Leatherface + Dead Koys im Vortex in Siegen (05.02.2012)

Nach einer anstrengenden Lesung in Wermelskirchen mit vielen guten Geschichten (Danke an Alex Gräbeldinger, Jimi Berlin, Shawn und Frustus) und einer viel zu langen Nacht am Tresen, waren die Kräfte für einen 1,5 Stundenritt bei Eis und Schnee fast erloschen. Immerhin, vor 20 Leuten im AJZ Wermelskirchen gelesen, wo Green Day dereinst vor 50 Leuten gespielt haben – an dem Abend, als sie erfuhren, das ihr Album „Dookie“ in den UsA auf Platz eins der Albumcharts steht. Darauf erst mal ein genüssliches Schulterklopfen. Oder auch nicht!
Beim Abendbrot diskutiert, Leatherface hin, Leatherface her. Siegen, das liegt hinter den Sieben Zwergen samt sieben Bergen. Süddeutschland, im tiefsten! War das nicht schon fast Österreich? Der Tatort lockte schon, doch dann doch einfach ins Auto gestiegen und durch die Nacht. Im Anschluss festgestellt, dass es der österreichische Tatort war, vielleicht aus Siegen. Leatherface auf jeden Fall die bessere Alternative, schließlich das einzige Konzert auf der Tour, welches ich beiwohnen können würde.
Am Vortex dann angekommen, erstmal über die Eintrittspreise von 12 Euro pro Persona gewundert. Wow, teuer! Und dennoch, nirgends ein Plakat, außer ein „Selbstgemaltes“ auf der Herrentoilette. Von Vorbands wusste auch niemand nichts. Dann kam doch eine, Vorband jetzt. Diese über sich ergehen lassen, Dead Koys. Junge Leute aus überall des südlichen NRWs, die ganz okay waren, mehr aber auch nicht. Klar, vor Leatherface sieht man immer Scheiße aus!
Warten auf Frankie & Co, doch im Gegensatz zu Godot, kommen die Herren doch noch auf die Bühne. Dann gewundert, wer ist denn der Mann an der Gitarre? Ein „Gitarren-Warmspieler“? Das wäre doch überflüssig. Dann allerdings Frankie Stubbs auf der Bühne, den linken Arm in einen Sunderland-Schal gehült, das Schlüsselbein und die Schulter schonend. So will der auf eine mehrwöchige Tour gehen?! In Russland, Skandinavien, etc.?! R-E-S-P-E-C-T!

Tja, der gute Herr hatte sich vor der Tour mal das Schlüsselbein gebrochen, fuck! Also, ohne Frankies Gitarrenspiel, dafür mehr Getanze und eine Konzentration auf den Gesang. Vor allem bei einigen Hits wie „Dead Industrial Atmosphere“ oder „Springtime“ fehlte die charakteristische Gitarre, verdammt. Aber der „Stubbs Shuffle“, die galanten Beinbewegungen in einer Vielzahl als Tanz, entschädigten ein wenig dafür.
Das Set war dann das gewohnte Programm der letzten Tour in anderer Reihenfolge und ohne „Not Superstitious“. Am Ende war der Kasten Wicküler auf der Bühne leer, nach Zugaben die Show beendet und es ging mit einem guten Gefühl zurück ins Ruhrgebiet. Hat sich doch gelohnt.

Und mit im Gepäck eine Flasche Wicküler, die noch übrig geblieben ist und ein paar Kopien der „Mush“, die als Bootleg an diesem Abend auf Vinyl verkauft worden sind. Also, Augen auf bei den nächten Konzerten.
Morgen:
Lesung mit Lesung Alex Gräbeldinger, Gianna Brachetti und Mika Reckinnen im Mehrgenerationenhaus in Kusel. Welche Generation ich dabei darstelle, dürfte wohl klar sein. Gichtkranker, alter Sack, der von früher erzählt. Oder so ähnlich!
Goodbye and Farewell! Thank you for the music!

picture: Quezon City 2010; Ten02 Bar
The Beauty of Doubt (2002 – 2012)
video: Quezon City 2009; Leprechaun
Kurt + Der Faustmörder + Lafftrak im Störtebeker in Hamburg (30.12.2011)
Am vorletzten Tag des neuen Jahres einfach mal hoch nach Hamburg und sich auf Kurt freuen. Gute Freunde einpacken, gute Freunde besuchen, das ist doch eine schöne Art, dem Jahr „Auf Wiedersehen!“ zu wünschen. Zuerst aber durch Hamburg irren, Bier trinken im Molotow und diskutieren, ob man bei „soliden Preisen“ auch einkehren sollte. Dann aber dennoch dagegen entschieden. Dürfte im Störtebeker jeden Moment laut werden.

Störtebeker ist immer ein Laden, der es wert ist, ihn zu besuchen. Against Me!, Sixty Stories, Pascow und Love A, letztere beiden in einem Konzert. Drei Shows, alle großartig. An dem Tag fingen Lafftrak an. In Dinosaurier-Kostümen und mit Anti-tainment-Gedächtnis-Sound. Nur nicht so gut. Irgendwie schon klar, dass hier geklaut worden ist … oder popkulturell „zitiert“ … ohne aber an das Original heran zu reichen. Bei Weitem nicht, um ehrlich zu sein. Aber egal.
Danach im Keller festgeschwatzt, alte Bekannte getroffen und ein paar Bierchen konsumiert. Oben läuft Trash-Core, den ich leider fast komplett verpasse. Band maskiert mit Sturmhauben, so sehe ich die letzten drei Songs. Also, die letzten zwei Minuten der Show, hehe. Faustmörder, ein guter Name. Musikalisch auch gut. Dann, letzter Akkord, die Instrumente werden in die Ecke gelegt und von der Bühne gerannt! Geil!
Kurt sind natürlich der Hauptact, ohne Diskussion. Die Süddeutschen spielen seit der Mitte der 1990er, haben diverse Platten auf X-mist veröffentlicht, ein schönes Review, dass ich mal aus einem Platten Review klaue (oder „zitiere“ für popkulturell bewanderte); von durchdes welt. Blog:
X-Mist haben immer schon ein Händchen gehabt, die Art von Bands zu angeln die etwas ganz besonderes und neues auf die Beine stellten. Die Grundmauern bleiben Hardcore und Punk, doch was die drei Musiker hier vollbracht haben ist nicht so einfach zu beschreiben.
Ein Sänger der Gitarre spielt und zwar so, das ich nicht das Gefühl habe das hier nur eine zu Gange ist. Ein Bassist der sich fast die Finger wund spielt und einen Lauf nach den anderen produziert. Als ich Live den Schlagzeuger beobachte blieb mir fast die Spucke weg. Auf schlichte Hardware zauberte er einen Beat, das ich es fast nicht glauben konnte.
Schon damals bildete der Sound von Kurt keine leichte Kost und hat bestimmt durch die meist unendlichen einsilbigen Parts viele zur Weißglut gebracht. Jedoch genau hier liegt die Stärke der Platte. Immer genau dann wenn Du es nicht mehr aushalten kannst, noch ein Stück weiter und du wirst von einem Feuerwerk erlöst.
Emotionen werden freigelassen wie auf kaum einer andere Platte.
No Comment – Hot Water Music – The Fire, The Steel, The Tread
Die Sehnsucht nach neuen Hot Water Music Songs hielt sich schon im Vorfeld in Grenzen. Sowohl The Draft als auch die letzten Veröffentlichungen der Band selbst – von den Live-EPs mal abgesehen – waren alles andere als bahnbrechend. Genau im Gegenteil, mit The Draft konnte und kann ich immer noch gar nichts anfangen, das letzte HWM Album habe ich nach einigen Hörversuchen einfach als Datenmüll auf der Festplatte gelassen. Waren mir ihre ganz alten Sachen aus den 90ern häufig zu sperrig, wurden sie auf den letzten Platten häufig viel zu catchy, eingängig und hatten keine Ecken und Kanten mehr.
Die Songs der neuen Single sind dann ebenfalls weit weg von erfrischendem Emocore (als es noch keine Beleidigung war) wie zur „No Division“ Zeit. Gute Rockmusik wird geboten, die weit mehr an Bruce Springsteen erinnert – oder The Gaslight Anthem – als an die eigene Vergangenheit. Ruhig, melodisch, rockig. Chuck Ragan solo trifft Hot Water Music trifft Bruce Springsteen. Das ist nicht schlimm, die Band altert mit dem Publikum und mir gefällt die Single durchaus. Zumindest besser als alles von The Draft.
Aber braucht es die Band 2012 wirklich noch? Wer erfrischenden Punk in 2011, 2012 und wohl auch 2013 hören möchte, sollte lieber auf eine der zahlreichen Post-Latterman Bands wie RVIVR, Iron Chic etc. zurückgreifen. Latterman selbst haben sich vor einigen Wochen auch wieder für einige Shows zusammengetan und man darf gespannt sein, ob es noch mal weiteres Material gibt oder ob es nur „Just-for-fun“ war. Auf ein „auf-ewig-leben“ wie bei Hot Water Music sollte man aber bitte verzichten!
No Comment – Gebt den Faschisten keine neue Chance
Heute nur ein Video, ohne größere Kommentare, weil das schon alles sagt …
No Comment – Diskussionskultur 3.0 (Tag 3)
Dass das Internet die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren, revolutioniert hat, dürfte wohl niemand ernsthaft bestreiten, die sich tagein, tagaus ins Büro schleppt. Emails, Facebook, elektronische Verfolgung des eigenen Pakets, Skype und dazwischen Onlinespiele; so dürfte durchaus der Alltag in manchem Büro aussehen. Burn-Out, Rückenleiden, Sehnenscheidenentzündungen und kaputte Augen sind die Resultate. Wobei Tendovaginitis sicherlich auch ein großartiger Name für Bank(angestellten)rocker oder Post(beamtinnen)punk wäre.
Mein Job geht in die selbe Richtung (ebenfalls Postpunk). Ich lese morgens Mails, verfasse Artikel, rechne mit Excel Projekte ab, lese online philippinische Zeitungen, verwalte unsere Mitglieder, schreibe Mails und Briefe und hin und wieder chatte ich auf Facebook. Alles online. Selbst wenn ich telephoniere fallen dabei Sätze wie, „habe ich Dir gerade per Mail geschickt. Schau mal auf Seite 3, relativ weit unten.“
Eine meiner Vorgängerinnen habe ich neulich gefragt, wie sie das damals – in der zweiten Hälfte der Neunziger – eigentlich gemacht hätten, so ganz ohne Internet. Sie fing anzulachen und meinte, die Revolution sei das Faxgerät damals gewesen, wo sie Briefe direkt nach Manila verschicken konnte. Ansonsten war es „offline“-Arbeit – die damals natürlich noch nicht so hieß, da niemand „online“ war – wie Zeitungen oder Bücher lesen. Ich wollte nicht fragen, ob sie auch Sachen in die Schreibmaschine hacken musste, aber bei den veralteten Rechnern, die teilweise noch im Keller stehen, befürchte ich, sie waren damals auch schon ein wenig „online“, bzw. vor einem PC.
Spannend fand ich, wie Informationsbeschaffung ablief. Eine Stewardess schickt zum Beispiel zu der Zeit noch einmal die Woche einen Stapel philippinischer Zeitungen ans Büro, die dann einmal die Woche gelesen wurden. Heute gibt es den Direktflug (Frankfurt-Manila) nicht mehr, die Zeitungen hingegen sind online.
Dass das Internet schon längst auch ins Privatleben eingreift (s. diesen Blog, hehe), ist auch klar. Doch dass das Internet dank SmartPhones nun überall mit hin zu nehmen ist, hat auch große Nachteile. Die Gewerkschaft bei VW kämpfte zum Beispiel nicht mehr nur für Lohnerhöhungen, sondern auch dafür, dass Arbeitnehmer_innen am Wochenende keine Firmenmails mehr bekommen können (s. Zeit-Online-Artikel). Am schlimmsten ist allerdings, dass die gttverfluchten kabellosen Dinger auch in Kneipen funktionieren. Konnte man früher die noch so steilste These aufstellen, weil man wusste, im Suff konnte sich am nächsten Morgen eh niemand dran erinnern, zieht nun irgendein Idiot (wahlweise auch durch die Worte „guter Freund“ zu ersetzen) sein internetfähiges Mobiltelephon und legt mit Wikipedia direkt den Gegenbeweis an. Da hilft es auch nicht, an der unwissenschaftlichen Arbeit von Wikipedia zu zweifeln, spätestens zehn Sekunden später erhärtet eine weitere Homepage den Verdacht, dass die steile These ein Rohrkrepierer ist. Früher konnte man stundenlang darüber diskutieren, ob z.B. ein abgehalfteter Torwart wie Thorsten Stuckmann beim SC Verl gespielt hat und sich jetzt in England verdingt. Heute ist es ein Diskussionsversuch von wenigen Sekunden, dann hat man Tatsachen geschaffen. Nein, er hat nicht für den SC Verl gespielt, in der Jugend aber für den FC Gütersloh. Dort in Gütersloh ist er auch geboren. Diskussion beendet. Selbst ob er ein guter Torwart war oder nicht, ließe sich anhand von Kicker-Benotungen seit 1945 relativ einfach herausfinden. Das wiegt auch die Tatsache nicht auf, dass wir nun wissen, dass er bei Preston North End Torwart ist.
Für diese Zerstörung der Kneipen-Diskussionskultur sollte man Steven Jobs und Co eigentlich die Seuche an die Haxen wünschen, wobei man bei dem genannten ihn ja erst wieder aus der offline-Hölle holen müsste (war es nicht die Titanic, die nach dem Tod des Apfelpflückers etwas von „Jobsabbau bei Apple“ geschrieben hat?). Da sind mir die Leute schon lieber, die das Teil zu Hause lassen, aus Angst das teure Handy könnte im folgenden Vollsuff beschädigt oder verlustig gehen.
No Comment – EA80 bei Sonnenschein (Tag 2)
Es ist schon verrückt. Die Zahl der Sonnenstunden vom 18. Dezember bis zum 29. Januar dürften sich im niedrigen zweistelligen Bereich bewegt haben. Kaum war ich aus den Philippinen zurück, überzog das Land eine taube, graue Masse von Wolken und Regenfeldern.
„Jetzt soll er sich mal nicht so anstellen“, ist natürlich die einzige richtige Reaktion auf diesen unreflektierten Scheiß, werden die Miesmacher_innen unter Euch anmerken. „Turnt da erst bei 30° Celsius mehrere Wochen in Hinterasien herum und beschwert sich dann über das nasskalte Wetter hier.“ Ja, das ist schon schizophren. Auf der anderen Seite erinnert mich das gleich an die SMS, die ich von einer Freundin bei der Ankunft in Manila bekam. „Mika, why is it always raining when you are here?“ Gute Frage!
Der beschissenste Wetterspruch ist übrigens immer noch: „Es gibt nicht das falsche Wetter, nur die falsche Kleidung.“ Solchen Leute sitzen den ganzen Tag zu Hause und gehen maximal einmal am Tag mit dem Hund spazieren. Klar, darauf kann man sich einstellen. 23:30 in Joggingbuchse und T-Shirt vor dem Ofen und dann für ne halbe Stunde mit Winterstiefeln und -jacken „in die Kälte“. Für normale Menschen sieht das aber anders aus. Jede_r friert doch auf dem Weg zur Straßenbahn, einfach weil es Schweinekalt ist. Dann, in der Bahn selbst kommen einer/m doch spätestens nach wenigen Minuten die Schweißtropfen auf die Stirn geballert. Beim Einsteigen ist schon die Brille beschlagen. 35 ° Celsius, Fahrer in kurzen Hosen. Aus diesem Tropenloch schweißgebadet wieder aussteigend bemerkt man, dass man die Jacke in der Bahn vergessen hat und bibbert sich zum Arbeitsplatz. Immerhin, der Schweiß auf Rücken und Stirn ist mittlerweile gefroren und lässt sich leicht abknibbeln. Auf der Arbeit dann – Dank defekter Heizung ab der Mittagspause, wieder bibbernd. Rückweg gestaltet sich wieder frierend, schwitzend, frierend, bis man am nächsten Tag mit ner Lungenentzündung darnieder liegt. Was ist denn da „falsche Kleidung“? Unwort ist übrigens: „Zwiebellook“. Sowas kann doch nur nem Kartoffelficker einfallen: „Zwiebellook“. Immerhin, noch wurde keine „Miss Zwiebellook“ gekrönt, das habe ich gerade mal gegoogelt. Nur bei „Miss Onion“ findet man Treffer. Bizarr!
Aber eigentlich wollte ich mich gar nicht über das Wetter auslassen (das wirkt ja schon so, als würden mir am zweiten Tag die Ideen ausgehen, ohweia), sondern auf den Fakt hinweisen, dass meine Adaption an das schlechte Wetter gelungen wäre, wenn, ja wenn nicht das schlechte Wetter auf einmal weggewesen wäre. Denn pünktlich am Montag, bei den ersten langanhaltenden Sonnenstrahlen, konnte ich zum ersten mal die neue EA80 LP „Definitiv: Nein“ auflegen. Jetzt sitze ich also miesmuffelig vor meinem labrigen Toast und kalten Tee, höre EA80 und male graue Regenwolken an meine Fenster. Dabei fühle ich mich so gut, dass ich grinsen muss. „Fort von krank“ ist übrigens ein super Opener und mit dem Rest beschäftige ich mich wann anders näher. Aber weggehen … ach ja … weggehen …
Heute morgen bin ich aufgewacht und hatte noch vor dem Duschen die erste Idee des Tages: „Wecker direkt ausmachen“! Dann, beim Duschen, „warum nicht auf das Blog mal regelmäßiger irgendeinen Popanz von sich geben?“ Während mich von außen die Dusche wärmt, wärmt mich von innen der Gedanke. „Und das ganze noch vor dem Frühstück oder auf dem Weg zur Arbeit festhalten und im Laufe des Tages hochladen.“ Spätestens jetzt hätte ich den Arzt rufen sollen: „Herr Doktor, ich habe zu heiß gebadet. Nein, nicht nur als Kind!“ Oder so!
Was mir am meisten Sorgen macht, dass mir die Schnapsideen jetzt schon nüchtern und am Morgen kommen. Mit dem Geschmack nach toter Katze auf den Lippen – also vor dem Zähneputzen – , aber ansonsten wohl riechend – nach der Dusche – setze ich mich gleich hin und denke mir, was das für einen Einschnitt in mein Leben bedeutet. Morgens einfach mal früher aufstehen ist der erste. Ob Leute sich den Schund überhaupt regelmäßig durchlesen werden? Und wenn ja, was denken sich die vier Leute dabei?
„Klasse, super Idee“, wird sich jetzt die Lesende denken, da sitzt das Autorenschwein zu Hause mit Kaffee am Frühstückstisch, Laptop aufgebaut und schreibt seine völlig irrelevanten Sichten auf die Welt hernieder. Ein wenig Dies und Das, einwenig Dies- und Jenseits und fertig sind ein paar … ein paar … ein paar was eigentlich? Und wofür? Alles für ein bisschen mehr …
- „Traffic für seinen bescheuerten, nichtsnützigen Blog“, wird die Piratenpartei-Wählerin sagen.
- „Komplimente a la Haste-gut-gemacht“, wird der Sozialpädagoge sagen.
- „Langweilige Sichten auf noch langweiligere Themen“, wird die Kritikerin sagen.
- „Toll … toll … toll! Nee, gelesen habe ich es nicht!“ Sagen alle anderen.
Ich denke allerdings schon in der Straßenbahn, dass es eine nicht ganz so super Idee sein könnte. Wie wahrscheinlich ist es, als Morgenmuffel es durchzuhalten, morgens eine halbe Stunde eher aufzustehen, nur um sich mit einer Tasse Tee – denn ich lehne konsequent den Kaffee-Konsum als typisch deutsche Tugendhaftigkeit ab – an seinen Laptop zu setzen und irgendeinen Schwachsinn, den eh niemanden interessiert, in die Tastatur zu hacken?
Seien wir ähnlich, ich hätte mir auch ausdenken können, Atomphysikerin zu werden. Oder Brathähnchen! Letzteres würde immerhin dafür sorgen, dass ich es morgens warm hätte, auch nach der Dusche. Wobei, haben es Brathähnchen schon morgens warm, oder beginnt deren Arbeitsrunde erst mit dem Mittagsgeschäft, sagen wir mal ab 11:00 Uhr? Abwegige Gedanken, die nur von dem eigentlichen Sinn dieser Serie ablenken: Ich werde es nicht lange schaffen, täglich was zu schreiben. Es wird ein morgendlicher, schlechtgelaunter Kampf werden. Auf der anderen Seite, der erste Schritt ist getan. Ich habe es in alle Welt herausposaunt. Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, ick hör dir trapsen. Vielleicht schaffe ich es ja einen Monat, oder zehn Tage. Oder eine Woche. Naja, erst mal heute. Und um es mit dem schottischen Radioreporter zu sagen: „One in a row, just nine to go!“ Oder so ähnlich!
Bad Omen in 9Mile Bar in Quezon City und in St. Augustine College in Baliwag (Bulacan) (16. Dezember 2011)
Bad Omen gehören zu der zweiten Generation Punkbands in den Philippinen, die in den späten 1980ern / frühen 1990ern angefangen haben sich vor allem von Streetpunk inspirieren zu lassen. Geprägt vom englischen Punkrock der späten 1970er Jahre entwickelten Bad Omen sich in den letzten Jahren zu einer Band, deren Einflüsse mittlerweile vom alten britischen Streetpunk über den Gainesville/NoIdea-Sound bis Rancid reichen. Bad Omen gehören – trotz einiger Unterbrechungen – mittlerweile zu den ältesten, noch existierenden und in der Szene verwurzelten Band in Manila – Homepage Bad Omen.
Als Sänger und Gitarrist Albert mich daher fragte, den letzten Abend meines Philippinenaufenthalts auf zwei Shows mit ihnen zu verbringen, konnte ich unmöglich „Nein!“ sagen. Also schon um sieben Uhr an der 9Mile Bar getroffen, ein paar Bierchen gezischt und einer mehr oder weniger öffentlichen Probe beigewohnt. Auf dem Festival „One Heart United“, auf dem für eine Vierjährige mit Herzproblemen gesammelt wurde, ware um acht, als Bad Omen anfingen, noch gar nichts los. Also jamte die Band, spielte zweimal „Last Christmas“ als Punkversion (das einzige Mal, dass ich diesen Song die Weihnachtssaison hören musste) und hatten vor allem eins, Spaß mit sich selbst auf der Bühne. Die obligatorische Cock Sparrer Version von „We‘re Coming Back“ durfte nicht fehlen und alles in allem war der Auftakt des Abends eher gemütlich, aber spaßig (vgl.: Link zu älterem Konzertbericht mit Bad Omen).
Dann ging es in die Provinz. Zwei Stunden in Richtung Norden, zuerst auf der Autobahn, dann über Landstraßen, bis wir schließlich in Baliwag ankamen. Baliwag liegt in der Provinz Bulacan und ist ein verschlafenes Nest. Es ist geprägt durch die San Agustin Kirche im Stadtzentrum. Um diese versammelten sich die Ausgehfreudigen diesen Abend, die nichts mit Punk zu tun hatten. Denn das Konzert fand wenige Meter weiter in einem Hinterhof unter freiem Himmel statt. Als wir ankamen waren bereits 200 Leute zu gegen und feierten eine mäßige Melodiccore Band, die gerade ihre Instrumente malträtierte.
Während die Band mit Essen versorgt wurde und ich mich auf die Suche nach Bier machte – tatsächlich gab es nur 1 Liter Flaschen San Miguel und Plastikbecher – begann auch schon die nächste Band. Eine eins-a Nirvana-Coverband, das hatte noch so eben gefehlt. Doch die Meute vor der Bühne freute sich einen Ast. Kids, viele unter 16, tanzten Pogo, sprangen herum, bis hin und wieder einzelne aus dem Mob von dem bewaffneten Securityguard gezogen und rausgeschmissen wurde. Wie ein Bienenschwarm versammelten sie sich dann um den Securityguard, gingen bis zum Eingang und rannten dann wieder vor die Bühne und feierten die Band. Interessant!
Während der Boden fast bebte, roch die Luft angenehm süßlich nach Drogen.

Die Nirvana-Coverband ließ es sich nehmen, einige Songs von der „Smells Like Teen Spirit“ zu spielen, die aber allesamt keine Singleauskopplungen waren. Ob das nun zumindest etwas Geschmack beweist, ich weiß es nicht. Spannend war aber die Ramones Coverversion von „Rockaway Highschool“ (oder was war es noch mal), die dann auch mit nöhligem Kurt-Cobain-Gedächtnis-Gesang dargeboten, eine Bereicherung war. Anschließend eine kurze Umbaupause, Gitarren, Bass und Drumsticks geschnappt und Bad Omen mussten auf die nicht vorhandende Bühne. Menschen gruppierten sich um die Bühne, die meisten vor den Boxen, und die Band wurde artig mit Applaus empfangen.

Schön war vor allem zu sehen, wie die Kids um mich herum, ab dem ersten Wort alle Songs mitsangen. Nicht lange und das Mikro wurde ihnen übergeben. Fast alle waren textsicherer, als ich es jemals sein könnte. Während sich immer vier oder fünf ums Mikro gruppierten, tanzten ca. 20 Leute ausgelassen. Fingerpointing, Rumschupsen, einfach nur gut. Selbst meine müden Tanzbeine ließen sich von 32 ° Celsius nicht erschrecken und ich schwitzte mein Shirt durch.

Die Band spielte vor allem ältere Songs, aber auch viel Material von der „God is Everywhere“ CD. Am Ende gab es noch die obligatorischen Zugabenwünsche. Also kurz Ratschläge von den zumeist Minderjährigen eingeholt und explizit auf deren Wunsch „Sex & Violence“ gespielt. Auch wenn es peinlich ist, es zuzugeben, aber hier wurde auch ich endlich textsicher.
Ein großartiger Abend mit einer phantastischen Crowd. Ähnlich wie in Deutschland, wenn irgendwo noch Leute Punk zu zelebrieren wissen, dann meistens auf Dorf, wo „Coolness“, „Gesehen Werden“, „Bands-Erkennen-Die-Noch-Real-Sing“ und „Habe-ich-schon-zehnmal-gesehen“ meistens weniger wichtiger ist, als einfach nur Spaß zu haben. Auch wenn das bei Alkohol und anderen Drogen sicherlich auch eine starke selbstzerstörerische Komponente hat, was nicht unbedingt ein Vorteil sein muss. Schöner Abend!
Embrace the Absurd, Bought By Blood, 12Tons, Mihara, The Crimson Cartel, No Turning Back in Quezon City in Freedom Bar in Quezon City (15. Dezember 2011)

Okay, okay! Selbst in fortgeschrittenstem Alter bleibe ich naiv. Dazu stehe ich. Wenn ich lese, Start eines Konzertes pünktlich (!) um 19:00 Uhr, Einlass ab 18:00 Uhr, dann denke ich häufig, dass das stimmt. Natürlich ist das doof. Oder halt naiv. Je nachdem, wie man mir gesonnen ist. Jetzt kann man mit linker halber Stunde, akademischen Viertel oder „Pilipino Time“ argumentieren, doch wenn der Veranstalter droht, dass wer um 19:00 Uhr nicht da ist, mit seiner Band nicht auftritt, dann halte ich das für real. Trotz aller Rechtfertigungen für Verspätungen, by the way. Und ja, ich gesehe seit Jahren auf Konzerten in Läden wie AJZ Bielefeld, AZ Mülheim, Baracke Münster, Gleis 22 Münster, also alles Lokalitäten, die sich nicht unbedingt mit der toitschen Tugend Pünktlichkeit zieren dürfen oder zumindest durften.
Also – natürlich ohne Band – schon gedrängelt, dass wir ja um sieben Uhr da sind. Klar, dass das Ganze noch nicht anfängt. Hätte man sich … lassen wir das. Auch, dass es durchaus noch bis acht oder so dauern könnte, ja okay. Doch, dass um sieben Uhr noch nicht einmal der vorher auf fratzenbuch mit dem Zeigefinger auf das Handgelenk pochende Typ, der der Zeitdiktator des Abends zu sein schien, am Ort des Geschehens ist, damit hätte ich nicht gerechnet. Also erstmal Abendreis bei Mang Inasal mit „bottom less“ Coke. Wer mal guten Reis, also richtigen Reis (Nein, Uncle Mercedes-Benz zählt nicht dazu) hatte, kann diese Pappe einfach nicht herunterkriegen. Dass ist wie ein schönes westfälisches Vollkornbrot vs. französischer Toastpappe. Kein Vergleich! Doch, beame me back to Quezon City. Zurück am Ort des Geschehens, nichts! Also Francis in Richtung Arbeit geleitet und zurück mit dem Jeepney zur Herberge. Zum Glück nur ein Jeepney-Ride (10 Minuten, 8 Peso) entfernt wohnen, toll! Geht’s halt um neun noch mal los, vielleicht sind dann Leute da.
Also, wieder aufgerafft, und siehe da. Draußen hat es sich angefüllt. Gleich den lieben Dyey getroffen (wer auf fratzenbuch ist, kann mal „Northern Territory Clothing and Printing“ liken, oder wie man so neu-schwachsinnig sagt. Ach ja, und dann direkt T-Shirts ordern, Dyey ist cool und bringt seine Familie damit durch!) und M., mit dem ich mich verabredet hatte. Die 100 Peso (1,80 €) Eintritt bezahlt und rein ins Getümmel. Da ich vorher keine Band kannte, war ich schon gespannt. Mit Embrace the Absurd (Link zum Youtube-Video) begann der Abend eigentlich schon mit einer richtig guten, schnellen Punkband. Irgendwie kamen mir die Jungs auf der Bühne vom Sehen her bekannt vor, schätze mal die spielen in anderen Bands, die ich in der Vergangenheit schon sehen durfte. Auf jeden Fall Highspeed Punkrock, der leider aber niemanden von außen wirklich annimierte schneller die Bar zu betreten. So spielten die Band ein solides Set von fünf bis sieben Songs in Front vor ein paar sitzenden Gestalten. Schade, aber wenn die länger bestehen, werden die noch mal richtig gut!
Als nächstes kamen Bought By Blood (auch hier ein Link zum Video auf Youtube). Mehr Leute kamen herein und bildeten die klassische Sichel vor der Band. Ein geschützter Halbkreis, in dem all die Windmühlen-Quijote’s und Luftlöcher-Treter sich mal richtig austoben können. Selbst der Sensenmann hat hier eine Auszeit und traut sich nicht vor die Sichelschneise. Phantastisch. Dazu ein eher bouncender Sänger und schwerfälliger, metallischer Hardcore. Definitiv nicht meine Tasse Tee, aber immerhin kamen nun Leute rein. Als der Sänger dann aber vor dem zweiten Song einen langen Monolog über seine Vergangenheit und seinen Erretter, Jesus Christus, anfing, verschlug es mir doch die Kauleiste in Richtung Tischkante. Oh weh! Katholisches Land, diese Philippinen. Erst jetzt sah ich, dass auf seinem Oberarm das Konterfei vom Sohn des Herren prangte. Meinen Weggefährten auf den für mich offensichtlichen Widerspruch – Hardcore vs. Religion – aufmerksam machend, entgegnet dieser mir nur, dass es doch okay sei, wenn er so von der schiefen Bahn kommen würde. So schief kann eine Bahn doch nicht sein, oder? Der folgende Song hieß dann gleich „Testimony“ und ich schluckte nur. Doch, auch der nächste Song mit dem Refrain „Hosianna“ schlug in die selbe Kerbe. Noch einen religiösen Reißer und ich gehe raus, der Entschluss stand fest. „The next song is called: Halleluja“. Selbst „Halle-in-Westfalen“ hätte ich schon nicht mehr durchgehen lassen, aber Halleluja war dem Jesusgehuldige eindeutig zu viel. Raus!
Auf ihrer Bandseite verlautbaren die Jungs übrigens ihre eigene Offenbarung: „Being devout christians the bands main goal is to glorify Jesus Christ and spread the Good news that Salvation is free and that there is a real God that loves Everyone…“ Ich kommentiere das mal nicht weiter!
Draußen dann ein Glücksfall, zum einen super lange mit besagtem Dyey (kauft dem seine T-Shirts, verdammt!) unterhalten und einen Haufen großartiger Fanzines erstanden (I Remember Halloween, Thought Market, Incidental Afterthought, Woolgathering und Linebreaker). Danach wieder rein, der Prediger hatte die Kanzel verlassen, die Sichel wurde zu einem Achteck, da viele wieder verschwanden.
Es folgten 12 Tons und Mihara, zwei eher unspektakulärere Hardcore-Bands (eine ist auf dem Photo unten, aber ich vergaß welche), aber der Laden füllte sich. Der Laden, gutes Stichwort. Die Freedom Bar ist eine der ältesten Kneipen / Bars, in denen alternative Künstler/innen auftreten können. An der Kreuzung Aurora Blvd / Anonas gelegen, ist sie verkehrstechnisch leicht zu erreichen (Jeepneys und Hochbahn), gegenüber liegt mit dem 70s Bistro eine weitere Kneipe, die regelmäßig Livemusik anbietet (u.a. The Jerks oder Beatles-Coverbands). Von innen ist der Laden schlicht, aber nett bemalt. Bierpreise sind fair (ca. 30 Peso, also 60 Cent) und auch die Eintrittspreise sind okay.

Als letzte Band vor dem europäischen Hauptact dann The Crimson Cartel (Youtube-Video-Link). Erneut eher schleppender Hardcore, der nicht mein Fall war. Viel Agnostic Front, viel H2O, Cro-Mags und wie die Kollegen alle heißen, viel New York, wenig DC, wenig Minor Threat, wenig Kalifornien, wenig Circle Jerks. Aber die ersten Windmühlen postierten sich und man konnte einige „Tanzfiguren“ aus dem Sick of it All-Trainingsvideo (Step Down, vorletzter Link für heute – Youtube) erkennen. Ich freute mich einen Moment, dass geistige Eigentumsrechte bei Tänzen noch immer nicht durchgesetzt werden, auf der anderen Seite würden in diesem Fall wohl v.a. Bunken, die US-Tough-Guy-Shit nachtanzen mit einer ordentlichen Tracht Prügel und unter Zerstörung aller Agnostic Front-CDs nicht nach Hause gelassen. Ach ja, eine gerechte Welt. Wo war ich stehen geblieben? Egal, Sprung, No Turning Back auf der Bühne.
Wie das erste Bild in diesem Artikel zeigt, der Laden war voll gepackt wie die Jeepneys zur Rush-Hour! Fuck, und gleich von Anfang an eine großartige Show mit allem was zu einer (klischeebeladenen) Hardcore-Show dazu gehört, Crowdsurfing, Sing-a-longs, ins-Mikro-blöken, Fäuste, Klatschen, Windmühle … das volle Programm. Währenddessen mundete mir das Red Horse mit ein paar Skinheads von Safety First, die zwar kaum Englisch sprachen, aber durstig waren! „Der schönste Platz ist doch immer an der Theke“ (Rio Reiser). No Turning Back rotzten derweil ihr Set runter, was wirklich gut war und die Leute begeisterte. Auffallend war vor allem ein belgisches Mädel, die entweder zur Band gehörte oder denen hinterher reiste. Jede Silbe sang sie mit, schon krass. Nervig allerdings die Frage des Sängers an alle Weißen (sic!) im Publikum, wo sie denn her kämen. Besagtes Mädel – die eigentlich wie das ganze Land einen eher unsympathischen Eindruck machte … jaja, ich weiß, Belgien-Hass ist auch Scheiße, aber das Land kann mich wirklich mal. Mit Österreich und Deutschland einfach die am meisten zu verachtenden Länder der … ach, lassen wir das jetzt hier und jetzt, Fazit: Belgien Scheiße, Österreich = Scheiße, Deutschland = Scheiße! – sagte dann „Belgium“, irgendeiner „Australia“, ein andere „U-S-A, I‘m a G.I., man!“ … auch mal ohne Worte. Da ich mich geschickt im Rücken der Band postiert hatte, hoffte ich um diesen bittren Kelch der „Hautfarben-Aufmerksamkeit“ herumzukommen, doch als letztes sprang dem Sänger auch mein Rübenzinken und die kalkbleiche Fresse in seine Visage.
„We are you from, man?“.
Was soll man da sagen. „Europe!“ Fand ich eigentlich schon eine coole Antwort.
„No, man, where are you from?“. Wie blöd kann man eigentlich sein?
„Europe!“ Ich bin vielleicht nicht 100%-Anti-Deutsch, aber Deutschland finde ich schon zu 100% Scheiße! Doch der Sänger von No Turning Back gab nicht auf.
„No, mean, from which country are you?“.
„Fuck, Germany“, und ich schämte mich erneut. Normalerweise lüge ich in solchen Momenten immer, „Schweiz“, „Niederlande“, ja nach Situation. Niederlande wäre mir hier aber wohl zum Verhängnis geworden, wenn die Band später doch noch auf eine Cola mit mir sich unterhalten wollen würde, Schweiz ist mir in dem Moment nicht eingefallen. Immerhin, die Gesichtszüge des Sängers sackten nach unten, hatte der Käsehobler mich doch zurecht als „Kartoffelficker“ (Till Schwaiger) enttarnt. Nun ja, dann gab es wieder das obligatorische „Geil, dass hier so viele verschiedene Leute sind. Großartige Party, macht mal Lärm, wir machen Photos, dann kommen mehr europäische Bands.“ Ich hätte ja am liebsten gefragt, ob nicht lieber mehr philippinische Bands nach Europa kommen sollten, doch dann musste ich an Jesus-Core denken, nahm mein Bier und prostete den Jungs von Safety First zu.
Alles in allem ein großartiger Abend, der dann bei der Beatles-Night auf der anderen Straßenseite im 70s Bistro seinen wohl verdienten Ausklang fand. Halleluja!
The Go Signals in Boni-Station in Mandaluyong City (11.12.2011)
Der 10. Dezember ist der jährliche Tage der Menschenrechte. Ein Tag, an dem Opfern von Menschenrechtsverletzungen gedacht wird, ein Tag an dem Regierungen überall auf der Welt ihrer Verpflichtungen erinnert werden, diese Menschenrechte zu achten, zu schützen und zu gewährleisten. Sowohl in Deutschland als auch in den Philippinen ist dies generell immer ein Tag, an dem die Zivilgesellschaft, Organisationen wie FIAN oder Amnesty International, zu Demonstrationen, Kundgebungen, etc. aufrufen. In den Philippinen war vor allem in der Woche vor dem 10. Dezember (ein Samstag) Veranstaltungen organisiert worden. Am 11. Dezember fanden in vielen Hochbahn-Stationen über das Stadtgebiet von Metro Manila Konzerte zu unterschiedlichen Thematiken statt. Konzerte gegen Hunger, Umweltzerstörung, die Verbreitung von HIV/Aids, für Erziehung, Gendergerechtigkeit etc. Alles im Kontext der Menschenrechte und um über das Thema aufzuklären. In der Boni Station spielten u.a. mehrere Ska- und Indiepunkbands sowie die philippinische Mod-Band The Go Signals.

The Go Signals haben 2011 auf Paisley Cloud Records ihr Album „Secrets & Lies“ veröffentlicht. 11 Songs, die so klingen, als wären The Jam in der Neuzeit angekommen. Melodischer Punkrock, Harter Brit-Pop, Mod eben. Außer the Movement aus Dänemark fallen mir eigentlich keine weiteren Bands ein, die Mod auch im Jahr 2000+X spielen können, ohne wie eine schlechte Retro-Variante des Originals zu wirken. Vielleicht gibt es überhaupt neben The Jam, The Movement, Lambrettas und Go Signals kaum Bands, die diesen Stil authentisch und gut rüberbringen. Go Signals hören, versetzt ein in diesem komische Gefühl, am liebsten den Asi von nebenan von seinem Scooter zu boxen und mit dem Ding nach sonstwo zu fahren.
Vor der nicht vorhandenen Bühne in der Boni Station versammeln sich ca. dreißig Leute, hinter den Toren noch weitere. Viele Leute, die vor der Bühne stehen, scheinen wegen der Musik hier zu sein. Andere sind Bands, die vorher schon gespielt haben oder danach noch ranmüssen. Die Bands vorher, u.a. eine okaye Skapunkband, haben vor weniger Leuten gespielt, doch Go Signals schaffen es, die Meute zu halten. Einige sind Passanten, die in Richtung sonstwo wollen, verzichten auf die Weiterreise.
Go Signals spielen ein feines Set. Im Gegensatz zu anderen Bands schaffen sie immer wieder Verknüpfungen zum Thema „Gender Equality“. In jedem Land, in dem die katholische Kirche starke Strukturen und eine große Anhängerschaft besitzt, ist es schwer, Gendergerechtigkeit und -gleichheit durchzusetzen. Generell sind außer zwei Plakaten allerdings keine weiteren Informationen zu bekommen. An anderen Stationen soll das besser sein, wobei sich die Infos meist auf einem Niveau bewegen, das ich nicht allzu hoch bewerte. Go Signals geben zumindest über das Mikro Infos weiter. Musikalisch ist das wie immer astrein und schön zu hören. Füße widmen mit, entspannte Musik, melodisch und gut.

Dass allerdings während meines Aufenthalts mein Ticket ausläuft, war mich allerdings nicht bewusst. Nachdem Set fahre ich in Richtung Heimat auf Zeit. Beim nächsten Wechsel der Bahn stehe ich vor verschlossener Schranke. Trottelig, aber sympathisch anstellen hilft dann immer. Der Securityguard winkt mich durch, denkt sich „trotteliger Westler“ und alle haben ihr Gesicht gewahrt. Ich habe 20 Cent gespart und grinse. Gutes Konzert!
Silence Killer, Not For Sale, Christos Karma, Conflict of Interest, Safety 69 etc. in Nine Mile Bar in Quezon City (Philippinen) (10.12.2011)
Am 9. Dezember war ich wieder in Manila. Ich mochte diese Stadt. Das Handy wurde gezückt und ich textete ein wenig durch die Gegend, was die nächsten Tage anstehen würde. An dem Ort, an dem ich immer übernachtete – meine sogenannte philippinische Familie – war die erste Weihnachtsfeier. Man feierte sich selbst, aß, trank und sang Videoke. Mittlerweile wurde ich auch regelmäßig genötigt zu singen. Kein schöner Anblick, kein High Fidelity. Aber mit dem Alter und der Erfahrung lernt man Beatles-Songs waren singbar, auch für Untalentierte. Dazu noch „Can‘t help falling in love“ (allerdings eher in der Frankie Stubbs Geschwindigkeit) und der Abend war gerettet. Keine Klagen wegen Körperverletzung. Die hätte es am folgenden Tag aus diversen Gründen geben können.
Aber von vorne. Bei einsetzendem Nieselregen lief ich die Kalayaan Street in Quezon City rauf und runter. Bei 50/50-Chancen ist die Wahrscheinlichkeit halt ausgeglichen, in die falsche Richtung zu laufen. Nach fast ausgeriebenen Sohlen dann die 9 Mile Bar entdeckt und sogleich über Bekannte gestolpert. Zum Teil gehören sie dem Anarchist Movement an, andere der Occupy Luneta Park Bewegung. Beide Gruppen sind marginalisiert. Ich tendiere dazu „leider“ zu schreiben, ohne mir sicher zu sein, ob ich das auch meine. Die Occupy Luneta Park Bewegung ist ein obskurer Zusammenschluss von vielen unterschiedlichen Menschen, die den Obdachlosen vor Ort als Food Not Bombs Group mit Nahrungsmitteln versorgen. Gute Sache! Politische Diskussionen in diesem Umfeld, durchaus zu hinterfragen.
Dennoch, schnell wird mir ein Bier in die Hand gedrückt. Wir tranken Red Horse Bier, das lokale Starkbier, das durchaus mundete.
Allerdings kauften wir das Bier nicht im Konzertort, sondern in einem nahen Sari-Sari-Store, einer Art Kiosk oder Tante-Emma-Laden. Warum wir es nicht in dem Laden kauften, weiß ich nicht. Die Frau im Sari-Sari war allerdings mäßig begeistert mich und einen besoffenen Anarcho um kurz nach zehn am Abend noch bedienen zu müssen. Meine Höflichkeit und das Englisch von M. bewegten sie immerhin dazu, noch nach kaltem Bier zu suchen. „I like your English“ sagte sie zu M., mich fragte sie nur, warum ich weniger besoffen sei. „Gerade erst angekommen“, dachte ich, sagte es aber nicht, sondern grinste nur.
„Gerade erst angekommen“ bin ich dann auch im Laden. Silence Killer spielten und so wirklich passt der Name nicht. Metalcore-Geboller, ale! Mochte ich nicht vorher, nachher oder währenddessen. Also vertrieb ich mir die Zeit mit quatschen. Not For Sale (Metalcore) lockten mich auch nicht hinterm Bahndamm hervor, dafür lieber wieder in Richtung Sari-Sari-Store, eine weitere Runde Red Horse. „Ach, ihr schon wieder.“ Ich fing an, die mit-50-igerin allmählich ins Herz zu schließen.
Ein besonderes Schmankerl wartete in der 9 Mile Bar nach unserer Rückkehr. Begleitet von Chören mit „Hare, Hare Krishna“ standen nun scheinbar die philippinischen Shelter auf der Bühne. Ray Cappo mit Fast-Glatze und dünnem Pferdeschwanz bis in den Steiß. Scheiße, religiöse Eiferer. „Hare Hare Krishna“ … ich dachte mir nur: „Haare, Haare hat-ich-mal“, traute mich aber nicht meinen Baseballcap zu liften. Frisurentechnisch ging ich definitiv auch eher in Richtung buddhistischer Sektiererei.

Musikalisch gehörten Christos Karma aber noch zu den besseren Bands an diesem Abend. Zwar immer noch Hardcore, aber mit viel Singalongs und das Publikum formierte sich schnell um den Sänger. So wird’s vielleicht auch bei Jesus gewesen sein, vor vielen Jahren. Will man sich dennoch nicht vorstellen.
Durch Zufall traf ich eine alte Freundin, die ich auch mittlerweile seit einem halben Jahrzehnt kannte. Vorwürfe, ihr nicht über meinen Besuch in den Philippinen Bescheid gesagt zu haben. Und das von jemandem, die Tag und Nacht auf Facebook Sachen postet … egal. Sie sagte, sie wolle am kommenden Mittwoch als „Callgirl“ arbeiten. Ich zweifelte an meinem Verstand. Wir gingen nach draußen, da eine weitere Krishna Band spielte, die allerdings weniger Hardcore, sondern wieder Metal war. Verstehe eine/r die Welt!
Während sie richtig stellt, dass sie unter „Callgirl“ jemanden verstehen, der im Callcenter arbeitet. Aufatmen! Ich vermutete, dass die Band noch spielte, als plötzlich jemand in vollem Lauf an uns vorbei rannte und in Richtung Hauptstraße verschwand. Eine Meute aus dem Inneren hinter her. Ich verstand nur Bahnhof. Dann lief jemand mit einer klaffenden Wunde am Kopf an mir vorbei.
Was war geschehen? Der ominöse Gast hatte einfach dem Sänger der Band und jemandem aus dem Publikum eine Glasflasche über den Kopf gezogen. Zwei wie Sau blutende und ein unterbrochenes Konzert waren das Resultat. „Dem hat die Musik wohl nicht gefallen“, scherzte ich noch, doch böse Blicke ließen mich danach Unverständnis heucheln. „Naja, macht man ja aber auch nicht, und so.“ Sicher war ich mir nicht. Wenn jemand Ray Cappo in seinen Anfängen mit dem Hare … lassen wir das.
Da allerdings Kollege M. mittlerweile richtig zugetankt war, tanzte er mit lauten „Party, Party“ Gesängen vor der Bühne, während auf der Bühne der durchaus angeschlagene Sänger Handtücher vollsuppte. Todesblicke trafen M., ein anderer Freund zog ihn zurück. Dann kurze Diskussion, „the show must go on“ und ab die nächste Band. Während noch einige das Blut von der Bühne wishmopperten, kamen Conflict of Interest auf die Bühne, wo Kollege M. den Bass richtig herum halten musste. Ethno-Hardcore mit Didgeridoo, Trommeln, einer schreienden Sängerin und einem schreienden Sänger sowie einer obskuren Mischung aus vielen Einflüssen. Klang live genauso, wie es sich jetzt hier liest! Nüchtern nicht zu ertragen! Mit dem dritten Red Horse in der Hand aber durchaus okay, wobei auch nur okay, weil ich die Menschen in der Band mochte, um ehrlich zu sein. Das letzte Starkbier übrigens, wie die Frau im Store mir beichtete.

Der Abend zog sich dann noch, Bands spielten, Bands stoppten, Pale Pilsener – das normale Bier – mundete auch und ganz zum Schluss erklomm noch einmal eine Band die Bretter, die mit The Specials und Rancid („Timebomb“) durchaus einen guten Cover-Geschmack an den Tag legte. Dann ging es nach Hause, zum Glück ohnedie Kalayaan Street in die falsche Richtung zu laufen. Die nette Frau im Sari-Sari-Store schloss gerade den Laden. Um halb fünf in der Früh würde vielleicht für wenige Minuten niemand Bier oder Zigaretten kaufen wollen. Wobei, die ersten Tricycles starteten in der Ferne ihre Motoren, die ersten Arbeiter/innen öffneten die Fenster.
Als Rosi mich vor ein paar Tagen anschrieb, in dieser grauen, vorweihnachtlichen Zeit, und mich auf das Update der Myruin-Seite hingewiesen hat, wurde es doch mal Zeit, wieder melancholische Gedankengänge an die Vergangenheit zu verschwenden. Moment, verschwenden? Wenn man schon seine Jugend verschwenden musste, dann war das Drachenmädchen auf jeden Fall ein schöner Zeitvertreib und neben dem Blurr vielleicht eines der besten Fanzines seiner Zeit, das als eines der ersten Kurzgeschichten aus „der Szene“ und Musik pari-pari verband. Gleichberechtigung, Emanzipation, sucht Euch Feuiliton (ich musste das Wort tatäschlich ob seiner Schreibweise nachschlagen, still Punk not Bildungsbourgeoisie). Daher eine kleine Erinnerung an diese Zeit, als Münster noch „zu Hause“ und „Studium“ Beruf war.
Drachenmädchen – verdammt
Als ich am Hafen ankam, saß sie schon da. Der Wind zerzauste ihre Haare, ihr Näschen lief. Wir unterhielten uns über Bands, die sie kannte und die ich mochte. Oder die ich nicht kannte, aber sie mochte. Wir tranken Wein und Bier, verlegten die wichtigen Dinge in Richtung Tresen. „Bitte werfen sie eine Münze ein“, das war noch vor dem Ruhrgebiet und dem anhaltenden Fernsehdesaster. „Oiro“, dachte ich immer, nicht „Münzen“. Ein wenig Blurr, ein wenig old-school-Fanzine, viele neue Ideen und alte, schlechte Witze. Die habe ich meistens gemocht, in den Hörsälen mit ihr und einem Grinsen. Nur einmal, da rollten Tränen und ich durfte nicht laut loslachen. Ein denkwürdiger Moment, als sie sagte, „ich suche einen Mann mit Pferdeschwanz – Frisur egal!“ So albern, so infantil, so gut!
Dann wollte sie mit mir diskutierten, ob Ray Cappo oder Torben Meissner stärker ist. Mir war das egal, Machomänner waren seit Reinhard Fendrich „out“. „Was kannst Du denn?“ fragte sie empört und ich begann ihr Kurzgeschichten zu erzählen. Über Boxerinnen, über suizidale Clowns, über Trauertränen und sie dankte es mit Bier und sanften Küssen. Wir verbrachten einen wunderschönen Abend in der Baracke in Münster, das erste Mal auf der Bühne, im Rahmen von Kunst. Als sie mich verließ, war ich älter, immer noch nicht erwachsen. Zeiten vergingen wie Duesenjaeger, ein weiterer Ritt durch die Geschichte.
„Alte Liebe rostet nicht“, sagte mein Großvater in einem seiner weisen Momente immer und vielleicht hatte er da Recht. Als ich sie vor kurzem wieder in den Händen halten konnte, war es ein wohliges Gefühl, ausgelöst vielleicht durch den Wein, vielleicht durch die Erinnerungen an gemeinsame Zeiten. Captain Planet und Inner Conflict spielen zu solchen Momenten den Soundtrack und meine Osnabrück-Abneigung war auch fast überwunden. Vielleicht auch weil das Emsland immer weiter sich entfernte, die strafraumpogende Jugend, damals, als die Feinde noch andere Mannschaften und nicht politische Systeme waren.
Tja, wer will das eigentlich wissen? Oma sagte fast: „Anekdoten Die keinem etwas helfen [nicht mal] Geld“. Drachenmädchen, oh mein Drachenmädchen, I am still missing you!
Mehr Infos zum Drachenmädchen, inklusive alle alten Hefte zum Download, könnt ihr hier finden – MYRUIN.de
Cocha Bomba, Bad Omen, No Peace in Silence, Istukas Over Disneyland, Marcos Cronies Conspiracy, Aggressive Dog Attack and many more at JLO-Bar, San Fernando, Pampanga, Philippines (13.11.2011)
Was eine Nacht. Alles Begann um ein Uhr mittags am Sonntag. Freie Straßen in MetroManila, normalerweise so häufig wie Schnee im Sommer. Allerdings nichts Ungewöhnliches, wenn Manny „Pacman“ Pacquiao in den Ring steigt. Sobald der philippinische Volksheld und Kongressabgeordnete Gegner verprügelt, hängt die Nation gebannt vor dem Fernseher. WM-Finale, Formel-1-Rennen und Olympiade in einem, sozusagen. Mein Taxifahrer hört begeistert Radio. Angeblich sinken sogar die Kriminalitätsdelikte in Manila gen null, wenn der Kongressabgeordnete boxt und selbst die Armee und die maoistische Befreiungsarmee beenden ihre Scharmützel.
Ich treffe mich mit Jon Fishbone, Albert Sy und später Albert und Aejee Ascona von Bad Omen. Sie werden an dem Abend in Pampanga (Provinz), bzw. in San Fernando (Stadt) zum Tanze aufspielen, neben einer Reihe weiterer Bands. Bad Omen (Website Bad Omen) existieren schon seit den 1980er Jahren und sind eine der dienstältesten Bands der Philippinen. Außer Jon Fishbone ist allerdings kein Originalmitglied mehr dabei, Albert und Aejee sind sogar jünger als die Band. Letzterer ersetzte heute den eigentlich Schlagzeuger.
Es ging nach San Fernando, circa eine Autostunde nördlich von Metro Manila. San Fernando ist die Hauptstadt der Provinz Pampanga und der Wohnort eines alten Freundes, Francis, der gleichzeitig mit seiner Band I.O.D. (Istukas over Disneyland) spielen sollte und die Show organisierte.
Mit dem Fahrrad holte er uns von der Hauptstraße ab und begleitete uns zu der Wohnung seiner Eltern, wo es erstmal ein „Hallo“ gab und wir königlich mit Essen versorgt wurden. Im Anschluss durchstöberten wir die Platten-/CD- und Kassettensammlung des Guten und schauten uns einige Konzertvideos an, u.a. ein All-Video aus den frühen 1990ern und Adicts, Ende der 00er-Jahre in Bielefeld. Kleine Welt, da sitzt man tausende Kilometer von zu Hause entfernt und sieht sich ein Video in Ostwestfalen gedreht an.
Dann ging’s zur Venue, JLo-Bar, oder so ähnlich. Dort gab es ebenfalls nette Begrüßungen, das erste Bier und gute Rockabilly-Musik aus den Boxen. Pünktlich um 6pm sollte es losgehen mit Bad Omen, da die Jungs zum Teil noch für die Nachtschicht in Manila eingeteilt waren und ab 9pm Karten austeilen und Kugeln rollen lassen mussten, um u.a. korrupten Politiker/innen die Staatskohle wieder wegzunehmen. Bad Omen spielten eine Mischung aus alten und neuen Songs, im Moment bereiten sie ein weiteres Release vor. Die letzte CD hat fast zehn Jahre von den ersten Aufnahmen bis zur Fertigstellung gedauert und klingt demnach auch eher wie eine Compilation als ein Album. Dennoch, ein großartiges Album. Gegen Ende gab es dann noch zwei Cock Sparrer Coverversionen („We’re coming back“ und aus „England belongs to me“ wurde „Pampanga belongs to me“), die der Tipper dieser Zeilen am Mikro begleiten durfte. Nach ein oder zwei weiteren Songs war dann Schluss. 30 Minuten Highspeed Streetpunk, der vor keinem Vergleich Angst haben muss.
Im Anschluss verließen die Bad Omen Jungs schon wieder die Location und No Peace in Silence(Link Myspace) aus der Nachbarprovinz Bulacan. Sie spielen Hardcore, wie man sich auf dem Link vergewissern kann. Leider verquatschte ich sie fast komplett. Doch danach betraten die Local Heroes von Istukas Over Disneyland (Link Website) die Bühne, die mittlerweile mit einigen großartigen Releases auf sich aufmerksam gemacht haben. Zuletzt waren das u.a. eine Split-7Inch mit den kalifornisch-philippinischen Eskapo und eine vierfach Split namens „Deadly Rhythms from the Production Line“. Sänger Francis, trotz seiner 30+ immer noch ein Wirbelwind auf der Bühne. Eigentlich als vom britischen Street-/Oi-Punk beeinflusste Band in der Mitte der 1990er begonnen, spielen sie mittlerweile fast schon Hardcore-Punk beeinflussten Punk mit politischen Texten, gesungen und geschrien im lokalen Dialekt. Keine Kompromisse, musikalisch wie textlich. Auch das Cover von Pascow (MS Pascow, Link hier) ist ein großartiges Ding geworden! Ich hoffe auf weitere Aufnahmen dieser Band!
Danach folgte ein Bruch und die Marcos Cronies Conspiracy betrat die Bühne (Myspace-Link). MCC spielen Ska, den ich in der Vergangenheit eher klassisch geprägt empfunden habe, doch aufgrund diverser Besetzungswechsel spielen die Cover (Toasters, Mighty Mighty Bosstones) schon ziemlich genau das wieder, wohin sich die Band entwickelt. Druckvoller Ska mit Punkanleihen, Punk-mit-Bläsern. Und dennoch, „The impression that I got“ ist mein Lieblingslied von den Bosstones und wurde super wiedergegeben und auch die eigenen Songs dazwischen luden zum Tanzen ein. Generell war die Stimmung eh bei allen Bands sehr gut und zwischen vier und fünfzehn Leute tanzten und hatten Spaß. Von den circa 100 Anwesenden schienen die meisten auf ihre Kosten zu kommen und sogar die Bedienungen, die nicht viel mit alternativer Musikszene zu tun hatten, genossen einen Großteil der Show.
Das änderte sich ein wenig mit „Aggressive Dog Attack“ (A.D.A.). ADA sind Noise-Grind-Crust-Hardcore … irgendwas dazwischen. Sänger Boi schreit sich die Seele aus dem Leib und der Rest lärmt. Francis spielte heute Drums und prügelte so schnell es ging auf die Drumfelle. Es sah eher aus wie Hochleistungssport als Musik, aber ich war wie immer begeistert. Circa fünfzehn Songs in weniger als zehn Minuten, davon eine Netto-Spielzeit von vielleicht vier Minuten, den Rest der Zeit für Absprachen und Verschnaufspausen für den Schlagzeuger genutzt. Die Bedienungen, bis dato noch gut unterhalten, verfielen eher in überraschtes Gelächter, in irritierte Blickwechsel und in großen Fragezeichen in ihren Gesichtern. Wenn man dazu bedenkt, dass Boi einer der liebsten und freundlichsten Menschen ist, der mir je begegnet ist, dann kann man nur sagen, Kompliment.
Selbst Coche Bomba (Link zu Myspace) aus Lyon, Frankreich, räumten ab. Die französischen Crust-Punks befanden sich auf Südostasien Tournee und waren auch nicht das erste Mal in den Philippinen. Dementsprechend wurden sie abgefeiert und ließen sich nicht lumpen, ein wahnsinniges Brett vom Stapel zu lassen. Für mich als nicht unbedingtem Fan des Genres muss ich sagen, dass die Band mich sehr schnell gefangen und gepackt hat.
Im Anschluss kam noch eine lokale Band, von der ich nicht mehr weiß, ob es Blindsided, „More Than Linda“ oder „Tomador Crew“ waren (die alle gespielt haben), doch ihr Hardcore riss mich jetzt auch nicht um vor Begeisterung. Da wir noch einen relativ zeitigen Bus nach Manila bekommen mussten, verpassten wir leider die großartigen ASS (Anti-Suck System) und die mir unbekannten Red Corpse, Feeble, Skeleton Plasma und Ingrato.
Alles in allem ein sehr feiner Abend, der viel Spaß gemacht hat!
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