Mecklenburg-Vorpommern Lesetour mit Alex Gräbeldinger und der Lustige Bob (15. bis 20. Oktober 2011)
Komplex, Schwerin (18.10.2011)
1,6 Millionen Menschen leben in Mecklenburg-Vorpommern, Tendenz sinkend. Wie in den Städten Essen, Dortmund und Duisburg, ebenfalls 1,6 Millionen Menschen, Tendenz sinkend. Nur, dass die Bimmelbahn von Dortmund nach Duisburg eine halbe Stunde braucht, von Neubrandenburg bis Wismar wahrscheinlich Stunden. Aber egal, denn wie auch im Pott scheinen sich alle Aktiven zu kennen. Hin und wieder schieben sie sich gegenseitig schon Attribute geben wie „politischer“, „hippiemäßiger“, „punkiger“ etc. zu, aber es wirkt nie unfreundlich. Man kennt sich halt. Egal, Schwerin – so sagte man uns – habe außerdem Komplex nicht viel zu bieten. Dennoch machen wir die Touri-Tour mit Schloss und Innenstadt. Schließlich ist im Schloss der Landtag und dieser wird von einem waschechten Westfalen (aus Bochum) angeführt. Nandus, Westfalen, was kommt als nächstes?
Dieser Schlossfürst auf jeden Fall ließ sich leider nicht blicken, dafür machten wir erhabene Photos und freuten uns über kaltes, aber klares Wetter. „Steife Briese“, wie man woanders sagt.
Dafür verfahren wir uns ständig in der Innenstadt. Erste „Bekannte“ lachen uns zu und winken uns. Großartig! Wir entdecken ein Plakat neben Wiglaf Droste, unglaublich. Einer der besten Buchtitel aller Zeiten: „Wir hacken uns die Beine ab und sehen aus wie Gregor Gysi“. Buch ist allerdings nicht so gut wie der Titel. Kann es aber auch gar nicht sein!
Im Komplex bekommen wir großartige Tapas und Bier, dann lesen wir. Das Publikum ist hier leider wieder etwas verhaltener, ruhiger. „Politischer“? Ich habe das Gefühl, dass meine Texte irgendwie gar nicht zünden, was aber eigentlich auch egal ist. Beim lustigen Bob scheint es irgendwie ähnlich zu sein, Alex bekommt noch das Beste Feedback. Zumindest subjektiv aus meiner Warte. Dabei haben wir sogar bei der Raumgestaltung (Seminar-Raum für politische Bildungsarbeit) erstmals mit einer PowerPoint aufgepeppt. Photos aus MeckPom sind zu sehen, die wir als Hintergrundkulisse noch schnell zusammenbasteln.
Nach der Lesung ist vor der Feierei. Es geht erneut in eine Punkerkneipe (SN-Punx), wir kickern uns um Kopf und Kragen und versacken nach deren Schließung im Schlafraum mit einigen Leuten aus Gadebusch, Rostock und von sonstwo. Es werden gute Geschichten ausgetauscht (Flasche aus Auto geworfen um Ortsschild zu treffen, stattdessen Leitplanke, Flasche zurück, Windschutzscheibe im Arsch. Wie bringe ich das der Versicherung bei?) und beinahe wird uns der Bob geklaut (File under: Udo Jürgens-Phänomen zur „16 Jahr, blondes Haar“-Phase).
Das allabendliche Steigerungsspiel der Abarten lautet bisher wie folgt: Sexist, Frauenschläger, Kinderschänder. Unschön!
Teil 1 in Gadebusch hier
Teil 2 in Rostock hier
Teil 3 in Wismar hier
Mecklenburg-Vorpommern Lesetour mit Alex Gräbeldinger und der Lustige Bob (15. bis 20. Oktober 2011)
TiKo, Wismar (17.10.2011)
Spätnachmittags geht es weiter nach Wismar. Ein Ort, der mir außer von Werften her gar nichts sagt. Also gespannt und schon bei der Ortsdurchfahrt (File under: Kuh’s Best!) Begeisterung, wir hängen in der Stadt! Also, jetzt nicht persönlich, nachdem wir über den Marktplatz geschleift worden sind, sondern unsere Poster. So fühlen sich also Günther Grass und Wiglaf Droste (File under: Haha!). Oder auch nicht!
Auf der Suche nach einer Sparkasse entdecken wir auch den schönen Marktplatz. Unschön: es gibt Konkurrenzprogramm, „Pokern bei Mutti, ab 20:00″ hören wir, wird über den Marktplatz gerufen, bevor das tiefer-breiter-härter Auto verschwindet.
Der Abend wird dann auch sehr nett. Zum einen kommt eine meiner ehemaligen Mitbewohnerinnen mit Freunden (Grüße!). Leider bin ich etwas platt und Gespräche mit mir etwas zähflüssiger, als sonst, dennoch freue ich mich sehr! Das TiKo selbst ist eine Groß-WG mit vielen unterschiedlichen Mitbewohner/innen und einem Kulturprogramm inklusive Konzerte, Kino, Parties und in diesem Fall: Lesung!
Gestärkt mit Wurstnudeln (Spaghetti vorm Kochen durch Wurstscheiben stechen und alles kochen – Vegan Nightmare) geht’s los und erneut ein aufmerksames Publikum und der Start in einen guten Abend. Hätte persönlich nicht damit gerechnet, dass an einem Montagabend in Wismar sich 20 Leute versammeln, um uns drei Honks beim laut Vorlesen zu hören.
Wie degeneriert und abhängig wir allerdings mittlerweile von Jenny geworden sind, beweisen zwei Anekdoten. Zum einen verlassen wir uns schon fast blind auf Jenny, dass sie Autoschlüssel, Zimmerschlüssel und alles andere aufbewahrt. So fällt mir zum Beispiel fünf Minuten nach Verlassen der Wohnung in Rostock auf, dass wir vielleicht einen Schlüssel hätten mitnehmen sollen. Jenny hatte aber längst dran gedacht!
Noch härter: Alex kann auf der Bühne einen seiner Texte nicht finden, erzählt lang und breit von „Ersatzausdrucken“, hat aber genau jenen zu lesen wollenden Text ebenfalls vergessen. Jenny schafft es dann mit einem kurzen Blick den gesuchten Text aus einem Stapel zu ziehen und der Abend kann – nachdem wir uns die Tränen aus den Augen gewischt haben vor Lachen und Rührung – weitergehen. Ich befürchte allerdings, dass, wenn unsere Degeneration so schnell weiter von Statten geht, wir Ende der Woche nicht mehr alleine Atmen, Essen, Trinken und Scheißen können. Zum Glück kommt es anders.
Nachdem ich zwischen 19:00 und 2:00 Uhr eigentlich die ganze Zeit platt und müde bin, drehe ich passend danach auf und bis 6:00 gehört die Bar am Abend uns. DJ Lustiger Bob sowie der Rest im Auditorium freut sich. Wir diskutieren noch über Muff Potter und ob es Scheiße war, dass sie bei der Industrie gelandet sind. Dann kuschelt sich der Lustige Bob in seine Schwanenbettdecke und der Rest entschlummert ebenfalls friedlich.
Mecklenburg-Vorpommern Lesetour mit Alex Gräbeldinger und der Lustige Bob (15. bis 20. Oktober 2011)
Café Median, Rostock (16.10.2011)
Mit verspäteter Chronistenpflicht der zweite Teil der Lesereise aus der Hansestadt Rostock.
Die ersten Augen machten schlapp und eine Notapotheke wurde schon am zweiten Tag aufgesucht. Das Leben auf der Überholspur kennt nun leider keine Stauschau!
Währenddessen ließen Bob und ich noch einmal die Geschichten vom vorherigen Abend aus Gadebusch Revue passieren. Hatten die Leute da wirklich erzählt, hier würden Nandus frei rumlaufen? Und hatten sie nicht von Reh- und Wildschweinabenteuern erzählt. Unsere Phantasie machte große Sprünge, wir träumten von Bären und Wölfen, doch zumindest Nandus würden wir wirklich sehen wollen.
Der Nandu ist dabei sowas wie der freiheitsliebende Punker unter den Vögeln. Eigentlich aus Südamerika eingeflogen (vom Menschen, nicht mit eigenen Schwingen), um in einem Gehege ihr Dasein zu fristen, sind 3 Pärchen im Jahr 2000 ausgebüchst und direkt in die schwach besiedelten Gebiete im Nordosten geflüchtet. Dort haben sie zum Beispiel im letzten Jahr nem Bauern seine Ernte weggefuttert (siehe Artikel hier), sodass der NDR sogar schon von „Problem-Nandus“ spricht. Wer braucht da noch Bären, wenn einem die bis zu 1,70m großen Viecher begegnen?
Doch so sehr wir uns auch die Augen aus dem Kopf stierten, auf dem Weg nach Rostock sahen wir außer die obligatorischen Kühe, Schafe und Pferde keine Wildtiere. Doch unsere Safari-Fahrerin Jenny hatte ein anderes Highlight auf dem Plan.
Der lustige Bob und ich, immer noch vom Vorabend peinlich bedrückt „Kopfschuss“ summend, schrien vor Begeisterung, als es auf einmal in Richtung „Bad Kleinen“ ging. Der Ort der Handlung des WIZO-Songs, also ein Teil der eigenen – zugegeben: schwer peinlichen – Jugend in den Tiefen des Rheinlands bzw. Ostwestfalens. An dem jedoch völlig unspektakulären Bahnhof gab es dann weder eine Gedenkmedaille für den „Pazifisten“ Wolfgang Grams, noch für den „heldenhaften Einsatz“ der GSG9, gegen die man hätte protestieren können. Auch der GSG9-Beamte Michael Newrzella, der damals wahrscheinlich aus der Waffe eines Kollegen starb (wer im Auto meinte noch mal, dass nur Wolfgang Grams gestorben sei?) findet keine Erwähnung. Schade, so wird Bad Kleinen sicherlich nie zu einem illustren Wallfahrtsort für bekloppte RAF-Anhänger und militante Junge Unionler, die nicht zur Polizei geschweige denn GSG9 durften.
Wer übrigens eine Minute Zeit hat, sollte sich das großartige „Was in Bad Kleinen wirklich geschah“ von Wiglaf Droste geben – auf Youtube zum Beispiel HIER zu finden.
Also nur einige total bekloppte Photos (file under: Was wird uns einen, wenn nicht Bad Kleinen) geschossen und weiter nach Rostock.
Das Median ist ein sehr nettes, kleines Café in dem alternativen Viertel von Rostock, unweit der schönen Punkerkneipe Molotow. Wir kommen an, bekommen Getränke und werden fürstlich bekocht. Zwei Gänge, unsere Mägen platzen fast! Allein der Kuchen – göttlich! Zudem lernen wir Ron von Sequential Arts kennen, dem wir unser Vorortsein verdanken! Merci an dieser Stelle!
Von der Atmosphäre im Publikum wird es auch der beste Abend. Knapp 25 Leute lachen an den richtigen Stellen, haben viel Spaß und Alex, Bob und ich sind ebenfalls in Bestform. Am Ende gibt es sogar eine Runde Zugabe mit allen. Sehr schön!
Dann ziehen wir weiter in besagtes Molotow und führen interessantge Gespräche über Fanzines, Hansa Rostock, Lichtenhagen und Neonazismus allgemein, über die alternative Szene in Rostock und so weiter. Mein Bildungshorizont wird also nicht nur über das Tierleben rund um Gadebusch, sondern auch um Fußball, linke Politik und Fanzines in der Region erweitert. Geht es besser?
Ein wirklich rundum gelungener Abend, der mit einem Fischessen am nächsten Tag am Rostocker Hafen auch noch gekrönt wird. Nach meinen G8-Erfahrungen ein wirklich schönes Kontrastprogramm!
Mecklenburg-Vorpommern Lesetour mit Alex Gräbeldinger und der Lustige Bob (15. bis 20. Oktober 2011)
Kultur und Toleranz e.V. (KuT), Gadebusch (15.10.2011)
Morgens um elf besteige ich den Zug in Essen. Es geht auf in Richtung Mecklenburg-Vorpommern mit Zwischenstation in Münster. Rot-Weiß Essen hat heute ein Heimspiel, einige unsympathische Kanten stehen am Bahnhof herum. Es sollen tatsächlich die letzten Faschos in freier Wildbahn sein, die ich in den nächsten Tagen sehen werde. Schön!
Etwas nervös bin ich schon. Ich kenne weder Alex noch seine Ehefrau Jenny persönlich, den Lustigen Bob habe ich vorher auch erst zweimal getroffen. Dennoch, als ich gefragt worden bin (Danke an Jan Off für die Empfehlung), die beiden zu begleiten, musste ich nicht lange zögern um „Ja!“ zu sagen. Schon via Email hatten wir einen guten Austausch und die erste Begegnung erfolgt dann an der Münsteraner Bahnhofstankstelle. Ein guter Treffpunkt! Ein Ort meiner Studienzeit in Münster, die Rettung bei allabendlichem Bierdurst!
Ein Wasser, ein Snickers und einige Zigaretten später sind wir auf dem Weg nach Gadebusch. Der 6.000 Einwohner_innen zählende Ort liegt näher an Hamburg, als an Rostock und verfügt über eine mittlerweile fast 15 jährige Tradition für Konzerte und andere alternative Veranstaltungen. Das KuT (Kultur und Toleranz e.V.) gibt es seit einigen Jahren (hier ihre Homepage) und ich habe immer sehr viel Respekt vor Aktiven, die in der Provinz Orte aufrecht erhalten für alternative Kultur, Konzerte, Partys, Lesungen und anderen Veranstaltungen. Als ich im Vorfeld die KuT-Website besucht hatte, war mir gleich ein Zusammrottung Flyer aufgefallen. Großartig! Deutschpunk meiner Jugend! Diese Band sollte uns in den nächsten Tagen verfolgen, immer wieder kamen Gespräche, Poster, Flyer etc. auf die Ost-Berliner Punkband. Merkwürdig! Nach fünf Stunden Fahrt sind wir einigermaßen gespannt auf den kleinen Ort und natürlich fahren wir erstmal dran vorbei. Eine Ortserkundung später dann aber doch da.

Einige Jungpunks begrüßen uns schon, zeigen uns stolz die ehemaligen Garagen, die heute das KuT beherbergen! Sehr schön! Am Tresen bekommen wir direkt Kaltschalen gereicht und auch die Bühne und alles sieht sehr gut aus. „Wir dachten ja, Lesung, da würden jetzt zwei alte Männer mit grauen Haaren kommen“, erklärt uns später jemand. Mit diesen Erwartungen werden wir brechen.
Insgesamt hören knapp 25 Personen uns sehr ruhig zu, unsere Geschichten kommen ganz gut an und am Ende verkauft Alex einen großen Schwung seiner Bücher. Der Lustige Bob liest eine Triologie, in der er seinen Wut auf Menschen kreativ kanalisiert, Alex hingegen hauptsächlich wahre Begebenheiten aus seiner Genese zum Punk. Seine Kolumnen fürs Ox sind unter anderem im Kopfnuss Verlag erschienen (s. Besprechung von „Ein bekotztes Feinrippunterhemd …“), den der Lustige Bob dereinst mitbegründet hat. Kleine Welt, kleiner Kreis. Ich lese „zweite Heimat“, „Abgekaut in der Innenstadt“ und „Feuchtgebiete Trockenlegen“ und habe das Gefühl, wie die anderen beiden das Publikum kurzweilig zu unterhalten.
Im Anschluss dann an den Tresen und wir unterhalten uns noch sehr lange mit den Kids. Nachdem wir die Pennplätze bekommen haben (Danke!), entscheiden Bob und ich, noch mal zurück zum Laden zu gehen. Bierdurst! 2:00 Uhr am Samstag ist noch keine Ins-Bett-Geh-Zeit. Wir versacken am Tresen, besetzen irgendwann den Computer und lauschen vielen Deutschpunkklassikern. Zusammrottung und WIZO („Kopfschuss“) sind mir noch in den Ohren. Dann geht’s ins Bett und wir schnarchen die anderen beiden wach. Großartiger Tourbeginn!
Danke an Jule, Baum und Ali an dieser Stelle.
Morgen geht’s dann über Bad Kleinen nach Rostock!
Website KuT: http://www.kut-gadebusch.de.vu/


Chuck Ragan (with Jon Gaunt and Joe Ginsberg), Brian Fallon (with Ian Perkins), Dan Adriano, Dave Hause im Skaterspalace in Münster (13.10.2011)
Münster ist schon eine merkwürdige und ehrlich gesagt häufig dämliche Stadt! 25 Euro soll die Revival Tour 2011 kosten, eine Frechheit! Und dennoch stapeln sich die Menschen! Nicht mal ein Maulen war zu vernehmen. Papa und Mama zahlen ja auch gerne fürs Studium! Auch wenn sich der Preis bei über drei Stunden Musik „rentiert“, wir sind hier nicht in einer BWL-Vorlesung über Kosten/Nutzen-Prinzipien, sondern es soll sich doch immer noch um ein „alternatives Konzert“ handeln. Was immer „alternativ“ bedeutet!? Trotz des horrenden Eintrittspreises gibt es nicht einmal Bändchen oder Stempel, damit man das Gelände auf gar keinen Fall noch einmal verlassen kann. Dafür sind die Zapfer/innen viel zu wenige, sodass die Getränkevergabe eine Ewigkeit dauert. 2,50 für nen frisches Bier ist dann auch kein Dumping. Publikum allerdings auch zu dämlich, Getränke mit reinzuschmuggeln. Am Plattenstand kann man sich nicht vernünftig eindecken, da man ja die Platten ungern den ganzen Abend halten will. Das ist schon mal doof.
Dann sind handgezählt über 100 Karohemd-Träger/innen (wobei 90% männlich sind) zugegen. Fies für die Augen und könnte auch daran liegen, dass diese Hemdenträger gar keine Band-T-Shirts tragen, da sie keinen Musikgeschmack besitzen und sich genug für Bands interessieren. Oder sich in dieser „Uniformiertheit“ (was, zugegeben, Band-T-Shirts ja auch sind) „wohl fühlen“. Ich hasse Uniformen! Oder vielleicht kauft Mami halt nur bei H&M, ich weiß es nicht. Ist aber auch egal!
Dass die ganze Halle dann recht voll ist, trotz all diesem Dreck, man kann es eigentlich nicht verstehen. Dass viele nach dem Chuck Ragan Teil des Abends sich schon verpissen, finde ich gut. Aber von vorne:

Zu Beginn – pünktlich um kurz nach acht – kommen alle Artisten auf die Bühne. Kinderstunde, aber die Halle ist schon voll. Morgen früh muss ja noch gebüffelt werden. Mir fällt gleich die gesponsorte Tour von „Lee“ auf, schöne Scheiße! Dass Lee in Sri Lanka zum Beispiel Arbeiter/innen ihr Recht auf gewerkschaftliche Organisierung abspricht, ist schon fragwürdig. Sicherlich sind die Arbeitsbedingungen auch nicht die besten (spannend: Clean Cloth Initiative). Aber für ein „alternatives“, H&M-tragendes Publikum sicherlich kein Aufreger. Also auch egal, die Musik ist ja das, worauf wir uns hier gerne reduzieren, Sweatshops hin und Rechteverletzung her. Und die Musik ist – trotz allem – großartig! Vor allem wenn alle Gäste zusammen auf der Bühne sind, ist es druckvoll und geil! Bei den Einzelinterpreten gibt es bessere (Chuck Ragan und Brian Fallon) und schlechtere (Dave Hause und Dan Adriano). „Great expectations“ ist ein Song des ersten Sets, welches alle zum besten geben. Großartig! Nach dem ersten Set, bei dem vor allem Brian Fallon frenetisch willkommen wird, kommt es dann zum Solo-Programm.
Dave Hause von den Loved Ones beginnt und einige im Publikum scheinen seine Band zu kennen und zu mögen, mir sind die immer am Allerwertesten vorbei gegangen. Und so auch Dave Hause. Diese Posen, die Songs, alles irgendwie nicht stimmig. Zuviel Rockstarbühne, zuviel Versuch von „großem Kino“. Nichtsdestotrotz, die Leute mögen es und feiern ihn und sich.
Im Anschluss dann Chuck Ragan, der wie immer großartig ist. Das Schöne ist, dass immer wieder andere Leute aus der Entourage die einzelnen Interpreten unterstützen. So entstehen am Ende drei oder dreineinhalb Stunden ununterbrochene Musik. Chuck Ragan im Anschluss vor allem mit Hits wie „Valentine“, „The Boat“ und vielen anderen großartigen Songs.
Dan Adriano spielt dann die Halle etwas leerer. Schon Alkaline Trio ist nicht mein Ding, akustisch wird es nicht besser. „Radio“ hätte ich gerne gehört, ansonsten aber nichts. (mehr…)