Archiv der Kategorie '09. Stadt Hau Ab!'

Support für AJZ Neubrandenburg

AJZ bleibt … denn morgen soll wie heute sein!

Unter diesem Titel hat am Freitag der AJZ Neubrandenburg von seiner Gefährdung berichtet. Mit großem Bedauern habe ich das Vernommen, denn das AJZ ist eines der wichtigsten Zentren in Nordosten Deutschlands, einem Landstrich, der nicht unbedingt vor Alternativen nur so strotzt. Daher bitte diesen Aufruf lesen, weiterverbreiten und das AJZ unterstützen!

Mika

Pressemitteilung des Vereins Alternatives Jugendzentrum Neubrandenburg e.V. vom 09.06.2014

Original-Link

Am Freitag, den 06.06.2014, teilte uns der Herr Rechtsanwalt Matussek mit, dass ein Kaufinteressent ihm gegenüber ein Angebot über 152.000 Euro für unser Grundstück in der Seestraße 12 abgegebenen habe. Herr Rechtsanwalt Matussek ist der Insolvenzverwalter über das Vermögen unserer Verpächterin Frau Jacqueline Widerna. Wer der Interessent für den Kauf des von uns gepachteten Jugendzentrums ist, wurde uns nicht mitgeteilt. (mehr…)

London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby – Teil 2

London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby
Zehn Tage in London … eine etwas andere Zusammenfassung – Teil 2

2. Teil – Livekonzerte

Klar, London, „Stadt des Punks“, das ganze Blabla um alle möglichen noch so tollen Bands. Für mich wird London eher „statt Punk“ bleiben. Im Straßenbild – sprich in freier Wildbahn – sind kaum noch Punks als solche zu erkennen. Das deckt sich natürlich mit den Erfahrungen aus allen deutschen Innenstädten abseits des Dorfbrunnens und selbst dort … Punks findet man, wenn überhaupt noch in London, am ehesten in Camden, dort laufen zumindest Menschen rum, die noch hochfrisiert und aufgestylt sind. Punkkonzerte bzw. Artverwandtes ist ebenfalls am ehesten dort zu finden.
In den zehn Tagen Anfang Juli waren auch mehrere Konzerte (Bad Religion im HVM Forum – Kensington, U.S. Bombs im Boston Arms Music Room – Tufnell, Ensign [kurzfristig leider abgesagt] im Underworld – Camden, Polar Bear Club in Kingston und The Dickies in The Garage – Arsenal) statt, die potentiell von Interesse gewesen wären. Mit einer Ausnahme (Kingston) fanden alle Konzerte im Norden Londons statt, wo noch am ehesten Studierende und „Alternative“ sich eine Leben leisten können bzw. ausgehen. Leider verpassten wir sowohl Bad Religion als auch Ensign, deren Konzert kurzfristig abgesagt wurde. Stattdessen ein rotzlangweiliges Konzert mit:

U.S. Bombs, Deadbeat, Meansteed, Dragster – Boston Arms Music Room in London (U-Bahn: Tufnell Park) (13. Juli 2011)
Die US Bombs haben mich ehrlich gesagt noch nie so wirklich interessiert. Ich erinnere mich, dass ich mit Anfang 20 mal auf ein Konzert mit Agnostic Front und US Bombs in Oberhausen aufgrund des horrenden Eintritts auf selbigen verzichtete und mir stattdessen in der Bar nebenan das EM-Halbfinalspiel Portugal vs. Frankreich anschaute. Ein Schritt, den ich bis zum London-Besuch nicht bereut habe, den ich danach sogar ausdrücklich begrüße! Waren wir damals weise!
Duane Peters und seine Mannen machten damals (und machen heute) in meinen Augen bzw. Ohren strunzlangweiligen Streetrock, der für das Genre Streetpunk verdammt wenig Hits hervorbringt. Wie die Turbo AC’s, nur mehr für Punkerlangeweile. Auch wenn ich es bemerkenswert finde, wie der ehemalige Skater Duane sich selbst treu geblieben ist, kann ich seiner Musik wenig abgewinnen. Eine kleine Ausnahme ist die Duane Peters and the Hunns Split-LP mit den Revolvers, wo mit Boeing Jet 757 (als Acustic Version) ein sehr schöner Song drauf ist. Der Rest … lahm.
Nichtsdestotrotz sollte es ja drei Vorbands geben und ein Konzert in London reizte uns einfach. Am Eintritt gleich einen überhöhten und völlig inakzeptablen Eintrittspreis von über 10 € abgedrückt und dann harren der Dinge. Da sich im Laden noch nichts tat, gingen wir in das benachbarte „Aces & Eights“ sowie ins „Boston Arms Pub“, Bier trinken. Erstere war eine typische Rockkneipe mit „Rocknroll“-Tapete. Es liefen Nirvana und ältere Rockklassiker. Alles war sehr dunkel gehalten, eine Videobeamer versprach ein Liveset von The Stooges. Das Boston Arms Pub hingen bot nicht nur ein Freundschaftsspiel von Arsenal gegen die Nationalelf Malaysias im TV (sowie Pferderennen und Altherren-Belegschaft hinterm Tresen), sondern auch Bier zu okayen Preisen (Pint Carling für 2,20 Pfund). Überhaupt war das Boston Arms eines der wenigen Pubs, die britisches Lager, sprich Pils, verkaufte. In den meisten Pubs im Zentrum Londons bekommt man zwar so obskur anmutende Biersorten wie Fosters, Staropramen, Grolsch oder Veltins (SKANDAL!!! Dass das überhaupt ausgeführt werden darf, sollte mit ‚Schlands Rausschmiss aus UNO, FIFA und WTO führen!), aber kein britisches Bier. Merkwürdiges Volk!
Irgendwann dann zurück in den „Music Room“, wo sich „Dragster“ schon mit relativ belanglosen Garage/Psychobilly (Myspace) herum bemühten. Die Sängerin hatte eine okaye Stimme, die Musik ging auch nach vorne, doch von den Anwesenden 50 Leuten interessierte sich niemand außer einer handvoll wirklich für das Treiben auf der Bühne. Das gab uns Gelegenheit uns durch die Biersorten zu trinken und uns das Gemäuer mal näher anzusehen. Ungelogen, hier hätten gut und gerne 600 oder mehr Personen reingepasst. Dass die US Bombs die nicht füllen würden, war mir bewusst, aber dass sich am ganzen Abend vielleicht zum Höhepunkt nur 100 Leute in den Raum verirren würden, überraschte mich schon. Einzig und allein die vier oder fünf großen Sitzecken waren permanent mit Leuten besetzt. Eine „Familie“ war dabei besonders süß: Er, ca. Mitte 20, einen kleinen Iro, ansonsten unrasierter Flaum im Gesicht, der vor allem im Bereich des Schnauzbarts dichter wurde; Sie, etwas jünger, gepierct und bunte Haare (ausgewaschenes Grün-Blond), zerrissenes T-Shirt. Die Expertin / der Experte merkt an: Klassiker des ausgehenden Deutschpunks, auch in England beliebt!
Daneben allerdings wohl die Mutter! Sie, verbrauchte Erscheinung, tätowiert, gepierct, eine Haut wie Leder, Nase wie ein Boxer, Frisur wie eine Mischung aus Industrial-Gothic-Hörerin mit 25 und gestern-Nacht-auf-dem-Friedhof-genächtigt (was sich ja nicht ausschließt), dazu Netzstrümpfe und Corsage. Erotikfaktor: Lieber mit Messer in den Atomkrieg ziehen! Mir wurde auf jeden Fall mulmig, als sich Familie Frankenstein gegenüber in die Sitzecke quetschte.
Die paar Bunthaarigen, die anwesend waren, ließen sich auch nicht von Meansteed (Metal-Rock) oder Deadbeat (Opernhafter Gesang kombiniert mit einer Mischung aus Streetrock und Hardrock) hervorlocken. Der Abend zäh wie Kaugummi, nur am Tresen gab es immer wieder was Neues zu entdecken bzw. Erinnerungen zu reanimieren (Fuller’s „London’s Pride“, Newcastle Brown Ale, Guiness, etc.). Dann wurden die „Altherren“ des US Bombs auf die Bühne gebracht. Duane Peters und seine Bomben wurden gleich mit höflichem, vorweggenommenen Applaus bedacht. Ist mir auf Punkkonzerten bisher auch selten begegnet und wenn, waren meist irgendwelche Teenis aus „Deutschland sucht den Emopunk“ in der Nähe.
Duane Peters, U.S. Bombs
Zum Set kann ich nichts sagen, da mir die meisten Songs (alle außer einer) nichts sagten. Es war nur belanglosester Streetpunk, von einem Sänger motiviert, aber irgendwie … der gute alte Duane mühte sich ab, zog sein flottes Jäckchen aus, behielt aber Sonnenbrille und Handschuhe an. Ach, ich weiß nicht, irgendwie bekam ich eher Mitleid mit ihm: „Erzähl uns eine Geschichte, Großvater Punk!“
„Jaks“, einer der letzten Songs beendete dann das Trauerspiel. Den Song kannte ich wenigstens und ich muss gestehen, der einzige Song, der aus der ganzen Menge hervorstach. Wir hatten gut einen im Schlitten – ansonsten wäre es unerträglich gewesen – und torkelten zum Bus, der uns fast vor unserem Domizil absetzte. Dennoch ein guter Abend, hätte nur auch ohne Musik gegangen!
Duane Peters, U.S. Bombs

The Dickies und Sket – Garage (U-Bahn Highbury & Inslington) (16. Juli 2011)
Nachdem das Ensign-Konzert am Vorabend leider abgesagt worden war, motivierten wir uns wenige Stunden vor Beginn der Rückfahrt nochmals in Richtung Highbury. Als wir ein paar Tage zuvor durch den Stadtteil wanderten, auf der Suche nach dem altehrwürdigen „Highbury“, dem Stadion vom FC Arsenal London, waren wir an der „Garage“ schon vorbeigekommen, hatten es aber nicht beachtet. Klar, vor dem geistigen Auge spielte sich „Fever Pitch“ als Film und Buch ab und wir suchten die alte Heimstätte von Arsenal. Naja, ich suchte es viel mehr!
Doch statt dem altehrwürdigen Stadion fanden sich an der Stelle nur die „Highbury Square“, scheinbare Luxusapartment-Wohnungen und unweit ragte dann das „Emirates Stadium“, der neue Fußball-Tempel des Vereins hervor. Irgendwie auch bezeichnend …
Als wir dann allerdings später in einem Plattenladen sahen, dass die Dickies in der „Garage“ spielen sollten, hieß es, nichts wie hin. Am Eintritt dann die Überraschung. Mit 17,75 Pfund – also gute 20 Euro – wurde das Dickies Konzert das teuerste meines Lebens! Die Garage – in der zuletzt Bands wie Weakerthans, Flogging Molly und viele eher Indie und Pop-Bands gespielt haben und mit UK Subs auch noch eine „Punkband“ zu Weihnachten aufspielen wird – ist eher eine Großraumdisse oder neudeutsch: „Club“. Daher fing das Konzert auch schon um 20:15 mit der Vorband Sket an, später ist ja noch Punk-Metal-Emo-Partie, halleluja, preiset und lobbet den Zaster, der uns arbeiten lässt!
Bis 20:15 füllte sich alles aber nur sehr, sehr mühsam. Vielleicht wussten die Menschen, was ihnen bevorstand: Sket – eine halbe Stunde lang Hardcore-Reggae-Punk-Irgendwas mit 2 Sängern, wovon der eine aussah wie der „abgedrehte BWL-Student von nebenan“ und der andere wie eine böse Mischung aus HipHop (Wollmütze, Blinkblink) und Muckiebuden-Hardcore (Tattoos, böser Blick), also als könnte er bei Agnostic Front spielen, hahaha. Musikalisch war das gar nicht mal so grausam – v.a. im Vergleich mit den Vorbands der U.S. Bombs – aber gut … gut ist wirklich was anderes. Der Spuk dauerte nicht lange und die Dickies kamen auf die Bühne.
Dickies
Ca. 200 Leute in einem Raum, der locker bis zu 800 oder 900 Leute Raum gibt, von den 200 75 Prozent über 40 Jahre alt … das konnte ja nur heiter werden. Punk füllt keine Hallen, nicht in London. Im Vorfeld konnten wir schon beobachten, wie mindestens 30 T-Shirts den Besitzer bzw. die Besitzerin wechselten. Wahnsinn, die Band hatte tatsächlich nur ein T-Shirt-Motiv und eine CD dabei, die v.a. älteren Herren rissen ihnen das Ding aber nur so aus der Hand, wie Butter im Nachkriegsdeutschland! Wahnsinn!
Tanztechnisch rechnete ich eigentlich nicht, dass irgendetwas passieren würde und drängelte mich recht weit nach vorne, um unscharfe Photos zu machen. Eher rechnete ich damit, dass alle paar Minuten jemand zusammenbrechen könnte, im Alter so lange stehen … könnte ungewohnt sein. Doch ich sollte mich täuschen! Die Dickies schafften es mit ihrem Powerpoppunk a la Ramones das Publikum schnell zu fesseln, die wenigen Jungspunde (unter 25 im Alter und in der Anzahl), stürmten nach vorne und auch einige der älteren Semester machten eine bessere Figur, als ich im Traum. Das scheint an diesem wunderbewirkendem Carlsberg zu liegen, das als einziges Lager zu moderaten Preisen (naja!) ausgeschenkt wurde.
Auch wir gaben tatsächlich unsere letzten Pfund und Pennies für (jeweils ein) Bier aus (danke hoher Eintrittspreis! ansonsten hätte es vielleicht für zwei gereicht) und freuten uns über eine gelungene Liveshow, die zwar an einigen Stellen übermässig pubertär für eine 50+ Band war, auf der anderen Seite, scheiß drauf. Gutes Set inkl. „Paranoid“ (Black Sabbath), „I‘m Okay, You‘re Okay“, „You drive me ape“ und vielen weiteren, schnellen, hochmelodischen Songs, die Ohrwurm-Charakter hatten. Alles endete dann nach gut einer Stunde mit dem Hit „Gigantor“ und irgendwie doch zufrieden, noch eine gute, alte Band gesehen zu haben, ging es dann nach Hause, um kurz nach 22:00. Unglaublich!
dickies

London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby

London’s Calling – Auf den Spuren von Joe Strummer, Tony Adams und Nick Hornby
Zehn Tage in London … eine etwas andere Zusammenfassung

Die britische Hauptstadt gehört zu den zehn teuersten Städte der Welt. Gleichzeitig ist sie einer der beiden Gründungszentren des Punk(rocks) und Geburtsstätte für Bands wie The Clash, Sex Pistols, The Adverts, The Damned, The Jam oder Newtown Neurotics. Graffiti-Künstler wie Banksy begannen hier, Nick Hornby schrieb seine beiden Klassiker „Fever Pitch“ und „High Fidelity“ in und über London und Fußballvereine wie Arsenal, Chelsea, Tottenham Hotspurs, Fulham, West Ham, Millwall, Wimbledon und andere haben einen (zum Teil berüchtigten) Ruf in Europa. London war darüber hinaus über viele Jahrzehnte der Handelsplatz der Welt, was vor allem an dem britischen Empire und der Ausbeutung von Sklaven (London hatte neben Liverpool eine wichtige Funktion im Sklavenhandel) und „Übersee“-Kolonien lag. Heute ist die Stadt neben einem wichtigen Bankenzentrum sicherlich ein Schmelztiegel vieler, vieler Kulturen und immer noch mit dem Ruf gesegnet, pulsierende, spannende und beliebte Metropole zu sein.
Es war also an der Zeit, sich intensiver mit dieser Stadt zu beschäftigen, natürlich vor Ort! Zehn Tage Sommerurlaub in London ist zwar gewagt, aber glücklicherweise mit preisgünstiger Unterkunft in direkter Citylage, unweit der „Prachtstraße“ Oxford Street, und günstigem Flug machbar. Hier sollen nun in einer kleinen Serie gewisse Highlights und Erfahrungen geteilt werden, vielleicht Tipps für den ein oder die andere und hoffentlich auch amüsantes Lesen geboten werden.

Teil 1 – Plattenläden in London und Umgebung:
Im Vorfeld haben wir uns erkundigt und versucht, schon einige Plattenläden zu finden. Mit rudimentären Tipps wie „Soho“ oder „Notting Hill“ wollten wir uns nicht abspeisen lassen. Vor allem waren gerade in den beiden Stadtteilen Plattenläden entweder rar (Soho) oder völlig überteuert (Notting Hill). Für gebrauchte und arg angefressene The Clash Alben auf Vinyl sollte niemand 20 Pfund (ca. 22 Euro) oder wesentlich mehr zahlen müssen oder wollen. Damit das gestochere und gestöbere beim nächsten Mal gleich gezielter begonnen werden kann, hier eine kleine, aber feine Auswahl von besuchten Vinyl-Verkaufsstellen.

Banquet Records
(52 Eden Street, Kingston upon Thames, Surrey)
Kingston ist ein Vorort von London, oberhalb der Themse und dort gibt es mit Banquet Records einen kleinen, aber feinen Plattenladen. Beim Reinkommen ertönte allerdings erstmal monotone, elektronische Musik und auch das Angebot umfasst viel elektronische und technisierte Musik. Zwei kleinere Fächer waren allerdings mit Punkrock und zwei weitere mit Indie Musik gefüllt. Eindeutig Klasse statt Masse! Im Punkrock-Bereich fand sich hauptsächlich US-Kram, der in die Melange von Side One Dummy, No Idea und Kiss of Death passt. Neben einer Minor Threat zum absoluten Dumpingpreis (unter 7 Euro) fanden sich dort auch Bands wie Rvivr, Off With Their Heads, Iron Chic, Gaslight Anthem, Hot Water Music etc. Die Minor Threat findet sich dort übrigens nicht mehr, hehe. Dennoch, durchaus gut sortiert und viele Alben konnte ich schon mein Eigen nennen, andere wurden gleich mitgenommen, wie eine Rvivr-Platte. In der Indie-Abteilung eine großartige Platte von The Leif Ericsson (Picture Vinyl für 5 Pfund!), die spätestens seit ihrer Split mit Milloy bekannt sein könnten. Schlagen in eine ähnliche Richtung, druckvoller, melodischer Punkrock a la Leatherface, Hot Water Music und Samiam. Leider befanden sich aber kaum bis keine weiteren britischen Bands im Regal, weder eine Leatherface-Platte noch eine von Milloy. Auch die Single-Auswahl konnte sich sehen lassen und Banquet Records ist auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn man auf die oben erwähnte Art von Musik steht. Hier finden sich keine The Clash, Ramones und Sex Pistols Platten, um gleich den Punk-Touristen vielleicht von unnötiger Fahrt abzuhalten.
Am besten kombiniert man den Besuch mit einem Konzert in Kingston, denn Banquet Records präsentiert auch Emo und Punk Konzerte in verschiedenen Lokalitäten in Kingston. Sowohl im The Fighting Cocks, The Peel und im New Slang (The Hippodrom) finden Konzerte statt, für The Weakerthans, Joan of Arc, Polar Bear Club, Lemuria, H2O, Menzinger und .letlive wurde z.B. auf Flyern geworben. Im Bacchus in der Union Street Kingstons finden zudem „Club nights“ statt, in denen ebenfalls Punk & Emo gespielt werden. Leider gab es für uns keine Möglichkeiten abends zurück nach London zu kommen (die genannten Konzerte fanden eh außerhalb unseres Besuches statt), sodass wir Kingston nur einmal besuchten.

All Ages Records
(27a Pratt Street, Camden)
Ein anderer guter Tipp war der All Ages Records Store in Camden. Hier fanden sich ebenfalls viele gute Alben (v.a. viel von Ny Vag Records mit Masshysteri, Invasionen, Regulations und anderem Kram aus Skandinavien) wieder, auch einige Sachen aus Deutschland, wie die Grizzly Adams Band, Pressgang, Dean Dirg oder Tatort Toilet. Musikalisch gab es hier viel Punk der melodischen und schnelleren Art. Schön vor allem auch, dass zur Begrüßung die aktuelle Spermbirds Platte aus den Boxen dröhnte, die auch im Regal stand. Preislich befanden sich die meisten Alben zwischen 10 und 13 Pfund, was ungefähr den Preisen in Deutschland entspricht, vielleicht aufgrund der Umrechnung in Euro etwas höher ist als hier. Bei All Ages Records fanden sich (zum Glück) ebenfalls keine überteuerten The Clash, Sex Pistols und Ramones Platten wider, aber auch wenig Kram aus England. Die aktuelle Milloy Platte als farbiges Vinyl, zwei Alben von Heresy und die aktuelle Leatherface Live-Doppel-CD waren die wenigen Ausnahmen. Bei den Singles fanden sich mit Billy Childish, einem britischen Tribute für die Spermbirds ebenfalls wenige UK-Scheiben, was schade ist, vielleicht aber auch die Situation von Punk in England wiedergibt. Mit The Damend, Cock Sparrer, TV Smith, Adicts, 999 und vielen, vielen anderen alten Bands aus den 1970ern und frühen 1980ern kann sich eine Jugendkultur sicherlich schwerer identifizieren, als mit neuen Helden. Und wenn diese im Punk keine Rebellion und keinen Ausdruck der eigenen Frustration, des eigenen Protests, des eigenen Lebensstils sehen, dann bleibt vielleicht nur Hip Hop oder Elektro als Alternative. Oder konsumieren, konsumieren, konsumieren. Ich weiß es nicht.
All Ages liegt übrigens sehr zentral in Camden und viele Konzertplakate prangen außen an den Fenstern, was es einem erleichtert, im Norden Londons gute Konzerte ausfindig zu machen. Besuch also ebenfalls unbedingter Tip!

Across The Tracks
(110 Gloucester Road, Brighton)
Ein okayer Second Hand Shop befindet sich in Brighton, im Stadtteil North Laine unweit des Stadtteils The Lanes. Jetzt ist Brighton an sich schon eine Reise wert, da es in nur 55 Minuten von Londons Victoria Station aus erreichbar ist und einfach etwas bietet, was London nicht hat: Meer! An einem sonnigen Tag lässt es sich dort sicherlich gut aushalten, der Brighton Peer hat einen Jahrmarkt auf einem Pier mitten im Meer mit Achterbahn und Auto-Scooter. Dazu kommen Spielhöllen und mindestens fünf weitere, große Fahrgeschäfte, geht es besser? Oder schlimmer?! Der Pier erinnerte mich an die Simpsons Folge, in der Marge den Urlaubsort ihrer Kindheit besucht, wo ebenfalls ein Jahrmarkt am Meer den Handlungsort darstellte.
Across The Tracks ist einer von zwei Plattenläden (der andere hatte nur Indie-Rock und Elektrokram), die mir in Brighton im Umkreis von The Lanes und North Laine aufgefallen sind. The Lanes ist ein Viertel mit vielen kleinen Geschäften und Cafés, die in der Regel preislich – verglichen mit London – okay sind. Während meine Liebste die „Sandinista“ von The Clash und ein Metallica Album erwarb (definitiv die besseren Errungenschaften) fand ich sowohl die „Give ’em enough rope“ von The Clash, eine „Best off“ von Madness und das erste Album von Michelle Shocked, eine der Pionierinnen des Anti-Folks. Alles in allem ein erfolgreicher Beutezug, mag man meinen, vor allem da es ja ein Tag am Strand werden sollte. Auch andere Metal und Punk-Klassiker ließen sich in dem Laden finden, die Preise waren mit in der Regel zwischen 6 und 15 Pfund durchaus angemessen und mehr oder weniger fair. Allerdings ein klassischer Second Hand Laden, wie ich ihn mir auch in London (zu den gleichen Preisen) erhofft hätte.

Resurrection Records
(Rear Basement Shop – 228 Camden High Street, Camden)
Ebenfalls in Camden lokalisiert und unweit von All Ages Records entfernt, liegt dieser kleine Plattenladen im Keller der Hauptstraße durch Camden. Hier muss ich ehrlich sagen, dass außer vielen Klassikern von Sex Pistols, The Clash und Ramones, keine Neuware und noch weniger Musik zu fairen bzw. okayen Preisen zu finden war. Sicherlich ein klassischer Plattenladen, wo Leute mit höherem Einkommen sich ein Erinnerungsstück ihrer Kindheit leisten können, dass dann auch gerne mal über 20 Pfund kosten darf. Wir sind eher enttäuscht wieder abgezogen. Eher für Touris, auch wenn Resurrection Records auch einige größere Konzerte sponsert, wie z.B. das Dickies Konzert in Arsenal.
Anders sieht es vielleicht aus, wenn man auf düstere Musik steht. Die Gothic-Abteilung schien sehr gut gefüllt zu sein, Metal habe ich nicht mehr in Erinnerung. Vielleicht ist Punk auch einfach gerade nicht die Klientel, mit der man viel Geld macht, es sei denn man hortet alte 70er / 80er Klassiker.

Music & Video Exchange
(208 Camden High Street, Camden)
Ein kleiner Glücksgriff war da schon eher der Music & Video Exchange wenige Meter weiter. Zu absoluten Schnäppchen-Preisen in der Ramschecke wurde dort Pegboy’s (Naked Raygun-Nachfolge) „Earwig“ Platte verkauft sowie ebenfalls eine Single von Patrick Fitzgerald (Safety Pins stuck in my Heart) und andere Feinheiten. Allerdings auch hier, viele Sammler-Stücke und Klassiker zu völlig überhöhten Preisen und die Ramschecke war wohl eher durch glückliche Fügung mit einer Hand voll Highlights angefüllt. Music & Video Exchange scheint eine Kette zu sein und ich meine mich auch daran zu erinnern, in Notting Hill (Notting Hill Gate) und Harlesden (Craven Park Road) in Shops gewesen zu sein, erstere allerdings völlig überteuert (20 Pfund aufwärts), letzterer hatte scheinbar entsprechend der Bevölkerung im Stadtteil nur Reggae und Dub-Platten. Kann man also machen, muss man aber nicht.

Hmv Oxford Circus
Wer Take That CDs für drei Pfund erstehen möchte oder ansonsten nach CD-Mitbringseln aus dem Mainstream sucht, ist hier bestens beraten. Ein Besuch war schon lehrreich, fürs Portemonnaie aber nicht leerreich, denn außer eine DVD wurde hier nichts gefunden.

Zeche Zollverein

Da stehen sie nun und holen sich symbolisch einen runter. Auf ihre Bildung, auf ihren Lebensstil. Sie stehen auf dem historischen Grund und schlürfen Sekt, kokettieren mit dem Raum um ihnen herum ohne nur einen Teil davon zu verstehen. Gearbeitet haben sie in dem Sinne nie. Ihre Hände waren niemals schmutzig. Doch sie stoßen an, auf die Zechenkultur, auf die Vernisage, auf die Künstler, die diesen Raum auf einmal lebenswert gemacht haben.
Auf dem Parkplatz sieht es aus, wie bei ABM, nur das ABM nicht mehr Arbeitsbeschaffungsmaßnahme heißt, sondern für „Audi, BMW, Mercedes“ steht. Wohin nur mit dem Geld, dem Wohsltand? Wo kann man ihn noch zeigen? Wo erweckt man noch eine Neidkultur, die die CDU/CSU doch immer fordert? Klar, für Düsseldorf reicht es ja nicht, aber in Essen dann schön auf den Putz hauen, bis es rieselt.
Pianomusik erklingt und die oberen Zehntausend bestehen in dieser Region heute abend aus maximal zweihundert Personen. Zwischen diesen wuseln Studentinnen mit Tabletts umher. Auf jedem Tablett stehen Flöten, gefüllt mit Sekt. Die Flasche hat einen Wert äquivalent dem Einkommen der Studentinnen aus ihrem Bafög-Antrag. Dennoch, diese sehen schick, elegant aus. Alle in Anzug, mit Fliegen, statt Krawatten. „Hohoho“, lacht jemand, als jemand anderes einen Pinguin-Witz erzählt, den ein Mensch mit durchschnittlichem Einkommen gar nicht verstehen kann.
Das Ruhrgebiet ist doch schön. Leise Pianomusik erklingt.
Kokerei Zeche Zollverein Essen

Demonstrationen Ende Januar

Nur kurz der Hinweis auf zwei Demonstrationen gegen die öden Orte hier im Ruhrgebiet.

Erstens – Wuppertal:
Am 27.01. wird es um 19.00 Uhr in Vohwinkel eine Gedenkveranstaltung für die Vohwinkler NS-Opfer geben. Diese findet an der Kaiserstraße/ Ecke Bahnstraße statt. Um 19.30 Uhr gibt´s im Bürgerbahnhof Vohwinkel eine Zeitzeugenveranstaltung mit Paul Brune.
Am 28.01. gibt es um 18.00 Uhr eine Antifa-Vorabenddemo unter dem Motto „Für einen konsequenten Antifaschismus!“. Diese startet am Hauptbahnhof und endet am Autonomen Zentrum. Dort wird von Freitag auf Samstag ein Convergence Center eingerichtet. Dort könnt ihr schlafen, etwas trinken und essen, euch die letzten Infos für Samstag holen etc. Um 21.00 Uhr gibt es dann noch eine Kundgebung in Vohwinkel gegen den „Bierbrunnen“ der Kampagne „Kein Bierchen für Nazis“.
Am 29.01. geht es um 10.30 Uhr mit der Bündniskundgebung direkt vor den CityArkaden in der Innenstadt los. Um 11.00 Uhr wird es eine kollektive Bahnhofsbesichtigung geben.
Weitere Infos wie der obrige Text sind von: actiondayswpt.blogsport.de

Zweitens – Duisburg:
Im Ruhrgebiet werden alternative Läden, Kneipen die andersartige Kultur ermöglichen, die fernab vom Mainstream und der ganzen Ruhr2010-Scheiße läuft, im seltener. Anstatt Besetzungsprojekte und somit Kulturschaffende zu unterstützen, grätscht nun das Ordnungsamt in Duisburg auch noch einem der letzten Läden in der Stadt zwischen die Beine, die halbwegs okay sind. Auch hier findet am Samstag eine Demonstration gegen die „Sperrstunde“ statt und für das Djäzz, damit auch nach 1:00 Uhr der Laden offen bleiben kann und somit auch Einnahmequellen durch Parties und Konzerte generiert werden können, um den laufenden Kulturbetrieb quer zu subventionieren. Denn alle Konzerte, Lesungen etc. finden ohne städtische oder staatliche Fördermittel statt.
Auch hier finden sich Infos im Internet (I love Djaezz).

Frau von Dachlawine getötet

In Hannover möchte mensch ja unter normalen Umständen schon nicht tot über dem Zaun hängen wollen, doch von einer Dachlawine erschlagen werden? Ist heute tatsächlich einer 82jährigen Rentnerin beim Gassi gehen mit dem Hund geschehen. Nach Konrad Kittner (Abstürzende Brieftauben) nun also schon die zweite Person, von der ich gelesen habe, dass sie in Hannover das Gassigehen nicht überlebt hat. Während es allerdings bei Konrad K. wohl das Herz war, traf die Rentnerin ein Eisblock vom Dach eines Mietshauses!

Für mich ist Dachlawine auch das Wort des Jahres und nicht Wutbürger, was ich, by the way, nie zuvor gehört hatte.

Dortmund ist auch Scheiße …

Hier eine Presseerklärung von den Leuten des UZDO (Unabhängiges Zentrum Dortmund), für das sie seit Monaten streiten und immer wieder von der Stadt Dortmund Knüppel zwischen die Beine geschlagen bekommen! Die ganze Erklärung kann auch hier gefunden werden: Seite des UZ-Dortmunds (UZDO) -> http://uzdortmund.blogsport.de/

Am 18.12 wird das Dortmunder U bereits zum dritten Mal eröffnet und das Spektakel der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 damit beendet. Was sich 2010 in Dortmund wie gewandelt hat, ist eine zweifelhafte Frage: Für ein Z hat es 2010 nur temporär gereicht. Was bleibt, sind ein U Leuchtturm, leere Worthülsen von kreativer Veränderung und leere Museen wie das am Ostwall (MaO). Die kooperative Co-Nutzung des MaO durch die Initiative ist möglich, aber stadtpolitisch nicht gewollt. Das Kulturbüro echauffiert sich lieber über den Stil der Jugend von heute und die Sauberkeitsstandards ihrer innerstädtischen Lagernutzung in A-Lage. Währenddessen wird die Stadt vom Alltag und Dortmunder Verhältnissen eingeholt und kam es erneut zu brutalen Übergriffen lokaler Neonazis in der Innenstadt.

Neben dem (alten) FZW bietet u.a. die alternative Kneipe, HirschQ, seit vielen Jahren Raum für die Sub/kultur/politszene im Zentrum dieser Stadt. Neben ordnungspolitischen Sanktionen seitens der Stadtverwaltung, die ein angemessenes Betreiben des Lokals erschweren, müssen die Besucher/innen und das Personal mit kontinuierlichen, organisierten Angriffen von Neonazis rechnen – zuletzt am 12.12.2010. FZW Privatisierung, Nazi Übergriffe in der Brückstraße, MaO Spekulation und noch immer kein UZDO: So kann es nicht weitergehen! Das UZDO begrüßt das Engagement des Dortmunder Antifabündnisses (DAB), solidarisiert sich mit der Demo im Kampf gegen rechte Gewalt am 18.12. und unterstützt das DAB in Form von heißen Getränken und Essen im Anschluss an die Demo. Ebenso ruft das UZDO die Stadt Dortmund und ihre Bürger/innen auf, ein Zeichen gegen die rechte Gewalt und neonazistische Aktivitäten zu setzen und sich an der Demo am Samstag zu beteiligen: Für ein anderes Gesicht dieser Stadt!
(mehr…)

Support für ein Unabhängiges Zentrum in Dortmund (und anderswo)!

Text ist von hier:

Nachdem die Flyer aus der Druckerei angekommen sind und demnächst hoffentlich auch auf/neben/unter eurer Lieblingstheke ausliegen, kommt hier ein update zum Stand der Veranstaltung am 04.12 @ MaO und die Veröffentlichung unseres offenen Briefs, den wir heute an die Presse sowie die Stadt Dortmund geschickt haben. Hier heißt es: „Die Initiative drängt auf diesen Termin, da eine Lagernutzung dem Raum nicht angemessen ist und vor allem, weil öffentliches Interesse an diesem Gebäude besteht. Eine Verzögerung des Umzugs betrachten wir als bürokratischen Akt, der einmal mehr zeigt, wie weit entfernt Stadtpolitik und Verwaltung von der Idee kreativer Veränderung sind. Was soll das werden? Eine Machbarkeitsstudie ohne Macher/innen?

Versicherungsbedenken als (Ver)sicherung des Leerstands sind nicht akzeptabel. Die Entwicklung rund um die Privatisierung und Neustrukturierung des FZWs sendet ebenfalls ein deutliches Zeichen in eine ganz andere Richtung. Es ist nicht hinnehmbar, dass das FZW in wenigen Wochen auf mainstream und Kommerz gebürstet wird, und Alternativen keine Alternative mehr haben … Eine Diskussionsveranstaltung am 04.12.2010 + Tag der offenen Tür am 05.12. stehen für Transparenz, Bewegung und tatsächliche Partizipation in der Stadtentwicklung. Abwarten, Verzögerung, Nichtverhandlungen stehen symbolisch für den städtischen Anspruch auf die Planbarkeit des Unplanbaren und für das große Missverständnis kreativer Veränderung in Dortmund. Umzugskartons und ein Keller voller Bilder sind keine ernstzunehmenden Hindernisse, sondern lassen sich anders sichern, ausstellen, bewegen. Gerne bieten wir hier unsere Mitarbeit an, eine kreative Lösung zu finden und/ oder beim Umzug zu helfen“.

Nach der voreiligen Veröffentlichung gestern auf den ruhrbaronen, hat sich die Stadtverwaltung auf ein voreiliges Nein hinreissen lassen. Damit ist die Akte jedoch nicht geschlossen, sondern wird die Verhandlungsmasse erst jetzt konkreter. Für Freitag Mittag // 12.oo uhr plant die Initiative eine kleine Aktion im Rathaus, bei der wir den Brief und auch ein paar Flyer da lassen. Dort werden wir dann auch vom Kulturbüro der Stadt empfangen. Das nächste update gibt’s spätestens am 28.11 // 19.oo // taranta babu. STAY TUNED.

Unplanbares Zentrum Dortmund // UZDO

Toskana, heute: Livorno

Manch eine wird erst mal bei den Worten „Toskana“ und „Livorno“ nicht gleich auf die Idee kommen, dass die alte ArbeiterInnenstadt auch in der häufig als „malerisch“ beschriebene Landschaft der Toskana zu finden ist.
„Liwas?“ dürfte man stattdessen weiter hören.
Cristiano Lucarelli sei Dank, dürfte der Fußballverein AS Livorno, dank dem kommunistischen Stürmerstar, durchaus überregionale Bekanntheit gefunden haben. Lohnt also ein Besuch dieser Stadt überhaupt?
Ersteinmal angenehm, dass es kaum Touristen gibt. Man kann beruhigt sich im Ausland fühlen, ohne auf dumpfdeutsche Herrendeppen zu treffen oder sich über und Socken erbrechen zu müssen. Eine Ausnahme ist das Hafengebiet, was zwar weniger touristisch reizvoll ist, als einfach nur Kreuzfahrtdampfer anleinen lässt. Von diesen tummeln sich dann einige Menschen aus allen Herren Ländern und sucht nach Sachen, die es wert wären, zu photographieren. Fehlanzeige! – zumindest wenn man Florenz, Pisa, Lucca, Siena oder andere Städte mit singulären oder vielfachen Sehenswürdigkeiten in der Region als Maßstab nimmt.
Dennoch ist Livorno für mich eine der schönsten Städte der Toskana, denn so sieht einfach eine Stadt in Mittelitalien aus. Kein Schnickschnack, keine Museen. Ganz groß, die ehemalige Festung kann man nicht einmal betreten! Kirchen, klar, die gibt es, manch einen Italiener, wo die Einheimischen eine halbe Stunde Schlange stehen, um auf einen Tisch zu warten, auch. Naja, Italiener in Italien … aber dennoch, sehr lecker.
Livorno hat natürlich seine Stärke nahe der Militärakademie. Nicht, weil man mit den zur See fahrenden Militaristen irgendetwas anfangen kann, aber sowohl Pferderennbahn als auch Fußballstadion befinden sich in einem relativ snobbistischen Stadtviertel, in denen einst wohl mal reiche Händlerfamilien ihre Häuser hatten.

Toskana, heute: Lucca

Auf einer Liste Oeder Orte darf Lucca nicht fehlen! Irgendwo im Nirgendwo der italienischen Toskana ist Lucca ein völlig überlaufener Ort, touristischem Nichtssehens. Und dennoch natürlich schöner als jede deutsche Innenstadt mit der Post-Weltkriegsarchitektur, die auf den Ruinen des deutschen Rassenwahns gebaut worden ist.
Seien wir ehrlich, nach Lucca fährt man, weil man gerade in der Gegend ist (sprich Florenz besucht hat), schon alles in der Toskana gesehen hat (das noch überlaufendere Siena, Florenz (natürlich auch), Pisa, Livorno, Viareggio (natürlich nur wegen Strand) und Pistoia (klar, wegen dem „Oi!“ im Namen)) und man dennoch noch einen Tag Urlaub über hat.
Wer nach Lucca fährt, fährt auch nicht nach Lucca, sondern direkt in Richtung Befestigungsanlage, die die Altstadt umgibt. Wunderschön wird die Kritikerin anmerken, während sie, als Apologetin, argumentiert, dass man auf der Befestigungsanlage – umgangssprachlich Mauer genannt – umher wandern und die Stadt umrunden kann. Wahlweise zu Fuß oder aber mit einem Fahrrad, dass man sich leihen kann.
This is Lucca, not Lucarelli!
Spannend sind vor allem zwei Dinge: der Blick auf die toskanischen Erhebungen, die vor allem von der Südseite zu sehen sind und auf der Ostseite der Blick in Richtung Flutlichtmasten des AS Lucchese Libertas, der unter ferner liefen spielt und bei weitem nicht mit den berühmteren Schwestervereinen der Region, AC Fiorentina, AS Livorno oder FC Empoli mithalten kann.
Doch seien wir nicht so kulturpessimistisch, wenn man sich von den Mauern erstmal herab in die Innenstadt begeben hat, erfährt man enge Gassen, viel Gastronomie und noch mehr Menschen von überall, die sich Kirchen und mittelalterliche Architektur zur Gemüte führen.
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Toskana, heute: Florenz

Ist das schon ein Lebensgefühl oder doch nur ein Brotaufstrich?
Da kommt man aus der kühlen Kälte des Rhein-Ruhr-Gebiets, lobt sich selbst als kulturelle Hauptstadt Europas über den grünen Klee und dann steht man vor dem Duomo in Florenz und weiß gar nicht mehr, ob das jetzt eher Bochum oder doch schon Witten ist!
Nein, ernsthaft, von der Muße geküsst, von Inspirationen geplagt, so sahen die Italiener/innen in diesem ehemaligen Machtzentrum Europas wohl Anno Dazumal aus. Und heute? Trmapeln Touristen die Kopfsteinpflaster morsch, photographieren Chinesinnen, Ostwestfalen, Russen und Sauerländerinnen alles, was sie vor die Füße, respektive die Linse bekommen. Ob das noch schön ist, so dicht gedrängt. Die Pizza-Verkäuferin knallt einem den Teigflatschen vor die offenen Mäuler, nur der Plattenverkäufer nickt keck und freut sich, ein paar Touristen mit einer komischen Sprache, die Deutsch sein könnte, durch den Verkauf von schwarzem Gold – nein, nicht Kohle aus dem Ruhrgebiet, sondern Vinyl aus England und Deutschland – glücklich gemacht zu haben. Wie ein kleiner Junge noch schnell das Stadio Artemio Franchi photographieren, wo einst, im Jahre 1999, meine Leidenschaft für Bengalische Feuer und italienischem Support für einen kleinen Moment erwachte, bis einige Dekaden später nur noch ein Grauschleier der Erinnerung in meinem Gedächtnis schon längst die roten Flammen verblassen ließ!
Die Toskana also, mit ihrer Hauptstadt, mittlerweile Fußgänger beruhigt, da keine Autos mehr fahren dürfen, zumindest nicht um den Duomo, liegt einfach nur darnieder und es braucht nicht viel, um trotz der heftigen Preise ein wenig, aber nur ein wenig von der Inspiration eines Leonardo da Vinci, eines Gabriele Batistuta oder Arnolfo di Cambio und Filippo Brunellschi (Architekten des Duomo bzw. der Kuppel) abzubekommen und dann doch, einsam und verlassen im Ruhrgebiet, in Erinnerungen schwelgend diesen schnöden Text in den Rechner zu hacken, auf das jemand ihn doch in diesem schwarz-weiß Standard-Stil unkommentiert sich zur Gemüte fügt und vielleicht einen Moment lang schmunzelt. Jaja, Essen ist fertig!

Neoliberale Stadtentwicklung und die Loveparade in Duisburg

Es war halb sechs, als meine Freundin mir schrieb, dass sie auf der Loveparade sei. Ich hatte über das Wochenende das Ruhrgebiet verlassen und nicht einmal gewusst, dass die Loveparade in Duisburg ist. Sie schrieb, es sei sehr chaotisch und die Leute würden sich fast panisch verhalten. Sie würde jetzt nach Hause fahren. Zwanzig Minuten nachdem sie das Gelände verlassen hatte, brach an der Zufahrtsstelle die Massenpanik aus, zwanzig Menschen starben, über 500 wurden verletzt und zeitweilig waren über 1000 Menschen vermisst. Zeitgleich erreichte mich die SMS.
Gegen sechs Uhr schaltete ich den Fernseher ein und die Berichterstattung sprang gerade zu der Katastrophe. Seit Tagen ist die Loveparade Top-Thema und wer sich wirklich gut informieren möchte, sollte dies auf jeden Fall auch auf dem Blog der Ruhrbarone tun. Ich für meinen Teil war, obwohl ich wusste, dass meine Freundin nicht zu den Opfern zählte, den Abend dennoch beunruhigt. Eine Stunde konnte ich sie nicht erreichen, bis ich Gewissheit hatte, dass sie wirklich weit weg vom Geschehen war. Und zwar gesund.
In den folgenden Tagen beschäftigte mich das Thema. Wie kann so etwas geschehen? Das klärt sicherlich die Staatsanwaltschaft. Welche Schuld hat ein Oberbürgermeister? Sicherlich eine moralische! Sollten Politiker zurücktreten? Wenn sie nur ein wenig Anstand besitzen, ja! Macht das alles die Opfer wieder lebendig? Nein!
Dennoch stellt sich für zukünftige Veranstaltungen die Frage nach dem „Warum!?“. Was mir bisher in der Analyse fehlt, ist der Druck, der auf der Stadt Duisburg lasstet. Neoliberale Stadtplanung und der Wettbewerb, den sich Städte gegeneinander aussetzen und auseinander gesetzt sind.
“Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen. (…) Eine Absage der Loveparade wäre ein Debakel für das Revier.” Fritz Pleitgen, ehemaliger WDR-Intendant und Cheforganisator Ruhr 2010
Das Ruhrgebiet im Allgemeinen und Duisburg im Speziellen gelten nicht als die aufstrebenden Regionen, wo es Künster/innen, Studierende und Kreative hinzieht. Genau im Gegenteil, der Umschwung bleibt aus, der Strukturwandel, obwohl Millionen von Euro in ihn gepumpt werden, findet nur sehr langsam statt. Viele Menschen sind von diesem Strukturwandel spätestens seit den 1970er Jahren betroffen, die meisten in der Form, dass sie ihre Arbeitsplätze nach und nach verloren haben und die meisten von denen bis heute keine neuen finden. Duisburg ist dabei nur eines der extremeren Beispiele, eine der größeren Verlieren im Duell Stadt vs. Stadt. Die Industriestadt, in der die Ruhr auf den Rhein trifft hat die zweithöchste Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet. 14 Prozent der Menschen sind erwerbslos. Trotz Universität, trotz Kulturprojekt, die Stadtkassen sind leer. Ähnlich des MSV Duisburg im Zweitligafußball, ist die Rolle der Stadt in NRW eher bieder, ohne Glamour, ohne positives Prestige. Mietpreise sind niedrig und es wird nicht mehr lange dauern, da kriegen die Menschen monatlich Geld, wenn der Trend so weiter anhält. Duisburg ist einfach eine alte Industriestadt zwischen Ruhr und Rhein, wo die Menschen älter werden, das Leben für junge Menschen wenig Perspektiven liefert.
“Ich betrachte die Loveparade als eine gute Gelegenheit der Welt zu zeigen, wie weltoffen, tolerant und insbesondere spannend unsere Stadt ist. (…) In diesem Jahr waren wir einfach in dem Zwang, es hinkriegen zu müssen, denn sonst wäre die Loveparade endgültig gestorben gewesen fürs Ruhrgebiet.” Adolf Sauerland, OB Duisburg
Die Stadt, die sich im Standort-Wettkampf mit Essen und Dortmund sieht, nicht in einer Liga mit Bochum (Absage der Loveparade 2009), Gelsenkirchen (Bewerber für die Loveparade 2011) oder Mülheim, fühlte sich unter Druck gesetzt, in dieser neoliberalen Logik des Stadtmanagements und -marketings erfolgreich sein zu müssen. Zum Erfolg verdammt! Die Loveparade bietet stadtmarketingtechnisch eine einmalige Chance, die nicht wiederkommt. Welches Großereignis würde sonst schon freiwillig in Duisburg Halt machen und nicht im benachbarten Düsseldorf oder Essen? Düsseldorf ist Landeshauptstadt, Essen Kulturhauptstadt. Irgendetwas davon muss auch auf Duisburg abfärben, war wahrscheinlich einer der Gedanken der Stadtoberen. Und das obwohl die Stadt mit knapp 500.000 Einwohner/innen scheinbar weder Raum noch Erfahrung mit großen Veranstaltungen hat. Ein Heimspiel vom MSV Duisburg gilt leider als Referenz wenig. Auch nicht die erfolgreiche Veranstaltung des „Still-leben“ auf der A40 vor einigen Wochen, als drei Millionen Menschen einen über 60km langen Autobahn-Abschnitt belagerten, nicht nur in Duisburg.
“Die Loveparade wird mit Abstand das größte und medienstärkste Ereignis im Kulturhauptstadtjahr 2010. Der Imageschaden wäre immens, wenn sie ausgerechnet 2010 ausfallen würde.” Rainer Schaller, Veranstalter, Geschäftsführer Lovepavent GmbH
Es wird schon gut gehen, war der Gedanke. Nur nicht blamieren, v.a. nicht wenn ganz Deutschland und Teile der Welt auf die Stadt an der Ruhr schauen. Denn diese Chance gibt es nie wieder, im Positiven, wie im Negativen!
“Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste.” Dieter Gorny, künstlerischer Direktor für die Kreativwirtschaft Ruhr 2010
Daraus resultierend trafen die Stadt-Oberen eine Kette von Fehlentscheidungen, gepart mit dem Sparzwang für Sicherheitsbelange, falsche Kalkulation (Zuschauer/innenmengen, Anfahrtswege, Verhalten bei Massenpanik) und der Standortkonkurrenz. Diese Fehlentscheidung kostete Menschenleben, zwanzig an der Zahl.
Was sind also die Lehren, die man daraus ziehen muss? Ich denke, der Ansatz Großveranstaltungen vom Innenministerium abzusegnen, kann ein Schritt sein. Ein zweiter muss sein, die Standortkonkurrenz zu überdenken. Wie das geht, weiß ich leider nicht. Ausgleichzahlungen vom Bund / Länder, über-städtische Solidarität, einen Soli-Zuschlag für Städte die vom „Strukturwandel“ besonders betroffen sind … keine Ahnung, aber der Oberbürgermeister von Duisburg, seine Lakaien und Beamten, die allesamt eine moralische Schuld trifft, sind austauschbare Opfer der städtischen Konkurrenz. Beim nächsten Mal ist es vielleicht nicht die Loveparade, sondern ein Rockkonzert, eine Fanmeile oder etwas anderes, doch Menschenmassen werden auch in Zukunft angezogen, denn sie versprechen nicht nur Geld, sondern auch Prestige und Imagegewinn für Städte. Auf der anderen Seite werden vielleicht auch die Gelsenkirchens, Magdeburgs, Braunschweigs und Güterslohs dieses Landes daraus lernen, alles was positive Effekte für Stadtmarketing verspricht, kann sich schnell in einen Horror verwandeln.

Besetzung in Essen beendet

Ein kleines Strohfeuer glimmte am Wochenende auf, doch aufgrund des Drucks vom DGB bzw. deren Gebäudeverwaltung ist relativ schnell klein beigegeben worden. Schade, schade. Mehr dazu hier.
Bei meinem Besuch heute nachmittag wirkte dann das Grüppchen von 15 Leuten nur resignierend und erschöpft. Schade, eine spontan Demo oder eine andere, öffentlichkeitswirksame Aktion durch die nahe Innenstadt wäre sicherlich wichtig gewesen, den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Das Recht auf die Stadt bekommt man leider nicht geschenkt.
Ich frage mich allerdings wirklich, was die Besetzenden erwartet haben? Dass der DGB ihnen den Schlüssel übergibt? Oder das Gebäude mietfrei vermacht? War man wirklich nicht darauf vorbereitet, dass Anzeigen drohten? Was verstehen die KünstlerInnen unter Besetzung?
Wer nochmals nachlesen will, was heute passierte, bevor der Vorfall von den meisten BürgerInnen unbeachtet als Anekdote in der Stadtgeschichte verschwindet, der kann das hier tun: http://freiraum2010.de/