London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby
Zehn Tage in London … eine etwas andere Zusammenfassung – Teil 2
2. Teil – Livekonzerte
Klar, London, „Stadt des Punks“, das ganze Blabla um alle möglichen noch so tollen Bands. Für mich wird London eher „statt Punk“ bleiben. Im Straßenbild – sprich in freier Wildbahn – sind kaum noch Punks als solche zu erkennen. Das deckt sich natürlich mit den Erfahrungen aus allen deutschen Innenstädten abseits des Dorfbrunnens und selbst dort … Punks findet man, wenn überhaupt noch in London, am ehesten in Camden, dort laufen zumindest Menschen rum, die noch hochfrisiert und aufgestylt sind. Punkkonzerte bzw. Artverwandtes ist ebenfalls am ehesten dort zu finden.
In den zehn Tagen Anfang Juli waren auch mehrere Konzerte (Bad Religion im HVM Forum – Kensington, U.S. Bombs im Boston Arms Music Room – Tufnell, Ensign [kurzfristig leider abgesagt] im Underworld – Camden, Polar Bear Club in Kingston und The Dickies in The Garage – Arsenal) statt, die potentiell von Interesse gewesen wären. Mit einer Ausnahme (Kingston) fanden alle Konzerte im Norden Londons statt, wo noch am ehesten Studierende und „Alternative“ sich eine Leben leisten können bzw. ausgehen. Leider verpassten wir sowohl Bad Religion als auch Ensign, deren Konzert kurzfristig abgesagt wurde. Stattdessen ein rotzlangweiliges Konzert mit:
U.S. Bombs, Deadbeat, Meansteed, Dragster – Boston Arms Music Room in London (U-Bahn: Tufnell Park) (13. Juli 2011)
Die US Bombs haben mich ehrlich gesagt noch nie so wirklich interessiert. Ich erinnere mich, dass ich mit Anfang 20 mal auf ein Konzert mit Agnostic Front und US Bombs in Oberhausen aufgrund des horrenden Eintritts auf selbigen verzichtete und mir stattdessen in der Bar nebenan das EM-Halbfinalspiel Portugal vs. Frankreich anschaute. Ein Schritt, den ich bis zum London-Besuch nicht bereut habe, den ich danach sogar ausdrücklich begrüße! Waren wir damals weise!
Duane Peters und seine Mannen machten damals (und machen heute) in meinen Augen bzw. Ohren strunzlangweiligen Streetrock, der für das Genre Streetpunk verdammt wenig Hits hervorbringt. Wie die Turbo AC’s, nur mehr für Punkerlangeweile. Auch wenn ich es bemerkenswert finde, wie der ehemalige Skater Duane sich selbst treu geblieben ist, kann ich seiner Musik wenig abgewinnen. Eine kleine Ausnahme ist die Duane Peters and the Hunns Split-LP mit den Revolvers, wo mit Boeing Jet 757 (als Acustic Version) ein sehr schöner Song drauf ist. Der Rest … lahm.
Nichtsdestotrotz sollte es ja drei Vorbands geben und ein Konzert in London reizte uns einfach. Am Eintritt gleich einen überhöhten und völlig inakzeptablen Eintrittspreis von über 10 € abgedrückt und dann harren der Dinge. Da sich im Laden noch nichts tat, gingen wir in das benachbarte „Aces & Eights“ sowie ins „Boston Arms Pub“, Bier trinken. Erstere war eine typische Rockkneipe mit „Rocknroll“-Tapete. Es liefen Nirvana und ältere Rockklassiker. Alles war sehr dunkel gehalten, eine Videobeamer versprach ein Liveset von The Stooges. Das Boston Arms Pub hingen bot nicht nur ein Freundschaftsspiel von Arsenal gegen die Nationalelf Malaysias im TV (sowie Pferderennen und Altherren-Belegschaft hinterm Tresen), sondern auch Bier zu okayen Preisen (Pint Carling für 2,20 Pfund). Überhaupt war das Boston Arms eines der wenigen Pubs, die britisches Lager, sprich Pils, verkaufte. In den meisten Pubs im Zentrum Londons bekommt man zwar so obskur anmutende Biersorten wie Fosters, Staropramen, Grolsch oder Veltins (SKANDAL!!! Dass das überhaupt ausgeführt werden darf, sollte mit ‚Schlands Rausschmiss aus UNO, FIFA und WTO führen!), aber kein britisches Bier. Merkwürdiges Volk!
Irgendwann dann zurück in den „Music Room“, wo sich „Dragster“ schon mit relativ belanglosen Garage/Psychobilly (Myspace) herum bemühten. Die Sängerin hatte eine okaye Stimme, die Musik ging auch nach vorne, doch von den Anwesenden 50 Leuten interessierte sich niemand außer einer handvoll wirklich für das Treiben auf der Bühne. Das gab uns Gelegenheit uns durch die Biersorten zu trinken und uns das Gemäuer mal näher anzusehen. Ungelogen, hier hätten gut und gerne 600 oder mehr Personen reingepasst. Dass die US Bombs die nicht füllen würden, war mir bewusst, aber dass sich am ganzen Abend vielleicht zum Höhepunkt nur 100 Leute in den Raum verirren würden, überraschte mich schon. Einzig und allein die vier oder fünf großen Sitzecken waren permanent mit Leuten besetzt. Eine „Familie“ war dabei besonders süß: Er, ca. Mitte 20, einen kleinen Iro, ansonsten unrasierter Flaum im Gesicht, der vor allem im Bereich des Schnauzbarts dichter wurde; Sie, etwas jünger, gepierct und bunte Haare (ausgewaschenes Grün-Blond), zerrissenes T-Shirt. Die Expertin / der Experte merkt an: Klassiker des ausgehenden Deutschpunks, auch in England beliebt!
Daneben allerdings wohl die Mutter! Sie, verbrauchte Erscheinung, tätowiert, gepierct, eine Haut wie Leder, Nase wie ein Boxer, Frisur wie eine Mischung aus Industrial-Gothic-Hörerin mit 25 und gestern-Nacht-auf-dem-Friedhof-genächtigt (was sich ja nicht ausschließt), dazu Netzstrümpfe und Corsage. Erotikfaktor: Lieber mit Messer in den Atomkrieg ziehen! Mir wurde auf jeden Fall mulmig, als sich Familie Frankenstein gegenüber in die Sitzecke quetschte.
Die paar Bunthaarigen, die anwesend waren, ließen sich auch nicht von Meansteed (Metal-Rock) oder Deadbeat (Opernhafter Gesang kombiniert mit einer Mischung aus Streetrock und Hardrock) hervorlocken. Der Abend zäh wie Kaugummi, nur am Tresen gab es immer wieder was Neues zu entdecken bzw. Erinnerungen zu reanimieren (Fuller’s „London’s Pride“, Newcastle Brown Ale, Guiness, etc.). Dann wurden die „Altherren“ des US Bombs auf die Bühne gebracht. Duane Peters und seine Bomben wurden gleich mit höflichem, vorweggenommenen Applaus bedacht. Ist mir auf Punkkonzerten bisher auch selten begegnet und wenn, waren meist irgendwelche Teenis aus „Deutschland sucht den Emopunk“ in der Nähe.

Zum Set kann ich nichts sagen, da mir die meisten Songs (alle außer einer) nichts sagten. Es war nur belanglosester Streetpunk, von einem Sänger motiviert, aber irgendwie … der gute alte Duane mühte sich ab, zog sein flottes Jäckchen aus, behielt aber Sonnenbrille und Handschuhe an. Ach, ich weiß nicht, irgendwie bekam ich eher Mitleid mit ihm: „Erzähl uns eine Geschichte, Großvater Punk!“
„Jaks“, einer der letzten Songs beendete dann das Trauerspiel. Den Song kannte ich wenigstens und ich muss gestehen, der einzige Song, der aus der ganzen Menge hervorstach. Wir hatten gut einen im Schlitten – ansonsten wäre es unerträglich gewesen – und torkelten zum Bus, der uns fast vor unserem Domizil absetzte. Dennoch ein guter Abend, hätte nur auch ohne Musik gegangen!

The Dickies und Sket – Garage (U-Bahn Highbury & Inslington) (16. Juli 2011)
Nachdem das Ensign-Konzert am Vorabend leider abgesagt worden war, motivierten wir uns wenige Stunden vor Beginn der Rückfahrt nochmals in Richtung Highbury. Als wir ein paar Tage zuvor durch den Stadtteil wanderten, auf der Suche nach dem altehrwürdigen „Highbury“, dem Stadion vom FC Arsenal London, waren wir an der „Garage“ schon vorbeigekommen, hatten es aber nicht beachtet. Klar, vor dem geistigen Auge spielte sich „Fever Pitch“ als Film und Buch ab und wir suchten die alte Heimstätte von Arsenal. Naja, ich suchte es viel mehr!
Doch statt dem altehrwürdigen Stadion fanden sich an der Stelle nur die „Highbury Square“, scheinbare Luxusapartment-Wohnungen und unweit ragte dann das „Emirates Stadium“, der neue Fußball-Tempel des Vereins hervor. Irgendwie auch bezeichnend …
Als wir dann allerdings später in einem Plattenladen sahen, dass die Dickies in der „Garage“ spielen sollten, hieß es, nichts wie hin. Am Eintritt dann die Überraschung. Mit 17,75 Pfund – also gute 20 Euro – wurde das Dickies Konzert das teuerste meines Lebens! Die Garage – in der zuletzt Bands wie Weakerthans, Flogging Molly und viele eher Indie und Pop-Bands gespielt haben und mit UK Subs auch noch eine „Punkband“ zu Weihnachten aufspielen wird – ist eher eine Großraumdisse oder neudeutsch: „Club“. Daher fing das Konzert auch schon um 20:15 mit der Vorband Sket an, später ist ja noch Punk-Metal-Emo-Partie, halleluja, preiset und lobbet den Zaster, der uns arbeiten lässt!
Bis 20:15 füllte sich alles aber nur sehr, sehr mühsam. Vielleicht wussten die Menschen, was ihnen bevorstand: Sket – eine halbe Stunde lang Hardcore-Reggae-Punk-Irgendwas mit 2 Sängern, wovon der eine aussah wie der „abgedrehte BWL-Student von nebenan“ und der andere wie eine böse Mischung aus HipHop (Wollmütze, Blinkblink) und Muckiebuden-Hardcore (Tattoos, böser Blick), also als könnte er bei Agnostic Front spielen, hahaha. Musikalisch war das gar nicht mal so grausam – v.a. im Vergleich mit den Vorbands der U.S. Bombs – aber gut … gut ist wirklich was anderes. Der Spuk dauerte nicht lange und die Dickies kamen auf die Bühne.

Ca. 200 Leute in einem Raum, der locker bis zu 800 oder 900 Leute Raum gibt, von den 200 75 Prozent über 40 Jahre alt … das konnte ja nur heiter werden. Punk füllt keine Hallen, nicht in London. Im Vorfeld konnten wir schon beobachten, wie mindestens 30 T-Shirts den Besitzer bzw. die Besitzerin wechselten. Wahnsinn, die Band hatte tatsächlich nur ein T-Shirt-Motiv und eine CD dabei, die v.a. älteren Herren rissen ihnen das Ding aber nur so aus der Hand, wie Butter im Nachkriegsdeutschland! Wahnsinn!
Tanztechnisch rechnete ich eigentlich nicht, dass irgendetwas passieren würde und drängelte mich recht weit nach vorne, um unscharfe Photos zu machen. Eher rechnete ich damit, dass alle paar Minuten jemand zusammenbrechen könnte, im Alter so lange stehen … könnte ungewohnt sein. Doch ich sollte mich täuschen! Die Dickies schafften es mit ihrem Powerpoppunk a la Ramones das Publikum schnell zu fesseln, die wenigen Jungspunde (unter 25 im Alter und in der Anzahl), stürmten nach vorne und auch einige der älteren Semester machten eine bessere Figur, als ich im Traum. Das scheint an diesem wunderbewirkendem Carlsberg zu liegen, das als einziges Lager zu moderaten Preisen (naja!) ausgeschenkt wurde.
Auch wir gaben tatsächlich unsere letzten Pfund und Pennies für (jeweils ein) Bier aus (danke hoher Eintrittspreis! ansonsten hätte es vielleicht für zwei gereicht) und freuten uns über eine gelungene Liveshow, die zwar an einigen Stellen übermässig pubertär für eine 50+ Band war, auf der anderen Seite, scheiß drauf. Gutes Set inkl. „Paranoid“ (Black Sabbath), „I‘m Okay, You‘re Okay“, „You drive me ape“ und vielen weiteren, schnellen, hochmelodischen Songs, die Ohrwurm-Charakter hatten. Alles endete dann nach gut einer Stunde mit dem Hit „Gigantor“ und irgendwie doch zufrieden, noch eine gute, alte Band gesehen zu haben, ging es dann nach Hause, um kurz nach 22:00. Unglaublich!
